Serie: Lieder unseres Volkes: „Christ ist erstanden“ – Österlicher Siegesjubel


„Alle
Lieder singt man sich mit der Zeit müde, aber das ‚Christ ist erstanden‘
muss man alle Jahr wieder singen.“ Erstmals angestimmt wurde es
wohl um 1100.

 

Siegesliede

 

Auf dem Schlachtfeld von
Tannenberg (1410) stimmten
die Ritter des Deutschen
Ordens, als das polnisch-litauische
Königsbanner in ihre
Hände fiel, einen Sang an: „Christ
ist erstanden“, nicht ahnend, dassdieser Tag für sie in einer fürchterlichen
Katastrophe enden würde.
Für uns Heutige mag die Wahl
dieses Siegesliedes etwas merkwürdig
sein. Die Ordensritter waren
ausgebildete Krieger, die das
Mönchsgelübde abgelegt hatten Aus ihnen rekrutierte sich die
Herrschafts- und Verwaltungselite
eines staatsähnlichen Gebildes,
das bereits sehr moderne Züge
aufwies. Ein geistliches Lied im
Munde solcher Männer auf blutigem
Schlachtfeld ist nicht ungewöhnlich.
Jahrhunderte später
sang Friedrichs des Großen Heer
auf dem Schlachtfeld von Leuthen
den Choral „Nun danket alle
Gott“.
Der Sieger
über den Tod
Eine große Auswahl deutschsprachiger
Kirchenlieder gab es für die
Ritter des Deutschen Ordens 1410
noch nicht. Sie sangen das älteste
überlieferte geistliche Lied deutscher
Sprache, das für den Ostergottesdienst
im Wien des 13. Jahrhunderts
nachgewiesen ist. Die
Melodie findet sich erstmalig in einer
Handschrift des Stifts Klosterneuburg
bei Wien aus dem 14.
Jahrhundert.
Die Geistlichen, die seit der
christlichen Missionierung unserer
Vorfahren die Gottesdienste der
römischen Kirche in der lateinischen
Kultsprache zelebrierten,
vermittelten die Glaubensgeheimnisse,
insbesondere der Hochfeste
Weihnachten, Ostern und Pfingsten,
den ihnen anvertrauten Gläubigen
über die zusätzliche Verlesung
der Evangelientexte auf
Deutsch, die Predigt und die sonstige
Glaubensunterweisung in
deutscher Sprache ergänzten dies.
Ferner ließen die Kleriker, zunächst
ganz vereinzelt, Lieder in
deutscher Sprache als Teil der Festliturgie
zu. So bildete sich „Christ
ist erstanden“ als Gemeindegesang
aus.
Wenn die Ritter des Deutschen
Ordens dieses Lied auf dem
Schlachtfeld anstimmten, so hatten
sie Christus als einen Helden vor
ihrem inneren Auge: Jesus der Sieger
über Tod und Hölle. Noch in
der Barockzeit ist dieser heldische
Grundzug des Ostersiegers Jesus
in einem beliebten Kirchenlied zu
erkennen: „Das Grab ist leer, der
Held erwacht, der Heiland ist erstanden
…“ Selbst in der jüngsten
Revision des katholischen deutschen
Einheitsgesang- und -gebetbuches
ist dieses Lied nicht ausgeschieden
worden, während dies
dem bekanntesten Lied über unseren
deutschen Schutzpatron
Sankt Michael widerfuhr („Unüberwindlich
starker Held, Sankt
Michael …“).
Für das älteste deutsche Kirchenlied
ist Jesu Ostersieg ein Auferstehen
„von der Marter alle“.
Die Ordensritter, noch nicht wie
wir Heutige überflutet von zahllosen
akustisch-optischen Reizen
und Impulsen, hatten dabei von
den Martern noch recht konkrete
Vorstellungen. Von den Texten des
