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“Moschee des Grauens”


aktuell bis Kapitel 12

Ein Fantasy-Abenteuer Roman – von Otto Gottiker

Der Autor ist auf der Suche nach einem Verlag oder einer anderen Verbreitungsmöglichkeit.

Er beabsichtigt mit diesem unterhaltsamen Roman diejenigen Leser für unser gemeinsames Thema zu sensibilisieren, die an die täglichen politischen Nachrichten und an sachlichen Analysen wenig Interesse haben.

Unsere Leser sind gebeten, ihr Feedback abzugeben. Die ersten zwei Leserstimmen attestieren einen realistischen Stil, vermischt mit Fantasy-Elementen und viel Spannung.

Wir selber kennen den Roman nur teilweise und sind sehr gespannt auf die weiteren Verwicklungen.

http://www.kybeline.com/category/fun-fun-fun/

——————————

„Vorher“ als Audio – lesen lassen, statt lesen

weitere Kapitel ebenfalls als Audio……

Vorher

Sie kamen aus der Disco gut gelaunt und auch ein wenig zugedröhnt heraus. Das Mädchen hatte noch ein wenig mit den Türstehern geflirtet und der Junge war deswegen eifersüchtig. Er zeigte ihr ein wenig die kalte Schulter auf dem Weg zum Wagen. Sie hing sich an seine rechte Schulter, um ihn zu besänftigen, knuddelte ihn ein wenig, sprang hoch und küsste sein Ohrläppchen, denn sie wusste, dass er ihr dabei nie widerstehen konnte. Daraus wurde ein wildes Schmusen, zumal sie jetzt aus dem Licht heraus, in die Dunkelheit des Parkplatzes liefen.
Zwei Straßenlaternen waren kaputt und das Grundstück, das die Straße säumte, war auch unbeleuchtet. Sie waren so sehr mit einander beschäftigt, dass sie gar nicht mitbekamen, dass sie nicht mehr alleine waren, bis sie jäh und wild auseinander gerissen wurden.
Ein paar junge Männer tauchten aus der Dunkelheit herauf. Vielleicht waren es sechs, vielleicht auch acht. Ihre finsteren Gesichter zeigten den beiden Verliebten sofort, dass sie keinen Spaß verstanden. Der Junge versuchte instinktiv, das Mädchen zu beschützen, indem er sich vor ihr stellte und sie mit den Händen hinter sich schob.
Sie schlugen gleich auf ihn los. Sie schlugen ihn zu Boden und kickten ihn ins Gesicht, in den Rücken, in die Weichteile, überall, wo sie ihn nur erwischen konnten. Er hielt die Hände über den Kopf, aber es half ihm nichts. Er konnte seinen Kopf nicht vor den brutalen Fußkicken schützen. Jeder einzelne Hieb traf ihn wie ein Hammer, immer schwerer, immer härter.
Er schmeckte sein eigenes Blut im Mund, und er wusste, dass sein Nasenbein gebrochen war. Er hatte den Knochen brechen hören. Bald waren auch seine Augenlider zugeschwollen, so dass er nichts mehr sehen konnte. Das letzte, was er noch wahrgenommen hatte, war das Gesicht der blonden Frau. Sie kam ihm irgendwie bekannt vor, obwohl er sie noch nie gesehen hatte. Es schien ihm absurd, ein Gesicht so tief unten am Boden in seiner Augenhöhe zu sehen, irreal wie in einer Traumwelt. Dann verlor er die Besinnung.

Das Mädchen schrie und zappelte mit aller Kraft, so weit sie sich noch bewegen konnte. Sie wollte ihrem Freund zu Hilfe eilen, aber mehrere Hände hielten sie fest wie eiserne Handschellen. Sie musste zusehen, wie sie ihren Freund schlugen und kickten, bis er sich nicht mehr rührte. Dann hörte sie auf zu kämpfen und sich zu winden. Sie blieb die ganze Zeit bei Bewusstsein, aber ihr Körper wurde schlapp und kraftlos, wollte ihr nicht mehr gehorchen. Sie ließ willenlos zu, dass sie sie an den Armen packten und sie auf das Grundstück hinter die dunkle zwei Meter hohe Betonmauer verschleppten.
Sie brachten sie in ein Gebäude, durch einen stickigen Korridor, der nach ranzigem Fett und orientalischen Gewürzen roch, dann durch ein enges Treppenhaus, auf steilen Spindeltreppen in den Keller hinunter. Sie sprachen in einer fremden Sprache zueinander, so dass sie nicht verstand, was sie mit ihr vorhatten, bis sie den dunklen Mann mit dem wilden, zerwühlten Gesicht, mit schwarzen Stoppelbart und dem Messer in der Hand auf sich zukommen sah.
Kalter Angstschweiß brach an ihr aus, wie bei einem Opfertier, das mit seinem sechsten Sinn die Absicht des Schlächters riecht. Sie fing wieder an, wild zu zappeln, sich zu winden und aus voller Kehle zu schreien.
Und er tat es. Er setzte das Messer an ihre Kehle und bewegte es hin und her wie einen Geigenbogen, bis das Blut aus ihrer Kehle spritzte. Die anderen hielten ihren Kopf herunter gedrückt, damit das Blut auf dem Boden abfließen konnte. Der Körper des Mädchens zuckte heftig und zwang die Männer, ihre Hände, wie eiserne Klammern immer wieder an ihre Glieder neu anzulegen. Sobald sie nachlässig wurden und ihren Griff ein wenig lockerten, zuckte sie sofort wieder, als ob sie sich noch mit letzter Kraft freikämpfen wollte. Der Kampf hatte längst jeden Sinn verloren. Es kamen nur noch ein paar schwache Zuckungen, nur das letzte Aufbäumen des Lebens gegen den unausweichlichen Tod.
Der Schlächter sah zu, wie das Blut in einem immer dünneren Rinnsal durch den Abfluss herunterfloss, bis es ganz versiegte. Das Mädchen lag jetzt völlig reglos vor seinen Füssen auf dem Boden und gab keine Geräusche mehr von sich. Er hatte sie getötet und es tat ihm nicht Leid. Er hatte ihr die Gurgel durchgeschnitten und ihren Kopf über den Schlachtstein gehalten, bis das ganze Blut aus ihrem Körper hinaus geflossen war. Anfangs kämpfte sie verzweifelt, dann aber röchelte sie nur. Zuletzt zuckte sie nur noch unter dem Griff seiner Hände wie ein Opferlamm.
Er musste es einfach tun. Diese unbeschreibliche Macht, die viel stärker war als er, verlangte es von ihm, hatte ihn dazu gezwungen. Gott wollte es so.“ Inschallah!“ sprach er laut aus. Allahs Wille geschehe. Die anderen Männer murmelten ihm nach, wie eine Antwort auf die Worte des Vorbeters.
Sie lag jetzt regungslos da, vor seinen Füssen. Sie zuckte nicht mehr. Sie fühlte auch nicht mehr die Kälte ihre Haut zusammenziehen, ihren Muskel zusammenzucken. Die Angst war verschwunden und sie entspannte sich langsam.
Irgendwo aus der Dunkelheit hinter ihr flüsterte es:
„Komm!“.
Es war wie ein Rauschen in der Luft, so dass sie es anfänglich gar nicht wahrnahm. Aber das Rauschen wiederholte sich, wie der Sommerwind in den Feldern:
„Komm!“
Und eine Hand streckte sich ihr entgegen. Sie sah sie in der Luft schweben, und ihre Blicke folgten in die Dunkelheit hinein, dem Arm entlang, über die Schulter, auf die gewellten, langen blonden Locken, die sich golden um ein Gesicht schlängelten, das weiß wie Elfenbein war.
Sie wusste nicht, ob die Frau wirklich so weiß war, oder ihr Gesicht nur wegen der fahlen Licht so weiß erschien. Es war alles so unwahrscheinlich und dennoch selbstverständlich, so dass sie sich langsam erhob um der weißen Frau mit den blonden Locken zu folgen. Auf dem Schlachtstein blieb der leblose Körper zurück, kalt und ausgeblutet.

Kapitel 1

„Die Gesellschaft muss für die Muslime mehr tun“, sagte Salchan Edal und zog an dem Saum ihres kurzen Rocks. Von den drei Talkgästen war sie die attraktivste und sie war sich dessen vollkommen bewusst. Jung, intelligent, sexy, sehr weltmännisch wie sie war, hatte der Verein sie gezielt für die Talkrunde des Regionalfernsehens S-TV ausgesucht. Sie war bestens geeignet, alle Klischees und Vorurteile über den Islam mit einer Handbewegung und einem Lächeln zu zerstreuen. Und wenn das nicht reichte, dann hatte sie noch ihre langen Beine, die sie jetzt in schwarzen Strümpfen, lackierten Stöckelschuhen und Minirock besonders gut ins Bild setzte. Ihre üppige, schwarzgelockte Mähne, und ihre schwarzsamtenen Augen betonten ihre orientalische Schönheit. Ihre sinnlichen, vollen Lippen unter dem edlen blutroten Lippenstift ließen ihre Zähne perlweiß aufblitzen, während sie sprach. Sie bediente sich meisterhaft all dieser Gaben, mit der die Natur sie ausgestattet hatte. „Egal was wir, Muslime, für diese Gesellschaft tun, welchen Beitrag wir zur Integration leisten, es nimmt niemand zur Kenntnis. Aber wenn irgendwo ein Jugendlicher etwas Schlechtes getan hat, der zufällig ein Muslim war, dann heißt immer gleich, der Islam ist schuld an allem. Dass die Muslime schlecht integriert und gewalttätig sind. Wenn andere Zuwanderer dasselbe tun, kümmert sich niemand darum. Wenn ein christlicher Einwanderer kriminell wird, sagt niemand, dass es typisch für die Christen ist.“ Während sie sprach suchte sie mit ihren großen, dunkel schattierten Augen die Kamera und flirtete mit dem großen Unsichtbaren dahinter, mit den Millionen Zuschauern, die ihr Lächeln erst nach Tagen zu Gesicht bekommen werden, wie man ihr beim Vorbereitungsgespräch, beim Briefing erklärt hatte.
Ihr gegenüber, auf den überstylten ledernen Sitzmodulen des Studios saß der Oberstaatsanwalt Matthäus ablehnend, gereizt. Er konterte heftig, sobald sie eine kurze Pause machte:
„Wenn es nur um ein paar zufällige Fälle ginge, säßen wir nicht hier, Frau Edal. Aber die Statistiken sprechen für sich. Von 906.054 Fällen, bei denen die Täter Jugendliche mit Migrationshintergrund waren, hatten 71,2 Prozent eine muslimische Herkunft. Das sind Fakten und keine Vorurteile.“
Salchan Edal drehte zuerst ihr Gesicht in die Kamera und warf ihre Haare mit einer schwungvollen Kopfbewegung nach hinten, bevor sie antwortete:
„Die Polizei erfasst jede Kleinigkeit, wenn der Täter aus einer muslimischen Familie kommt. Bei einem deutschen Jugendlichen drücken sie ein Auge zu, weil sie seine Zukunft nicht zerstören wollen. Bei einem Muslim sagen sie sich, dass es eh egal ist, weil er so oder so keine Zukunft hat. Und die Gerichte setzen diese Linie fort.“
„Das meinen Sie doch nicht im Ernst, Frau Edal“, empörte sich der Staatsanwalt.
Die schöne Libanesin hob wieder ihre Schulter gerade, so dass sich ihr Busen hinter dem tiefen Ausschnitt ihrer roten Hemdbluse nach vorne schob, aufrecht und provokativ, wie zwei Krieger auf der Barrikade. Eine Methode, die sie sich angewöhnt hatte, um damit ihre männlichen Gesprächsgegner weich zu bekommen. Sie holte Luft, um auf Gegenangriff zu gehen. Aber die verbale Antwort konnte sie sich diesmal ersparen, denn die anderen Beteiligten eilten ihr zur Hilfe:
„Die Gesellschaft trägt einen großen Teil an Mitschuld“, sagte die Jugendpsychologin Dr. Margit Tennewill mit einer Überzeugung, die keinen Widerspruch duldete. „Wir haben zu lange weggesehen, anstatt auf sie zuzugehen um ihnen zu zeigen, dass wir uns für ihre Kultur interessieren und uns bemühen, ihre Probleme, ihre seelischen Konflikte zu verstehen. Den Menschen mangelt es heute an Zivilcourage und Anteilnahme für das Schicksal ihrer Mitmenschen. Wenn wir sie mit mehr Menschlichkeit behandeln, werden wir schnell entdecken, dass sie uns genau so menschlich und freundschaftlich gegenüber stehen. Aber wenn wir sie ständig ablehnen, benachteiligen, und uns ihnen gegenüber abwertend verhalten, dürfen wir uns über ihre Aggressionen nicht wundern. “
„Wir raten dennoch von zu viel Zivilcourage ab“, sagte der Oberstaatsanwalt Matthäus, und zog nervös an seiner Jacke, die sich bei einer heftigen Bewegung eingeklemmt hatte und jetzt unbequem spannte. Er löste das Problem dadurch, dass er einen Knopf aufknöpfte und dann wandte er sich wieder irritiert an die Jugendpsychologin „Bei vielen jugendlichen Gewalttätern handelt es sich oft um emotional labile Persönlichkeiten, die nicht immer nach einem vorhersehbaren Muster handeln. Manchmal befinden sie sich auch unter der Auswirkung von Aufputschmitteln, wie die Gewaltdroge Tilidin –„
Die Erwähnung des Tilidin wirkte auf alle Beteiligten irgendwie belebend. Sie alle fanden gleichzeitig etwas dazu zu sagen, so dass die Moderatorin sie sanft ermahnen musste, bevor sie wieder dem Staatsanwalt das Wort gab. Dieser setzte fort:
„Manchmal kann man mit einem verständnisvollen, toleranten Auftreten die von Ihnen gesagte beruhigende Wirkung ausüben. Aber vergessen Sie nicht, Frau Tennewill, dass wir von den Durchschnittsbürgern sprechen, die nicht darauf geschult sind, mit Problemjugendlichen umzugehen. Und es kann ebenso passieren, dass diese sich von solchen Erwachsenen provoziert fühlen und dann erst recht ausrasten.“
„Ich verstehe, worauf Sie hinaus wollen“, sagte die Moderatorin kopfnickend. „Aber was raten Sie den Unbeteiligten, die zufällig in der Nähe sind, wenn solche Gewalttaten geschehen?“ Sie wandte sich ohne eine Antwort von Frau Tennewill zu erwarten, erneut an den Oberstaatsanwalt: „Wie sollen sie sich Ihrer Meinung nach verhalten? Und was können sie tun, um zu helfen?“
„Nichts. Am besten sollte man sich nicht einmischen. Man sollte gar nicht zu nahe gehen, sondern so schnell wie möglich den Notruf tätigen und professionelle Hilfe herbeiholen. Diese Jugendlichen haben oftmals eine Hemmschwelle überschritten, -„
Frau Tennewill fiel ihm ins Wort:
„Sie sprechen über sie, als ob sie zügellose Schwerverbrecher wären. Als ob Sie von Tieren sprechen würden. Es handelt sich um ganz vernünftige junge Menschen, die sich nach einem festen ethischen Ehrenkodex verhalten. Wir müssen die muslimische Ethik berücksichtigen, um sie besser zu verstehen. Man muss wissen, dass bei diesen Jugendlichen die Ehre und das Ansehen innerhalb der Gruppe eine absolut zentrale Rolle spielt.“
Der Regisseur saß im Dunkeln, hinter den Kameraleuten und beobachtete die Szene argwöhnisch. Der Staatsanwalt spielte seine Rolle noch einigermaßen verträglich, so wie man es vorher besprochen hatte. Ihm war in diesem Spiel von guter Bulle böser Bulle die Rolle des bösen Bullen zugedacht und er hielt sich daran. Aber Dr. Tennewill brachte das ganze Konzept durcheinander. Bei fast jedem zweiten Satz stöhnte der Regisseur verzweifelt auf oder ließ die Luft zwischen den Zähnen raus, was für seine Mitarbeiter ein sicheres Zeichen war, dass er mit der Arbeit des Teams unzufrieden und kurz davor war, auszurasten.
„Die blöde Kuh redet nur Mist“, schimpfte er zwischen den Zähnen zu seinem Assistenten. „Wenn wir das bringen, dann gibt es draußen auf der Straße einen Aufruhr. Wir werden fast alles rausschneiden müssen.“
Der Regieassistent gab die Spannung an das Casting weiter:
„Wurde sie denn nicht gebrieft? Weiß sie nicht, welcher Druck auf dem Sender lastet? Noch dazu so kurz vor den Wahlen! Mein Gott, mein Gott!“
Es war eine Sondersendung, die überhaupt nur aus der Not heraus entstanden war, weil die Öffentlichkeit sich über den Mord in der Moschee aus dem Gewerbegebiet sehr empört hatte. Die Stadt und die Polizei wollte mit dieser Talkrunde im Regionalfernsehen den Menschen das Gefühl geben, dass es ein einmaliger, grausamer Einzelfall war, ohne politische oder religiöse Hintergründe, der sich nicht wiederholen könnte. Aber die Talkgäste waren schwer im Zaum zu halten. Der Staatsanwalt war gereizt und hatte insgeheim einen Groll auf den TV-Sender, auf den Intendanten und auch an dessen Frau, Dr. Tennewill. Die Muslimin im Minirock mochte er noch weniger. Aber es musste sein und so hatte er sich mit zusammengebissenen Zähnen dem Gespräch gestellt.
Dr. Tennewill, die Psychologin, merkte nichts von all diesen Spannungen. Sie sprach munter weiter über ihre unorthodoxen Theorien und Methoden, die sie auch in ihrem jüngsten Buch vorgestellt hatte. Man muss die Jugendlichen nach ihrer ethnischen Herkunft trennen, und je nach dem, welcher Kultur sie angehörten, unterschiedlich behandeln:
„Segregation ist die Lösung für all die Probleme der dritten und vierten Generation von Muslimen“, sagte sie. „Segregation ist der richtige Weg zur Integration. Die Städte Mannheim und Hamburg haben in zwei voneinander unabhängigen Experimenten nachgewiesen, dass die Segregation die Methode schlechthin ist, um dem Problem Herr zu werden. Denn die Jugendlichen entwickeln ihre Aggressionen erst in der Konfrontation mit der Mehrheitsgesellschaft. Wenn die türkischen Jugendlichen unter sich sind, beträgt ihr Aggressionspegel etwa 63,9 Prozent von dem, was sie entfalten, wenn sie mit der restlichen Bevölkerung, mit den Nichtmuslimen in Kontakt kommen.“
„Das können Sie nicht ernst meinen, Frau Tennewill!“, fuhr der Staatsanwalt auf.
Der Regisseur hob noch einmal, als Zeichen der Verzweiflung, seine Hände in den Himmel.
„Was erzählt die da?! Das alles muss ausgeschnitten werden! Hörst du, Holger!“ wandte er sich zu seinem Assistenten. „Von all dem darf nichts drin bleiben! Keine neue Vorschläge und Theorien, wenn es um die Jugendgewalt und Islam geht, ohne dass man sie vorher genau mit dem Intendanten und mit der Partei abklärt! Diese Anweisung kommt doch von ihrem werten Gatten persönlich, vom Herrn Chefintendanten Tennewill!“ sagte er mit einer bitterbösen Ironie. „Und wir hatten uns geeinigt, dass sie keine neuen Zahlen nennt. Nur die, die bereits veröffentlicht sind! Sie hält sich an gar nichts!“
Hinter ihm, im Halbschatten, saß ein junges Mädchen mit leuchtend blonden Zöpfen, in einem flauschigen braungestreiften Pulli auf der Kante eines Wartezimmerstuhls und hörte aufmerksam zu. Bei diesen Worten nahm sie ihren Notizblock, auf dem sie schon einige Sätze und Stichworte aufgeschrieben hatte, und kritzelte darauf: „Neue Vorschläge und Theorien, zu Jugendgewalt und Muslime müssen vorher mit dem Intendanten und mit der Partei geklärt werden – Anweisung des Intendanten Tennewill“. Dann riss sie den Zettel ab und steckte ihn in ihre Tasche.
Der Regisseur konnte sich nicht mehr zügeln. „Stop!“ brüllte er ins Mikrofon und stand auf. „Wir machen eine Pause!“
Sergio Domiani, dessen Aufgabe die Betreuung der Talkgäste war, stürzte sofort auf Dr. Tennewill, bevor der Regisseur dazu kam, sie zur Schnecke zu machen. „Gnädige Frau, ich will Ihnen lieber noch ein kleines Detail zu der politischen Ausrichtung unseres Senders erläutern. Wir müssen aufpassen, wie wir über bestimmte Zusammenhänge sprechen.“
Sie sah ihn etwas überrascht an:
„Aber lieber Herr Domiani, Sie können unbesorgt sein. Wir alle ziehen an dem selben Strang. Ich würde nie etwas tun, was Ihrem Sender schaden würde.“
„Ich weiß. Aber sehen Sie Madame, Herr Tennewill hat strickte Anweisungen gegeben.“ Domiani wischte sich den Schweiß von seiner Stirn: „Wie kann ich es Ihnen am besten erklären? Es gibt gewisse Dinge, die wir nicht öffentlich sagen können. Das wäre ein gefundenes Fressen für unsere Gegner. Die Internetblogger stürzen sich auf jeden falschen Satz, denn wir unachtsam durchschlüpfen lassen, und verwenden ihn sofort gegen uns.“
„Aber ich habe nur die wissenschaftlichen Erkenntnisse dargestellt, so wie sie heute in den Fachkreisen allgemein bekannt sind. Sehen Sie, Herr Domiani, ich bin eine Wissenschaftlerin. Ich bin in erster Linie der Wissenschaft verpflichtet.“
Domiani schluckte den Satz hinunter, der ihm auf der Zunge lag. Wenn diese eingebildete Zicke nur nicht die Frau des Chefintendanten wäre, würde man sie hochkant rausschmeißen! Ja, dann hätte man sie gar nicht in das Programm aufnehmen müssen. Was bildete sie sich ein? Eine Wissenschaftlerin! Das ganze Internet lachte über sie. In den Kommentarbereichen nannte man sie nur noch „die Rote Zicke“. Es gab doppelt so viele Interneteinträge über sie unter ihrem Spottnamen als unter ihrem richtigen Namen.
Während Sergio Domiani sich mit der Frau des Intendanten abplagte, nahm das Mädchen im braungestreiftem Pulli ihre Handtasche und schlich hinaus. Die Pause war die beste Gelegenheit, um unbemerkt zu verschwinden. Nur dem Regisseur, der vorher schon zu der Raucherecke vor dem Gebäude hinausgegangen war, fiel sie auf, als sie jetzt über den Hof ging. Er hatte ein seltsames Gefühl, als das Mädchen an ihm vorbeihuschte. Es war irgendwas Besonderes an ihr, aber er konnte nicht sagen, was. War es ihre Kleidung? Oder die Haare? Oder die Art, wie sie sich bewegte? Er versuchte noch, ihr nachzurufen, aber das Mädchen war schon um die Ecke verschwunden. Er nahm sich vor, sich nachher bei der Pforte zu erkundigen, wer sie war und was sie beim Sender machte.

