Wo beginnt die deutsche Geschichte?


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Die Grenze zwischen Deutschen und Germanen

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 Die Himmelsscheibe von Nebra, ausgestellt im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle, gilt als weltweit älteste konkrete Himmelsdarstellung und ist der Beweis, dass die Urgermanen Astronomie betrieben.
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Seit Ende September gilt für die weltberühmte Himmelsscheibe von Nebra die Unesco-Urkunde, die sie offiziell als Weltdokumentenerbe auszeichnet. Damit gehört sie als einer von 17 deutschen Gegenständen zum „Gedächtnis der Menschheit“. Aber ist ihr Platz neben der Gutenbergbibel und Beethovens Neunter Grund genug, das einzigartige Fundstück als deutschen Beitrag auf dieser Liste zu begreifen? Denn wie viel deutsche Geschichte steckt in der Bronzezeit? Oder anders gefragt Wie viel (ur)germanische Geschichte steckt in der deutschen?

Anlässlich der Schau „Zwischen Walhall und Paradies. Eine Ausstellung zur Archäologie und Geschichte des frühen Mittelalters“ im Deutschen Historischen Museum 1991 argumentierte der 1998 verstorbene Historiker Hartmut Boockmann (Spezialgebiet: deutsches Mittelalter), man dürfe die Zeit der Germanen nicht „einfach als ein erstes Kapitel der Geschichte der Deutschen“ sehen. Er führt aber weiter aus: „Geschichte meint nicht nur rekonstruierte Vergangenheiten, sondern auch spätere Rezeption von Vergangenheit, Verständnishorizonte und Sinnschichten, die zwischen der Gegenwart und jener Vergangenheit liegen, die uns interessiert.

Aus diesem Grunde darf die deutsche Geschichte nicht erst im 10. Jahrhundert – oder noch später – einsetzen. Seit Humanisten am Ende des Mittelalters in Abwehr dessen, was sie als italienischen Hochmut erlebten, die Größe ihrer Vorfahren in dem entdeckten, was Tacitus und andere römische Autoren von den Germanen berichten, ist die Geschichte der germanischen Völker in Mitteleuropa durch Rezeption und Erinnerung zu einem oder jedenfalls zu einer Vorstufe der deutschen Geschichte geworden/‘ Darum müsse „ein angemessenes Verständnis dessen, was als deutsche Geschichte zu gelten hat“, die Geschichte der frühen Völker in Mitteleuropa ein beziehen. Und das waren die alten Germanen.

Kurze Geschichte der Germanen

Sie waren in Nord- und Mitteleuropa zu finden und unterschieden sich von den anderen indogermanischen Völkergruppen wie zum Beispiel den Kelten durch ihre Sprache. Auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands lebten wohl Nicht-Indogermanen, die sich um 2.000 vor Christus mit den ersten eindringenden indogermanischen Stämmen vermischten. Deren Urheimat wird in Skandinavien vermutet. Die aus dieser Begegnung hervorgegangenen Germanen waren damit Träger auch der Bronzezeit, in die die Entstehung der Himmelsscheibe von Nebra fällt. Für sich selbst hatten die Germanen keine Sammelbezeichnung, wenn sie sich audi einer ethnischen Zusammengehörigkeit wahrscheinlich bewusst waren. Als die ersten Wanderungen begannen, traten größere politische Einheiten hervor.Die Kimbern und Teutonen sind im 2. Jahrhundert vor Christus die ersten Germanen, die weltgeschichtlich in Erscheinung treten, indem sie den Römern schlaflose Nächte bereiten. 113 überschreiten sie die Grenze zum römischen Siedlungsgebiet. Die Reaktion der Römer reicht von Feldzügen bis zur Befestigung der Grenzen durch den Limes und der raschen Errichtung der Provinzen Germania superior und Germania inferior mit den Hauptorten Mainz und Köln.Mit der Völkerwanderung geriet die Welt der Germanen nachhaltig in Bewegung. Der Vorstoß der Hunnen nach Westen, wohl einer der Auslöser für die sogenannte zweite

Völkerwanderung, führte zur Entstehung selbständiger germanischer Reiche auf römischem Territorium. Germanen übernahmen viel von der Lebensweise der römischen Spätantike und auch das Christentum. „Dadurch wurden die Voraussetzungen geschaffen für eine dauerhafte Kultur und Staatenwelt des Mittelalters prägende Synthese von Germanentum, Antike und Christentum“, hält Dr. Joachim Fischer für Kröners Lexikon der deutschen Geschichte fest.