Neuen Testamentes her, die im
Gottesdienst vorgetragen wurden,
und von den Predigten der Geistlichen,
manchmal auch von eindrucksvollen
Kunstwerken im Kirchenraum
oder ihrer Umgebung
wussten sie, wie sehr Christus unter
den Qualen von der Gefangennahme
bis zum Kreuzestod gelitten
haben musste. Jesu Sieg aber
muss alle Christen mit Freude erfüllen:
„Des sollen wir alle froh
sein, Christ will unser Trost sein.“
Aus der Glaubensunterweisung
wissen Christen, dass Christi Opfertod
und Auferstehung den
sterblichen Menschen Anteil am
ewigen Leben ermöglicht. Darin liegt der Trost bei allen Übeln, die
den Menschen treffen können.
Erbarmen
und Lachen
Die Strophe schließt mit einer im
Sprachgebrauch der Deutschen etwas
abgeschliffenen griechischen
Formulierung: „Kyrieleis“. Dies ist
ein griechischer Sprachrest in der
(während der Antike) lateinisch
gewordenen Messliturgie der römischen
Kirche (Kyrie eleison:
Herr erbarme dich). Gemeint ist
im Kontext der Strophe wohl, Gott
möge den Trost gewähren, der aus
Christi Opfer erwächst. Auch andere
frühe geistliche Gesänge in
deutscher Sprache enthalten diese
Gebetsformel, solche Lieder werden
daher „Leisen“ genannt.
Eine zweite Strophe kommt hinzu:
„Wär er nicht erstanden, so
wär die Welt vergangen. Seit dass
er erstanden ist, so loben wir den
Herrn Jesu Christ.“ (Andere Fassung:
„… so freut sich alles, was
da ist“. Und wieder schließt sich
das „Kyrieleis“ an. Hier wird
Christus also als Retter der Welt
gefeiert. Grund genug für lauten
Osterjubel!
Dieser Jubel durchtönt die Liturgie
der christlichen Konfessionen
an den österlichen Feiertagen, er erklingt
in zahlreichen Osterliedern
und österlichen Orgelstücken – und
ganz besonders beeindruckend im
Osteroratorium und in den Osterkantaten von Johann Sebastian
Bach. Im Mittelalter waren die
Geistlichen gehalten, lustige „Märlein“
in die Osterpredigt einzuflechten,
um ein Ostergelächter (risus paschalis)
auszulösen: das Lachen
österlich befreiter Menschen.
Von Osterfreude geprägt sind
auch viele Volksbräuche, die allerdings
zu einem beträchtlichen Teil
vorchristlichen Ursprungs sind.
Hierhin gehört der Osterspaziergang;
eine herrliche literarische Gestaltung
dieses Brauchs ist in Goethes
„Faust I“ zu finden. Hierhin
gehören die Bräuche um die Ostereier
und gesegnete Osterspeisen.
Und nicht zu vergessen sind die
Feuer- und Lichtbräuche im kirchlichen
und im weltlichen Bereich.
Wenn das älteste deutsche
Osterlied auch in der zweiten Strophe
mit dem Kyrieleis schließt, so
deutet das an, dass die „erlöste
Christenheit“ (so in einem jüngeren
Osterlied) auch nach der Erlösungstat
Christi auf Beistand und
Hilfe des „Kyrios“, des Weltenherrschers,
angewiesen bleibt.
Pfingsten sendet Gott den Menschen
den Heiligen Geist, den lateinische
und deutsche Gesänge
als den „Tröster“ besingen. Vielleicht
nicht nur für die Menschen
des Mittelalters war das sehr abstrakt.
Da hielt man sich lieber, wie
im ältesten deutschen Osterlied,
an Christus als den Tröster, was
Strophe 1 betont.