***

Güzel schlürfte einen Schluck Rotwein aus ihrem Glas und rieb ihre mit weißen Söckchen bekleideten Füße an Huberts, der neben ihr auf dem Sofa saß. Dieser nahm ihre Füße in die Hand und drückte sie sanft zusammen, bis die Eigentümerin sie wieder zurück zog. „Deine Mutter hat leicht reden“, sagte sie ihm. „Wenn man in einer Talkshow sitzt und die Expertin spielt, kann man alles so schön theoretisch darstellen. Aber Ich möchte sehen, was sie sagen würde, wenn sie abends ganz alleine irgendwo in der Altstadt auf einmal von einer Jugendgang überfallen wird. Ich möchte sie sehen, wie sie ihnen erklärt, dass sie ihr nichts tun sollten, weil sie sie gut versteht. Ob ihr das helfen würde? Sie hat keine Ahnung, wie unsere Männer denken und fühlen. Ihre Theorien sind gut, um Bücher damit zu füllen und Geld zu machen. Aber draußen auf der Straße würden sie ihr nichts helfen. Sie würde sich ganz hilflos fühlen. Nicht dass ich ihr je eine solche Erfahrung wünsche. Und ihren Kindern schon gar nicht“. Sie drehte ihren Kopf etwas seitlich und sah ihn mit einem Lächeln an, das ihm deutlich sagte, dass er nicht nur der Sohn der Talkshowpsychologin, sondern auch ihr persönlicher Traumprinz ist.
Er liebte es, wenn sie ihn so ansah, mit ihren dunklen Augen unter dem Schatten ihren langen, gebogenen Wimpern. Sie wusste, dass ihr Blick und ihre ganze orientalische Weiblichkeit ihre wichtigste Waffe war, wann immer sie über bestimmte Sachen unterschiedliche Meinungen hatten. Und sie stritten sich oft über viele Dinge, denn sie war unnachgiebig, ungestüm und emotional. Er zeigte dieselbe tolerante Sichtweise wie seine Mutter und versuchte, sich betont aufgeschlossen ihrer Kultur und ihren Werten gegenüber zu zeigen. Aber sie lachte nur und sagte, dass er genau so sei wie alle Deutschen, überheblich und arrogant, und dass er gar nicht wusste, wie die Türken sind.
Am meisten lachte sie ihn aus, wenn er sich besonders bemühte, sie zu verstehen. Sie sagte, dass er nicht wirklich tolerant sei und dass es nur eine Show ist, dass er ihre Kultur nur deswegen akzeptieren würde, weil sie fremd ist und er sie nur benutzen würde, um mit ihrer Hilfe seinen Hass auf die eigene Kultur zu zeigen, um die anderen Deutschen dabei zu provozieren, und dass er dieses ganze Getue bräuchte, um sich für einen besseren Menschen halten zu können, als die anderen Deutschen. Aber sie wisse, dass er ihre Kultur in Wahrheit verachte und nur deswegen dieses Theater mit der Toleranz abziehen würde, weil er die Türken gar nicht für ebenbürtig halten würde. Und sie zählte ihm dann viele einzelne Gelegenheiten auf, bei denen er seine eingeborene Überheblichkeit und Arroganz verraten habe, so wie neulich bei einem Gespräch über die Philosophie der Aufklärung, als er mit seinen deutschen Freunden darüber diskutiert hatte, dass die Osmanen die europäische Aufklärung nie durchgemacht hatten. Und sie würde gar nicht wollen, dass ihr Volk auch so tolerant sei, sagte sie provokativ, denn sie hatte sich hineingesteigert, war wütend geworden und wollte ihn nun auch zur Wut reizen. Sie würde sich schämen, denn Toleranz ist keine Eigenschaft, auf die man stolz sein kann:
„Tolerant sind nur die Schwachen und die Feiglinge. Wir Türken sind stolz, deswegen brauchen wir nicht tolerant zu sein. Wir verlangen von anderen, dass sie uns gegenüber tolerant sind.“
„Aber du verstehst nicht, Güzel. Das ist barbarisch, rückständig. Heute können wir nicht mehr so leben wie zur Zeit der Osmanen.“
„Warum nicht? Was ist heute anders?“
„Heute haben wir mehr Wohlstand und Kultur. Heute leben wir nicht wie die Raubritter, sondern wir respektieren alle Menschen, egal welcher Nationalität.“
„So nennt man das also, was die Christen in Afghanistan tun? Respekt? Und im Irak auch?“
„Was soll das? Ich bin nicht dafür verantwortlich, was in Afghanistan geschieht. Und noch weniger dafür, was die Amerikaner im Irak getan haben. Du weißt, wie ich über Afghanistan denke. Und ich würde nie zur Bundeswehr gehen, das weißt du auch.“
Das war wieder etwas, woran Güzel was auszusetzen hatte. Ihr Großvater war ein Offizier gewesen und sie konnte keine Bewunderung für Pazifisten und Wehrverweigerer zeigen. Für sie waren das alles Memmen und Feiglinge. Manchmal fragte sich Hubert, was sie an ihn überhaupt liebte, warum sie mit ihm zusammen war, denn sie kritisierte alles an ihm und ihre Wertvorstellungen waren zu den seinen ganz entgegengesetzt. Er schaltete das Fernsehgerät aus, als Zeichen, dass sie schlafen gehen sollten. Es war weit über elf Uhr hinaus und sie blieben nur auf, um die Talkshow anzusehen, denn Margit Tennewill hatte ihren Sohn am Nachmittag angerufen und ihm ans Herz gelegt, die Sendung ja nicht zu verpassen.
„Und sagt es bitte auch euren türkischen Freunden, denn es wird sie ganz sicher interessieren“, sagte sie am Telefon.

***

Im Kriminalkommissariat der Stadt S. am Rhein fing die reguläre Dienstzeit an. Kommissar Roland Fischer griff nach der Aktenmappe, die der Staatsanwalt kurz zuvor auf seinen Schreibtisch hingelegt hatte. Die Mappe war sehr dünn, als Zeichen, dass es sich um einen ganz neuen Fall handelte.
„Sicher ein Ehrenmord“, sagte Fischer und sah seinen Chef fragend an. Der Oberstaatsanwalt Matthäus hatte ihm mit einer abwertenden Bemerkung über die Frauen im Islam den Fall erläutert.
„Eine Frauenleiche auf dem Parkplatz in der Nähe der türkischen Moschee im Industriegebiet. Sie hatten sie regelrecht abgeschlachtet und wollten sie wahrscheinlich abtransportierten. Jemand muss sie dabei gestört haben und so ließen sie die Leiche liegen.“
„Ist das nicht in der Röntgenstraße, wo sie heute Nacht auch diesen Mann zusammengeschlagen haben? Gibt es vielleicht einen Zusammenhang zwischen den beiden Fällen?“
„Ja, doch. Fünfhundert Meter weiter, die Straße dahinter“ sagte der Oberstaatsanwalt. „Wir wissen noch nicht, ob es einen Zusammenhang gibt. Es ist Ihr Job, das heraus zu finden, Fischer.“
„Wer untersucht den anderen Fall?“
„Goretzki. Er ist schon auf dem Weg ins Krankenhaus.“
„Ist das Opfer schon vernehmungsfähig?“
„Nein, er ist im Koma, glaube ich. Aber man muss ihn trotzdem ansehen, Fotos machen, mit den Ärzten reden und alles.“
„Klar Chef. Ich werde mich mit Goretzki in Verbindung setzen“, sagte Fischer. „Aber zuerst schaue ich mir den Tatort an“.

Auf dem Parkplatz waren schon die Kollegen von der Spurensicherung eifrig bei der Arbeit. Die Leiche war längst abtransportiert. Er sah sich die Stelle an, wo man die Tote gefunden hatte. Außer der Kreidezeichnung, mit der man die Kontur der Leiche markiert hatte, war nichts zu sehen. Er ließ sich die Einzelheiten berichten und sah sich ein wenig um, aber es war nicht viel zu entdecken. Es war offensichtlich, dass sie anderswo getötet und nachher hierher gebracht wurde. Inzwischen war es fast Mittag geworden und so rief er bei der Gerichtsmedizin an, dass er noch vor der Mittagspause vorbei kommen wolle.
Er machte auf dem Weg dorthin einen Umweg durch die Röntgenstraße um einen Blick auf der Stelle zu werfen, wo der fremde Mann zusammengeschlagen wurde. Auch bei Tage waren hier kaum Menschen zu sehen. Die Lastwagen, die hier verkehrten oder am Straßenrand parkten, verdeckten den Blick auf die Stelle, wo es passierte. Er sah gleich, dass es wenig Hoffnung auf etwaige Beobachtung durch Zeugen gab. Höchstens aus dem oberen Stockwerk der Moschee hätte man etwas sehen können. Aber es war einerlei, ob dort jemand etwas beobachtet hatte, denn die Leute von der Moschee gehörten normalerweise nicht zu denjenigen, die mit der Polizei zusammen arbeiten. Sie kooperierten auch dann nicht, wenn sie nicht in die Sache verwickelt waren. Sie betrachteten die Polizei einfach so, wie die Räuber den Gendarm, als Gegner. Es gehörte zu der Räuberehre, dass man der Polizei in keiner Weise half. Und dass sie in dieser Sache nicht verwickelt seien, dass konnte man zu diesem Zeitpunkt noch keinesfalls ausschließen. Im Gegenteil: Die Schlägerei hatte vor der Moschee stattgefunden und kurz darauf fand man die Leiche der Ausländerin zwei Straßen weiter. Alles deutete auf einen Ehrenmord hin. Es war fast so offensichtlich wie im Bilderbuch: Die Frau stammte aus der Türkei, und sie hatte sich mit einem Christen eingelassen. Es war unvorsichtig von ihnen gewesen, gerade in diese Disco in der Nachbarschaft der Moschee zu gehen. Sie hätten es besser wissen müssen. Klar dass sie ihren Landsleuten ein Dorn im Auge waren. Man lauerte ihnen beim Weggehen auf und machte kurzen Prozess mit ihnen.
Er war kurz ausgestiegen, um sich die Nachbarschaft anzusehen, aber es gab hier nichts für ihn zu finden. Das hier war Goretzkis Teil. Er konnte sich trotzdem nicht entscheiden, wieder einzusteigen, denn irgendwas hielt ihn fest. Er fühlte das typische Kribbeln im Rücken, zwischen den Schulterblättern, und wusste, dass er beobachtet wurde. Er sah sich überall um, aber es war niemand zu sehen. Lediglich im oberen Stockwerk der Moschee schien sich ein Vorhang leicht zu bewegen. Aber das war es nicht, was ihm das Kribbeln im Nacken verursacht hatte, das wusste er sofort. Hinter ihm sagte eine überraschte Männerstimme:
„Der Schlag soll mich treffen, wenn du nicht Roland Fischer bist! Was für eine Überraschung! Du bist es wirklich!“ wunderte sich laut der bewusst locker aussehende Mann, der auf ihm zu stürmte. Seine Kleidung war sehr salopp, aber man konnte ihm ansehen, dass diese Lässigkeit viel Geld gekostet hatte und mit Sorgfalt gewählt wurde. Fischer hatte eine Sekunde lang gefürchtet sich zu blamieren, denn er erinnerte sich nicht an den Namen seines Gegenübers. Aber dieser zerstreute bald seine Furcht, als er ihm beide Hände entgegenstreckte und fröhlich rief:
„Erkennst du mich nicht mehr? Ich bin der Rudi Steiness aus Kiel! Mensch, haben wir uns seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen! Wie lange ist es her? Zwölf Jahre?“
Sie hatten damals vor zwölf Jahren zusammen ein Segelboot für einen reichen Schnösel von Hamburg nach Miami überführt. Es war ein großartiger Törn und sie hatten danach mit dem Geld, das sie vom Besitzer des Bootes bekommen hatten, eine Rucksacktour durch die Rocky Mountains gemacht. Aber dann hatten sie sich aus den Augen verloren.
Rudi war inzwischen ein erfolgreicher Unternehmer geworden, mit über 20 Angestellten. Er war nach S. am Rhein gekommen, weil eine gute alte Freundin ihm einen Bürowagen verkaufen wollte.
„Ich hatte geschäftlich in Frankfurt zu tun und da dachte ich mir, dass ich mir gleich dieses Dehler-Büromobil ansehe.“
Wie auf ein Stichwort tauchten die Freundin und der Wagen auf der anderen Seite der Straße auf, als Rudi seinen Satz beendete. Die Frau war nicht mehr ganz jung, aber immer noch attraktiv. In ihrer Jugend muss sie eine schöne Frau gewesen sein, dachte Fischer. Sie stellte sich als Dorina Wiczelsky vor. Er wusste nicht, wie er sie einsortieren sollte, denn ihr Name klang italienisch oder spanisch, ihre blauen Augen und blonden Haare deuteten aber eher auf eine nordeuropäische Herkunft. Wie sich herausstellte, war sie halb Rumänin, halb Polin. Den rumänischen Namen und ihren großartigen Körperbau hatte sie von ihrer rumänischen Mutter, die blonden Haare und blauen Augen von ihrem polnischen Vater geerbt, erklärte sie breitwillig. Und natürlich wusste sie sofort, was Fischer dort im Gewerbegebiet zu suchen hatte:
„Es ist wegen diesem Mord an dem türkische Mädchen, nicht wahr?“
„Ja“, sagte er. „Hat es sich schon herumgesprochen?“
„Es war in den 10-Uhr Nachrichten.“
„Eine Türkin ermordet?“ wollte Rudi Steiness wissen. „Das war sicher ein Ehrenmord. Das passiert bei denen laufend. Auch bei uns hat vorige Woche ein Türke seine Tochter umgebracht, weil sie ohne seine Einwilligung geheiratet hatte.“
„Das hier ist aber kein Ehrenmord“ sagte Dorina entschlossen.
Fischer sah sie überrascht an:
„Woher wissen Sie es?“
„Ich weiß es eben“ sagte sie überzeugt.
„Dorina ist eine Esoterikerin, musst du wissen“ klärte ihn Rudi auf. „Sie hat das zweite Gesicht, wenn du weißt, was das ist.“
Fischer wusste es natürlich, aber er glaubte nicht an solche Spinnereien. In seiner Welt zählten nur die Fakten. Er nickte jedoch höfflich, als ob er ihr glauben würde, denn es hatte keinen Sinn, sie zu brüskieren.

