Skrupellos und verlogen: die USA und Giftgaseinsätze


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US-Präsident Obama hat wegen eines Giftgaseinsatzes in Syrien einen Angriff auf Stellungen der syrischen Armee erwogen. Und das, als noch nicht einmal klar war, wer das Giftgas eingesetzt hatte. Dabei haben die USA in anderen Ländern Giftgaseinsätze unterstützt und gefördert.

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medien, audio

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von 1986 bis 2003 habe ich für die Frankfurter Allgemeine Zeitung gearbeitet. Der Politischen Redaktion diente ich in dieser Zeit vor allem als Kriegsberichterstatter für Afrika und den Nahen Osten. In den Archiven der FAZ lagern auch heute noch Tausende grauenvolle Aufnahmen, welche ich auf früheren Schlachtfeldern der Welt gemacht habe. Immer wieder zeigen sie auch Opfer von Giftgasangriffen.
Szenen wie in einem Horrorfilm
Meinen ersten Giftgasangriff erlebte ich im Sommer 1988 im Irak. Seit 1980, also ein Jahr nach dem Sturz des Schahs im Iran, führten der irakische Diktator Saddam Hussein und der neue iranische Machthaber Khomeini damals Krieg gegeneinander. Saddam Hussein war aus westlicher Sicht der Gute, Mullah Khomeini der Böse. Am Mittelabschnitt der Front ging ich nahe des Madschnun-Ölfeldes impuni 1988 über ein Leichenfeld, wo Hunderte iranische Soldaten lagen, die wenige Stunden zuvor vergast worden waren. Die Iraker hatten zur Zeit des Morgengebets aus Hubschraubern Kanister mit Senfgas über den iranischen Stellungen abgeworfen. Verzweifelt versuchten die Iraner, sich mit Gasmasken zu retten, aber es war zu spät.

Wenige Stunden später hatte die brutale Wüstenhitze eine Szenerie wie im Horrorfilm geschaffen. Den frisch Vergasten lief das Gehirn aus Mund, Nase und Augen. Wie Zombies lagen sie da im Wüstensand. Und es stank bestialisch. Schritt für Schritt musste ich den Würgereiz bekämpfen. Nach meiner Rückkehr in Frankfurt erfuhr ich, woher das Giftgas stammte. Und ich erfuhr noch wesentlich mehr, was aber damals nicht öffentlich bekannt werden sollte. Die Komponenten für die Herstellung des iraki-
schen Giftgases hatten Mitgliedsfirmen des Bundesverbandes der Chemischen Industrie geliefert. Doch das durfte ich damals nicht schreiben. Auch die grausamsten Fotos wurden nicht veröffentlicht. Und die Leser haben auch bis heute nicht erfahren, wer die Giftgaseinsätze vorbereitet und geleitet hat. Doch jetzt kann man das mit Originaldokumenten aus den Geheimdienstarchiven bestätigen. Wenn man weiß, was damals hinter den Kulissen passiert ist, dann bekommt man auch ein Bild davon, was sich wohl gerade in Syrien abspielt. Die Vereinigten Staaten haben Saddam Hussein in den i98oer-Jahren über Deutschland Komponenten für die Herstellung von Giftgas zukommen lassen. Und sie haben ihn ausdrücklich dazu angeregt und ermuntert, dieses dann auch gegen Iraner einzusetzen.
Die CIA lobte das Giftgas
Das belegen Originaldokumente der CIA aus dem Jahre 1984, die jetzt freigegeben worden sind. Danach hat die Regierung von
Ronald Reagan Saddam Hussein dabei geholfen, in Samarra eine Fabrik für die Produktion von Giftgas zu bauen. Dort konnten täglich 40 Bomben hergestellt werden, welche jeweils 250 Liter Giftgas enthielten. Die CIA lobte ausdrücklich die große Wirksamkeit (»effectiveness«) der irakischen
Massenvernichtungswaffen, von denen ein winziger Tropfen genüge, um einen Gegner zu töten. Washington ermunterte Bagdad damals nach den vorliegenden Unterlagen ausdrücklich, Giftgas auch gegen iranische Städte wie Ghom einzusetzen, um die verhassten Iraner des Mullah-Regimes psychologisch zu zermürben. Ausdrücklich werden in dem CIA-Schreiben auch jene Madschnun-Ölfelder erwähnt, auf denen ich im Sommer 1988 die mit Giftgas getöteten Soldaten sah. In einem zuvor verfassten und lange Zeit geheimen CIA-Schreiben hieß es, die Iraker könnten jenes Gebiet gefahrlos erobern, wenn sie eine Stunde vor dem Einmarsch Giftgas einsetzten.

Die Menschen wurden vergast

Die CIA hat Saddam Hussein dann alle aktuellen Satellitenbilder zukommen lassen, auf denen die Iraker sahen, wo sich in der Region welche iranischen Stellungen befanden. Und dann hat man die gegnerischen Soldaten einfach mit den Kampfgasen Lost und Sarin vergast. Wenige Stunden später schickte man einige wenige internationale Kriegsreporter wie mich mit Kameras auf das Schlachtfeld. Unsere Aufgabe war es, an Teheran das Signal zu senden, dass Saddam Hussein in einem nächsten Schritt nicht zögern würde, auch iranische Städte mit Giftgas anzugreifen. Wenige Tage später lenkten die Iraner ein. Es gab einen Waffenstillstand. Bis heute hat über die Hintergründe kaum jemand berichtet. Was also spielte sich in den letzten Tagen hinter den Kulissen in Syrien ab? Haben die Amerikaner auch dort mit dem Giftgas skrupellos ein falsches Spiel gespielt, um ihre Machtinteressen durchzusetzen?

Eines ist jedenfalls sicher und belegbar: Die syrischen Rebellen haben den amerikanischen Präsidenten Obama seit mehr als sechs Monaten öffentlich immer wieder darum gebeten, ihnen zum Schutz der Zivilbevölkerung Gasmasken zu schicken. Obama hat das mit der Begründung abgelehnt, diese könnten »in falsche Hände geraten«. Stattdessen schickte Washington dann Lebensmittel, deren Ankunft von US-Fernsehteams live übertragen wurde. Und dann stellte sich heraus, dass das Haltbarkeitsdatum abgelaufen war.

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nachzulesen bei Kopp-Exklusiv 36-2013

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