 

aus NZ 17-14 — 20

Neue Informationen – und ein Lied


oder

Am 15.01.2019 veröffentlicht

Liebe Freunde, hier präsentiere ich Euch die Rednerliste für die Veranstaltungen am kommenden Samstag. Außerdem gebe ich eine kleine Anregung, welche Sprüche Ihr auf die Plakate schreiben könnt. Doch höret und sehet selbst.

Widerstand…Drei Lieder zum Üben…nicht nur für den 19.01.2019


ODER

Am 10.01.2019 veröffentlicht

Für die Veranstaltung am 19.1. spiele ich Euch drei Lieder vor, die eher unbekannt sind, aber unbedingt gesungen werden wollen.
Also höret und singet selbst! Liederliste:
Auf der Lüneburger Heide
Auferstanden aus Ruinen
Bolle reiste jüngst zu Pfingsten
Der Gott, der Eisen wachsen ließ
Die graue Kompanie
Durchs Gebirge durch die Steppe
Erika
Es dröhnet der Marsch der Kolonne
Es führt über den Main
Es saß ein klein wild Vögelein
Es soll sich der Mensch
Es wollt ein Mägdlein
Freiheit die ich meine
Gold und silber lieb ich sehr
Hab oft im Kreise der Lieben
Heilig Vaterland
Hoch auf dem gelben Wagen
Lied der Deutschen
Märkische Heide
Nichts kann uns rauben..
Niedersachsenlied
Nur der Freiheit gehört unser Leben
Ostpreußenlied
Oh Deutschland hoch in Ehren
Rennsteiglied
Schlesierlied
Und wenn wir marschieren
Wem Gott will rechte Gunst erweisen
Wenn alle untreu werden
Wenn in stiller Stunde
Wer jetzig Zeiten leben will
Wer nur den lieben langen Tag
Wir lieben die Stürme
Westerwald
Wir sind durch Deutschland gefahren
Wohlan Wohlan

Widerstand…Drei Lieder zum Üben…nicht nur für den 19.01.2019


ODER

Am 10.01.2019 veröffentlicht

Für die Veranstaltung am 19.1. spiele ich Euch drei Lieder vor, die eher unbekannt sind, aber unbedingt gesungen werden wollen.
Also höret und singet selbst! Liederliste:
Auf der Lüneburger Heide
Auferstanden aus Ruinen
Bolle reiste jüngst zu Pfingsten
Der Gott, der Eisen wachsen ließ
Die graue Kompanie
Durchs Gebirge durch die Steppe
Erika
Es dröhnet der Marsch der Kolonne
Es führt über den Main
Es saß ein klein wild Vögelein
Es soll sich der Mensch
Es wollt ein Mägdlein
Freiheit die ich meine
Gold und silber lieb ich sehr
Hab oft im Kreise der Lieben
Heilig Vaterland
Hoch auf dem gelben Wagen
Lied der Deutschen
Märkische Heide
Nichts kann uns rauben..
Niedersachsenlied
Nur der Freiheit gehört unser Leben
Ostpreußenlied
Oh Deutschland hoch in Ehren
Rennsteiglied
Schlesierlied
Und wenn wir marschieren
Wem Gott will rechte Gunst erweisen
Wenn alle untreu werden
Wenn in stiller Stunde
Wer jetzig Zeiten leben will
Wer nur den lieben langen Tag
Wir lieben die Stürme
Westerwald
Wir sind durch Deutschland gefahren
Wohlan Wohlan

Serie: Lieder unseres Volkes: „Es ist für uns eine Zeit angekommen“


.

Die Herzen von Jung und

Alt eroberte sich in der

zweiten Hälfte des 20.

Jahrhunderts das Lied „Es ist für

uns eine Zeit angekommen“. Auch

in der diesjährigen Vorweihnachts und

Weihnachtszeit wird es in vielen

Feierstunden erklingen. Es besingt

die „große Freud“ der winterlichen

Wochen, wie sie sich bei einer

Schneewanderung durch „die weite,

weiße Welt“ einstellen kann.