Fortsetzung folgt

Kapitel 2

Er ärgerte sich jedoch, weil er für ein Moment auf sie reingefallen war und geglaubt hatte, dass sie etwas wusste, oder vielleicht etwas beobachtet hatte. Dorina missverstand seine Höflichkeit und wollte sofort ins Detail gehen: „Es ist wegen der Moschee. Die Moschee hätte nie hier errichtet werden dürfen. So lange die Moschee hier bleibt, wird es immer zu Streit und Ärger führen. Oder wie jetzt, zum Mord“. „Schätzchen, wo eine Moschee erbaut wird, kommt es immer zu Streit“, sagte Rudi. „Die Politiker wollen das nicht kapieren, aber es gibt kein friedliches Zusammenleben mit den Moslems“. „Ich spreche nicht von den Moslems, Rudi. Das hier ist heiliger Boden, mit besonderen Energien und Ausstrahlungen. Früher hieß die Straße ab dort, ab der Ecke, der Roterbronnweg. Ich weiss, wie du über den Islam denkst, aber die Muslime sind auch nur Menschen wie wir.“
„Hast du eine Ahnung! Du muss mal PI lesen, mein Schatz. Politically Incorrect. Dann gehen dir die Augen auf“, sagte Rudi. „Die Muslime meinen, dass Allah ihnen die Welt geschenkt hat und deswegen glauben sie, dass sie das Recht haben, sich alles zu nehmen, wozu sie Lust haben.“
„Ach, komm du nicht auch noch mit diesem PI“, sagte Fischer. Es ist nicht immer alles ganz so, wie die es dort schreiben.“ „Was ist nicht so?“ fragte Rudi. „Zeig mir einen Artikel von PI, der nicht wahr ist.“ „Was ist dieses PI“, wollte Dorina wissen. Fischer überließ die Antwort Rudi.
„Entschuldigt mich Leute, aber ich muss jetzt gehen. Ich muss noch vor der Mittagspause etwas erledigen. Vielleicht können wir uns noch treffen, bevor du wegfährst“, sagte Fischer im Weggehen. Rudi nahm begeistert an:
„Warum nicht heute Abend? Da ist eine Gaststätte gleich in der Nähe meines Hotels. Sie heißt Der Weiße Ochse oder so ähnlich.“
„In Ordnung. Ich komme um Acht.“ Damit verabschiedete sich Fischer und machte sich auf den Weg ins Leichenschauhaus.
Auf dem Korridor zu der Autopsie kamen ihm die Worte von Rudis Freundin noch einmal in den Sinn. Er wollte sich gar nicht mit ihnen beschäftigen, aber sie klangen trotzdem in seinem Ohr nach. Sie war eine esoterische Spinnerin, sagte er sich, um ihre Worte zu verscheuchen. Von wegen Energien und Strahlungen. Wenn man Ihresgleichen genaue, logische Fragen stellte, verhedderten sie sich spätestens nach der fünften Frage in ihren eigenen Antworten. Aber sie war eine nette kleine Spinnerin. Fischer fand Gefallen an sie. Sie hatte fröhliche Augen. Und ihr Busen war auch nicht zu verachten.
Bei der Autopsie traf er nur Dr. Straubel an.
„Ach, da sind Sie ja, Herr Fischer!“ kam ihm der Gerichtsmediziner fröhlich entgegen. „Wie geht’s uns heute?“
„Mir gut“, antwortete Fischer und schüttelte die Hand, die ihm entgegengestreckt wurde. „Aber es geht nicht um mich. Wie geht es der Toten, die sie untersuchen?“
Dr. Straubel lachte fast lautlos unter seinem kleinen Schnurbart. Wie alle Gerichtsmediziner liebte er auch die Scherze über Leichen.
„Ihr geht es gut, mein Freund. Da liegt sie, unsere schlafende Schöne“. Er nickte mit dem Kinn in die Richtung des Autopsie-Tisches, auf dem die Tote, blas wie eine schlafende Eisprinzessin ausgestreckt lag
Fischer wollte gleich die vorläufigen Fakten wissen.
„Ist es also wieder ein Ehrenmord“, fragte er, als der Doktor ihm die Leiche zeigte. „Je mehr muslimische Zuwanderer hier leben, um so öfters werden wir so etwas erleben“.
„Kann sein“, antwortete der Doktor. „Aber ob es dieses mal einer ist, wage ich zu bezweifeln. Es könnte natürlich auch ein Ehrenmord sein, aber mir sieht es nicht danach aus. Es war garantiert keine Affekthandlung. Es sieht eher nach einem Ritualmord aus.“
„Meinen Sie, wegen der Art, wie man ihr die Kehle durchgeschnitten hat?“
„Ja. Und weil man sie komplett ausbluten ließ. Das machen sie sonst nur mit ihren Opfertieren bei den Ritualschlachtungen. Die Moslems machen das genau so wie die Juden“, sprach er, während er an der Leiche arbeitete. „Sehen Sie ihre Augen an. Man sieht noch das Entsetzen in ihren Augen. Bei den Ritualmorden ist es nämlich wichtig, dass das Opfer weiß, was mit ihm geschieht und im vollen Bewusstsein der Opferung stirbt. Im Grunde sind die muslimischen und jüdischen Tierschlachtungen nur ein symbolischer Ersatz für das uralte Menschenopfer, das die Islamisten auch heute noch oft an Nichtmuslimen verüben. Sie leiten es von Abraham ab, als dieser auf Geheiß Gottes seinen Sohn Ismail opfern sollte. Gott schickte im letzten Moment einen Engel, der Abraham daran hinderte, Ismails Kehle zu durchschneiden. Aber auch in anderen Kulturen der Antike fand man das Menschenopfer, so auch bei den Griechen. Die Opferung der Ifigenia ist die griechische Variante der biblischen Ismail-Geschichte, aber viel ästhetischer, ausdrucksstarker. Die Mythenforscher sehen in diesen Mythen eine Allegorie der Abkehr vom Menschenopfer. Aber wie es aussieht, kehren wir heute zu den archaischen Zeiten zurück.“
Der Arzt dozierte gern über sein Lieblingsthema, der antiken Mythologie, während er an der Leiche arbeitete.
„Wer weiß, welchem Gott unsere unbekannte Schöne geopfert werden sollte.“
„Wollen Sie sagen, dass sie keine Muslimin war?“
„Schwer zu sagen.“
„Ach, wäre sie nur ein Mann gewesen!“ seufzte Fischer. „Das würde die Sache um einiges einfacher machen.“
„Meinen Sie, dass er seine Religionszugehörigkeit dann auf seinem Geschlechtsteil tragen würde?“ Der Gerichtsmediziner sah ihn aus den Augenwinkeln an. „Vergessen Sie nicht, Herr Kommissar, dass auch die Juden ihre Knaben beschneiden.“ Das Wort „Jude“ sprach er mit Nachdruck aus.
„Wollen Sie sagen, dass sie eine Jüdin war?“
„Das müssen Sie herausfinden. Aber ja, sie könnte auch eine Jüdin gewesen sein. Sie hatte so eine kleine Kaballakette bei sich, welche die Juden verkaufen, ein Andenken aus Jerusalem. Es kann auch sein, dass jemand sie ihr geschenkt hatte und es keine größere Bedeutung hat.“
„Was für eine Kaballakette?“
Die Sachen der Toten waren bereits für die forensische Untersuchung vorbereitet und warteten in mehreren beschrifteten Plastikschalen darauf, abgeholt zu werden. Der Gerichtsmediziner holte aus einem der Plastikschalen ein Armband heraus, mit mehren Talisman-Anhängern darauf: Ein magisches Auge, ein Fisch, eine Hand, eine Blühte, ein Herz, ein Schlüssel und auch ein Davidstern.
„Meine Frau hat auch so eine“, sagte er, und reichte Fischer die Kette. „In Silber. Ihre Verwandten hatten sie ihr als Andenken mitgebracht, als sie vorigen Sommer bei uns waren. Mir haben sie einen Wandteller gebracht, mit einem Bild von Jerusalem darauf. Potthässlich. Und ich kann ihn nicht mal wegschmeißen. Meine Frau würde es mir bis zum Ende ihres Lebens vorwerfen.
Fischer interessierte sich weniger für den Wandteller des Gerichtsmediziners. Er war mit der Kette in seiner Hand beschäftigt.
„Sind diese Symbole nicht allen drei Religionen gleich?“ fragte er. „Das Auge kenne ich auch aus der Türkei. Als wir dort in Urlaub waren, hat man uns irgendwo so ein blaues Glasauge geschenkt. Und der Fisch ist ein Symbol, das auch die Christen kennen.“ Er spielte die Kette durch die Finger. „Das könnte genau so einer Muslimin gehören. Ich sehe da kein Unterschied.“
„Sicher“, antwortete der Gerichtsmediziner. „Aber beachten sie, dass das Kreuz fehlt. Stattdessen ist ein Davidstern darauf. Manche Moslems haben nichts gegen das Kreuz, wenn es um solche Zauberspielereien geht. Im Gegenteil, sie lieben die christlichen Symbole, weil sie ihnen eine gewisse Zauberkraft beimessen. Deswegen macht es ihnen bei solchen Sachen nichts aus. Die Gelehrten und die Islamisten verteufeln zwar das Christentum und verbieten ihren Leuten, an solche Sachen zu glauben, aber das einfache Volk, vor allem die Frauen, glauben alles.“
„Ja und warum nicht an den Davidstern?“
„Sie sehen darin das Symbol des Staates Israel, deswegen. Der Davidstern ist für die Muslime von heute das Symbol des Bösen schlechthin.“
Fischer strich über den Hinterkopf und seufzte: „Mir gefällt dieser Fall gar nicht. Wenn es schon kein Ehrenmord war, hätte es nicht ein einfaches gewöhnliches Mädchen sein können? Eine Deutsche, oder irgendeine Christin? Da hätten wir am wenigsten Wirbel darum gehabt. Aber wenn es so ist, wie Sie sagen, dann wird uns die ganze Presse im Nacken sitzen.“
„Tja. Das kann man noch schnell ändern. Wir müssen nur die Leiche schnell austauschen“.
„Gibt es überhaupt einen Gerichtsmediziner, der keine makabren Scherze macht“, fragte Fischer zurück.

***

Hubert las über den Mord der türkischen Frau in der Regionalzeitung beim Mittagessen in der Cafeteria und rief Güzel gleich an. Er hatte sich schon früher Sorgen gemacht, denn er wusste, was so eine Beziehung mit einer Türkin bedeutete. Er wusste, dass ihre Eltern die Beziehung zwischen ihnen nicht billigten, auch wenn sie es nicht offen zeigten. Ihr Vater wäre noch gar nicht so radikal dagegen, wie ihre Mutter, denn diese hatte einen Imam in der Familie und fühlte sich schon allein deswegen verpflichtet, die Tradition zu wahren. Vater Mutoglu sah es etwas lockerer.
„Wir leben in Deutschland und hier ist alles anders. Deutschland ist ein fortschrittliches Land und gerade das gefällt uns hier. Wenn uns die türkische Art besser gefallen würde, könnten wir ebenso gut in der Türkei leben“, beruhigte er seine Frau, wenn sie zu viel nörgelte. Er hätte sich nur gewünscht, dass Hubert ein wenig „deutscher“ ist. Wenn man ihn fragte, was er damit meinte, erklärte er es so:
„Sieh mal, wir sind Türken und wir sind stolz darauf. Auch wenn ihr Deutschen uns verachtet und verspottet, wenn ihr „Dürke“ als Schimpfwort benutzt, sind wir stolz auf unsere Nation, auf unsere Geschichte. Wir glauben, dass die Türken richtige Menschen sind, mit einem richtigen Herz. Auch die Russen glauben so über sich. Ein Spanier ist stolz auf seine Nation, weil er glaubt, dass sie die beste von allen ist. Aber ihr, Deutschen, schämt euch dafür, dass ihr Deutsche seid. Du sagst, dass alle gleich sind. Wie kann man nur so denken? Ihr solltet euch höher halten. Ihr solltet auch von euch sagen, „ich bin ein stolzer Deutscher“, so wie wir sagen „ich bin ein stolzer Türke.“
Manchmal dachte Hubert, dass Güzels Vater von ihm verlangte, dass er ein Nazi wäre. Huberts Eltern waren überzeugte Multikulturalisten und sie hatten ihn im Geiste der Toleranz und der Gleichwertigkeit aller Kulturen erzogen. Aber diese uneingeschränkte Toleranz war ein Dorn in den Augen von Güzels Vater. Wenn immer Hubert von Toleranz sprach, nickte er brav dazu. Er sagte nie Nein, wenn man ihm erklärte, wie wichtig die Toleranz sei.
„Ja, ja“, nickte er brav, „Toleranz ist gut. Wir Türken sind ein sehr tolerantes Volk. Aber du musst stolz auf dein Volk sein. Du musst dein Volk über die anderen stellen, genau wie du deine Familie über alle anderen Menschen stellen musst.“
Das konnte Hubert kaum nachvollziehen, denn seine Schwester und er hatten nie diese innige Beziehung zu ihren Eltern gehabt, wir Güzel. Sie besuchte ihre Familie mindestens zwei, dreimal wöchentlich und telefonierte täglich mit ihrer Mutter und ihren Schwestern.
Als er ihr vom Ehrenmord in der Röntgenstraße erzählte und sie bat, vorsichtig zu sein, sagte sie nur, dass dieses Mädchen eine sehr komische Familie hatte und dass ihre Eltern ihr so etwas nie antun würden.
„Alle sprachen über diese Familie schlecht. Sie waren aus der Türkei, aber sie hatten hier wenig türkische Freunde. Meine Mutter ist einmal mit ihnen zusammen nach Izmir geflogen. Sie saßen nebeneinander im Flugzeug. Daher kennt meine Mutter sie. Und sie sagt, dass es gar kein Ehrenmord war, weil sie zur Hälfte jüdisch waren. Ich glaube, ihre Großmutter war eine Jüdin. Und ihre Tanten haben auch jeweils Juden geheiratet, eine in der Türkei und eine in Israel. Es kann gar kein Ehrenmord sein“, beschloss Güzel.
„Aber sie ist tot. Die allgemeine Meinung ist doch, dass es ein Ehrenmord war. Auch die Zeitung schreibt es“, versuchte er sie zu überzeugen. „Wer soll sie sonst umgebracht haben, so nahe bei der Moschee? Und du weißt dass Ehrenmorde gar nicht so selten sind.“
Sie war stur wie ein Kind.
„Nein, es sind nur die Medien, die ständig schlecht über die Türken schreiben wollen, und deswegen übertreiben sie in ihren Berichten.“
Er seufzte tief und gab es auf. Aber sie war bereits in Fahrt und ihr kriegerisches Temperament zeigte sich wieder:
„Weißt du was ich glaube? Es waren die Nazis. Deutsche Rechtsradikale“.
Er versuchte sie zu beschwichtigen, ihr das auszureden, aber sie wollte nicht mehr davon lassen. „Du weißt, dass alle Deutschen was gegen die Türken haben. Wenn sie könnten, würden sie uns alle umbringen.“
„Hör mal! Ich bin auch ein Deutscher. Und ich hasse euch nicht. Ich liebe dich!“
„Bist du ganz sicher, dass du mich liebst?“, fragte sie störrisch zurück.
„Ganz sicher!“ Er schickte ihr ein paar Schmatzgeräusche durchs Handy, als Kussersatz. „Aber pass dennoch auf, meine Schöne. Ich will nicht, dass man dich eines Tages auch so findet, mit der Kehle durchgeschnitten. Wenn nicht deine Eltern, dann könnte immer noch jemand von euren Bekannten so etwas tun.“
„Wer soll was tun?“
„Vielleicht die Anhänger deines Onkels. Du hast mehrmals erzählt, dass er dir jedes Mal unsere Beziehung ausreden will, wenn er euch besucht und er ist ein Imam.“
„Mein Onkel ist nicht so. Er sagt, dass wir nicht mit den Ungläubigen befreundet sein dürfen, weil er es so sagen muss. Es steht so im Koran. Aber er würde nichts tun.“
„Aber er mag mich nicht.“
„Du kannst nie mit ihm so sprechen, wie er es mag. Du provozierst ihn immer mit deiner Art.“
„Hör mal! Wie provoziere ich ihn? Ich sage doch nichts, was unfreundlich ist.“
„Ja aber du bist so ungläubig. Musst du immer so atheistisch sprechen, wenn er dabei ist?“
„Das ist nun mal meine Überzeugung. Ich werfe deinem Onkel auch nicht vor, dass er an den Koran glaubt, und nicht an die Wissenschaft.“
„Das ist nicht dasselbe.“
„Doch, das ist dasselbe. Ich akzeptiere seinen Glauben, aber er muss auch akzeptieren, dass ich seinen Glauben nicht teile.“
„Das kann er nicht, denn er ist ein heiliger Mann. Für ihn ist der Glaube das Wichtigste, was einen Menschen ausmacht“. Sie schwieg einen Moment, dann sagte sie: „Du könntest ihm einen Gefallen tun. Er hat dich gebeten, ob dein Vater es arrangieren kann, dass das Fernsehen in die Moschee kommt, einen Bericht über uns zu drehen.“
„Wie soll ich das tun? Du weißt ja, dass ich kaum mit meinem Vater über solche Sachen spreche. Ich würde auch nicht zulassen, dass er in meine Sachen hinein redet.“
„Versuch es, bitte. Vielleicht gefällt es deinem Vater sogar.“
„Was für ein Bericht soll es denn sein?“
„Da ist am nächsten Freitag jemand, der beim Freitagsgebet öffentlich konvertieren will. Es ist jemand bekanntes.“
„Wer?“
„Ich weiß nicht. Mein Onkel macht ein Geheimnis daraus. Er hat aber gesagt, dass es jemand Berühmtes ist.“

***

Margit Tennewill konnte ihren Wut kaum noch im Zaum halten. Gestern Abend, als sie ihre Mails abrief, fand sie mindestens fünfundzwanzig wohlmeinende darunter, die sie auf einen Internetartikel aufmerksam machen wollten. Es war eine kritische Aufarbeitung der Talkshow am Wochenende, sehr bissig, ironisch geschrieben. Ursprünglich bei Politically Incorrect veröffentlicht, verbreitete sich dieser Text wie ein Lauffeuer. Und überall kommentierten die Leute im Schutze der Anonymität mit teilweisen unverschämten Äußerungen, die keine Details über ihr Äußeres, über ihre Familie oder über ihre Finanzen aussparten. Die Kommentatoren verschonten keinen der Teilnehmer, weder die Talkgäste, noch die Moderatorin. Einige wenige zeigten dem Staatsanwalt Matthäus gegenüber einige Sympathie und Zustimmung, die aber wieder von anderen in Frage gestellt wurden. Und dazwischen derbe Beschimpfungen, von denen das meiste sich gegen sie richtete, weil sie die Frau des Intendanten war. Sie hätte sich liebend gern gegen ihren Mann ausgelassen, wenn er gestern Nacht nach Hause gekommen wäre, denn sie war überzeugt, dass die verbitterte Meinung zu einem beträchtlichen Teil der politischen Linie des Senders zu verdanken war.
„Typisch Victor“, sagte sie sich morgens zu ihrem Spiegelbild, während sie ihre kurzgeschnittene Haare zurecht föhnte. „Er ist wieder mal bei einem Flittchen hängen geblieben.“
Sie machte sich schon lange nichts mehr aus seinen Liebschaften. Sie hatten sich schon lange auseinander gelebt und waren eigentlich nur noch aus materiellen Interessen zusammen geblieben. Ihre Freunde wunderten sich oft darüber, dass die Tennewills zu den wenigen Ehepaaren gehörten, die in der heutigen Zeit so lange zusammengeblieben waren, ohne je an Scheidung zu denken. In der Wahrheit hatten sie sich nicht nur einmal, sondern sogar zweimal getrennt. Aber das war ganz am Anfang ihrer Ehe, als noch eine Liebeziehung zwischen ihnen existierte. Einmal hatte sich Victor in ein junges Mädchen verliebt und als Margit davon erfuhr, flog sie für zwei Monate nach Amerika um dort ihr Leben neu anzufangen. Aber sie fand schnell heraus, dass es nicht so einfach war, ein neues Leben auf sich allein gestellt anzufangen, ohne ihren Freundeskreis und ohne die politischen Beziehungen ihres Mannes. So überzeugte sie sich innerlich, dass sie ihn noch immer liebte und kehrte zurück, um ihm zu verzeihen. Das zweite Mal war es, als die Kinder schon etwas größer waren. Margit hatte sich in einen ihrer Studenten verliebt, der auf diesem Weg zu einer Assistentenstelle kommen wollte. Das ganze eskalierte dann, als die politischen Rivalen ihres Mannes die Affäre heraus gefunden und gegen sie eine Anzeige wegen Missbrauch von Abhängigen im Amt gestellt hatten. Es sah sehr schlimm aus für Victor, der gerade eine Stelle als stellvertretender Intendant in Aussicht hatte und keinen öffentlichen Skandal brauchen konnte, so dass er kurz davor war, die Scheidung einzureichen. Aber als Victor mit seinem Steuerberater die Folgen einer Scheidung durchrechnete, nahm er von einer Scheidung Abstand, zumal die Stelle inzwischen ein anderer bekommen hatte.
In den darauffolgenden Jahren entwickelten die Tennewills eine gut funktionierende Partnerschaft, in der jeder seine Freiräume und sexuellen Liebschaften hatte, ohne gewisse Grenzen zu überschreiten, und in der sie sich gegenseitig beschützten oder in ihren Karrierebestrebungen halfen.
Deswegen vermisste Margit jetzt ihren Mann, denn sie konnte sonst mit niemand über ihre Probleme offen sprechen, schon gar nicht bei der Arbeit. Möglicherweise war der Urheber des PI-Artikels sogar ein Berufskollege, der ihr ihre letzten Veröffentlichungen missgönnte. Sie tippte auf einen Rivalen aus Marburg, denn sie glaubte, seinen Stil in den Sätzen zu erkennen. Sicher konnte man es nicht wissen, auch wenn darin ein, zwei Hinweise auf Insiderkenntnisse zu finden waren. Der Autor des Schmähartikels versteckte sich in der Anonymität, diese feige Sau! So dass es unmöglich war, ihn zur Rede zu stellen. Die Betreiber des Blogs hatten die ganze Sendung mitgeschnitten und auf eigene Videos eingefügt, so dass sie nicht mal mehr den schlimmsten Ausrutscher entfernen lassen konnte.
Und dann hatten sie noch einen zweiten Artikel veröffentlicht, in dem es ausschließlich um den Chefintendanten ging und um die Hintergründe und die Politik des Senders. Ein guter Freund, Peter Georgen, hatte ihr geschrieben, dass dieser Artikel von einer gewissen Franzi Kehrmann geschrieben sei, eine freie Theologiedozentin, die in Dänemark lebte. Der Artikel war, verglichen zu dem anderen, und zu den unverschämten Kommentaren, sehr zurückhaltend, sachlich und professionell. Dennoch beinhaltete er viel mehr Sprengstoff als alles andere. Irgendwie muss diese Frau bei der Aufzeichnung dabei gewesen sein, denn im Artikel waren ein paar Kleinigkeiten, die gar nicht veröffentlicht wurden. Außer den etwa 20 Mitarbeitern des Senders, die bei der Aufzeichnung dabei waren, hätte niemand gewusst, dass sie von einem Aggressionspegel gesprochen hat, und dabei den Prozentsatz von 63,9 verwendete. Diese Angabe war schon in sich allein genommen falsch, denn sie hatte sie mit der fünfjährigen Steigerungsrate verwechselt. In den Statistiken stand nämlich 57. Woher sollte denn diese PI-Autorin das alles gewusst haben?
Margit Tennewill war wegen diesem Artikel so beunruhigt, dass sie nach der Arbeit zu Hause blieb den ganzen Abend mit Internetrecherchen verbrachte. Sie versuchte, sich über die Autorin Franzi Kehrman ein Bild zu machen. Als sie nach ihr googelte, fand sie das Bild eines jungen Mädchens mit goldblonden Zöpfen. Sie sah so unwahrscheinlich aus, als ob sie gar nicht aus dieser Welt sei. Sie hatte ein Gesicht, das man eher für eine Schauspielerin aus dem 19. Jahrhundert gehalten hätte, für die Rolle einer Krimhilde oder einer Germania in einer alten Wagneroper zurecht geschminkt. Oder wie das Goldmariechen aus einem alten Märchenbuch der Brüder Grimm. Die Psychologin in ihr staunte sehr, dass so eine Frau eine evangelische Theologin war und solche Internetartikel schrieb. Dann aber klingelte das Telefon – wieder einer ihrer wohlmeinenden Freunde, der sie „nur rechtzeitig warnen“ wollte. Sie verloren sich im Gespräch, und da fielen einige Fachbegriffe, die sie gleich, während sie noch zuhörte, im Internet raussuchte.
Als sie sich bewusst war, dass sie das Registerfenster mit dem Gesicht der Frau mit den Zöpfen geschlossen hatte, suchte sie wieder nach ihr, um ihr Bild abzuspeichern. Aber sie fand sie nicht mehr. Egal welche Stichworte sie nahm, es nutzte nichts. Diesmal bekam sie ein ganz anderes Gesicht, das Gesicht einer ganz normal aussenden Frau, von der man ohne weiteres annehmen konnte, dass sie einen sozialen Beruf ausübte. Die Frau hatte kastanienbraune Haare, und ein schmales, edles Gesicht, mit intelligenten, ausdrucksstarken, aber sanften Augen. Sie war schlicht frisiert und ungeschminkt, so wie man es von Frauen erwarten konnte, die ihr Leben Gott widmeten und nicht den weltlichen Eitelkeiten. Sie fand sie auch in Videos, in denen sie mit ihrem Namen angekündigt wurde, da sie für mehrere englische und dänische Islamkritiker bei einer Konferenz dolmetschte. Und sie fand das Gesicht der Franzi Kehrmann auch bei Indymedia, wo man dazu aufforderte, sie wegen Rassismus und wegen Islamophobie beim Dekan der dänischen Universität anzuzeigen und ihre Entlassung zu fordern. Es war offensichtlich, dass sie die richtige Franzi Kehrmann war. Aber wer war dann das andere Gesicht? Sie suchte sehr lange wieder nach der Frau mit den goldenen Haaren, bis sie fast hysterisch wurde. Aber sie konnte sie einfach nicht wiederfinden.
Sie war so nervös geworden, dass sie vor dem Einschlafen unbedingt eine Zigarette rauchen wollte. Etwas, was sie seit zwei Jahren nicht mehr getan hatte. Sie hatte zuerst in den Schreibtischschubladen ihres Mannes nach einer Zigarette gesucht, dann, als sie dort nichts fand, auch im Zimmer ihrer Tochter. Sie war fast erleichtert, als sie keine fand. Das gab ihr einen greifbaren Grund, zu der Tankstelle zu fahren, um sich Zigaretten zu kaufen.
Sie nahm nur ihren Autoschlüssel und ihren Geldbeutel. Erst unten in der Garage merkte sie, dass die Nacht zu kalt war, denn sie hatte nur Jeans und einen dünnen Pullover an. Sie wollte aber nicht mehr ins Haus zurück kehren und sah sich in der Garage um, denn ihr Sohn und ihr Mann ließen oft ihre Freizeitjacken dort hängen, wenn sie vom Sport kamen. Sie fand eine Jacke ihres Sohnes und zog sie an. Die Jacke war etwas schlabbrig, veraltet und formlos, aber gleichzeitig kuschelig und warm, wie die Männerjacken, die, wenn die Frauen sie anziehen, das Bestreben ihrer Besitzer in sich weiter tragen, eine frierende Frau zu umhüllen und ihr ein wenig Geborgenheit zu geben.
Als sie bei der Tankstelle ankam und aus dem Wagen stieg, steckte sie automatisch ihre Hand in die Taschen der Jacke und fand ein weiches Zigarettenpäckchen mit etwa fünf Zigaretten drin. Sie sah sie verwundert an, denn es waren türkische Zigaretten. Aber wenn sie schon so weit war, wollte sie dennoch hinein gehen und etwas kaufen. Sie bezahlte die Zigaretten und die anderen Sachen, die sie gekauft hatte, eine Schokolade, eine Brezel und eine Zeitschrift und wollte gerade hinaus gehen, als sie die Gruppe junger Männer draußen erblickte.
Es waren vielleicht fünf oder sechs. Sie traute sich nicht hinauszugehen, denn sie hatte aus einem unerklärlichen Grund Angst vor ihnen. Sie hatte das dumpfe Gefühl, dass die Männer gleich irgendwas Gewalttätiges tun werden. Sie zog sich zurück aus dem Eingang, in die trügerische Sicherheit der Tankstelle.

