Desinteresse an deutschen Opfern der Geschichte


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Toten aus Marienburg in Neumark bei Stettin

Gräber der Toten aus Marienburg in Neumark bei Stettin: „Bis heute haben die Deutschen noch nie die Verbrechen an ihren Zivilisten verfolgt“

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Die Toten des Marienburger Massengrabes: Opfer „allgegenwärtiger Liquidierungen“

Bei der Ausschachtung für den Neubau eines Luxushotels stießen polnische Arbeiter am 28. Oktober 2008 nahe der östlichen Mauern der Marienburg, Europas größter mittelalterlicher Festungsanlage, auf ein Massengrab. Der grausige Fund löste in der deutschen und polnischen Presse ein starkes Echo aus (zuletzt JF 35/09). Rasch schossen Spekulationen über die Herkunft der Gebeine ins Kraut, über den Zeitpunkt und die Umstände des Todes von, wie sich nach der vollständigen Exhumierung herausstellen sollte, mindestens 2.111 Menschen.

Die polnischen Behörden verloren jedoch bald das Interesse an genauerer Aufklärung des Schicksals dieser Toten, unter denen sich mindestens 1.378 Frauen und Kinder befanden. Für die Kommunalpolitiker der heute Malbork genannten, bis 1945 deutschen Stadt Marienburg an der Nogat schien nur wichtig, daß es sich nicht um Überreste polnischer Opfer „nationalsozialistischer Gewaltverbrechen“ handeln konnte. Das hatte man sich in Malbork bereits vier Wochen nach den ersten Funden vom Danziger Institut für Nationales Gedenken (IPN) versichern lassen, lange bevor Danziger Gerichtsmediziner im Mai 2009 die Resultate ihrer Untersuchungen veröffentlichten.

Tatsächlich erbrachten deren Bemühungen nicht einmal in dieser für die Polen offenbar einzig relevanten Frage Gewißheit, denn aus Kostengründen nahmen die Gerichtsmediziner keine DNS-Analysen vor, die Rückschlüsse auf die Nationalität der Opfer gestattet hätten. Und da man in Danzig wie in Marienburg überzeugt war, „nur“ Knochen von deutschen Toten des Kriegswinters 1945 ausgegraben zu haben, wollte man nicht „Millionen“ für exaktere Identifizierungen ausgeben. Die Bundesrepublik, so wußte die polnische Seite aus alter Erfahrung, hätte eine solche Summe ebenfalls nicht gezahlt, paradoxerweise gerade weil es sich um deutsche Tote, Opfer russischer oder polnischer Gewalttaten, handeln konnte. Denn, so gab der IPN-Staatsanwalt Maciej Schulz gegenüber der Gazeta Wyborscza zu Protokoll, „bis heute haben die Deutschen noch nie die damaligen Verbrechen an ihren Zivilisten verfolgt“.

Somit blieben nach dem offiziellen Abschluß der Ermittlungen über diese „Notbergung“ für den Zeithistoriker die meisten Fragen unbeantwortet. Der 1935 in Marienburg geborene, seit der Vertreibung im Januar 1945 in Schleswig-Holstein lebende Pädagoge Rainer Zacharias, ein profilierter, durch zahlreiche Publikationen ausgewiesene Kenner der Geschichte seiner Vaterstadt, hat nun versucht, das Geheimnis um das Massengrab am mittelalterlichen Hauptsitz des Deutschen Ordens zu lüften. In einer 80 Seiten umfassenden akribischen Studie (Preußenland, 3/2012) holt er dafür sehr weit aus und verwendet viel Raum, um die Lokalgeschichte Marienburgs während des Zweiten Weltkrieges zu schildern.

Dabei folgt er leider dem von der bundesdeutschen Erinnerungspolitik kanonisierten „Schuld“-Narrativ, ohne damit einen Erkenntnisgewinn im konkreten „Fall“ zu verbuchen. Um den mit detektivischem Spürsinn zu lösen, muß Zacharias, sichtlich ungehalten über den mit amtlicher Billigung erfolgten spurenvernichtenden „groben Zugriff“ der polnischen Abräumfirma, vielmehr einen Indizienbeweis versuchen, der sich konzentriert auf die Monate zwischen dem Beginn der Belagerung Marienburgs durch die Rote Armee Ende Januar 1945 und der offiziellen Übergabe der stark zerstörten Stadt an die polnische Verwaltung am 3. Juni 1945.

Eine Hypothese nach der anderen über die Herkunft der Toten prüfend und ausscheidend, kann Zacharias schließlich die Anlage des Massengrabes auf fünf Wochen nach dem 9. März 1945 eingrenzen, als die Sowjets die Marienburg erobert und sofort eine Kriesgkommandantur eingerichtet hatten. Wie überall in den „befreiten“ Provinzen Mittel- und Ostdeutschlands bedeutete das Ende der Kampfhandlungen aber kein Ende der Gewalt. Opfer waren primär die in der Stadt verbliebenen deutschen Einwohner, die nach Marienburg seit dem 9. März zugezogene deutsche Bevölkerung des Umlandes, Flüchtlinge und Vertriebene, russische Kriegsgefangene, die als Zwangsarbeiter in der Stadt lebten, und sogar Polen und Sowjetarmisten, die ihre wohl öfter tödlich endenden Streitigkeiten beim Rauben und Plündern mit Waffengewalt austrugen.

Es sei bekannt, so räumten polnische Historiker Zacharias gegenüber ein, daß Sowjetsoldaten „aus geringstem Anlaß“ Menschen kurzerhand und „allgegenwärtig liquidiert“ hätten, „Mißliebige, Widersetzliche, Plünderer, Diebe und andere“ – überwiegend natürlich Deutsche. Schließlich verdeckte der Schnee des langen und harten Winters 1945 noch zahlreiche Leichen, deutsche Verteidiger und russische Angreifer, die während der Belagerungswochen nicht bestattet werden konnten.

Den großen Anteil an Gebeinen von Frauen und Kindern in dem 2008 entdeckten Massengrab erklärt Zacharias mit der Zusammensetzung der Marienburger Restbevölkerung nach dem Abzug der Wehrmacht. Der Zeitpunkt der Aushebung des Grabes ergibt sich aus der Notwendigkeit, mit dem Mitte März einsetzenden Tauwetter die „überall“ im Stadtgebiet aufzufindenden Leichen unter die Erde zu bringen, da nur so die Seuchengefahr zu bannen war. Einen polnischen oder sowjetrussischen Massenmord, begangen an über 2.000 Deutschen, gar einen „Genozid“, der sich heute als Stoff für eine „Brunnenvergiftung“ des deutsch-polnischen Verhältnisses eigne, kann Zacharias also kategorisch ausschließen.

Mithin dürfte das Rätsel dieses Massengrabes zwar gelöst sein. Aber das selbst bei Polen den Verdacht der „Vertuschung“ nährende Verhalten der Marienburger Stadtoberen, die sich zudem gegen eine würdige Beisetzung auf einem Friedhof an der Nogat sperrten – sie erfolgte 2009/10 in Neumark bei Stettin – kann an dieser zeithistorischen Forschungsfront kaum Ruhe eintreten lassen. Zuviel liegt noch im Dunkel der ostdeutschen Vergangenheit.

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