So weit, so gut. Aber: Ist das alles schon deutsche Geschichte? Johannes Haller in seinem Buch „Die Epochen der Deutschen Geschichte“ – ein Standardwerk in der Weimarer Republik, das 1954 in einer Sonderausgabe neu erschien – verneint. „Man setzt nämlich Deutsche und Germanen einander gleich. Mit welchem Recht? Zu den Germanen gehörten unstreitig auch die skandinavischen Völker; und doch ist es noch niemand eingefallen, ihre Geschichte in die deutsche einzubeziehen. Zu den Germanen gehören aber auch die Engländer. …

Noch ist aber niemand auf den Gedanken geraten, die englische Geschichte oder auch nur die der Angelsachsen als einen Teil der deutschen Geschichte darzustellen. Das ist eine offenbare Inkonsequenz: wenn die Goten und Langobarden hineingehören, warum nicht auch Dänen und Angelsachsen?“

Die Germania des Tacitus

Die Archäologie ist die für das Verständnis der germanischen Geschichte wichtige Disziplin, weil es in ihren Anfängen keine schriftlichen Zeugnisse gibt und die ersten Nachrichten von griechischen Geschichtsschreibern stammen, die noch kaum zwischen Germanen und Kelten unterschieden haben. Erst mit den Römern werden die Germanen literarisch greifbar. Tacitus‘ „Germania“ spielt die entscheidende Rolle.Tacitus hat wohl das wilde Germanien nie zu Gesicht bekommen, und daher ward oft diskutiert, wie viel Glauben man seinem Bericht überhaupt schenken darf.
Wollte er seinen dekadenten Landsleuten nur einen Spiegel Vorhalten, in dem sie ihre Sittenlosigkeit beim Anblick der ehrlich anständigen „Wilden“ erkennen?

Wollte er die Gefahr, die jenseits der Grenze lauerte, apostrophieren? Auf der anderen Seite: Es gab genug Römer, die ihre eigenen Erfahrungen mit den „Barbaren“ gemacht hatten und Tacitus eventuell schnell entlarvt hätten. Die schlechten Seiten der Germanen lässt er ferner nicht unter den Tisch fallen. So erscheinen sie keinesfalls als naives Idealvolk eines goldenen Zeitalters. Außerdem decken sich manche seiner Beschreibungen mit den Beobachtungen, die Cäsar 150 Jahre vorher in seinem Germanenexkurs in „De Bello Gallico“ niedergelegt hat.

Es gibt keine andere antike Schrift über ein fremdes Volk, das der „Germania“ des Tacitus vergleichbar wäre. Die deutschen Humanisten fanden hier einen Fixpunkt für ein neu aufkeimendes Nationalgefühl. Damals wurde auch Arminius, den Tadtus „Germaniens Befreier“ nennt, zur Nationalfigur Hermann. Luther selbst schreibt, er habe ihn „von Herzen lieb“ und wollte ihn besingen, wäre er ein Dichter. Das haben mit Klopstock, Kleist und Grabbe spätere Dichter in monumentaler Form besorgt.

Arminius‘ Versuch, die germanischen Stämme zu einen, scheiterte wie auch ähnliche Unternehmungen später. Vielleicht hätte man sonst den konkreten Beginn einer deutschen Geschichte deutlich früher festmachen können. Schließlich bedurfte es Impulsen von außen, dass die Deutschen die Deutschen wurden. Johannes Haller: „Die deutschen Stämme sind nicht dämm zum deutschen Volke zusammengewachsen, weil sie von Natur zusammengehörten, sondern weil sie durch ihr Schicksal, das heißt, durch die Geschichte, zusammengeführt wurden.“

911: Geburt einer Nation?