Fortsetzung folgt

Kapitel 3

Fischer kam erst verspätet beim Weißen Ochsen an, denn die Untersuchungen im Fall der abgeschlachteten Frau in der Röntgenstraße komplizierten sich und brachten viel zusätzliche Arbeit mit sich. Beinahe wollte er Rudi absagen. Aber dann dachte er, dass er doch mal was essen mußte, und warum nicht im Weißen Ochsen mit Rudi. Zuvor aber fuhr er noch ins Krankenhaus, um sich den zusammengeschlagenen Mann persönlich anzusehen, mit dem angeblich das Mädchen zusammen gewesen sein soll, bevor es umgebracht wurde. Er hatte zuvor mit Goretzki telefoniert und dieser hatte ihm über einige Ungereimtheiten berichtet. Es stellte sich heraus, dass er gar kein Deutscher war, wie sie ursprünglich angenommen hatten.
„Irgendwas passt nicht“, sagte Goretzki am Telefon. „Er ist ein Grieche, der erst am Dienstag nach Deutschland kam. Sein Name ist Alexios Elefteridis und er kommt irgendwo aus einer kleinen Stadt auf den Peloponnes. Die Täter haben seine Brieftasche und sein Handy mitgenommen, aber wir fanden bei ihm ein paar Tankstellenbelege, so dass wir seine Fahrt rekonstruieren und seine Personalien in Erfahrung bringen konnten. Er wohnt hier bei Freunden in der Malwenstraße. Aber sie wussten nichts von seiner Beziehung zu diesem türkischen Mädchen, obwohl sie sagten, dass er ihnen alles erzählte. Sie kennen sich bereits seit der Kindheit und ihre Eltern waren auch schon befreundet.“
„Und was passt daran nicht?“
„Nu, er kam hierher, um einen geheimnisvollen Freund zu treffen, dem er etwas mitgebracht hatte. Was es sein soll, das haben sie nicht gewußt. Wir haben sein Gepäck durckgesucht, aber wir fanden nichts. Diese Familie, bei dem er wohnt, macht einen ehrlichen Eindruck. Sie sind einfache, fleißige Menschen, die bisher noch nie strafrechtlich aufgefallen waren, weder hier noch in Griechenland. Und dasselbe sagten sie über das Opfer. Sie wußten nichts von einer türkischen Freundin hier in Deutschland und als wir sie danach fragten, waren sie entrüstet. Sie sagten, dass er in Griechenland so gut wie verlobt ist und er hätte ihnen erzählt, dass er in seine Verlobte sehr verliebt sei.“
Fischer verzog das Gesicht, denn er glaubte nicht an die große Liebe, wie in den romantischen Märchen der Vergangenheit, für die man bereit war, alles aufzuopfern und manchmal sogar den Tod auf sich nahm. Heute lebte man in einem Zeitalter der kurzen Abenteuer, Sexbeziehungen und leichten Trennungen.
„Vielleicht war der Kerl ein kleiner Casanova und hatte mehrere Eisen im Feuer. Er wäre nicht der erste, der das tut, zumal wenn die Verlobte so weit weg ist. Hast du überhaupt was gefunden, was darauf hindeutet, dass die Türkin und dieser Grieche zusammen waren?“
„Ja. Wir haben mehrere Zeugenaussagen, die sie gemeinsam in der Disko gesehen haben. Und er hatte die Telefonnummer des Mädchens auf einem Zettel in der Jackentasche. Es war so ein Fetzen Papier aus einem Notizblock einer internationalen religiösen oder wohltätigen Organisation. „Gott Abrahams“ heißt es. Darunter steht ein Spruch „Der Gott Abrahams ist unser aller Gott“. Die Organisation hat je einen Sitz in Zürich, in Haifa, und auch hier in Deutschland in Düsseldorf. Sie scheinen überall in der Welt zu operieren, so dass er diesen Zettel überall hätte bekommen können. Damit habe ich dir einige Arbeit erspart.“
Fischer lachte ins Telefon:
„Erwischt“ gab er zu. „Ich hätte nicht gewusst, wo ich anfangen soll zu prüfen, ob die beiden etwas mit einander hatten.“
„Ja, sie hatten was. Und es war mehr als nur eine Zufallsbekanntschaft. Unser Herr Alexios Elefteridis hatte die Telefonnummer der Sarah Olun mit Vorwahl notiert, was darauf hinweist, dass er ihre Nummer schon im Ausland erhalten hatte.“
Fischer pfiff zwischen die Zähne.
„So heißt sie? Sarah Olun? Woher weißt du, dass sie es ist?“
„Ich habe vorher noch ihre Identität beim Einwohnermeldeamt geprüft. Und du kannst dir vorstellen, dass ich neugierig genug war, um ihr Foto aus unserer Datenbank mit dem Bild der Leiche aus der Röntgenstraße zu vergleichen. Es ist dieselbe Frau. Du kannst dich auf mich verlassen.“
„Danke Kumpel“, sagte Fischer. Er war seinem Kollegen wirklich dankbar, und auch dem Zufall. Denn das Mädchen war auch nicht von hier und ohne ihren Namen oder den Namen ihrer Freunde zu kennen, hätte er sonst nichts gehabt, um ihre Identität heraus zu finden. Dieser Hinweis von Gorzetzki war ein größerer Fahndungserfolg, als alles, was er sonst den ganzen Tag herausgefunden hatte.
Er nahm eine Dusche, zog sich um, und machte sich auf dem Weg zum Weißen Ochsen, um sich mit Rudi zu treffen. Insgeheim hoffte er, dass die hübsche Polin auch kommen würde. Er hatte gar einige Andeutungen gemacht, als sie sich am Mittag getrennt hatten, aber er war nicht sicher, ob sie ihn richtig verstanden hatte. Er fühlte sich zu Dorina Wiczelsky hingezogen und hätte zu einem kleinen Flirt nicht Nein gesagt. So wie es aussah, war das sein Glückstag.
Rudi war noch nicht da, aber Dorina saß mit einem kräftig gebauten Mann an einem Tisch in der Nähe der Theke. Sie lachten herzhaft und prosteten sich gegenseitig mit einem Pils zu. Als sie ihn hereinkommen sah, winkte sie ihm sofort zu und nahm gleich ihre Jacke vom Stuhl neben sich, um ihm Platz zu machen.
„Ach, Herr Fischer! Schön, dass Sie gekommen sind. Sie heißen Roland, nicht wahr? Darf ich Roland zu Ihnen sagen? Ich heiße Dorina“, sagte sie mit einer fröhlich gurgelnden Stimme, die Fischer an einen turtelnden Taube mit wohlgeformten Busen erinnerte. Er nahm ihr Angebot an und küsste sie waghalsig auf ihre rosige Wange:
„Wenn wir uns duzen, steht mir ein Kuss zu“, begründete er nachträglich seine Geste. Ihr machte es nichts aus. Sie lehnte sich vor und küsste ihn wie selbstverständlich zurück.
Wie sich herausstellte, war der kräftige Mann, der mit ihr am Tisch saß, der Wirt selber. Er nahm Fischers Bestellung für ein Bier auf und ging hinter die Theke, um es ihm selber zu holen.
„Und wo ist unser Freund Rudi geblieben“, fragte Fischer. „Er sollte schon längst hier sein. Es ist nicht gut, eine schöne Frau allein in der Kneipe sitzen zu lassen.“
„Ich war nicht allein. Willy war hier“, sagte sie und zeigte mit einem Kopfnicken zum Wirt. „Rudi kommt etwas später. Er hat vorher angerufen und gesagt, dass er noch ein wenig aufgehalten wird. Er muss jeden Moment kommen.“
Fischer dachte, er hätte nichts dagegen, wenn Rudi sich möglichst lange verspätete und ihm damit Gelegenheit gab, seine Bekanntschaft mit Dorina zu vertiefen. Sie war Kindergärtnerin in einem katholischen Kindergarten, war geschieden und hatte eine Tochter und einen Sohn. Der Sohn war gerade mit dem Vater auf eine Bergtour in Nepal unterwegs. Früher war sie auch eine begeisterte Bergsteigerin und hatte einige Spitzen zusammen mit ihrem Mann erklommen, auch wenn sie noch nie einen richtigen Achttausender bestiegen hatte. Aber sie war schon in den Himalaya, bis zu 6000 Meter hoch, bis zum Khumbu-Gletscher gestiegen. Und auch in den Anden war sie mit ihrem Mann gewesen. In Afrika hatten sie den Kilimandscharo bewältigt, und in der Osttürkei den Ararat. Später, als die Kinder geboren wurden, waren solche Touren nicht mehr drin. Sie beschränkte sich nur noch darauf, ihren Mann auf seine Touren in Europa zu begleiten, wo sie die Kinder mitnehmen konnte: In die Alpen, Karpaten oder in die Pyrenäen. Der Sohn, Waclaw, war auch ein begeisterter Alpinist, aber Sonka, ihre Tochter, mochte die Berge nicht. Sie sagte, dass die Berge sie noch weniger mochten, denn sie hatte schon zweimal einen Unfall in den Bergen erlitten.
„Vielleicht liegt es an ihrem Namen“, sagte sie. „Sonka ist ein friesischer Name, er passt besser zum Meer. Und meine Tochter wollte schon immer lieber ans Meer in den Urlaub als in die Berge. Die Berggeister sind gegen so was sehr empfindlich“.
„Ich finde Sonka klingt gut“, sagte Fischer. „Wenn ich ein Berggeist wäre, hätte ich nichts dagegen.“ Er hatte es nur so dahin gesagt, um den Ball in Bewegung zu halten. Dazu reichte ab und zu eine kleine Bemerkung. Aber er hörte ihr viel lieber zu, wie sie über sich und ihr Leben erzählte. Das gab ihm die Möglichkeit, sie zu bewundern, sich an ihr satt zu sehen. Und sie erzählte gern. Sie war fröhlich und humorvoll, obwohl, wenn es um ihre Geisterwelt ging, mochte sie keine Witze.
„Die Geister sind eine ernste Sache. Es ist nicht gut, über sie zu lachen“, sagte sie mit einer feierlichen, ernsten Miene. „Wenn du sie herausforderst oder ignorierst, bestrafen sie dich. Sie haben viel Macht und sie fordern von den Menschen mit Recht, dass wir sie respektieren.“
Sie hatte zum ersten Mal in den Pyrenäen entdeckt, dass sie das zweite Gesicht besaß. Sie hatten sich verirrt und ein Gewitter kam auf. Ihr Mann, Peter, hatte den Fuß verrenkt und konnte nicht mehr laufen. Ihre Lage wurde deswegen gefährlich. Sie hatten sich vom Regen unter einem Felsvorsprung Schutz gesucht. Dort ist sie vor Kälte und Hunger eingenickt und im Traum ist ihr ein Gesicht erschienen, ein alter Mönch, barfuß, mit einem Wanderstab, ganz abgemagert, mit zotteligen, grauen Haaren und nur einer derben, braunen Kutte gekleidet. Seine Füße waren wund und blutig. Dorina hatte seine Füße gewaschen und gesalbt, denn sie hatte Mitleid mit ihm und konnte nicht tatenlos zusehen, wie der Alte sich quälte. Daraufhin sagte ihr der Mönch, dass sie nur ein wenig nach Westen, in die Richtung des Waldes, den sie in der Ferne sah, zu gehen hatte, und dort an einer Stelle, die sie wegen einem Felsen und einer Baumgruppe nicht sehen konnte, sich eine Kapelle befand, wo sie Hilfe bekommen würde.
Als sie aufwache, ging sie in die Richtung, die der Mönch ihr gezeigt hatte, und fand tatsächlich die Kapelle. Dort traf sie auch auf einen Hirten, der half, ihren Mann bis zu seiner Hütte zu bringen. Am nächsten Tag gingen sie hinunter ins Dorf, ihr Mann auf dem Rücken eines Esels, denn man hatte einen Esel aus dem Dorf für ihn geholt, und sie ging zu Fuß daneben.
„Der Mönch hatte die Wahrheit gesagt. Ich fand die Kapelle genau dort, wo er sie mir gezeigt hatte, und dort bekamen wir Hilfe. Später, als es ich den Dorfbewohnern erzählte, sagten sie mir, dass es bestimmt der Heilige Jakobus war. Denn es war nicht weit vom Jakobsweg.“
„Der Heilige Jakob ist eine traurige Figur. Wenn mir eine schöne Frau die Füße gewaschen hätte, oder noch lieber den Rücken, hätte ich für sie ein wenig mehr getan, als sie zu der nächsten Kapelle zu schicken“, scherzte Fischer. Sie hatte sich zu sehr in ihre Geister vertieft und er fand das ein wenig fade. Er wollte sie lieber in Flirtstimmung bringen. Aber dazu kam es nicht mehr, denn Rudi tauchte auf, und er riss die ganze Unterhaltung an sich.
„Entschuldigt mich, dass ich euch so lange warten ließ“, platze er herein. „Aber die Verhandlung hat sich verzögert. Ich hatte mir das Gebäude am Ende der Röntgenstraße angesehen, denn heute Mittag, als ich da war, stand dort ein Schild, dass es zu vermieten oder zu verkaufen war. Aber die Besitzer sind Ausländer, irgendwelche Türken.“
„Und was ist daran schlimm, wenn es Türken sind?“ fragte Dorina.
„Unser Freund Rudi scheint ein paar Vorurteile gegen sie zu hegen“, sagte Fischer, und beugte sich dabei vertraulich zu ihr.
„In meinem Geschäft kann man solche Vorurteile, wie du sie nennst, nicht einfach ignorieren. Solche Fehler könnten mich Kopf und Kragen kosten. In euren Berufen ist das etwas ganz anderes. Ihr als Polizist und als Kita-Tante könnt ruhig diese Gleichmacherei spielen, dass wir alle gleich lieb, gut und ehrlich sind, denn ihr kriegt so oder so eure Gehälter. Ihr müsst keine Geschäfte mit ihnen machen.“
„Ich verstehe dich trotzdem nicht. Wenn du das Haus kaufen willst, dann ist es doch egal, von wem du es kaufst. Wenn du bezahlt hast, dann gehört es dir und basta.“
„Wenn es so einfach wäre, mein Mädchen, wie es aus deinem Munde klingt!“
„Du bist einfach nur ein Rassist“ sagte Dorina und schlug ihn dabei verspielt über den Arm. Fischer rechnete, dass sie etwas über vierzig sein musste, denn sie hatte erwachsene Kinder. Aber wenn sie lachte, hatte sie etwas Kleinmädchenhaftes um den Mund. Sie warf ihren Kopf zurück und lachte mit vollem Mund, wie ein Kind, dass etwas Unartiges getan hat und dabei erwischt wurde. Ihre Zähne blitzten dabei wie eine kleine Perlenreihe, und ihre Augen zogen sich zu einer schmalen Spalte, wie bei den japanischen Zeichentrickfilmen.
„Ein Nazi. Das bist du. Ihr, Deutschen, seid alle Nazis. Auch mein Mann war so einer. Ich kenne euch alle“
„Nicht alle“, wehrte sich Fischer. „Ich bin kein Nazi. Teste mich“ bot er sich ihr an.
„Nein, du bist kein Nazi. Aber Rudi ist einer.“
Rudi sah sie scharf an. Sein Gesicht wurde unerwartet ernst.
„Ja, ich bin ein Nazi. Und was jetzt?“
Er hatte die Antwort an Dorina gerichtet, aber Fischer war es klar, dass der Satz ihm galt und es traf ihn wie ein Seitenhieb aus dem heiteren Himmel. Das Gespräch drohte sich in eine Richtung zu entwickeln, die ihm ausgesprochen unangenehm war.
„Ich will das nicht wissen, mein Junge. Wenn du einer bist, gut für dich. Aber behalte es für dich und lass mich da raus.“
„Ok, ich lasse dich da raus. Du muss das nicht wissen. Aber ich stehe dazu. Ich habe es satt, mir ewig anzuhören, dass wir Deutschen Nazis seien. Wenn sie uns immer alle beschuldigen und verunglimpfen, dann bin ich halt einer. Und ich finde nichts Schlimmes daran, ein Nazi zu sein.“
„Na gut. Dann sei ein Nazi“, sagte ihm Dorina. „Aber lass uns damit in Ruhe.“
Der Wirt, der immer wieder zu ihnen an den Tisch kam, mal um eine Bestellung aufzunehmen, mal um ein Getränk zu bringen und jedes mal sich mit ein, zwei Bemerkungen an dem Gespräch beteiligte, mischte sich jetzt auch ein.
„Dann muss ich dir heute unbedingt unser Ferkelbraten mit Sauerkraut empfehlen. Das ist nämlich ein echter Naziferkel. Der Züchter, von dem ich das Fleisch beziehe, ist auch so einer, wie du und ich. Der macht auch keine Schnörkel darum, was er denkt. Er sagt es am liebsten gerade heraus.“
„Ihr versteht euch sehr gut, muss ich konstatieren“ warf Fischer dazwischen. „Am Ende bildet ihr alle hier noch einen braunen Sumpf und ich muss euch alle in Beugehaft nehmen.“
„Mich nicht, Roland“, sagte Dorina mit ihrer aufgesetzten Kleinmädchenstimme. Ich will gar kein Naziferkel.“
„Keine Sorge. Du bekommst dein Kaninchenfutter, wie immer“ versicherte ihr der Wirt. „Und der Wein geht aufs Haus. Damit du auch was Anständiges in den Bauch bekommst.“
„Dass diese Frauen ständig hungern müssen!“ stöhnte Rudi. „Dabei mögen wir sie viel lieber, wenn sie hier und dort ein paar Kurven haben.“
Fischer antwortete nichts darauf, aber sein Blick auf Dorinas Brust war die reinste Zustimmung.
Es war ein fröhlicher Abend und sie gaben sich alle Mühe, ihn möglichst in die Länge zu ziehen. Fischer hatte sich schon lange nicht mehr so wohl gefühlt. Er nahm sich ein Taxi, denn er hatte eindeutig zu viel getrunken, um sich noch hinter das Lenkrad setzen zu können. Er versuchte gerade, sich auszurechnen, wie viele Chancen er bei Dorina hatte, und was er dafür tun konnte, um die Sache zu beschleunigen, als sein Handy klingelte. Es war eine Schlägerei bei einer Tankstelle, sagte der diensthabende Beamte von der Zentrale.
„Aber die Sache erfordert ein wenig Fingerspitzengefühl und es wäre gut, wenn wir es nicht allein der Streife überlassen. Ich hatte auch schon versucht, den Herrn Oberstaatsanwalt Matthäus zu erreichen.“
„In Ordnung. Ich bin schon unterwegs“, antwortete Fischer.
Er gab gleich dem Taxifahrer die neue Fahrtrichtung: Die Tankstelle auf der Ausfallstraße in der Weststadt.