Überaus wohltuend ist die Ruhe:

„Es schlafen Bächlein und See unterm

Eise, es träumt der Wald einen

tiefen Traum. Durch den Schnee,

der leise fällt, wandern wir …“ Die

märchenhaft verzauberte Landschaft

erfüllt ein tiefer Friede: „Vom

hohen Himmel ein leuchtendes

Schweigen erfüllt die Herzen mit

Seligkeit. Unterm sternbeglänzten

Zelt wandern wir …“

Romantische Motive! Es klingt

eine Naturfrömmigkeit an, die sich

fast ganz von der christlichen Sphäre

gelöst hat. Das innig-stimmungsvolle

Lied geht auf eine christliche

Liedtradition zurück und ist vom

Berliner Komponisten und Musiklehrer

Paul Hermann (1904 – 1970)

im Zweiten Weltkrieg umgeschrieben

worden, wobei er die überlieferte

Melodie nur ganz leicht bearbeitet

hat. Hermann lag damit auf

der Linie jener Experten und Praktiker

der Liedpflege, die damals mit

einem gewissen Opportunismus

dem nationalsozialistischen Zeitgeist

folgend, christliches Liedgut

ersetzen wollten. Doch Hermann

vertonte auch Lieder christlichen

Inhalts, zum Beispiel Mörikes Gedicht

„In ihm sei’s begonnen“ oder

Novalis’ Marienlied „Ich sehe dich

in tausend Bildern“.

Ursprung

in der Schweiz

Für sein Weihnachtslied hatte Hermann

auf ein Lied aus dem Wiggertal

bei Luzern zurückgegriffen,

dessen 1. Strophe so lautete: „Es ist

für uns eine Zeit angekommen, es

ist für uns eine große Gnad’. Unser

Heiland Jesus christ, der für uns

Mensch geworden ist.“ Strophe 2

deutet die Krippenszene aus, Strophe

3 geht auf die heiligen drei Könige

ein. Die Melodie wurde als alter

„Sterndrehermarsch“ eingeordnet.

Ein Lied also, zu dem Erwachsene,

Jugendliche und Kinder nach

altem Brauch verkleidet und mit einem

selbst gebastelten Stern von

Hof zu Hof, von Haus zu Haus zogen

und nach dem Gesang des

frommen Liedes Gaben erwarteten.

Das alte Schweizer Dreikönigslied,

das Hermann so gänzlich umgeschrieben

hatte („Kontrafakturverfahren“,

in der Musiktradition

alles andere als unüblich), wurde

aber keineswegs in unserem

Sprachraum ganz verdrängt. Man

stößt zum Beispiel in einem Liederbuch

für die evangelische Jugend

in der DDR („Singt und klingt“, 2.

Aufl. 1964) darauf. Auch in gottesdienstlichen

Feiern beider Konfessionen

erklang es ab und zu in allen

Teilen unserer Kulturnation. Außerdem

bürgerte sich hie und da der

Brauch ein, auf die drei Strophen

Hermanns die erste Strophe des

Sterndreherliedes folgen zu lassen,

um so die schöne Umdichtung Hermanns

in einen christlichen Zusammenhang

zu stellen.

Anderes Schicksal als

„Hohe Nacht der klaren

Sterne“

Diese Kombination ließ sich bei

Hermanns Lied gut anwenden. Es

enthielt nichts, was typisch für die

NS-Ideologie gewesen wäre, und

überlebte so mühelos das Katastrophenjahr

1945. Kaum jemand wusste

etwas über die Textentstehung.

Daher regte sich, wo auch immer

Hermanns Lied gedruckt oder gesungen

wurde, kein „antifaschistischer“

Protest.

Als Gegenbeispiel nehme man

Hans Baumanns „Hohe Nacht der

klaren Sterne“, das nach den Vorstellungen

radikal-neuheidnischer

Nationalsozialisten (und ihrer opportunistischen

Nachbeter) das in

aller Welt als typisch deutsch geltende

„Stille Nacht, Heilige Nacht“

verdrängen sollte. Ein fragwürdiges

Unterfangen, wenn man bedenkt,

wie sehr „Stille Nacht, heilige

Nacht“ von vielen Millionen deutscher

Menschen verinnerlicht worden

ist. Nach 1945 erhob sich der

anklagend-mahnende „antifaschistische“

Zeigefinger gegen Baumanns

Lied. Dennoch wurde es

weiter in manchen Liederbüchern

abgedruckt und verschwand auch

nicht ganz aus der Singepraxis der

Weihnachtszeit.