Voraus gingen mehrere Stufen, eine der letzten und wichtigsten war das fränkische Reich. Bis 804 hatten die Franken die anderen Stämme unterworfen. Haller schreibt über diese Zeit: „Die deutschen Stämme sind zwar vereinigt im gleichen Staats- und Reichsverband und haben daher gemeinsame Geschicke, aber sie bilden noch keine gemeinsame Besonderheit, sie sind nur Teile des fränkischen Weltreichs, das außer ihnen auch Burgunder, Goten, Langobarden und namentlich sehr viele Römer umfasst. Eine deutsche Geschichte kann es erst geben, wenn die unter sich verbundenen deutschen Stämme sich vom Gesamtverband des fränkischen Reichs lösen und eine Einheit für sich bilden.“Wenn Haller eine Jahreszahl nennen müsste, würde er 911 angeben. Damals huldigten die deutschen Stämme nach dem Tode Ludwigs des Kindes nicht dem westfränkischen Nachfolger, sondern erhoben Herzog Konrad zum eigenen König. Feste Zahlen halten zwar immer nur etwas Äußeres fest, dienen dennoch hier dazu, die erste Periode in der Entstehung eines deutschen Staates zu bezeichnen.Auch die Sprachwissenschaft kann helfen, die Grenze zwischen germanischer und deutscher Geschichte zu ziehen, indem sie fragt, wann und warum das Wort „deutsch“ sich bemerkbar macht. Als mittel lateinische Vokabel kommt „theodiscus“ zur Zeit Karls des Großen auf. In der Bedeutung „zum (eigenen) Volk gehörig“ bezieht es sich seit 786 auf sprachliche Verhältnisse (germanische Volkssprache im Gegensatz zu Latein und romanischen Sprachen), dann auf politische Gegebenheiten. Dem Althochdeutschen thiutisk (um 1000) folgen mittelhochdeutsch diutsch und neuhochdeutsch dann deudsch (bei Luther), teutsch und deutsch. Das im Indogermanischen wurzelnde althochdeutsche „diot“, auf das sich das Adjektiv bezieht, bedeutet Volk und ist heute noch in Namen wie Dietrich oder Dietmar lebendig. Es hat übrigens denselben Ursprung wie „Tausend“. Der Zusammenhang: Eine große Menge an Leuten ist das Volk.Das Wort „Germane“ verschwandet in den antiken Quellen im 4. Jahrhundert. Schon sprachwissenschaftlich dehnt sich der Übergang von der germanischen zur deutschen Geschichte also über mehrere Jahrhunderte.Germanisch und deutsch wurden im folgenden Jahrtausend als weitgreifende Synonyme verwendet. Man denke an das Germanische Nationalmuseum (das größte zur Kulturgeschichte des deutschsprachigen Raums), an die Monumenta Germaniae Histórica (ab 1819 auf Initiative des Freiherm von Stein aufgearbeitete historische Dokumente)

 oder an Germanistik (zunächst war ein Germanist ein Kenner des „germanischen Rechts“, dann Erforscher des germanischen Altertums und zuletzt Sprach- und Litera- turwissenschaftler).

Noch bevor Romane wie Gustav Freytags „Die Ahnen“ oder Felix Dahns „Ein Kampf um Rom“ die Germanen als Gegenstand der Belletristik mit großem Identifikationspotenzial ausstatteten, begriffen kluge Köpfe wie Fichte (die Deutschen als „nächste Erben ihres Bodens“) oder Herder (die Germanen als „deutsche Völker“) sie als Teil der deutschen Geschichte. Auch Kla-bund schrieb 1920: „Jener germanische Jüngling, der einsam im Eichenwald am Altare Wotans niedersinkend, von ihm, der jeglichen Wunsch zu erfüllen vermag, in halbartikuliertem Gebetruf, singend, schreiend, die Geliebte sich erflehte, dessen Worte, ihm selbst erstaunlich, zu sonderbaren Rhythmen sich banden, die seiner Seele ein Echo riefen, war der erste deutsche Dichter.“ Selbst Heinrich Böll meinte 1979 über Tacitus‘ Germania: „Diese knappen Studien, fast aphoristisch, erweisen sich nach 1.800 Jahren nicht nur als lesbar, sondern auch als lesenswert: immerhin eine der ältesten, wenn nicht die älteste Auskunft über unsere,Vorfahren‘.“ Und das obwohl nach 1945 „fast alles, was man zu wissen glaubte, zerfasert und in Frage gestellt“ worden ist (Althistoriker Mischa Meier).