***

Margit Tennewill hatte zuerst geglaubt, dass die Männer herein kommen würden und sie wollte dann hinaus gehen, während sie drinnen waren. Sie waren mit sich selbst beschäftigt und stritten laut mit einander in einer fremden Sprache. Einer trennte sich von der Gruppe und machte ein paar Schritte weg von den anderen, während ein anderer ihm was hinterher schrie. Nach etwa zehn Schritten drehte sich derjenige, der vorher weggehen wollte, wieder um und kam zurück. Dabei sah er so wütend aus, wie ein schnaubender Stier. Der andere, der vorher geschrien hatte, kam auf ihn zu, und schlug ihn mit ungeheuerlicher Gewalt in die Brust, so dass der Mann wie ein Brett rückwärts auf den Asphalt fiel. Margit dachte, als sie ihn so fallen sah, ohne dass er irgendeine Bewegung gemacht hätte, um den Fall zu mildern, dass sein Kopf wie eine reife Melone auf dem Asphalt zerspringen müsse. Tatsächlich erreichte der Kopf des Mannes fast noch vor seinem restlichen Körper den Boden und schlug mit einem lauten Knall auf. Aber anstatt in Stücke zu zerbersten, oder zumindest bewegungslos liegen zu bleiben, sprang der Mann fast sofort wie ein Stehaufmännchen wieder auf und ging auf den anderen zu.
Dann ging alles so schnell, dass Margit es kaum verfolgen konnte. Das Messer sah sie gar nicht, erst als einer der Männer aus der Gruppe sich am Bauch hielt und sich krümmte. Margit begriff erst, was es war, als sie seine Finger rot werden sah. Das Blut färbte zuerst seine Finger, dann tropfte es in immer größeren Tropfen auf den Boden, dunkel und lautlos, aber unaufhörlich.

Sie wandte sich zum Tankwart und beschwor ihn, die Polizei zu rufen:
„Mein Gott! Sie haben ihn umgebracht! Er wird sterben!“ schrie sie.
„Wer? Wen haben sie umgebracht?“, fragte der Tankwart und reckte seinen Hals um etwas zu sehen. Da er aber nichts sehen konnte, versuchte er die Szene auf dem Monitor der Überwachungskameras zu finden.
Margit zerrte inzwischen ihr Handy aus ihrer Jackentasche und rief selber den Notruf. Aber bis die Polizei eintraf, waren alle Männer verschwunden. Auch der Verletzte. Nur die dunklen Blutstropfen auf dem Asphalt zeugten noch von der unglaublichen Brutalität, die sich vor ein paar Minuten dort abgespielt hatte.

***

Das Martinshorn des Polizeifahrzeugs klang für Margit wie die Posaunen der Erlösung. Sie hatte sich mit dem Tankwart allein nicht mehr sicher gefühlt. Der Mann hatte den Ernst der Lage gar nicht begriffen. Ja, er schien es gar nicht begreifen zu wollen. Und als die Polizei eintraf und die Beamten ihm Fragen stellten, antwortete er so, als ob gar nichts passiert wäre, nur weil er nichts wahrgenommen hatte. Er ist wie die drei chinesischen Affen, die nichts sehen, nichts hören und nichts sagen wollen, nur damit sie ihre Ruhe haben, dachte sich Margit. Sie fühlte sich allein gelassen, und musste erkennen, dass die Polizisten sie nicht ernst nahmen, nachdem sie den nichtssagenden Bericht des Tankwarts angehört hatten. Sie kam sich unter ihren Augen wie eine überspannte Verrückte vor, die Dinge sieht, die gar nicht stattgefunden haben. Bestimmt haben sie sich ein seltsames Urteil über sie gebildet, so wie sie dastand, mitten in der Nacht an einer Tankstelle, an die sie sonst nicht mal tagsüber hinkam. Als sie nach ihren Personalien fragten und sie ihren Beruf nannte, war die Sache in ihren Augen endgültig geklärt. So blieb ihr nichts anderes übrig, als ihre letzte Karte auszuspielen, ihren geheimen Trumpf, auf den sie sonst nur sehr ungern setzte: ihren Mann, den Chefintendanten des S-TV. Aber es wirkte auch diesmal, wie immer. Der eine Polizist rief gleich bei der Wache an und versuchte, so höflich zu erklären, wie er nur konnte, wie die Situation lag, denn er war sich bewusst, dass sie ihm zuhörte. Und er bat um Anweisungen, wie er sich in dieser empfindlichen Lage verhalten sollte. Dann hörte er eine Weile zu und legte auf, bevor er verkündete, dass der Kommissar Roland Fischer in Kürze eintreffen wird.
Margit ließ sich eine Tasse Kaffee geben und fragte nach der Raucherecke, um die Wartezeit zu verkürzen. Aber dafür hätte sie nach dem neuen Gesetz hinaus gehen müssen, und herunter vom Tankstellengelände. Das war etwas zu viel für ihre Nerven. Sie dachte dabei, wie absurd es war, dass sie gerade deswegen zu der Tankstelle gekommen war, weil sie unbedingt eine Zigarette rauchen wollte. Jetzt hatte sie die Zigaretten in der Tasche, sogar zwei verschiedene Sorten: Die Türkischen, und das Päckchen, das sie soeben gekauft hatte. Aber jetzt hatte es keine Bedeutung mehr, sie wollte gar nicht mehr so dringend rauchen.
Als der Kommissar endlich auftauchte, stellte sie erleichtert fest, dass er ihr aufmerksam zuhörte und sich alle Mühe gab, sie ernst zu nehmen. Aber er konnte an manchen Stellen mit ihrer Erzählung nicht klar kommen.
„Verzeihen Sie, gnädige Frau, ich glaube, ich habe Sie nicht richtig verstanden. Könnten Sie bitte noch einmal ab dem Moment wiederholen, ab dem der Täter zu Boden geworfen wurde?“
Inzwischen waren sie hinausgegangen, und standen direkt am Ort des Geschehens, nur einige Schritte von den verräterischen Blutstropfen entfernt.
„Als der Täter zurück kam“, versuchte Margit möglichst im Polizeijargon zu sprechen, „schlug ihn der andere zu Boden. Der Täter sprang wieder auf und stach ihn nieder.“
„Vorher sagten Sie, dass er mit so einer Wucht auf dem Boden fiel, dass Sie annahmen, er müsste liegen bleiben.“
„Ja, er fiel wie ein Brett. Verstehen Sie, was ich meine?“ Sie suchte nach den passenden Worten, um eine Situation zu beschreiben, die sie vorher noch nie erlebt hatte. „Er versuchte nicht, sich auf die Seite zu drehen, oder eine Hand auszustrecken, oder sonst etwas, womit er sich beim Fallen helfen könnte. Er fiel einfach so wie ein Brett.“
„Und er sprang gleich wieder auf?“ Fischer fragte so minutiös, weil er sich diesen Kampf nicht vorstellen konnte, egal wie er sich bemühte.
„Ja, er sprang gleich wieder auf, wie ein Stehaufmännchen“.
„Könnten Sie mir die Stelle zeigen, wo sein Kopf ungefähr aufschlug?“
Margit machte ein paar Schritte, dann blieb sie stehen und zeigte direkt vor ihre Füsse:
„Hier. Hier muß es gewesen sein.“
Fischer leuchtete mit seiner Taschenlampe auf den Fleck, denn sie ihm gezeigt hatte und ließ sich in Huckestellung, damit er den Boden näher untersuchen konnte. Es gab aber nichts Auffälliges zu sehen. Nur ein leicht dunklerer Fleck. Aber vielleicht täuschte er sich nur. Oder vielleicht ein einzelnes Haar? Nein, er fand nichts, was zu erwähnen wert wäre. So stand er auf und wandte sich wieder Frau Tennewill zu: „Und dann?“
„Dann stieß er die Hand mit dem Messer nach vorn und der andere fasste sich gleich an den Bauch und krümmte sich.“
„Sie haben das Messer in seiner Hand gesehen als er zustach?“
„Erst als er die Hand zurückzog. Es ging alles so schnell.“
„Aber er stach auf den Mann ein, der ihn zuvor niedergeworfen hatte?“
„Das kann ich auch nicht genau sagen. Vermutlich hat er das.“
„Aber sie haben es nicht genau gesehen?“
„Nein.“
Es war nicht viel, was er hier erfahren konnte, dachte sich Fischer. Aber die Blutstropfen waren nicht weg zu denken. Auch wenn sie noch so stumm waren, sie verrieten einen Mordversuch. Denn wenn es so abgelaufen war, wie die Zeugin berichtete, dann muss das Opfer eine lebensgefährliche Verletzung erlitten haben. Und die Zeugin konnte ihre Beobachtung sehr genau beschreiben, auch wenn die Streife sich eine andere Meinung über sie gebildet hatte.
Er sagte nur: „Fürs erste sind wir hier fertig“. Und verabschiedete sich, um mit der Streife wegzufahren.

***

Margit Tennewill stieg in ihren Wagen und kurbelte das Fenster herunter, denn sie wollte beim offenen Fenster eine Zigarette anzünden. Die Geschehnisse des Tages drehten sich wirr in ihrem Kopf und sie wusste nicht, was sie mit ihnen anfangen sollte. Sie hatte immer versucht, die Situationen und Gefühle zu kontrollieren. Aber heute sah sie sich gleich mit mehreren Situationen und Vorstellungen konfrontiert, die sie nicht kontrollieren konnte. Da war dieser Artikel im Internet, der sie in ein sehr unangenehmes Licht stellte, ohne dass sie irgendwie eingreifen konnte. Da war diese Franzi Kehrmann, von der sie bis heute keine Ahnung hatte, dass sie überhaupt existiert. Und da war das Gesicht mit den goldblonden Haaren, das sie zuerst für Franzi Kehrmann gehalten hatte. Das war ein sehr unangenehmes Gefühl für sie, denn sie hatte keinerlei Erklärung dafür. Es war wie eine wirre Halluzination, ohne jegliche logische Erklärung und sie mochte sich damit nicht abfinden, dass sie das Opfer einer so starken Halluzination wurde.
Inzwischen war sie zu Hause angekommen und ging aus der Garage direkt durch den Keller in die Wohnung. Erst oben im Wohnungseingang zog sie die Jacke ihres Sohnes aus und hängte sie an der Garderobe auf. Sie überlegte sich, einen Drink zu nehmen, mit einer letzten Zigarette dazu, um ihre Nerven zu entspannen. Sie steckte die Hand in die Jackentasche und zog die Schachtel Zigaretten heraus. Dabei flatterte ein Zettel auf den Boden. Margit hob ihn und las darauf in einer fremden Handschrift einen Namen und eine Telefonnummer. Auf der anderen Seite war das Logo einer Organisation: „Abrahams Gott und seine Kirche“ hieß es. Darunter stand ein Spruch „Der Gott Abrahams ist der einzige Gott“.

Kapitel 4

Mutter Mutoglu wischte den niedrigen, kitschigen Couchtisch ab und fragte schüchtern die Freundin ihrer Tochter:
„Möchten Sie lieber Tee oder Kaffee?“
Die Frage klang so formell, wie die Übungssätze eines Sprachbuches. Erika, wurde von dieser Entdeckung innerlich sehr überrascht. Obwohl sie Güzel schon seit zwei Jahren kannte und seit etwa einem halben Jahr, seitdem sie zum ersten Mal ihre Familie zu Hause besuchte, hatte sie Güzels Mutter nie anders erlebt als jetzt. Sie war übertrieben höflich und schüchtern. Sie kam herein, fragte sie, ob sie Kaffee oder Tee trinken wollte und verschwand sogleich wieder in der Küche. Sie erschien dann wieder mit einem Tablett, auf dem alles ordentlich serviert wurde und auch ja nichts fehlen durfte: Tassen, Zucker, Sahne, und Kaffeelöffel. Dann kam sie noch einmal zurück mit dem Kaffee und einem Aschenbecher. Wenn irgendwelche islamischen Feste angesagt waren, bot sie ihr auch Süßigkeiten an. Ein Teller voll mit Schokolade und andere Süßigkeiten aus dem Supermarkt, wie die Sachen für Halloween: Mars, Bounty, Gummibärchen, Schokoriegel, alles. Und einige Platten mit türkischen Süßigkeiten, die allesamt sehr klein, furchtbar süß und klebrig waren und sichtbar mit sehr viel Arbeitsaufwand gemacht wurden.
Erika hatte sie gefragt, ob sie alles selber gemacht hatte, aber Güzel musste die Frage auf Türkisch wiederholen und ihre Mutter antwortete nur kurz etwas auf Türkisch. Güzel erklärte ihr dann, als ihre Mutter hinaus gegangen war, dass sie an solchen Festen schon Tage vorher von morgens bis abends in der Küche war und das Essen zubereitete. Sie ließ sich oft Zutaten von ihren Verwandten aus der Türkei schicken und wenn etwas fehlte, halfen sich die Frauen gegenseitig aus.
Es hatte lange gedauert, bis Erika begriff, dass hinter der Schüchternheit auch ein Wunsch nach Distanz steckte. Sie verstand ihre Sprache nicht. Sie verhielt sich schüchtern und zurückhaltend, nicht weil sie sich nicht traute, sondern weil sie die Welt, in der ihre Tochter verkehrte, ablehnte. Erika hatte einmal Güzel darauf angesprochen, aber diese antwortete nur ausweichend:
„Ach meine Mutter lebt in ihrer Welt, mach dir keine Gedanken darüber. Sie hat ihre Freunde, ich die meinen. Wenn meine Tanten und Onkeln kommen, dann ist es alles umgekehrt. Dann will sie, dass wir dabei sitzen und für sie die heile Familie spielen, aber das wollen wir nicht. Meine kleinen Brüder und Schwestern kann sie noch für sich haben, wie eine Glucke, was sie auch ist. Aber ich gehe dann immer weg, wenn meine Tanten kommen. Und Hakan ist schon deswegen ausgezogen.“
„Wo wohnt dein Bruder jetzt?“
„In einer Wohngemeinschaft in Frankfurt. Er hat dort mit zwei anderen Freunden zusammen eine Wohnung. Er sagt, dass er studiert, aber das glaubt ihm niemand.“
„Und was macht er dann den ganzen Tag?“
„Ich weiß nicht. Es interessiert mich auch nicht.“
Erika spielte mit der handgemachten weißen Spitzendecke auf dem Tisch.
„Kommt er euch nicht mehr besuchen?“
„Nur noch sehr selten. Er sagt, dass ihn der Mief hier erdrückt, dass er hier gar nicht atmen kann.“
Sie schwiegen beide eine kurze Zeit lang. Güzel, weil ihr Bruder und sein Tun von wenig Interesse war und Erika, weil sie nicht wusste, was sie weiter fragen sollte, ohne dass es auffiel.
„Ich dachte, ich hätte ihn neulich in der Stadt gesehen. Mit diesem Otti Dobrig und noch ein paar anderen aus deren Clique.“ Nach einer kurzen Pause, als Güzel nicht antwortete, fragte sie weiter: „Es war vor dem Ützenbrützel“
„Kann sein“, sagte endlich Güzel. „Ich habe seine Freunde nie gemocht. Auch meine Eltern mögen sie nicht. Weil sie die Söhne von Freunden sind, sagen sie nichts, wegen der Freundschaft zwischen den Familien. Aber die anderen dürfen nicht ins Haus kommen. Mein Vater sagt, dass Hakans Freunde wie der Teufel sind. Er hat nichts dagegen, wenn ich mit Hubert zusammen bin, weil Hubert aus einer anständigen Familie ist, auch wenn er ein Deutscher ist. Aber wenn ich mir eines Tages in den Kopf setzen würde, einen Jungen wie dieser Otti Dobrig oder die anderen von Hakans deutschen Freunden zu heiraten, dann bringt er mich um.“
Erika schluckte einen Knödel hinunter. Sie wussten beide, warum Güzels Vater so sprach. Der Unterschied zwischen den Familien Tennewill und Dobrig war nicht zu übersehen. Aber sie konnte es nicht laut aussprechen. Sicher waren Güzels Eltern deutschfeindlich. Auch wenn sie hier auf ihrer Couch saß und ihren Kaffee trank und mit ihnen so freundschaftlich verkehrte, fühlte sie, dass zwischen ihnen eine große Kluft lag und sie nicht wünschten, dass sie diese Kluft überquerte. Man nannte sie in ihrer Hörweite „das deutsche Mädchen“, oder einfach nur „die Deutsche“. Aber sie mochte nicht wissen, wie sie sie nannten, wenn sie nicht da war, oder wenn sie in ihrer Sprache über sie sprachen und ihr einfach nur unbeteiligte Blicke zuwarfen, als ob sie ein seltsames Insekt wäre. Sie fühlte die Ablehnung der Eltern und sie bildete sich nicht zu viel auf die Freundschaft mit der Tochter ein. Aber sie liebte Hakan mit der ganzen Verzweiflung, mit der eine neunzehnjährige junge Frau lieben kann. Er hatte nur für ein paar kurze Monate Interesse für sie gezeigt, voriges Jahr. Es war kurz und heftig wie ein Strohfeuer. Er war so verliebt, so aufmerksam, so voll mit liebenswerten Überraschungen gewesen, so wie man es sich von einem deutschen Mann gar nicht vorstellen konnte. Er war pure Poesie und Romantik. Es gab nichts, was er nicht für sie getan hätte. Und im Tausch wollte er nur eine einzige Sache. Sie konnte zu ihm einfach nicht nein sagen, denn sie wollte es ja auch. Sie war so verliebt, dass sie es auch für sich wünschte. Die anderen Mädchen, die sie kannte, wurden viel früher entjungfert. Sie tat es auch deswegen. Hakan hatte ihr ein, zweimal Andeutungen gemacht, dass sie immer älter würde. Er hatte ihr erzählt, dass die Frauen, die zu alt werden, so über zwanzig, und immer noch keinen Sex hatten, hysterisch wurden.
„Weil ihre Hormone verrückt spielen. Deswegen verheiraten wir sie so jung. Das ist gesund für die Mädchen. Ihr Körper braucht das.“
So hatte sie eingewilligt. Aber es machte ihr keinen Spaß. Sie machte trotzdem alles mit, was er von ihr wollte, weil sie ihn liebte, und weil sie ihm glaubte, wenn er ihr sagte, dass er sie auch liebte. Sie hatten nie Schluss mit einander gemacht, so dass sie sich immer noch an ihn gebunden fühlte, auch wenn er schon seit über einem Jahr weggezogen war. Sie wusste nicht, wo er wohnte und womit er sich beschäftigte. Sie hätte ihn gern in Frankfurt besucht, aber er wollte das nicht. So musste sie darauf warten, dass er wieder nach S. am Rhein kam, und sie sich treffen konnten. Er rief sie dann an und holte sie mit einem alten Wagen ab, denn er von irgendeinem Kumpel ausgeliehen hatte. Dann fuhren sie in den Wald und hatten Sex miteinander. Sie fragte ihn dann immer, wann sie zusammen ziehen werden. Aber er konnte nicht, denn er hatte keine Wohnung und kein Geld, sagte er.
„Mein Onkel zahlt für mein Studium und ich darf nichts tun, was ihn verärgert. Das Geld kommt von dem Muslim Verein und wenn sie hören, dass ich mit einer deutschen Frau zusammen lebe, streichen sie mir mein Stipendium.“
„Wenn wir zusammen wohnen, dann bezahlen meine Eltern die Miete. Und wir könnten ein wenig jobben“, versuchte sie ihn zu überreden. „Ich habe gehört, dass man in Frankfurt als Kellnerin sehr gut verdient. Man bekommt sehr viel Trinkgeld, sagt Mia.“
Er dachte einen Moment nach, aber dann winkte er ab:
„Das geht nicht. Ich darf es nicht, denn der Vorstand unserer Moschee würde das nicht dulden. Und ich will keinen Streit mit ihnen wegen einer Nichtmuslim Frau.“
So blieb Erika nichts anderes zu sagen übrig. Sie hatte viele schlaflose Nächte damit verbracht, eine Lösung zu finden, denn sie wurde so erzogen, nichts hinzunehmen. Ihr Vater sagte immer, wie er es auch schon von seinem Großvater gelernt hatte: „Es gibt immer eine Lösung für jedes Problem, wenn man den Kopf nicht verliert, sondern geduldig danach sucht.“ Sie hatte die Veranlagung ihres Vaters geerbt, einfache, funktionale Lösungen zu suchen. Wenn sie was wollte, musste sie auf dem geraden Weg weiter gehen, der zu ihrem Ziel führte. Und sie wollte Hakan. Wenn es für ihn und seine Leute die Tatsache, dass sie eine Christin war, ein Hindernis bedeutete, so wollte sie keine Christin mehr sein. Es bedeutete sowieso nichts für sie, denn sie hatte sich schon lange nicht mehr mit den religiösen Sachen beschäftigt. Sie dachte mit ihrer eigenen Sachlichkeit, eine Frau muss sich nicht einmal so beschneiden lassen wie ein Mann, wenn sie zum Islam konvertiert.
Deswegen war sie heute hierher gekommen, zu Güzel. Sie sollte hier noch einmal mit ihrem Onkel sprechen, mit Imam Dimriz. Sie warteten schon über eine Stunde, denn der heilige Mann verspätete sich. Güzel wurde langsam nervös, denn sie wollte bald zu Hubert gehen. Erika bettelte fast, denn sie fürchtete sich vor dem Gedanken, in der Wohnung allein mit Güzels Mutter zu bleiben. Sie hätte nicht gewusst, was sie tun oder worüber sie mit ihr sprechen sollte.
Nach unendlich langer Zeit, als sie schon fast eingesehen hatte, dass sie das Treffen auf einen späteren Zeitpunkt verschieben sollte, traf der Imam dennoch ein. Er spielte gern den Heiligen Mann, gab sich würdevoll und gütig. Es war dieser gewisse Blick, denn die frommen orientalischen Männer haben, wenn es um ihre religiöse Funktion geht. Dazu noch hatte er eine sehr passende Tonart, wie ein altes, gütiges Väterchen. Und um es noch mehr zu betonen, strich er manchmal gern durch seinen Bart, der allerdings nicht lang genug war, um dieser Geste die notwendige Würde zu verleihen. Er gab sich große Mühe, geduldig und aufmerksam zu erscheinen, während Erika ihm berichtete, wie weit sie sich für den Freitag vorbereitet hatte. Er lobte sie sehr, aber schnitt ihr dennoch das Wort ab und gab ihr drei Prospekte, die sie bis dahin durchlesen sollte. Dann aber wandte er sich an Güzel:
„Habt ihr es mit dem Fernsehen arrangiert? Kommen sie?“
„Ich weiß nicht, Onkel. Ich habe Hubert gesagt, was du mich beauftragt hast, aber er sagte, dass er von seinem Vater so etwas nicht verlangen kann.“
„Wieso nicht? Er ist doch sein Sohn. Wenn mein Sohn etwas will, kann er immer zu mir kommen und mit mir sprechen“. Er hatte auf Türkisch umgeschaltet, so dass Erika nichts mehr verstand. Güzel antwortete ihm auch auf Türkisch:
„Du weißt, wie die Deutschen sind. Sie sprechen nie miteinander und tun nichts füreinander. Sie sind alle so kaltherzig und egoistisch. Die deutschen Eltern denken nur an sich selbst, an ihre Karriere und vergessen dabei ihre Kinder. Seine Mutter würde nie den ganzen Tag in der Küche sitzen, so wie meine Mutter, um für uns zu kochen. Seine Mutter geht zum Friseur, macht sich zurecht, als ob sie eine Zwanzigjährige wäre und dann geht sie ins Fernsehen.“
„Ja, sie ist eine Hure“, bestätigte ihr Onkel. „Aber wir brauchen sie.“
„Du brauchst Huberts Vater, nicht seine Mutter. So hast du es gesagt.“
„Halte dich auch bei der Mutter zurück, Güzel“, mahnte sie der Imam. „Sie hat viele Beziehungen und viel Einfluss an der Universität. Sie ist für uns Türken gut. Jetzt, wo sich immer mehr Deutsche öffentlich gegen uns wenden, brauchen wir jeden einzelnen, der auf unserer Seite steht. Versuche freundlich zu ihr zu sein.“
Erika sah von einem zum anderen, aber sie verstand absolut nichts von diesem Gespräch. Ihr fiel es nicht einmal auf, dass es ihr gegenüber ein Zeichen der Unhöflichkeit sein könnte. Und hätte ihr es jemand gesagt, so hätte sie geantwortet, dass sie dafür volles Verständnis hätte, denn Imam Dimriz kann ja nicht so gut Deutsch sprechen.

