Wochenrückblick…..paz33-14x


Alle belastet / Wie man ein Manöver verlegt, was unsere Soldaten in den Schnee zeichnen, und wie ein Laubenpieper die Demokratie bedroht

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Da sage noch einer, die Deutschen seien unbelehrbar. Monatelang sperrte sich laut Untersuchungen eine Mehrheit von ihnen gegen härtere Sanktionen gegen Russland. Nun jedoch ergab eine neue Umfrage der ARD-„Tagesthemen“ und der „Welt“, dass 80 Prozent Russland für den Hauptschuldigen im Ukraine-Konflikt halten und immerhin 62 Prozent eine härtere Gangart gegenüber Moskau befürworten. Beide Medien sind für ihre verantwortungsvolle Arbeit bekannt und haben sicher zu dem erfreulichen Meinungsschwenk beigetragen.

Die Medien halten uns über jedes wichtige Ereignis in und um die Ukraine auf dem Laufenden. Da kann es bekanntlich jeden Tag zum Weltkrieg kommen. Als wir aus den Nachrichten erfuhren, dass die russische Armee „an der Grenze zur Ukraine“ ein Großmanöver abhalte, dachten wir: Es ist soweit, erst Manöver, dann Einmarsch, ganz klar.

Wie indes nur in Nebensätzen durchsickerte, lag der Schwerpunkt des Manövers an der Wolga-Mündung, rund 650 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Bei den meisten Deutschen kam dennoch nur die Botschaft an: Russen, Manöver, ukrainische Grenze. Dies war wohl auch beabsichtigt, um uns in die richtige Wallung zu versetzen. Der Wahrheitsgehalt entsprach jedoch in etwa einer Meldung wie: „Die Bundeswehr plant ein Großmanöver an der dänischen Grenze mit Schwerpunkt im Raum Bamberg.“

Derweil macht die militärische Annäherung der Ukraine an die Nato gute Fortschritte. Schon wird ganz offen militärisches Hilfsgerät aus Kanada geliefert. Es läuft wie geschmiert. Doch nicht bloß das US-geführte Bündnis profitiert vom Konflikt. Auch Wladimir Putin saugt seinen Honig daraus. Er ließ staatliche und sogar private Pensionsfonds für die Staatskasse anzapfen mit der betörend patriotischen Begründung, man benötige das Geld für die leidenden Landsleute auf der befreiten Krim.

Oh, liebe Russen, lasst euch nicht an der Nase herumführen und lauscht einer Geschichte aus Deutschland: Da wurde mal eine Sondersteuer eingeführt, die dazu dienen sollte, den einst kommunistischen Teil unseres Landes wieder aufzubauen. So hatten es die Politiker gesagt. Geschickt, wie sie waren, haben sie das so aber nicht ins Gesetz geschrieben, weshalb sie das Geld in Wahrheit verwenden durften, wie sie wollten. Das taten sie denn auch, weshalb es den „Soli“ auch dann noch geben wird, wenn Sachsen das reichste Bundesland ist und Sylt den Wettstreit mit Usedom, Rügen und Hiddensee für immer verloren hat.

Unter dem Eindruck von Ukrainekrise, Gaza und dem Islamistenterror der IS im Irak und in Syrien sind innerdeutsche Probleme ein wenig in den Schatten getreten. Probleme, die dringend ans Licht müssen, wie beispielsweise die vielen Nazis bei der Bundeswehr. Auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion hin hat die Bundesregierung zugegeben, dass es 2013 erschreckende 309 neonazistische Vorfälle bei der Truppe gegeben hat, ein Abgrund tut sich auf.

Wir erfahren Details, die uns um den Fortbestand der Demokratie fürchten lassen: So haben zwei Soldaten im Januar 2013 ein Hakenkreuz in den Schnee gezeichnet, ein anderer hat es aus Marzipan auf einer Torte drapiert und ein weiterer soll sich mit „Sieg Heil“ gemeldet haben, als sein Telefon im Zug klingelte. Der skurrilste Fall war der eines Soldaten, der sich auf dem Rücken ein Hakenkreuz ausrasiert haben soll. Potzblitz! Wie hat er das angestellt? Da heißt es doch immer, die jungen Männer von heute seien so unsportlich.

Glücklicherweise waren jeweils aufmerksame Bürger in der Nähe, welche die skandalösen Vorfälle umgehend an die zuständigen Organe meldeten. Solche Menschen waren zu allen Zeiten nützlich und in Deutschland zum Glück immer reichlich vorhanden. Sie durchstreifen von Wachsamkeit erfüllt ihre gesamte Umgebung, lauschen im Zug oder linsen über die Gartenhecke, um dreiste Verstöße aufzudecken.