Wir sehen: Es gibt unterschiedliche Faktoren, die bestimmen, was zur deutschen Geschichte gehört und was nicht. Das sind zum einen gesicherte historische Fakten, aber genauso ihre aktuelle Interpretation und nicht selten ideologische Einordnung. So erinnerte Boockmann an die enthusiastische und (für ihn) irrende Epoche des deutschen Nationalbewusstseins, „während der zur kollektiven Selbstvergewisserung gehörte, dass Hermann der Cherusker ein großer Deutscher war“. Er gibt aber zu bedenken: „Wer skeptisch ist, wird für das Interesse an früheren Irrtümern auch deshalb plädieren, weil nicht sicher sein kann, dass für alle Zeiten Irrtum bleibt, was zur eigenen Zeit gerade als Irrtum erscheint.“

Der Begriff Germania: Römischer Name für den Siedlungsraum der Germanen in Mitteleuropa, Abkürzung fürTacitus’Traktat,/De origine et situ Germanorum“, Titel der nationalen Bekenntnisschrift des Humanisten Wimpfeling und Personifikation Deutschlands. Friedrich Overbeck, Maler aus der Schule der Nazarener, setzte 1828 neben seine Germania (rechts) die Italia.

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Amelie Winther

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Wochenrückblick…..paz31-14


Willkommen im Mittelalter! / Warum die nächste WM gleich in Katar stattfinden sollte, wieso das niemand ablehnen dürfte, und welche Fragen wir nicht mehr stellen

paz

Endlich werden Nägel mit Köpfen gemacht: Führende Politiker der Union fordern, dass wir den Russen die Fußball-WM 2018 wieder wegnehmen. Als Strafe für alles, was die US-Geheimdienste an Beweisen zu Putins Untaten in der Ukraine ins Fenster gestellt haben.

Einige meinen schon, Deutschland, dessen Anlagen von 2006 noch gut in Schuss sind, könnte sich ja bewerben als Ersatz für die finsteren Moskowiter. Aber warum denn? 2022 wäre Katar dran, und da bauen die ja schon ganz eifrig. Wenn man die Peitsche nur noch etwas schwungvoller auf den Rücken der Sklavenarbeiter am Golf tanzen ließe, werden sie vielleicht schon vier Jahre früher fertig. Alles eine Frage der Motivation der Arbeiter.

Von Motivation verstehen die Kataris eine ganze Menge. In aller Herren Länder motivieren sie islamistische Gruppen wie die Moslembrüder, immer noch etwas härter zuzupacken bei der Ausmerzung des Unglaubens. Hinter einer endlosen Reihe von Fanatikerzellen weltweit steckt katarisches Geld. Nach Informationen der syrisch-katholischen Kirche auch hinter der Gruppe „Islamischer Staat“, kurz IS, besser unter dem bisherigen Namen Isis bekannt. Die mordet sich gerade durch Syrien und Irak.

Die Epoche der
Aufklärung ist vorbei:
Ab sofort darf
Religion nicht mehr
kritisiert werden

Beste Voraussetzungen also für eine „Fußballweltmeisterschaft des interreligiösen Dialogs und der Toleranz“ in dem Golf-Emirat. Dort hätten wir die WM gern schon vier Jahre früher, statt unsere Goldjungs 2018 bei diesen undurchsichtigen Russen kicken zu lassen. Da ist ja nicht bloß diese Ukraine-Sache. Auch mit den Menschenrechten soll es hapern bei den Russen und überdies hegen Beobachter Zweifel, dass es bei den Wahlen dort immer mit rechten Dingen zugeht. Katar dagegen ist von jedem Verdacht der Wahlfälschung frei. Es gibt nämlich gar keine Wahlen, das Emirat ist eine absolute Monarchie, der auch die Medien zu gehorchen haben. Und was Menschenrechte sind, steht in der Scharia, dem islamischen Recht, das in Katar gilt.