Es gibt ein in der NS-Zeit entstandenes

Winter-/Weihnachtslied

(Text und Weise: cesar Bresgen)

das in den Motiven Paul Hermanns

Lied ähnelt. Es hat das Jahr 1945

ebenfalls überstanden und ist in

den Nachkriegsjahrzehnten noch

lange in Jugendgruppen und Schulen

gesungen worden, wenn die

Führer oder Lehrer ein Gespür für

die Eingängigkeit dieses Liedes hatten.

Es ist als ein Lied des Winter –

ansingens gedacht, so wie alte und

neue Lieder für das Sommeransingen

im großen Fundus unserer Jugend-

und Volkslieder zu finden

sind. „So singen wir den Winter an

…“ geht in Strophe 2 zur verschneiten

Winterlandschaft über: „… und

fern vom Himmel kommt ein Licht

und geht durch alle Wälder“. Strophe

3 verweist auf die Weihnachtsfreude:

„Das Licht wird hell und

geht ins Haus und scheint in alle

Herzen, wir hol’n den Baum vom

Wald heraus mit seinen tausend

Kerzen. Eia, eia, hell soll das Licht

uns leuchten.“

.

NZ 51-2013.

Update: Serie: Lieder unseres Volkes: „Maria durch ein Dornwald ging“


.

 

Im bekanntesten Wandervogel-Liederbuch, dem „Zupfgeigen-hansl“ (1908 in Erstauflage erschienen), findet sich ein Lied, das von den Adventsfeiern der Wandervögel her über Jahrzehnte bei den Jugendbewegten und weit über ihre Kreise hinaus weite Verbreitung fand: „Maria durch ein Dornwald ging“. Hans Breuer und seine Mitarbeiter hatten es in das Kapitel „Geistliche Lieder“ aufgenommen. Maria durch ein Dornwald gingAuf den ersten Blick mag es verwunderlich erscheinen, dass im überwiegend protestantisch geprägten Wandervogel Marienlieder gesungen wurden; im „Zupfgeigen-hansl“ standen aber gleich mehrere. Und das, obwohl damals weithin die Gegensätze zwischen Katholiken und Protestanten oft noch recht scharf herausgekehrt wurden und zahlreiche dumme Vorurteile über die jeweils andere Konfession kursierten.

Faszination Mittelalter

Für „Maria durch ein Dornwald ging“ wurde in späteren bündischen Liederbüchern als Herkunft meistens „Aus dem Eichsfeld“ abgedruckt, also auf jene katholische Exklave in Mitteldeutschland verwiesen, deren tiefe Marienfrömmigkeit beim Deutschlandbesuch Papst Benedikts Millionen Zuschauern durch die Fernsehübertragung einer Marienandacht nachvollziehbar gemacht wurde.

Im Wandervogel sah man „Maria durch ein Dornwald ging“ als ein Lied an, dessen Aussage, Wortwahl und Melodie sehr alt zu sein und aus dem späten Mittelalter oder der frühen Neuzeit herzukommen schienen. Die Wandervögel hielten nichts von der aufklärerischen Abstempelung des Mittelalters als einer finsteren Ära. Sie glaubten vielmehr, es reichten so manche wertvolle Bestandteile einer mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Volkskultur bis in ihre Gegenwart hinein, man müsse viel Verdecktes und Verborgenes nur auffinden. So sammelte man z. B. Volkslieder (wobei man den Begriff sehr weit fasste). „Maria durch ein Dornwald ging“ wurde als ein Volkslied geistlichen Charakters verstanden, in dem das deutsche Gemüt sich besonders innig und schön ausdrückte.