***

Goretzki hatte die Kollegin gebeten, mehrmals bei der Düsseldorfer Niederlassung der Organisation „Gott Abrahams“ anzurufen. Sie waren anscheinend nicht leicht zu erreichen. Er hatte sie schon beinahe verdächtigt, eine Briefkastenfirma zu sein. Aber dann, um acht Uhr abends rief endlich die Kollegin an und meldete, dass er jetzt anrufen könnte, dass Pfarrer Topfling jetzt da sei und seinen Anruf erwarte. Er musste es dennoch mehrmals klingeln lassen, bis an dem anderen Ende der Leitung abgehoben wurde.
Ja, es handelte sich um eine Internationale Organisation, der mehrere Theologen angehörten und die sich zum Ziel gemacht hatte, die Zusammenarbeit zwischen den drei großen Weltreligionen zu fördern.
„Wir beten im Grunde alle zum selben Gott, nicht wahr?“ fragte wie selbstverständlich der Pfarrer.
Goretzki betete zwar zu keinem Gott, aber er dachte, das geht den Pfarrer nichts an. Der Mann am anderen Ende der Leitung klang eher wie ein geölter Versicherungsvertreter oder ein Anwalt aus dem Bereich der Finanzen und Abmahnungen, als ein traditioneller Geistlicher. So ging Goretzki instinktiv in Reserve und nahm die Haltung an, mit der man sonst solchen Gestalten zu begegnen pflegte, die einem sagten: „Ich kaufe nichts und ich sage nichts, womit du mir nachher einen Strick um den Hals drehen kannst“. Er besann sich sofort und kehrte seine eigene Professionalität als Polizeibeamter heraus:
„Ist Ihre Organisation in Deutschland als gemeinnütziger Verein anerkannt?“
Er spürte, wie sein Gegenüber zurückschnaubte, wie ein Pferd, bei dem man die Zügel anzog.
„Nein, wir sind es nicht, aber das Verfahren läuft bereits und es ist nur eine Frage der Zeit, von ein paar Monaten oder nur Wochen.“
Goretzki rückte gleich mit der nächsten Frage nach, bevor Pfarrer Topfling wieder richtig in Fahrt kam:
„Wo ist der Sitz der Mutterorganisation ihres Vereins?“
Die Frage war spürbar unangenehm und Goretzki nahm ein kurzes äh… wahr, bevor die Antwort kam:
„Die Zentrale befindet sich in Südafrika, aber hier in Europa haben wir mehrere Zentren, das größte von ihnen in Rotterdam. Und in Deutschland finden Sie uns in Düsseldorf, in Neu-Ulm, in Frankfurt, in Regensburg…“
„In Frankfurt, sagten Sie? Ich habe keine Eintragung für Frankfurt gefunden.“
„Unsere Filiale in Frankfurt ist noch sehr klein und relativ jung. Wir befinden uns sozusagen noch im Aufbau. Ich selber fahre noch jeden Monat hin, um nach den Rechten zu sehen. Am nächsten Montag bin ich auch in Frankfurt.“
„Das trifft sich gut“, sagte Goretzki prompt: „Wenn Sie Ihre Geschäfte dort erledigt haben, können Sie das Polizeipräsidium von S. am Rhein mit Ihrer Anwesenheit beehren. Ich schicke Ihnen die Einladung umgehend raus.“
„In Ordnung“, antwortete Pfarrer Topfling zögerlich. „Ich werde am Montag zu Ihnen kommen. Es wird aber erst spätnachmittags möglich sein, denn wir haben sehr viel zu erledigen“.
So viel war es auch nicht und sein Zeitplan war flexibel, so dass es ihn nicht daran gehindert hätte, bereits vormittags zum Polizeipräsidium zu gehen. Aber er wolle sich ein wenig wichtig tun, denn er mochte es nicht, wie der Kommissar ihn behandelte.

***

Der große Freitag rückte näher. Man hatte der Moschee einen neuen Gebetsraum und ein Internat für die Koranschüler hinzugefügt. Und man erhielt endlich die Genehmigung, auch ein Minarett zu bauen. Der Architekt Boris Dhimmer hatte wirklich eine gute Arbeit geleistet, besser als man es hätte erwarten können. Die Stadt wollte das Minarett ursprünglich nicht genehmigen und sie hatte alles Mögliche dagegen aufgeführt. Diese lächerlichen Deutschen, die sich in ihren eigenen Gesetzen verheddern, sie werden den Islam nie aufhalten können. Sie sprechen immer von Parkplätzen und Bauvorschriften, anstatt das Schwert zu nehmen.
„Lass sie nur machen. Sie machen es für uns“, sagte Faisal Edal. Dimriz mochte den Mann nicht, aber er beugte sich seinem Willen. Wer bezahlt, der befiehlt, pflegte schon sein Vater zu sagen, und Dimriz wusste, wann er sich klein und unterwürfig geben musste. Faisal war mächtig und gefährlich. „Wenn er auf unserer Seite ist, gelingt uns alles. Wenn er gegen uns ist, gelingt nichts“. Darin waren sich alle Mitglieder des Moscheevorstandes einig.
Der deutsche Architekt hatte für sie gute Arbeit geleistet, das musste Imam Dimriz zugeben. Er hatte den neuen Gebetsraum errichtet, so dass der alte, der miefige alte Raum jetzt ganz den Frauen überlassen werden konnte. Man hatte die Fenster zugemacht, damit niemand von draußen hinein sehen konnte und auch die Frauen nicht mit den Dingen der Außenwelt abgelenkt wurden.
Als er aber mit dem Bau des Minarettes anfangen sollte, passierte etwas Seltsames. Ein kleiner, dicker Mann tauchte von irgendwoher auf und wütete, dass man den Bau und damit auch die Ehre der Moschee, einem Ungläubigen überließ.
„Habt ihr keine eigenen Architekten, die das machen können? Was für elendige Faulenzer seid ihr geworden! Und ihr nennt euch Muslime? Dass ich nicht lache.“ Und er lachte demonstrativ. Er lachte fistelnd und ließ dabei bis in den Rachen hinein sehen, denn seine Vorderzähne fehlten.
Was diese Erscheinung zu bedeuten hatte, wusste Imam Dimriz nicht, aber er fürchtete sich instinktiv vor dem kleinen Mann. Die Muslime haben keine Heiligenbilder, denn Mohammed hatte solche Bilder verboten. So konnten sie den Unterschied nicht wissen, aber er spürte es dennoch. Tief in seinem Inneren wusste er es und fürchtete sich.
Also kündigten sie dem deutschen Architekten und nahmen einen Muslim. Sie warfen dem Deutschen Betrug vor. Jetzt war die Sache in der Zeitung und das tat ihnen nicht gut. Der Imam hatte diesen Freitag irgendwie anders geplant. Er hatte darauf gebaut, dass die Journalisten kommen und dass sie gut über die Moschee schreiben werden. Und auch das Fernsehen. Aber jetzt kam ein dumpfes Gefühl des Hasses auf, der ihnen unterschwellig aus den Zeitungen entgegenschlagen würde. Er fühlte es und er hasste sie dafür. Er fürchtete sich vor dem, was über sie kommen würde. Aber was hätten sie anders tun können? „Sie können nicht verstehen, dass wir das für unsere Ehre, für unseren Stolz tun müssen“, sagte er sich. „Sie sind nur unverständige Ungläubige, gefühllose Deutsche.“
Der neue Architekt war ein Schützling des Faisal Edal. Er hieß Ali Bin Edali und war einer aus Edals Sippe. Deswegen mussten sie ihn nehmen, ob sie wollten oder nicht. Edal bestand darauf. Der Neue taugte nicht viel und er war nicht zu finden, wenn man ihn brauchte. Dimriz vermutete, dass er mehr tat, als nur den Bau zu überwachen. Yusuf der Wachmann hatte ihm erzählt, dass die Leute unter dem Internat einen dunklen Raum einbauten, von dem nirgendwo gesprochen wurde und der von niemandem genehmigt worden war.
Imam Dimriz stieß einen tiefen Seufzer aus. „Inschallah“, sagte er sich. „Allahs Wille geschehe!“

***

Ein dunkelroter BMW bog auf dem Parkplatz vor dem Autobahnzubringer A61 ein, fuhr eine Runde und parkte dann neben einem alten schwarzen VW-Diesel. Die Fahrerin des BMW stellte den Motor ab und vergewisserte sich, dass sie nicht verfolgt wurde, bevor sie die Tür öffnete und ausstieg. Es hatte in der Nacht vorher geregnet und sie musste einige Wasserpfützen umgehen, die sich in den Spurrinnen und Schlaglöchern des Parkplatzes angesammelt hatten. Sie schaffte es mit der Grazie einer Gazelle, denn sie wusste, dass ein bewundernder männlicher Blick ihre Schritte verfolgte. Sie kam zur Beifahrertür des VW und stieg ein.
„Wo warst du so lange? Ich habe gedacht, du kommst nicht mehr.“
„Ich musste warten, bis mein Mann von zu Hause wegging. Wir haben uns wieder gestritten und er wollte mich einsperren.“ Sie brach in Tränen aus: „Hakan, ich kann nicht mehr.“
Er zog sie zu sich und küsste sie leidenschaftlich auf dem Mund, auf das Gesicht, auf die Augen. Er wollte sie näher zu sich ziehen, sie drücken. Sie stöhnte schmerzhaft auf.
„Was ist los, Salchan?“ fragte er zärtlich.
„Er hat mich geschlagen“, schluchzte sie. „Oh, Hakan, er war so brutal! Er hat mich an den Haaren gezogen, dass ich dachte, er reißt sie mir aus. Und dann hat er mich am Arm genommen und gedrückt und geschüttelt… Ich glaube, dass ich überall blaue Flecken habe.“
Hakan streichelte und tröstete sie.
„Fahr los, Hakan“, drängte sie. Wenn jemand kommt und uns hier sieht, dann bringt er mich um. Und wenn er von dir erfährt, dann lässt er dich töten.“
Hakan ließ den Motor an und fuhr von der Parkstelle hinaus auf die Schnellstraße.
„Komm, hauen wir ab. Fahren wir weg von hier.“
„Aber wo sollen wir hin?“ fragte Salchan.
„In die Türkei zu meiner Tante.“
„Das geht nicht. Er wird uns finden. Er wird uns überall finden. Und deine Tante wird mich hassen, wenn sie erfährt, dass ich verheiratet bin und so mit dir zusammen lebe.“
„Sie muss das nicht erfahren“.
„Und wovon sollen wir leben? Du hast kein Geld und keine Arbeit. Und wenn ich ihn verlasse, sperrt er mein Konto. Von meinem Vater kann ich auch nicht erwarten, dass er uns Geld gibt.
Sie fuhren von der Schnellstraße ab, auf Feld- und Waldwegen, wo sie bei diesem regnerischen Wetter ungestört und für sich allein sein konnten. Die Zeit verflog wie im Fluge. Irgendwo auf einem einsamen Waldweg stellte Hakan den Motor ab und sie stiegen aus und liefen Hand in Hand durch den Wald. Salchan musste sich immer wieder auf Hakan stützen, denn sie schlitterte ständig mit ihren Stöckelschuhen auf dem nassen Waldweg. Diese kurzen, gestohlenen Momente des Glücks waren ihr gut gehütetes Geheimnis. Salchan, die Tochter eines reichen Libanesen, verheiratet mit einem Unternehmer irakischer Herkunft, durfte alles haben, was man mit Geld kaufen kann. Sie durfte sich ganz mondän und oberflächlich emanzipiert geben. Aber alles nur mit Maß, nur so weit ihr Ehemann es ihr gestattete. Beim Minirock, Fernsehauftritte und kleinen Rollen als Vorzeigemuslimin sagte er großzügig ja. Aber bei einem türkischen Liebhaber war es eindeutig nein.
„Wann sehe ich dich wieder?“ fragte Hakan, als sie wieder am Parkplatz angekommen waren und Salchan ihm diskret zwei Hunderterscheine zusteckte.
„Ich weiß nicht“, vielleicht nächste Woche?
„Ich fahre aber am Freitag nach S. am Rhein. Mein Onkel hat mich gebeten, denn es ist für ihn sehr wichtig.“
„Vielleicht kann ich auch am Freitag nach S. am Rhein kommen. Mein Mann muss nächste Woche nach Amsterdam und wenn er bis Freitag nicht zurück kommt, dann fahre ich auch nach S. Ich besuche dort eine Freundin und dann können wir uns wieder treffen.“
Sie gab ihm einen letzten Kuss, dann stieg aus.
„Wenn es klappt, dann schicke ich dir eine SMS“, sagte sie zum Abschied. Dann stieg sie in ihren Wagen und das Schäferstündchen war zu Ende.

***

Der Geruch von frisch gekochtem Kaffee und gebratenem Speck verbreitete sich angenehm aus der offenen Küche kommend im gesamten Haus. Margit Tennewill hatte ein umfangreiches Buffet mit kalten Platten und Salaten aufgestellt und Victor holte einen Korb voll frischer Brötchen von der Sonntagsbäckerei.
Um den großen Esszimmertisch der Familie Tennewill saßen mehr als zehn Leute zu einem Sonntagsbrunch. Die Tennewills hatten Gäste eingeladen: Der evangelische Dekan Edwin Dobrig mit seiner Gattin Ursula, ein Industriellen-Ehepaar, die Gudweiß, die vor ein paar Tagen von ihrer Finka aus Spanien zu Besuch nach Hause gekommen waren und die wichtigste Person, der zuliebe eigentlich die Party veranstaltet wurde, die liebe Tante Therese.
Die Tennewills hatten lange überlegt, ob ein Brunch das Richtige sei, denn Tante Therese war altmodisch und sehr anspruchsvoll, wenn es ums Essen ging. Wenn sie selber Gäste zu Tisch einlud, dann war es zum Dinner. Nun wartete Margit mit großer Spannung auf Thereses Reaktion. Aber der Brunch hatte sich als eine gute Idee herausgestellt. Therese sprach den vielen feinen französischen Salaten und italienischen Schinken kräftig zu. Und wie es schien, hatte sie auf ihren vielen Reisen, seitdem sie verwitwet war, gelernt, die feinen exotischen Gerichte zu schätzen, die jetzt das große Jugendstilbuffet an der Wand des Esszimmers im Erdgeschoß der Villa Tennevill zierten: japanische Sushi-Häppchen mit Wassabisenf, italienischer Parmaschinken und Spanischer Nußschinken, nebst ungarischer Gänseleber und russischem Kaviar, Käsesorten aus mehreren Ländern, darunter auch Thereses Lieblingskäse, ein feiner, reifer Appenzeller. Der Tisch krümmte sich regelrecht unter den vielen Speisen, und Therese sagte immer wieder:
„Ach, ihr habt einfach zu viel vorbereitet! Es ist zu viel von allem hier. Wer soll das alles essen?“ Aber dafür langte sie kräftig zu und spülte fleißig mit dem besten Kessler Sekt, den die Tennewills direkt aus der Cannstatter Kellerei geschenkt bekommen hatten, eine Kiste vom feinsten Kessler Hochgewächs. Wasser war nichts für sie. „Das könnt ihr trinken“ gab sie zur Antwort, als man ihr solches angeboten hat – natürlich nur Perrier, Thereses Lieblingssorte.

Auch die Kinder hatten ihre Freunde an diesem Tag dabei. Güzel saß ganz eingeschüchtert zu Huberts rechter Seite. Sie hatte sich Mühe gegeben, zu gefallen, denn sie kam mit der Bitte ihres Onkels an den Intendanten, ein TV-Team am Freitag in die Moschee zu schicken. Sie hatte sich sorgfältig gekleidet, in einem türkisblauen, leicht silbern gemusterten Shirt mit einem engen, weißen Jeansrock und mit einem pinkfarbenen Haarreifen in ihren üppigen, schwarzen Locken, die leicht nach Yasmin dufteten. Sie hatte sich nach ihrer gewohnten Art geschminkt. Hubert sagte, als Tante Therese die zu viel Schminke kritisierte, dass Güzel nicht mal den Müll hinaustragen kann, wenn sie vorher nicht geschminkt ist. Er meinte es als einen netten Witz, um das Eis zwischen seiner Freundin und der Tante zu brechen. Aber weder Therese noch Güzel fanden die Bemerkung witzig. Therese mochte auch das türkische Gelee nicht, das ihr Güzel als ein nettes Geschenk mitgebracht hatte. Sie hatte überhaupt an allem etwas auszusetzen, was sie sagte. Güzel nahm es natürlich persönlich und zog sich in ein schmollendes Schweigen zurück. Woher hätte sie wissen sollen, dass Tante Therese bei ihren Sympathiebekundungen jungen Mädchen gegenüber sehr wählerisch war? Sie nahm die Ablehnung der dicken alten Frau, die wie ein mit Brillanten bestücktes, heidnisches Götzenbild am Ende des Tisches thronte, und zu allem eine resolute Meinung äußerte, sehr persönlich.
Tante Therese war nur eine Cousine von Victors Vater, aber die Tennewills hüteten diese Verwandtschaft sorgsam und hingebungsvoll, denn sie hatten sonst keine anderen Blutsverwandten. Dagegen hatte sie mehrere Häuser in Frankfurt, in Wuppertal und auch in Erfurt. Die Tennewills hatten eigentlich den Dekan Dobrig mit seiner zickigen Frau Ursula nur Tantchen zuliebe eingeladen, damit Tantchen sich mit ihm unterhalten konnte, denn sie wussten, dass sie eine Vorliebe für kirchliche Würdenträger hatte.