Also jetzt mal wieder nüchtern werden: Soll das ein Witz sein? An so ein Land vergeben sie die WM, und an Russland werden „Zweifel“ laut? Ja, genauso ist das. Und wissen Sie warum? Nein?

Der Trick geht ganz einfach. Wer Katar kritisiert, kann es gar nicht vermeiden, irgendwann auch am Islam entlang zu schrammen. Denn praktisch alles, was mit dem Rechtssystem und der Kultur des Landes zu tun hat, ist aufs Engste mit jener Religion verflochten, meist sogar direkt aus ihr hergeleitet.

Sollten Sie also der verwegenen Idee verfallen, an Katar als WM-Ausrichter herum zu nörgeln, haben wir Sie sofort als „Islamhasser“ beim Wickel. Denn Kritik am Islam ist verboten.

Haben Sie es nicht bemerkt? Wir sind Zeugen eines Epochenwechsels: Der kalte Wind der Aufklärung, der seit der frühen Neuzeit über Europa fegte, beginnt, sich sachte aber stetig zu legen. Der wohlige Muff des Mittelalters breitet sich statt seiner wieder aus.

Die Aufklärung hatte die ungemütliche Regel mitgebracht, dass alles und jeder kritisiert werden durfte: Herrscher und Systeme, wissenschaftliche Gewissheiten, Überzeugungen und – ja: auch Religionen. Das war vorher undenkbar. Wer nicht gläubig war, der hatte wenigstens so zu tun. Oder er hatte wenigstens die Klappe zu halten. Spätestens seit dem 19. Jahrhundert dagegen konnte man Religion ganz offen attackieren, ja, sie sogar als gefährlich verdammen oder als Volksverdummung (Karl Marx: „Religion ist Opium für das Volk“) verachten. Ganz öffentlich.

Das war einmal, das haben wir hinter uns. Eine Religion öffentlich in Gänze abzulehnen, ist nicht mehr statthaft, denn „wer eine Religion pauschal ablehnt, der stellt sich gegen Millionen und Milliarden von Menschen, die in ihrer überwältigenden Mehrheit friedlich leben“.

Das Zitat habe ich von Kai Diekmann, dem Chefredakteur der „Bild“-Zeitung. Im Verlagshaus Springer tobt gerade heftiger Tumult, weil der Vizechef der „Bild am Sonntag“, Nicolaus Fest, geschrieben hatte, „der Islam stört mich immer mehr“ wegen der „weit überproportionale(n) Kriminalität von Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund“ und der „totschlagbereite(n) Verachtung … für Frauen und Homosexuelle“. Fest mag auch „Zwangsheiraten, ,Friedensrichter‘, ,Ehrenmorde‘ “ nicht, die er mit dem Islam in Verbindung bringt, ebenso wie „antisemitische Pogrome“. Wegen seiner gesammelten Eigenschaften, wie Fest sie sieht, sei der Islam ein „Integrationshindernis“, was man „bei Asyl und Zuwanderung ausdrücklich berücksichtigen“ sollte.

Nachdem das am Sonntag in Fests Blatt gestanden hatte, brach ein Sturm los. „Gruselig“ und „dumm“ findet die „taz“ den Fest-Kommentar, der Autor sei ein „Idiot“. Und „Bild“-Chef Diekmann lässt keinen Zweifel, dass in seinem Hause „kein Raum“ sei für Fests Meinung. Der „Tagesspiegel“ treibt es ganz geschickt und erklärt Fests „Islamhass“ listig selbst zur „Religion“ deutscher „Rassisten“.