Was die jugendbewegten Volksliedsammler bei diesem Lied faszinierte, war der schlichte und kernige Glaube der Vorfahren, der hier anklang. Das Lied griff einen biblischen Erzählvorgang auf, den die Gottesdienstbesucher im Jahresturnus vorgetragen bekamen: Die Wanderung der schwangeren Maria

übers Gebirge, um ihre Base Elisabeth zu besuchen. Der unbekannte Textdichter unseres Liedes lässt die Gottesmutter durch eine seltsam verwandelte Landschaft ziehen. Nicht durch einen jüdischen oder deutschen Wald in gebirgiger Gegend,
sondern durch einen Wald von Rosensträuchern, der seit sieben Jahren (die Sieben als eine Glücks- und Unglückszahl im Volksglauben!) nur Dornen, aber kein Blattwerk und keine Rosen getragen hat.
Dieser Dornwald verweist auf Krankheit, Not und Elend.

Als Maria das göttliche Kind in ihrem Leibe durch diesen Wald trägt, vollzieht sich ein Rosenwunder: „Da haben die Dornen Rosen getragen . “ Seit dem Mittelalter war die Rose (insbesondere die Pfingstrose in ihrer Schönheit) ein Attribut der Himmelskönigin Maria. Sie war die Rose ohne Dornen. (Die Rosen des Paradieses hatten einer Legende gemäß keine Dornen.) Maria in einem Paradiesgärt-lein – dieses Bild der von herrlichen Rosen umgebenen Maria war den Gläubigen seit dem Mittelalter von zahlreichen künstlerischen Darstellungen her bekannt.

Heil für die Welt

Die Botschaft dieses Liedes: Das göttliche Kind bringt der heillos-unseligen Welt die Erlösung, und Maria ist es, die an diesem Heilswerk mitwirkt. Das Lied hat aber keine falsche marianische Ausrichtung. Es macht die Rangfolge klar: „Jesus und Maria“. Und in jeder Strophe wird dies durch Einfügung des uralten griechischen Einsprengsels aus der lateinischen Messliturgie verdeutlicht: „Kyrie eleison“ (= Herr, erbarme dich unser).

Ohne die Vermittlungstätigkeit der Wandervögel und der späteren Bündischen sowie der aus ihren Reihen hervorgegangenen Persönlichkeiten aus Bildung, Erziehung und Medienwesen hätte dieses Lied sich nicht so eindrucksvoll durchsetzen können: von stilvollen Feiern in Bünden, Vereinen und Schulen über das „Offene Singen“ (zur Adventszeit viele Jahre lang sehr beliebte Rundfunkübertragungen) bis zum festen Bestandteil des christlichen Gemeindegesangs in Advents- und Weihnachtszeit. Letzterem wird nun auch dadurch Rechnung getragen, dass dieses Lied in die Neubearbeitung des katholischen Einheitsgesangbuches für die Bistümer deutscher Sprache („Gotteslob“) aufgenommen wird.

Manch anderes Advents- und Weihnachtslied unserer geistlichen Volksliedtradition ist in den letzten Jahrzehnten musikalisch aufge-peppt, verschlagert, verjazzt worden

–    auch als Teilerscheinung einer Kommerzialisierung dieser Festzeit. Bei der Melodie „Maria durch ein Dornwald ging“ will das nicht recht gelingen, das Lied sperrt sich geradezu gegen solche Experimente. Es verweist in tiefere Bereiche unserer weltlichen und geistlichen Existenz. Lied- und Instrumentalsätze zu diesem Adventslied sind also danach zu bewerten, ob sie es schaffen, die tröstende Botschaft in einer oft trostlos wirkenden Zeit den Herzen heutiger Menschen nahe zu bringen.

———————————

aus National-Zeitung 49-13

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Serie: Lieder unseres Volkes: „Nach grüner Farb’ mein Herz verlangt“


.