Zu Huberts Linken ein wenig abseits, saß Thomas, der auf Vicky Tennewill, eine gewohnheitsmäßige Langschläferin, wartete. Hubert war mehrmals zu ihr ins Schlafzimmer hochgegangen, bis es ihm endlich gelungen war, sie zu wecken. Jetzt war sie bereits unter der Dusche, so dass Thomas sich langsam Hoffnungen machte, sie zu sehen. Nach dem Austausch der Begrüßungen hatte er sich weder an dem Gespräch noch an der Schlemmerei beteiligt. Er hatte sich lediglich zu einer Tasse Kaffee überreden lassen. Er gehörte einfach nicht dazu. Er teilte diese Meinung sowohl mit den Tennewills, wie auch mit dem Ehepaar Dobrig. Das einzige Bindeglied zwischen ihnen war die verwöhnte Vicky, der ihr Vater alles verzeihen konnte, sogar einen, seiner Meinung nach, rechtsextremistischen Freund. Thomas sah es von seiner Warte aus genau so, nur umgekehrt: Vicky zuliebe war er bereit, gelegentlich diese spießigen roten Parteikarrieristen, wie er sie klammheimlich nannte, zur ertragen, wenn es sein musste. Er hielt auch den Dekan Dobrig für einen Roten, obwohl dieser ein Geistlicher war. Thomas und seine Freunde stellten sogar die Gottesgläubigkeit des Pfarrers in Frage. Sie waren überzeugt, dass Dobrig nur wegen der Karriere und wegen seines ansehenswerten Gehalts in der evangelischen Kirche war und sonst von Gott, Kreuz und Jesus nicht viel hielt.
Auch Sergio Domiani der Castingbeauftragte vom Sender, wurde eingeladen, speziell von Margit. Er hatte begeistert zugesagt. Er hatte seit der Talkshow mit Margit einen kleinen, aber
vielversprechenden Flirt angefangen und brannte darauf, diese kleine Affäre voran zu treiben. Wenn er die Sache geschickt lenkte, konnte er vielleicht seinem beruflichen Weg, der seit drei Jahren auf einer Stelle festgefahren war, helfen. Aber jetzt war er garnicht mehr sicher, ob es klug gewesen war, die Einladung anzunehmen. Er hatte geglaubt, dass der Intendant sich nicht um das Liebesleben seiner Frau kümmerte. Zumindest so hatte sie es ihm zu verstehen gegeben, wenn sie darüber zu sprechen kamen. Und jeder Mitarbeiter des Senders war genauestens über die Geliebten des Chefs informiert. Nun saß er hier, am Tisch seines Chefs und hatte das Gefühl, dass dieser ahnte, weswegen er da war, und ihn deswegen nicht besonders schätzte. Victor Tennewill sah nicht nach einem Mann aus, der billigend im Kauf nahm, wenn seine Frau mit einem anderen Mann schlief.
Wie es sich jetzt herausstellte, war Dekan Dobrig keine gute Wahl gewesen, denn er konnte sich genauso wenig wie Güzel, bei Therese beliebt machen. Diese hatte zwar eine Schwäche für Theologen, aber sie bevorzugte eindeutig die Katholiken, und auch unter ihnen die konservativeren Ränge, wie die Jesuiten oder gar die Pius Brüder. Alles andere, egal von welcher Kirche, war für sie eine ausgedünnte, verwässerte Garde, wie sie sich ausdrückte, ein Verrat an den alten Werten.
„Dann schon lieber ein Atheist“, sagte sie dem Dekan klipp und klar ins Gesicht, als dieser ihr von dem neuen Programm berichtete, einem Seminar über die Gemeinsamkeiten der drei großen abrahamitischen Religionen.
Dekan Dobrig traute sich nicht, ihr zu widersprechen. Er versuchte sich lediglich zu verteidigen:
„Wir alle beten zum selben Gott, gnädige Frau. Und wir wollen versuchen, unseren christlichen Werten den muslimischen Mitbürgern zugänglich zu machen. Deswegen haben wir dieses Programm gestartet.“
Therese kannte keine Gnade. Sie verabreichte dem bedrängten Dekan gleich den nächsten Stoß:
„Alles Humbug! Wie viele Muslime sind zu Ihrem Seminar gekommen? Wie viele haben Sie zu ihrem Glauben bekehrt?“
Und da der Dekan bedrohlich rot wurde, und nur verlegen brummte und stotterte, gab sie selber die Antwort:
„Keinen. Eher ist so, dass junge Menschen zum Islam überlaufen, damit sie nicht gemobbt werden. Sie sind schon selber auf dem Wege, zum Islam überzulaufen!“ stieß sie nochmals zu, kämpferisch wie eine Brunhilde der alten Zeit. „Die evangelische Kirche von heute hat kein Rückgrat mehr. Sie würden am liebsten selber zum Islam überlaufen, nur um sich noch mehr zu erniedrigen und die christliche Religion zu zertrampeln.“
Therese dominierte die ganze Gesellschaft und ließ keine anderen Ansichten gelten. Güzel schob sich verlegen hin und her auf ihrem Stuhl. Sie war in der Hoffnung hergekommen, einen günstigen Moment zu finden, um dem Intendanten Tennewill Onkel Dimriz‘ Einladung übermitteln zu können. Der Imam hatte lange Zeit an der Konvertierungen am kommenden Freitag gearbeitet und es war sein größter Wunsch, dass die Presse oder das Fernsehen kommt.
„Du musst ihn unbedingt überzeugen, Güzel“, legte er ihr ans Herz. Diese Person, die am nächsten Freitag zum Muslim wird, ist sehr wichtig für uns. Er ist berühmt. Sag ihm das, damit er das Fernsehen zu uns schickt.“ Aber wie sollte sie jetzt anfangen, mit dem Intendanten darüber zu sprechen, wenn diese alte Frau hier so gegen die Muslime hetzte? Sie war eine braune alte Hexe, das war sie! Ja!
Die Tennewills umschwärmten aber Tante Therese, wie eine reiche Königin, nur weil sie ein paar Häuser hatte. Und sie sagte jetzt offen heraus, was sie vom Islam hielt, nämlich gar nichts!
Hubert hörte eine Weile zu und tat aus Bequemlichkeit so, als ob er die spitzen Bemerkungen nicht verstehen würde, denn er war ein gemütlicher Typ, der allem Streit aus dem Weg ging, wenn es nur möglich war. Normalerweise nannten seine türkischen Freunde diese Haltung tolerant, aber jetzt kamen Güzel ganz andere Bezeichnungen in den Kopf, einige darunter wenig schmeichelhafte, wie Schlappschwanz.
Therese Sommer-Widde hatte von ihrem verstorbenen Mann neben den Häusern auch die Mitgliedschaft in einem internationalen Ritterorden das Kreuz der Nibelungen geerbt und sie nahm ihre Ritterschaft sehr ernst. Der Orden war eine Neugründung, nicht älter als 30 Jahre, aber die Mitglieder hielten sich für die direkten Nachfahren der einstigen Nibelungen. Das Alter des Ordens war ihnen so ziemlich egal. Sie wollten überall in der Welt Gutes tun. Und das Beste, was sie tun konnten war, andere Interessenten zum Ritter zu schlagen. Und solche willigen, zahlungskräftigen Interessenten gab es immer wieder. Mal waren es die Nachfahren von Deportierten in Australien, oder irgendwelche Stammeshäuptlinge in Zentralafrika, deren Großväter zum Christentum konvertiert waren. Sie wollten gern einem europäischen Ritterorden mit einem wohlklingenden Namen angehören. In solchen Fällen schickte der Orden jemanden, der den Kandidaten vor Ort mit einem Rittermantel und einem Ordenskreuz ausstattete und anschließend mit einem Schwert, oder viel häufiger mit einem Stab, zum Ritter schlug. Sehr oft fiel diese Aufgabe Tante Therese zu, da sie als wohlhabende Witwe immer bereit war, die Kosten und Mühen einer solchen Fernreise auf sich zu nehmen, um zu den hohen Ehren zu kommen, die einer Rittersfrau in Afrika oder Australien zukommt. Auf diesen Reisen hatte sie manche Konflikte mit dem Islam erlebt, gerade wenn er in einem bestimmten Gebiet die Staatsreligion war. Die muslimischen Behörden sahen dem Tun und Treiben eines christlichen Ritterordens in ihrem Hoheitsgebiet nicht gern zu, schon gar nicht, wenn er von einer Frau vertreten wurde. Und die vielen Freunde berichteten Tante Therese von manchen Gräueltaten, die ihre Mitglieder und Freunde von den muslimischen Machthabern erlitten. So dass Therese, obwohl sonst sehr multikulturalistisch und tolerant eingestellt, den Islam grundsätzlich ablehnte.
„Ihr habt keine Ahnung, was der Islam in Wahrheit ist!“ verkündete sie vom Kopfe des Tisches in die Runde der Anwesenden. „Vor zwei Jahren haben mir die Leute in Kenia erzählt, dass dort im Norden Kenias, die Dorfbewohner zwei junge Männer gesteinigt hatten, weil sie schwul waren. Die zwei lebten an der Küste und verdienten viel Geld. Und weil sie sich auch mit Touristen abgaben, hat man sie getötet. Sie schickten ihren Familien immer wieder Geld. Dafür waren sie gut. Ihr Geld hat jeder gern genommen, obwohl es von den verhassten Touristen kam. Aber als sie zu Besuch nach Hause kamen, hat der Imam in der Moschee die Dorfbewohner gegen sie aufgehetzt. Am Freitag nach dem Gebet in der Moschee, sind die Dorfbewohner zu der Familien der zwei Jungen Männer gegangen, haben sie abgeholt und dann konnte niemand mehr etwas dagegen tun. Sie waren richtig in Rage, im Blutrausch. Sie gruben die Beiden bis zur Hüfte in die Erde, bedeckten sie mit einem Tuch und warfen so lange mit Steine auf sie, bis sie sich nicht mehr bewegten. Auch die Kinder mussten sich daran beteiligen. Die Erwachsenen gaben ihren Kindern die Steine in die Hand, damit sie sie werfen. Grausam! Das ist der Islam. Aber ihr wollt das nicht wahrhaben.“
Margit war schockiert. Nur leider brach die falsche Reaktion aus ihr heraus:
„Aber Tantchen, das kannst du nicht vergleichen. Sie befinden sich dort im Krieg!“
Therese sah sie an, wie man ein hübsches, aber dummes Schaaf ansieht.
„Was soll das daran ändern? Ist das etwa eine Entschuldigung?“
Thomas erinnerte sich, über den Vorfall auf PI-News gelesen zu haben. Aber er dachte, dass sei in Somalia passiert. Und er wusste einige andere Geschichten, aber er hielt sich zurück. Dagegen fühlte sich Hubert langsam genötigt, ein Wort für die Seite Güzels einzulegen:
„Das ist sicher brutal, aber das ist Afrika. Dort sind sie alle brutal, ob Christen, Muslime oder die Angehörigen der Naturreligionen. Und auch wir Weißen werden wie sie, wenn wir länger dort leben. Aber hier in Europa erleben wir die Muslime ganz anders. Sie sind genauso friedliebend wie wir, sehr freundlich und offen. Sie wollen im Grunde nur in Frieden leben und in Ruhe gelassen werden.“
„Ach du meinst, wenn jemand nach Europa kommt, ändert er in zwei Wochen seine ganze Lebenseinstellung? Hoffentlich werdet ihr nicht eines Tages durch eine Erfahrung am eigenen Leibe eines besseren belehrt.“
Die Worte der Tante klangen fast ungewollt prophetisch. Alle schwiegen einen kurzen Moment betroffen. Fast so, als ob sie mit den Augen ihrer Seele einen Moment in die Zukunft schauten und dort Dinge erblickten, die sie viel lieber nicht sehen wollten. Es hat nur einen Augenblick gedauert, dann war das Zauber vorbei.
Die Situation drohte langsam peinlich zu werden. Die Tennewills hatten eigentlich geplant, Tante Therese mit allem zufrieden zu stellen, was sie sich nur vorstellten konnten, das ihr gefallen könnte. Aber so wie die Dinge sich entwickelten, wurde die Stimmung gereizt. Auch wenn die kleine türkische Freundin Huberts nichts sagte, sprach ihre Haltung Bände. Sie zeigte mit jedem Blick, mit jeder Bewegung ihres hübschen Kopfes, wie beleidigt sie sich fühlte. Solche Worte in Margit´s Haus! An ihrem Tisch! Und Güzel und das Ehepaar Dobrig als Zeugen dabei, so dass es morgen bereits die ganze Stadt wusste! Und andererseits Tante Therese, die sie schon seit Jahren hofierten und die ständig auf der Suche nach einem Erben war, dem sie ihr Vermögen vererben konnte. Ein Vermögen, das sie gut gebrauchen konnten, denn sie lebten nicht gerade bescheiden. Allein auf dem Haus hier hatten sie noch 760.000€ Hypotheken abzuzahlen.
Ihre Hoffnung, Therese würde sich mit dem Dekan Dobrig angenehm unterhalten, konnten sie vergessen. Zum Glück hielt Therese vom Sekt der Tennewills mehr, als von deren Gästen. Sie war bereits beim vierten Glas und es schien ihr immer besser zu schmecken. Sie prostete dem Ehepaar Gudweiß zu und diese kamen sich auch über die anderen Annehmlichkeiten des Lebens überein, so wie ein gutes Essen oder ein paar exotische Reisen. Die Gudweißes machten auch gerne teure Fernreisen, die sich nicht jedermann leisten konnte und die aus diesem Grunde außergewöhnlich waren. Sie hatten aber keinen politischen oder gutmenschlichen Ehrgeiz dabei. Ihr Interesse an exotischen Ländern war rein hedonistisch.
Nach dem fünften Glas Sekt hatten die Gudweißes und Tante Therese so viele Gemeinsamkeiten entdeckt, dass Herr Gudweiß gleich beschloss, dem Nibelungenorden beizutreten.
„Wie ist es mit diesem Orden? Was für Bedingungen muss man erfüllen, um darin aufgenommen zu werden?“, erkundigte sich Thomas, der bisher das Warten auf die Tochter des Hauses damit verbrachte, dass er den langweiligen Ausführungen des Dekans Dobrig höflich zuhörte. Die Geschichte eines Ritterordens, der zum Greifen nahe lag, schien ihm aber tausendmal interessanter, als die langatmigen Erzählungen über einen gemeinsames Religionsunterricht für christliche und muslimische Kinder, der didaktisch so formuliert war, dass die Väter der muslimischen Schüler ihre Zustimmung erteilten konnten. Der Dekan aber ließ nicht locker. Froh, dass er endlich auch einen willigen Zuhörer gefunden hatte, blieb hartnäckig dabei, während Thomas sich die größte Mühe gab, den Anschein zu geben, ihm höflich zuzuhören, während er mit seinem anderen Ohr verstohlen Thereses Erzählungen lauschte.
Zum Glück, und zu Thomas‘ Rettung, tauchte endlich Vicky auf und postierte sich hinter seinem Stuhl, so dass er offensichtlich vom Zwang erlöst wurde, dem Dekan zuhören zu müssen. Thomas konnte kaum erwarten, der netten Gesellschaft „Auf Wiedersehen“ zu sagen. Er dauerte nur noch einige wenige Augenblicke. Er müsse sich nur noch ein wenig gedulden, bat ihn Vicky. Denn sie konnte sich nicht vorstellen, den Tag ohne eine Tasse Kaffe und einer Zigarette anzufangen. Der Kaffee wartete bereits in der Tasse. Die Zigaretten dazu fehlten noch.
Margit erinnerte sich an das Päckchen, das sie vorige Nacht an der Tankstelle geholt hatte.
„Geh und hol dir welche aus Huberts Jacke. Sie hängt an der Garderobe.“
Vicky steckte die Hand in die Jackentasche und holte das Päckchen heraus. Mit den Zigaretten flatterte auch ein Zettel heraus und fiel zu Boden. Sie hob ihn auf, sah sich das seltsame Logo an und zog dabei die Augenbrauen zusammen. Da gerade jemand aus der Gästetoilette heraus kam, überlegte sie nicht lange, sondern steckte das Zettel schnell in die Tasche ihrer Jeans.

Kapitel 5

Die Moschee war zum Bersten voll. Der Verein hatte dafür gesorgt, dass an diesem Tag zehnmal so viele Gläubige anwesend waren wie sonst und niemand ihnen den Vorwurf machen konnte, sie würden Moscheen nur deswegen bauen, um möglichst viel Boden der Ungläubigen dem Islam zuzuführen. Denn das hatten die Ungläubigen auch schon längst entdeckt. Zuerst hat ein französischer Journalist darüber geschrieben, dann eine deutsche Journalistin, diese dreckige Jüdin, und jetzt wussten es alle, die es wissen wollten. Zumindest alle, die uns aufhalten wollen. Aber sie hatten auch dagegen eine Medizin. Sie ließen Muslime von überall aus der Gegend kommen, auch Frauen und Kinder. Auch aus den anderen Städten kamen welche. Aus Ludwigshafen und aus Mannheim kamen zwei Busse. Sogar aus Amsterdam und aus Brüssel waren welche gekommen. Es war ein großer Tag, ein Tag des Sieges.
Auch der evangelische Dekan Dobrig war anwesend. Imam Dimriz hatte sich beim Vorstand des Moscheevereins für ihn stark gemacht, denn der christliche Geistliche konnte die Dinge so erklären, wie man sie sagen musste, damit die Deutschen sie akzeptierten.
Die muslimischen Zuhörer interessierten sich kaum dafür, was Dekan Dobrig zu sagen hatte. Aber er predigte selbsterfüllt, überzeugt, dass nur er allein wusste, was der richtige Weg war und was der einzige Gott der Welt, Allah der Barmherzige mit den Menschen beabsichtigte. Imam Dimriz hörte ihm mit Verachtung zu, wie der verachtete Christ sprach:
„Liebe Freunde, ich bin zutiefst geehrt, hier mit euch die Einweihung des neuen Gebetraumes feiern zu können. Wir alle sind Brüder und Schwestern im Glauben, auch wenn sich unsere Vorfahren in der Vergangenheit oft in blutigen Kriegen bekämpft hatten. Ich als Deutscher schäme mich dafür und bitte euch hiermit demütig um Vergebung. Entschuldigt bitte die Kreuzzüge, die meine Vorfahren gegen euch geführt haben. Wir alle wissen, dass es nur einen einzigen Gott geben kann, unser aller Gott, der Gott Abrahams, denn die Juden Jahwe nennen und die ihr, meine Brüder und Schwestern, Allah nennt. Es war Allah, der die Welt erschuf und der Abraham befahl, seinen Sohn Ismail zu opfern. Es war Allah, der die Sintflut über die sündigen Menschen schickte und Noah und seine Familie rettete, so wie es in der Bibel, im Koran und auch im Talmud berichtet wird. Und es war Allah der Allmächtige, der Suliman befahl, ihm einen Tempel, ein Gotteshaus auf dem Heiligen Berg zu errichten, dort wo heute die Al-Aksa Moschee in Jerusalem steht. So wie dort in Jerusalem die Muslime ein Haus Gottes bauten, so bauten sie ihm hier am Rhein eines, damit wir ihn gemeinsam preisen können. Ihn, den Allmächtigen Allah, den Gott Abrahams. Ich bekenne, dass es keinen Gott außer Allah gibt und das Mohammed sein Prophet ist.“
Imam Dimriz sah verächtlich drein. Er weigerte sich, die Worte des Christenpfarrers als Gebet, als heilige Worte zu würdigen. Weiter hinten, im Schatten einer Säule, grinste der kleine Mann, dem die Vorderzähne fehlten. Er war zufrieden mit sich selbst. Er war gekommen, auch wenn seine Leute vergessen hatten, ihm eine Einladung zu schicken.