Letzteres ist besonders aufschlussreich: Es war kennzeichnend fürs Mittelalter, dass Unterschiede der Anschauungen fast immer religiös definiert waren: Moslem oder Christ etwa. Selbst in der Wissenschaft war neben der Sache auch immer enorm wichtig, ob eine These gottgefällig war oder nicht. Im Zeitalter der Aufklärung hingegen stritten die Protagonisten nur noch um politische und wissenschaftliche Anschauungen und ließen die Religion in der Kirche. Die „Tagesspiegel“-Kommentatorin steht indes wieder dermaßen tief im Mittelalter, dass sie sich selbst die Ablehnung einer Religion nicht anders erklären kann denn als Ausdruck einer weiteren Glaubensrichtung, die sie mal kurz die „Religion der Islamhasser“ tauft.

Orthodoxe islamische Geistliche und Prediger dürfen sich in ihrem Erfolg sonnen. Ohne dass wir es merken, haben sie unser Denken zurückmanipuliert in jene längst überwundene Epoche, in der sie sowieso am liebsten gelebt hätten. Nur ein paar Wörter mussten sie austauschen, damit es nicht so auffällt, denn die neuen Mittelaltermenschen kommen sich selbst unverdrossen vor wie die Spitze des Fortschritts. Ein Irrtum, den sie unbedingt beibehalten müssen, damit sie auch weiter so gut funktionieren.

Daher heißt es nicht mehr „Ketzerei“, wenn jemand die (selbstredend einzig wahre) Religion aufs Korn nimmt, sondern „Verletzung der Gefühle von Millionen und Milliarden friedlicher …“ Und was im ersten Durchlauf des Mittelalters noch als Bannspruch unfehlbarer Religionsführer dekretiert wurde, das wird uns heute als „Regeln der Toleranz“ aufgepresst.

Dass es letztlich das Gleiche ist, beweist der Umgang mit kritischen Fragen. Wenn wir beispielsweise von Greueltaten muslimischer Gruppen gehört haben, wird verlesen, dass „der Islam“ eine „Religion des Friedens“ sei und die Totschläger nur irregeleitete Abweichler. Wenn jemand dann nachweist, dass der Islam sehr wohl gewaltgeneigte Aspekte aufweist, dann wird er barsch zurechtgewiesen, dass es „den“ Islam gar nicht gebe, sondern nur eine „bunte Vielfalt ganz unterschiedlicher Richtungen“.

Da juckt natürlich die Frage auf der Zunge: Wie kann „der“ Islam eine Religion des Friedens sein, wenn es „den“ Islam gar nicht gibt? Sehen Sie: Aber genau diese Frage stellen wir selbstverständlich nicht, weil wir als Menschen des neuen Mittelalters längst gelernt haben, dass es sich nicht gehört, auf solch freche Weise in den Ratschlüssen der Großen her­umzufummeln, wie wir es noch in der Zeit der verfluchten Aufklärung getan hätten.

Nicht nur unser Reden können wir mittlerweile perfekt kontrollieren, auch unser Gehör. Als die Männer des IS neulich verkündeten, dass sie bis 2020 Madrid erobern wollen, haben wir das vielleicht vernommen, aber gehört haben wir es im eigentlichen Sinne trotzdem nicht. Wenn doch, dann machen wir uns sofort selber klar, dass das mit „dem“ Islam ja gar nichts … Sie wissen schon.

paz 31-14

Wochenrückblick…..paz24-14


Der Wille der Wähler / Wie Juncker sogar mehr als 100 Prozent bekam, warum Merkel ihn verhindern will, und wie das Mittelalter als »Fortschritt« zurückkehrt

paz

Das soll ja wohl ein Witz sein! Der syrische Machthaber Assad gönnt sich eine „Wahl“ und gewinnt mit dem „unverfälschten Ergebnis“ von 88,7 Prozent. Der muss uns für sagenhaft bescheuert halten, dass der uns so einen durchsichtigen Betrug anbietet. 88,7 Prozent, so viel gibt’s nur bei Scheinwahlen in abgeschmackten Diktaturen. Deshalb ist und bleibt Assad ein Feind des Westens, der Freiheit und von allem, was uns teuer ist.

Fast gleichzeitig mit den Syrern haben die Ägypter ihren Präsidenten gewählt. General Al-Sisi errang 96,9 Prozent der Stimmen. Der muss uns also für noch behämmerter halten als Assad und soll nicht glauben, dass wir ihm das durchgehen lassen … oder doch?