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Winterqual und Frühlingshoffnung

„Nach grüner Farb’ mein Herz verlangt“, Lieder unseres Volkes

Zu einer herb-schönen Melodie

von Michael Praetorius

(1571 – 1621) aus dem Jahre

1610 wird ein Text gesungen, der

ähnlich alt zu sein scheint, es aber

nicht ist:

Nach grüner Farb mein Herz verlangt

In dieser trüben Zeit.

Der grimmig Winter währt so lang,

Der Weg ist mir verschneit.

Die süßen Vöglein jung und alt

Die hört man lang nit meh;

Das tut des argen Winters G’walt,

Der treibt die Vöglein aus dem Wald

Mit Reif und kaltem Schnee.

Der Steglitzer Gymnasiallehrer

Max Pohl hat sich 1911 ganz in den

Sprachstil der Zeit kurz vor Ausbruch

des Dreißigjährigen Krieges

eingefühlt und auf die Melodie des

geistlichen Liedes „Nach ewiger

Freud’ mein Herz verlangt“ eine

Klage über die quälend lange Winterszeit

gedichtet. Das geistliche

Lied, das Pohl umschrieb, war

schon die Kontrafaktur (neuer Text

zu einer bekannten Liedmelodie) eines

Liebesliedes aus dem Jahr 1582:

„Nach grüner Farb’ mein Herz verlangt,

da ich in Elend was (= war).“

Als Volkslied empfunden

Um 1900 entstand in Steglitz, das

damals noch nicht nach Berlin eingemeindet

war, der Wandervogel,

freundlich geduldet, mitunter sogar

gefördert vom Lehrerkollegium des

Gymnasiums. Einer der eifrigsten

Förderer war Pohl. 1924 schrieb er

in einer Rückschau: „Ich ging eines Abends an dem langen Drahtzaun

des alten verwilderten Geländeanteils

entlang, der später den Grundstock

zu der gärtnerisch meisterhaften

Anlage des Steglitzer Stadtparks

abgegeben hat. (…) Wer hinein wollte,

musste über den Zaun klettern.

(…) An jenem Abend klang mir aus

einem dichten Gebüsch mehrstimmiger

Gesang einiger hübscher Knabenstimmen

herüber, und zwar sangen

sie ein Lied, das wir soeben im

Chor geübt hatten, das alte, schwermütige

‚Ich hört’ ein Sichelein rauschen’.

(…) In der nächsten Chorstunde

fragte ich, wer denn die Sänger

gewesen seien, erhielt aber nur

den Bescheid: ‚Ach, dort singen immer

abends die Wandervögel!’“

Von einem Sekundaner, Mitglied

des Wandervogels, bekam Pohl

dann „begeisterte Auskunft: Sie kämen

fast alle Abende dort zusammen,

um zu singen, und es wäre

sehr fein; ich müsste einmal hinkommen“.

Pohl tat das und wurde

sogar Mitglied im Steglitzer Wandervogel,

von den Jugendlichen als

„musikalischer Berater“ akzeptiert.

Pohls Umarbeitung des Praetorius-

Liedes traf die Gefühlslage und

den Geschmack der Wandervögel.

Wenn später in Jugendbünden und

Schulen Volkslieder gesungen wurden,

war sehr oft auch Pohls Liedfassung

dabei und wurde von den

Sängern als Volkslied empfunden.

Folglich fehlt Pohls Name in relativ

vielen Liederbüchern und Textblättern

bei den Angaben zu Text und

Weise.

Schon vor Pohl hatte sich ein jugendliches

Mitglied des Steglitzer Wandervogels an eine Neufassung

des Praetorius-Liedes gemacht: Siegfried

Copalle. Unter seine Fassung

setzte er den Zusatz: „Einer Volksweise

des 15. Jahrhunderts unterlegt,

1905“, doch eine Volksweise war das

Lied eben nicht gewesen. Wie nach

ihm Pohl setzte Copalle auf den Gegensatz

von Winter und Frühling. In

der letzten Strophe redete Copalle

den personifizierten Frühling an: „O

Frühling, du mein lieber G’sell, mit

dir ist wandern gut; dein Aug’ ist

klar, dein Blick ist hell, schlägt mir

wie Feu’r ins Blut.“ Pohl empfand

wohl die Unzulänglichkeit dieses

Versuchs und schuf für die Wandervögel

seine einfühlsamere Version.