Die „Bild“-Zeitung deckte diese Woche einen weiteren Nazi-Skandal auf. In einer Kleingartenkolonie im Hamburger Stadtteil Bahrenfeld hat ein Mann die Dienstflagge des Kaiserreichs, Schwarz-Weiß-Rot mit Adler, gehisst. „Aufregung in Laubenpieper-Kolonie, Kleingärtner hisst Reichsflagge“ brüllt „Bild“ im Hamburger Regionalteil. Die Vorsitzende des Gartenvereins sei „entsetzt“, werde dem Übeltäter schreiben und den Landesbund der Gartenfreunde einschalten: „So etwas hat bei uns nichts zu suchen.“

Auch auf der Haustür prange „der Reichsadler“, enthüllt die Zeitung und zeigt uns ein Bild des verwünschten Symbols. Es zeigt eine ziemlich genaue Kopie des Vogels, der unsere Reisepässe ziert. Aber egal, solche Einzelheiten sind jetzt unwichtig, was Nazi ist, bestimmen wir. „Die Flagge kommt ab!“, stellt die Vereinsvorsitzende nachdrücklich klar.

Schon in ferner Vergangenheit wurde mit solchen Fahnen aufs Übelste provoziert. Einmal kam es sogar zu einer internationalen Affäre deswegen. Der damals 25-jährige Jurist Fritz G. A. Kraemer hatte sein Kajak während des Sommerurlaubs in Italien mit der kaiserlichen Reichskriegsflagge geschmückt, sozusagen der verschärften Version der Dienstflagge im Hamburger Nazi-Garten.

Das bekam zufällig der deutsche Marineattaché mit und rief die italienische Polizei. Sie solle den Mann anweisen, die Flagge zu entfernen. Schock: Die politisch ungeschulten Polizisten zuckten nur mit den Schultern. Erst nach intensivem Drängen der deutschen Botschaft befahlen die italienischen Behörden dem Juristen, die Flagge abzumachen. Der klagte jedoch dagegen – und gewann! Ungeheuerlich.

Das Ganze ging als „deutsch-italienische Flaggenaffäre“ sogar in die Geschichte ein und würde sich bestimmt gut eignen, um zu zeigen, was mangelnde Sensibilität von Polizei und Justiz gegenüber solchen Provokationen anrichten kann. Die Geschichte hat nur einen Haken: Sie ereignete sich 1934, Kraemer war wegen seiner jüdischen Herkunft aus Deutschland emigriert nach Italien, das seinerzeit noch nicht mit Deutschland verbündet war. Mit dem Symbol des Kaiserreichs gab Kraemer seiner Ablehnung des neuen Regimes in seiner Heimat Ausdruck, was der Attaché wohl auch genau so verstanden hat.

Nach dem Hitler-Mussolini-Pakt emigrierte Kraemer weiter, erst nach England, dann in die USA, wo er in die Armee eintrat und dort den Emigranten Henry Kissinger kennenlernte. Beide wurden enge Freunde.

Tja, also diese Geschichte eignet sich denn doch nicht so recht für die heute erwünschte Form von „Sensibilität“, bei der historische Hintergründe strikt zu ignorieren sind. Auch in diesem Fall: Der VfB Stuttgart hat als neues Motto den Spruch „Furchtlos und treu“ gewählt, was laut „Welt“ eine Welle der Empörung ausgelöst hat. Das Motto sei „unsensibel, völkisch, nationalistisch“, habe ein Fan im Internet geschimpft. Die Zeitung assistiert: „Sicher ist auch, dass die Marketingspezialisten mit der ungewollten Assoziation zu Neonazis dem Verein keinen guten Dienst erwiesen haben.“ Nazis hätten den Spruch nämlich auch mal verwendet.

Dabei schreibt die „Welt“ sehr wohl, woher der Spruch wirklich kommt. Er sei 200 Jahre alt und habe das Wappen des Königreichs Württemberg geziert. Aber wegen der späteren Benutzung durch irgendwelche Neonazis ist er nunmehr „belastet“.

Moment: Wenn das so läuft, was wird denn dann mit dem Bundesadler auf den Pässen? Schließlich hat der böse Mann von Bahrenfeld den an seiner Laube! Und der Kerl hat doch eine Flagge im Garten, die von Neonazis „verwendet“ wurde, damit belastet ist und somit nun ihn belastet, der seinerseits den Bundesadler belastet, weil er, der Belastete, den Adler als Türzier „verwendet“.

Es kann schon sehr belastend werden, immer sensibel sein zu müssen. Eines Tages werden wir uns selbst verbieten.

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paz 33-14  Hans Heckel