Bei Al-Sisi waren die Kommentatoren zwar auch nicht begeistert, dennoch schütteten sie über ihn längst nicht so viel Häme aus wie über Assad. Tenor: Das ist da eben so, oder: Sonst hätten die Moslembrüder gewonnen, dann doch besser diese Farce.

Ja, und? Strömen nicht auch Tausende von Islamisten (sogar aus Europa) gerade nach Syrien, um „den Diktator Assad“ zu ersetzen durch ein levantinisches Taliban-Regime?

Sicher, sicher, dennoch kann man das nicht auf eine Stufe stellen. Der Unterschied ist nämlich, dass Assad mit den Russen kuschelt, während Al-Sisi eine exzellente Militärausbildung in den USA und Großbritannien absolviert hat und eine Armee anführt, die seit Jahrzehnten mit Milliarden aus Washington „unterstützt“ wird.

Daher gilt es, die Nichtswürdigkeit, Frechheit und Verschlagenheit des Syrers allen Menschen täglich neu klarzumachen, während man die Vorgänge in Ägypten – wie heißt es noch gleich? – ach ja, richtig: während man die Vorgänge in Ägypten im „Gesamtzusammenhang“ sehen muss.

Dabei sollten wir uns nicht aufs hohe Ross abendländischer Arroganz setzen. Wir können von unseren Freunden im Nahen Osten viel lernen, sagen uns weise Menschen. Das mussten sie uns nicht zweimal sagen, schon zur EU-Wahl haben wir fleißig gebüffelt und können nun selber Wahlergebnisse von orientalischer Eindeutigkeit verkünden. SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi hat mitgeteilt, dass 400 Millionen Europäer für Jean-Claude Juncker als EU-Kommissionspräsidenten gestimmt hätten.

400 Millionen! So viele EU-Wahlbürger unterstützen den Luxemburger. Das schlägt sogar die Assad- und Al-Sisi-Werte bei der Zustimmung. Laut vorliegenden Zahlen sind 400 Millionen nämlich mehr, als es in der EU überhaupt Wahlberechtigte gibt. Juncker weiß also mehr als 100 Prozent hinter sich.

Zwar sind nur 43 Prozent zur Wahl gegangen, das macht aber nichts: Fahimi verbucht auch die 57 Prozent Nichtwähler als Juncker-Stimmen. Ebenso wie die Voten jener, die ganz ausdrücklich gegen Juncker gestimmt oder die zwar eine seiner Parteien unterstützt haben, aber gar nicht wussten, wer dieser Herr Juncker eigentlich ist.

Fahimis Zahlenprahlerei hat einen Grund: In Brüssel ist das Gezerre um Macht und Posten voll erblüht. Alle raufen sich keifend und zischend um die Beute, Intrigen werden gesponnen und falsche Fährten gelegt wie am Hofe des berüchtigten Rodrigo Borgia alias Papst Alexander VI.

Angela Merkel war erst gegen Jean-Claude Juncker. Dann hat sie sich plötzlich hinter ihn gestellt. Allerdings, so wird hinter schweren Gardinen getuschelt, nur, um ihn bei günstiger Gelegenheit für einen möglichst hohen Preis zu „opfern“. Warum? Weil sich Martin Schulz ausbedungen hat, den Sessel des deutschen EU-Kommissars zu erben, wenn er Juncker den Vortritt beim Kommissionspräsidenten lässt. Bei der Aussicht, den Sozi Schulz auf dem Platz des Deutschen in der Kommission zu erleben, dreht sich der Kanzlerin der Magen um. Selbst viele, viele Deutsche, die mit der CDU-Chefin sonst nicht viel am Hut haben, sind da ganz nahe bei Frau Merkel. Die Rechnung: Wenn Juncker es nicht wird, hat Schulz auch keinen Anspruch auf einen Ersatzposten. Aus, vorbei, beide erledigt.