Anklänge an

altes Brauchtum

Auch Pohl nahm in seiner zweistrophigen

Fassung eine Personifizierung

von Winter und Frühling vor.

Bei ihm erhielt dieser Kunstgriff

Durchschlagskraft, weil er sich deutlich

auf alte Volksbräuche bezog, daher

setzte er statt „Frühling“ den

„Sommer“: „Gott geb’ dem Sommer

Glück und Heil, der zieht nach Mittentag

am Seil, dass er den Winter

zwingt.“

In manchen Gegenden unseres

Kulturraums wurde, seit dem 16.

Jahrhundert nachweisbar, am Sonntag

Laetare, also auf Mittfasten (Mitte

der Fastenzeit) ein Winteraustreiben

veranstaltet. Hauptbestandteil

der Brauchtumshandlungen war ein

Seilziehen zwischen Winter und

Sommer, das der Sommer gewann.

Der Winter, durch eine Strohpuppe

dargestellt, wurde aus dem Ort hinausgetrieben

(und mancherorts

verbrannt). Pohl als Leser vieler alter

Liedhandschriften und -sammlungen

kannte sehr wahrscheinlich das

alte Lied „So treiben wir den Winter

aus“ und ließ sich von ihm für die

Schlusszeilen von „Nach grüner

Farb’“ inspirieren.

Millionen Deutsche haben Pohls

Sehnsuchtslied in Jugendbünden,

Sängerkreisen, Schulen gesungen.

Wer das Lied irgendwann gelernt

hat, fühlt sich an bestimmte Zeilen

erinnert, wenn einmal ein besonders

harter und trüber Winter durchzustehen

ist. Aber das Klagen über

Schnee und Eis und farbliche Eintönigkeit

in der Natur ist immer nur die eine Seite unserer Gefühlsregungen.

Schon der Wandsbecker Bote,

Matthias Claudius, hat in seinem berühmten

Gedicht „Der Winter ist ein

rechter Mann“, zumindest unterschwellig

angedeutet, dass auch Gegenteiliges

in unserem Gefühlsleben

möglich wäre.

Wandern und Übernachten in der

Schneelandschaft wurde seit den

1930er-Jahren in Teilen der deutschen

 

Jugendbewegung zu einer

Attraktion. Wichtige Voraussetzung

war die Einführung

der Kohte, des beheizbaren

lappischen Zeltes (mit

Rauchöffnung), das Jungenschaftler

von einer Nordlandfahrt

mitgebracht hatten. Nun

entstanden Lieder, in denen

keineswegs mehr über den

 

„grimmig’ Winter“ geklagt

wurde. Neben der Kohten-

Nacht (mit dem wärmenden

Feuer) wurde die Skiwanderung

zum Erlebnis: „Haltet die

Spur in Schnee und Nebel,

singt durch das Grau das Bergeslied.

Wir spuren still im Weiß der Hügel,

singende Schar, die bergwärts

zieht.“ Der Sehnsuchtsradius hatte

sich ausgeweitet, wie Alf Zschiesches

weit verbreitetes Lied „Wenn

die bunten Fahnen wehen“ erkennen

lässt: „Schneefelder blinken,

schimmern von ferne her, Lande

versinken im Wolkenmeer.“

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Die Sehnsucht nach der

Rückkehr des Frühlings ist

ein beliebtes Motiv in der

Kunst, nicht zuletzt, weil sie

als Metapher für Seelennot

und Erlösung dient. 1897

versuchte sich der Maler

heinrich Vogeler (1872 –

1942) in Worpswede mit

diesem Ölbild am thema,

zwei Jahre später veröffentlichte

er Gedichte: „Du wilder

rasender Frühlingswind,

grüß in der Ferne mein goldiges

Kind!“

.

 

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