Die beiden wollen sich aber nicht so ohne Weiteres erledigen lassen. Daher springt Schulz’ Genossin Fahimi bei und bringt ihre 400 Millionen ins Spiel. Es wird immer besonders lustig, wenn solche Kandidaten auf einmal die Völker entdecken und auf „Demokratie“ machen, wo sie in Wahrheit nichts anderes als „ich, ich, ich“ im Kopf haben. Man zieht alle Register, auch die faulen: Wäre Juncker eine Frau, würde er keine Sekunde zögern, seine eigene Erhebung zur Kommissionspräsidentin als „mutiges Signal der Gleichberechtigung“ anzupreisen. Und wäre er auf einem fernen Kontinent geboren worden, gleich noch als ein „Bekenntnis zu einem weltoffenen und toleranten Europa“.

Nun ist er aber weiß, männlich und mitteleuropäisch, da bleibt ihm nur das Pochen auf den „Willen der Wähler“. Auch wenn es den so nie gegeben hat, und ihm der Wille dieser Wähler im Grunde reichlich egal ist, wie Juncker mehrfach selber zu Protokoll gegeben hat.

Die Fassade muss stimmen, dahinter darf sich gern das Gegenteil verbergen. Und das ist immer häufiger der Fall: In letzter Zeit versucht man uns sogar, das Denken des tiefsten Mittelalters als „fortschrittlich“ und „emanzipatorisch“ unter die Weste zu jubeln.

Neulich haben sie den Film „Die Päpstin“ wiederholt. Die Geschichte: Ein Mädchen wächst im Deutschland des 9. Jahrhunderts auf. Es ist zwar erstaunlich intelligent und belesen. Weil es aber weiblich ist, darf es nicht auf die Klosterschule. Listig verkleidet es sich als Mann, alles klappt und am Ende soll „er“ sogar Papst werden. Das wollen die Granden Roms verhindern, weil der Kandidat deutsch ist, ein Ausländer! Trotzdem klappt’s.

Wunderbar: Da hat die Neuzeit dem Mittelalter literarisch die Leviten gelesen: Nicht Geschlecht oder Herkunft zählen bei uns, sondern allein die Befähigung zum Amt. Deshalb leben wir auch so viel besser als die armen Teufel in jener finsteren Epoche, als jeder in seiner angeborenen Rolle gefangen war.

Freunde, wir können uns alle glücklich schätzen, nicht wahr? Nein, nicht alle. Es gibt Leute, die vermissen die Vorzüge des Mittelalters sehr. Nein, ich rede nicht von den verstaubten Verliesen erzreaktionärer Zirkel. Ich spreche von der Speerspitze des grünlinken Journalismus in Deutschland: der „taz“.

Die Zeitung ist vom Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg verurteilt worden, weil sie bei der Ausschreibung für eine Volontärstelle von vornherein alle Männer nicht als Bewerber zugelassen hat, da sie Männer sind. Und gleich dazu noch alle Frauen, wenn sie keinen „Migrationshintergrund“ haben. Diese Praxis verstoße gegen das Verbot von Diskriminierung, so die Richter.

Die „taz“ gibt sich uneinsichtig. Man müsse nicht nur Frauen bevorzugen, weil sie Frauen sind, sondern es müsse auch um „Herkünfte“ gehen, die zu privilegieren seien, Migranten eben.

Also Schluss mit „Der Beste soll den Posten kriegen“. Nein, wie im Mittelalter entscheiden wieder Geschlecht und Herkunft über den Erfolg. Die „taz“ sagt, nur durch Privilegierung bisher Benachteiligter könne Gleichheit hergestellt werden. Na gut, aber was wird dann aus den anderen Benachteiligten?

14 Prozent der Deutschen beispielsweise sind „funktionale Analphabeten“. Wie viele davon durften bisher Journalist werden? Vermutlich mehr, als man annimmt, wenn man so manche Blätter … Aber dennoch ist hier bestimmt noch Nachholbedarf, bei dem die fortschrittliche „taz“ vorangehen sollte.

Und bei den „Herkünften“ muss auch noch viel mehr differenziert und quotiert werden. In ein paar Jahrzehnten sind wir dann endlich wieder da, wo einem schon an der Wiege gesagt werden kann, was aus einem werden wird. Wie im 9. Jahrhundert. Und so schön wie damals dürfte das Leben dann auch bald wieder sein.

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paz 24-14