***

Dobrig sah zufrieden um sich. Er fühlte sich großartig. Heute hatte er das islamische Bekenntnis, die Schahada, einmal aufgesagt und er wusste, dass viele Kenner es bemerkt hatten. Es hatte gute Gründe, dieses Bekenntnis heute hier zu sprechen, in seiner Eigenschaft als christlicher Pfarrer. Jetzt, wo die Zeremonie vorüber war, übergab er sich den Genüssen. Er liebte die orientalischen Speisen und bediente sich ausgiebig. Schade nur, dass die Muslime keinen Wein trinken, dachte er sich. Das müsste man ihnen ausreden, ihre Abneigung gegen Alkohol. Gott hatte den Menschen das Wissen geschenkt, wie man Wein herstellt, denn das gehört zu den höchsten Genüssen der Welt.
Er füllte seinen Teller mit den leckersten Sachen und setzte sich zu Tisch. Er lächelte seine Tischnachbarn an und sie lächelten zurück. Er sagte ihnen ein, zwei Nettigkeiten und sie gaben ihm genau so höfliche, nichtssagende Antworten. Aber er konnte keine richtigen Gespräche mit ihnen knüpfen. Wenn immer er es versuchte, da war dieser kleine Dicke mit den goldenen Zähnen , der ihn verstohlen beobachtete. Er war die Ursache dafür, dass der Dekan sich in seiner Haut nicht mehr wohl fühlte. Der Dicke sah ihn mit Augen an, die wie Kohle brannten, verächtlich und voller Hass.
Er ging zu den deutschen Gästen, die da waren und sprach zu ihnen. Er wollte über diese große Verbrüderung diskutieren, er wollte über seine Bedeutung als Botschafter der Christen in diesem wichtigen Pakt der Verbrüderung aller großen Abrahamiten hier auf rheinischem Boden sprechen. Er suchte nach dem Rabbi Yodda, der den Juden vertreten hatte. Dieser hatte sich aber klammheimlich verdrückt. Der Rabbi war eh kein geselliger Mensch. Er war gekommen, erfüllte die Aufgabe, die ihm der Zentralrat auferlegt hatte, sprach noch ein paar Worten mit dem Dicken und dann sah er zu, wie er schnellstens verschwinden konnte. Denn er persönlich hielt nicht viel von dieser Art von Verbrüderung mit solchen Leuten. Ihm konnte man nichts vormachen.
Dobrig fürchtete den kleinen Dicken, ohne sich der magischen Wirkung entziehen zu können, die dieser um sich ausstrahlte. Seine goldenen Zähne glänzten wie Feuer zwischen seinen schmalen Lippen, wenn er mit jemanden sprach. Und es war zu sehen, dass wenn er einmal bereit war, mit jemand überhaupt ein, zwei Worte zu wechseln, er seinen Gesprächspartner dominierte. Er sprach jetzt mit Imam Hafiz, dem fremden Imam, von dem man nur über zwei Ecken erfuhr, dass er einen radikalen, salafistischen Islam predigte. Dobrig war zu weit weg, um die Worte zu verstehen, deswegen maß er ihnen keinerlei Bedeutung zu. Der Imam hatte eine unterwürfige Haltung eingenommen und sprach zu dem kleinen Dicken in einem arabischen Dialekt:
„Oh, du Gesandter, wir haben gehandelt, wie du es uns befohlen hast. Wir hoffen, dass du mit uns, nichtsnutzigem Staub unter deinen Füßen zufrieden bist.“
Der kleine Dicke sah mehr aufwärts, denn Imam Hafiz war ein großgewachsener Mann, auch wenn er sich jetzt Mühe gab, sich vor dem anderen klein zu machen. Der kleine ließ indessen seine Goldzähne aufblitzen und zischte wütend:
„Wie? Du sagst, dass ihr meine Befehle ausgeführt habt? Nichts habt ihr getan, ihr dummen Hohlköpfe! Sieh hin, da ist sie! So lebendig wie all die anderen hier. Ihr habt die falsche Frau ermordet! Das habt ihr!“
Dabei nickte er in die Richtung einer Fensternische. Dort stand Erika Dietmann, ganz allein für sich, hilflos und verloren in der großen Halle voll mit Menschen. Ein paar Schritte weiter, im Schatten einer Säule, stand eine große, schlanke Frau und schien sie zu beobachten, ja über sie zu wachen. Versunken in ihren Gedanken wie sie war, hatte sie keine Ahnung, weder von der Frau hinter ihr, noch von den zwei Muslimen, die sie von der ferne mit Blicken verfolgten.
Imam Hafiz sah den kleinen Mann erschrocken an, dann wandte er sofort seinen Blick zu Boden, denn er fürchtete, von den Blitzen aus den Augen des Kleinen mit den goldenen Zähnen vernichtet zu werden.
„Sollen wir es noch einmal versuchen? Wir könnten die deutsche Frau in eine Falle locken, wenn sie von hier weggeht.“
„Nein, jetzt nicht mehr. Es ist zu spät. Jetzt hat sie schon ihre Beschützerin um sich“, winkte der Dicke wütend und sah dabei de unbekannte blonde Frau an, die neben Erika Dietmann stand. „Lassen wir es bis auf ein anderes Mal.“
Dobrig, der die Zwei verfolgt hatte, entdeckte den Gegenstand ihres Gesprächs, die so gedankenverloren vor dem Fenster stand und ging auf sie zu. Sie fühlte sich innerlich unwohl, es fröstelte sie in ihrer Ecke und sie zog ihre Jacke enger um sich, als ob sie sich in ein unsichtbares Schneckenhaus zurückziehen wollte.
Sie hatte heute auch die Schahada öffentlich aufgesagt und jetzt hatte sie auf einmal mulmige Gefühle bekommen. Sie hatte sich zum Gott der Muslime bekannt, weil sie so verliebt war und sie gehofft hatte, mit ihrem Geliebten Hakan auf diese Art zusammen zu kommen, von seiner Familie akzeptiert zu werden und ihn heiraten zu können. Aber sie hatte sich geirrt und sie erkannte es jetzt, wo es zu spät war.
Hakan war auch gekommen, er war auch hier beim Fest. Sie hatte ihn gesehen. Sie hatte ihr neues, großes schwarzes Tuch über das Gesicht gezogen und war ihm nachgeschlichen.
Da war noch eine Frau, die genau so ein Tuch über dem Gesicht hatte wie sie. Und Erika sah die beiden, Hakan Mutoglu und die Frau mit dem Schwarzen Tschador über ihrem Gesicht, hinter dem Eingang zum Internat verschwinden.
Sie konnte ihnen nicht weiter folgen, denn sie kannte sich nicht mehr aus und sie fürchtete sich in dieser so fremden Welt. Die Tür, hinter der sie verschwanden, ließ sich auch nicht mehr so ohne weiteres öffnen.
Aber Erika hatte genug gesehen. Hakan liebte sie nicht, er liebte eine andere. Das ganze war umsonst gewesen. Irgendwo in ihrem tiefsten Inneren keimte ein Gefühl des Ekels auf, der sich langsam ihrer Eingeweide bemächtigte. Dort in ihrem Bauch, wo noch bis vor kurzem die Schmetterlinge kribbelten, nagte etwas Unangenehmes, Unaussprechliches. Was suchte sie überhaupt hier in diesem sinnesleeren, kitschigen Religionstheater? Sie wusste gar nicht, ob sie an einen Gott glauben sollte und wenn ja, ob dieser Moslemgott für sie der Richtige war oder Jesus Christus, Buddha oder ein anderer Gott. Eine Stimme hinter ihr flüsterte „Ja“, es war eine weibliche Stimme.
Als der Dekan sie begrüßte, fuhr sie aus ihren Träumereien auf und wollte ihn zuerst abschütteln, aber dann besann sie sich, dass er vielleicht der richtige Mann für diese Fragen zu Gott und Glauben sei:
„Herr Dobrig, ich muss Sie was fragen“, sprach sie ihn unverschnörkelt an. „Ich bin froh, dass Sie da sind, denn Sie sind der Fachmann, denn ich jetzt brauche.“
„Guten Tag, Frau… Frau…“ versuchte der Dekan sich zu erinnern. „Sie haben also auch diese schöne Religion entdeckt? Fragen Sie nur mutig“ nickte er ihr freundlich zu, als er merkte, dass sie zögerte. „Wenn ich die Antwort kenne, helfe ich Ihnen sehr gern.“
„Dietmann. Mein Name ist Erika Dietmann und ich war mit Ihrem Sohn in derselben Klasse.“
„Schön, Frau Dietmann.“ Der Dekan sah sie fragend an.
Jetzt, wo sie ihre Gedanken in Worte fassen sollte, musste sie sich anstrengen, die passenden Sätze zu finden.
„Sie haben sich vorhin in Ihrer Rede zum Islam bekannt, denn Sie haben die Schahada aufgesagt. Und das bedeutet nichts anderes, als dass man sich zum Islam bekennt. Aber Sie sind ein Christ, nicht wahr? Wie ist beides möglich?“
„Warum sollte es nicht möglich sein, liebe Frau Dietmann? Wir alle glauben nur an einen allmächtigen Gott, nicht wahr? Und wir können nicht behaupten, dass es dieses mal ein christlicher Gott ist, nächstes Mal es sich aber um einen jüdischen oder um einen islamischen Gott handelt.“
„Ich bin nicht so erfahren mit der Religion, Herr Dekan, denn meine Eltern sind Atheisten und sie haben mich nicht religiös erzogen. Aber ich habe jetzt, für diesen Tag, den Islam ein wenig studiert. Und der Imam hat mir gesagt, dass es gewisse Unterschiede zwischen dem Islam und dem Christentum gäbe und dass es deswegen nicht egal ist, ob ich an Jesus glaube oder an Allah. Mein Lehrer, das war der Hilfsimam Almedin, sagte mir, dass die Christen glauben, dass Jesus selber ein Gott ist, und auch Maria eine Göttin. Deswegen beten die Christen zu Jesus und zu Maria genau so, wie sie zu Gott beten. Und darüber hinaus haben viele Christen noch viele kleinere Götter, die Heiligen. Die Griechen und die Katholiken beten die Heiligen genau so an, als ob sie selber Götter wären“ sagte sie.
Der Dekan legte sein inzwischen leer gewordenes Teeglas beiseite und fragte das Mädchen
„Ich sehe nicht, wo das Problem liegt. Was stört Sie?“
„Ich denke mir, wenn wir zu ein und demselben Gott beten, dann ist es egal, ob wir Christen, Muslime oder Juden sind, nicht wahr, Herr Dekan?“
„Ja, so ist es meine Liebe. Genau wie Sie es sagen.“
„Aber warum legen die Muslime dann Wert darauf, dass nur der Islam die richtige Religion sei und warum sagen sie über die Christen, dass sie mehrere Götter haben? Wer hat dann Recht, wenn es doch noch Unterschiede zwischen den Religionen gibt? Denn es gibt sie, nicht wahr? Das kann man nicht leugnen.“
Sie hörte die Stimme wieder „Ja“ flüstern. Es war dieses mal, als ob diese weibliche Stimme aus ihrem tiefsten Inneren käme, von dort, wo sie soeben noch die Krallen ihre Eingeweide gequält hatten. Gleichzeitig hörte sie aber laut und deutlich, wie eine Dissonanz, den Dekan sagen:
„Nein, meine liebe Frau Dietmann, es gibt keine Unterschiede. Sehen sie, wir alle haben nur einen Gott und einen Glauben, ob Juden, Christen.“
Sie sah Sie! Jetzt, noch während der Pfarrer sprach, sah sie Sie! Sie war noch in ihrem Inneren, aber gleichzeitig auch vor ihr, um sie, mächtig, übermenschlich. Und Sie war sehr wütend! Sie erhob sich mächtig, wie eine übermenschliche Gestalt aus den alten Sagen und schmetterte gegen den Pfarrer mit der ganzen Wut eines allmächtigen Wesens:
„Du kleiner, elendiger Menschenwurm! Du maßest dich an, über uns Götter zu bestimmen! Du verdienst nicht einmal deine menschliche Gestalt! Du bist ein Nichts!“
Erika stockte der Atem. Was sie soeben erlebt hatte, war nicht einmal mit dem Bruchteil einer Sekunde auszudrücken. Es war mit menschlichen Maßstäben überhaupt nicht zu beschreiben. Nach nur kurzer Zeit war sie sich nicht mehr sicher, was es war, was sie erlebt hatte. Sie wusste nicht einmal mehr, ob sie es überhaupt erlebt hatte. Der Dekan war nicht mehr da. Aber war er zuvor da gewesen? Vielleicht hatte sie das Ganze nur geträumt? Es kann nur ein Traum gewesen sein, eine Halluzination, denn in der Realität passierten solche Dinge nicht. Vielleicht war er gar nicht da gewesen. Überhaupt, was hatte sie dort zu suchen? Sie schüttelte ihren Kopf, als ob sie dieses unmögliche Traumbild damit loswerden könnte und ging hinaus, ohne sich überhaupt von jemand zu verabschieden
Eine kleine Ratte beobachtete sie aus dem Winkel einer Nische, seltsam, nachhaltig. Ihre kleinen schwarzen Äugelein erschienen fast wie das Fenster zu einer menschlichen Seele.

***

Die jungen Männer sprachen auf Arabisch miteinander, so dass Denic nichts verstand und deswegen fragte er immer wieder dazwischen. Sie warteten auf eine deutsche Schlampe, um es ihr richtig zu besorgen.
„Bist du sicher, dass wir das alles mit ihr tun sollten“, fragte er den, der ihr Anführer war.
„Ja, Mann! Ich habe dir doch schon gesagt. Wie oft sollen wir noch besprechen? Sie kommt gleich. Sie trägt ein schwarzes Hijab auf den Kopf. Die dumme Schlampe wollte uns vormachen, dass sie an den Islam interessiert ist und so.“
„Aber wenn sie es ernst meint? Der Prophet hat uns gesagt, dass wir die Ungläubigen erst fragen sollten, ob sie zum Islam konvertieren wollen und wenn sie es nicht wollen, nur dann sollen wir sie töten.“
„Ach! Halt deinen Maul und tu, was man dir sagt!“ gab der Anführer zur Antwort. „Der Imam hat uns gesagt, dass wir diese Erika, oder wie die heißt, erst richtig behandeln sollen „ – dabei machte er eindeutige, obszöne Bewegungen – „und dann töten“.
„Das hat der Imam Dimriz gesagt? Das kann ich nicht glauben, Mann!“
„Nein, nicht Dimriz, du Hohlkopf! Dimriz ist nur ein sanfter Memme. Er ist nur einer für die Frauen und für die Ungläubigen, die nicht wissen dürfen, was der wahre Islam ist. Der echte Imam ist Hafiz. Wir machen, was er uns sagt, kapiert?“
Der Kumpel, der um die Ecke Schmiere stand, gab ihnen das Zeichen: „Sie kommt, und sie ist allein“.
Der Anführer zog sein Messer aus der Tasche.
„Willst du sie gleich niederstechen?“ fragte einer.
„Nein, ich will ihr nur Angst einjagen. Aber wir wollen erst ein wenig Spaß mit ihr haben, bevor wir sie töten.“
„Das meine ich auch, Mann!“

Währenddessen erreichte die Frau im schwarzen Tschador die Ecke und wollte gerade in Richtung Parkplatz einschlagen, wo sie ihren dunkelroten BMW geparkt hatte, als die Männer ihr den Weg versperrten. Sie zog den Tschador ängstlich ins Gesicht und schrie auf. Sie schrie umsonst, denn niemand hörte sie.

Kapitel 6

Als Fischer am Tatort eintraf, stellte er fest, dass sein Kollege Goretzki auch schon anwesend war. Der Dönerbudenbesitzer aus der Röntgenstraße hatte die Leiche entdeckt und gleich die Polizei gerufen als er heute Morgen zur Arbeit kam.
Fischer pfiff laut zwischen den Zähnen:
„Wenn das ein Selbstmord war, dann möchte ich wissen, wie sie da hoch gekommen ist.“
Die junge Frau hing an der Straßenlaterne, in einer Höhe von 5 Metern. Ein schwarzer Stoff war um ihren Hals geknotet, damit hatte man sie dort oben aufgehängt, direkt an der Ecke, etwa sieben Meter vom Eingang des Dönerladens entfernt. Ihre schwarzen Locken flatterten im Wind zusammen mit ihrem Tuch, wie die stumme Flagge eines Piratenschiffes. Ihre Beine baumelten nackt und ungelenk in der Luft. Fischer kam auf die abartige Idee, dass sie ihn an die Lieblingspuppe seiner Schwester erinnerte, die er einmal gestohlen und misshandelt hatte. Er hatte ihr die Beine ausgedreht und sie baumelten genau so ungelenk herum, wie die der Frau da oben auf dem Lichtmasten. Aber das war nur eine Puppe und er hatte dafür eine ganze Woche Stubenarrest bekommen. Sein Taschengeld wurde auch gekürzt denn man musste eine neue Puppe für Petra kaufen. Aber das hier war etwas ganz anderes. Die Frau da oben war ein Mensch aus Fleisch und Blut.
Zuerst hieß es, es sei ein Selbstmord. So etwas kam öfters vor. Gerade bei denen. Sie zwangen ihre Töchter, irgendwelche brutalen Kerle zu heiraten, die sie nie zuvor gesehen hatten. Die Mädchen liefen oft weg, wenn sie einen Freund hatten, der ihnen helfen konnte. Wenn sie niemand hatten, dann begingen sie Selbstmord. Aber nicht so. Wie hätte sie das überhaupt hingekriegt, da hinauf zu kommen, ohne Hilfe?
Man hatte einen Einsatzwagen von der nahegelegenen Feuerwehr angefordert, um sie herunter zu holen. Inzwischen sammelten sich einige Gaffer und Fischer rechnete, dass binnen weniger Minuten die ersten Journalisten auftauchen würden.
„Wer kam auf die Idee, dass es ein Selbstmord war?“ fragte Fischer.
„Die Pressestelle natürlich. Wer sonst?“ antwortete Goretzki. „Sie haben die Meldung, dass es ein Selbstmord war, gleich veröffentlicht, noch bevor die Einsatzfahrzeuge die Zentrale verlassen hatten.“
„Wahrscheinlich haben die von der Presse hellseherische Fähigkeiten entwickelt, so dass wir gar nicht mehr zu ermitteln brauchen“, murrte Fischer wütend. Solche Falschmeldungen verhinderten die Ermittlungen und erzeugten Unmut und Misstrauen in der Bevölkerung, sowohl bei den Türken wie auch bei den Deutschen. Aber die Leute in der Presseabteilung waren unbelehrbar.
„Wünsch dir lieber, dass sie Selbstmord begangen hat, denn wenn nicht, dann ist hier bald die Hölle los.“
„Warum? Wir könnten uns darauf einigen, dass es ein Ehrenmord war.“
„Matthäus sagte, dass wir möglichst alles ausschließen sollten, was auf einen ethnokulturellen Hintergrund deutet“.
„Ihr Tuch ist doch ethnokulturell genug.“
„Vor allem wünscht er, dass wir alles ausschließen, was darauf hindeutet, dass es die Rechtsextremisten gewesen waren“, sagte Goretzki.
„Warum sollen die Rechtsextremisten dahinter stecken?“ fragte Fischer verdutzt. „Hier ist nichts, was ihren Stempel trägt.“
„Holen wir sie erst einmal herunter, dann sehen wir weiter.“
Sie ließen die Straße auf einer Strecke von zweihundert Meter absperren und warteten, bis die Kollegen von der Feuerwehr mit ihren Vorbereitungen fertig waren.
Sie war sehr jung. Man erkannte noch die Spuren der Schönheit, obwohl sie sichtbar misshandelt wurde, bevor man sie aufgehängt hatte. Ihr Körper war voll mit blauen Flecken und Blutergüssen. Es war offensichtlich, dass sie vergewaltigt wurde. Auf die Brust hatte man ihr einen Zettel angesteckt, mit einer Botschaft. Es hatte eine Weile gedauert, bis alles dokumentiert wurde und die Spurensicherung fertig war. Als sie endlich heruntergenommen war, konnten sie erkennen, dass man sie mit ihrem eigenen Tuch erhängt hatte.
„Wie heißt der Fachausdruck für dieses Tuch, das sie da um hatte?“ fragte Fischer.
Goretzki wusste es auch nicht. Einer der Feuerwehrmänner half ihnen mit der Antwort:
„Man nennt es Tschador oder Burka, je nachdem. Wenn sie kurz sind, nur über den Kopf und den Hals, dann nennt man es Hijab. Das hier sieht aus wie ein Tschador, meine ich.“
„Jedenfalls ist es keine schöne Art, so zu sterben“.
Die zwei Ermittlungsbeamten widmeten sich endlich der Botschaft, die bei der Toten war.
„Und deswegen sollte man glauben, dass sie Selbstmord begangen hat?“, wunderte sich Fischer. „Auch der letzte Dummkopf hätte erkennen müssen, dass dies kein Abschiedsbrief, sondern eine Botschaft der Täter war.“
Er las laut vor: „Nehmt sie zurück. Wir wollen sie nicht“. Die Botschaft war in Druckbuchstaben geschrieben, und das Wort „zurück“ hatte einen Rechtschreibfehler.
„Die Rechtsextremisten kann man jedenfalls ausschließen“ , beschloss er seinen kleinen Diskurs.
„Also doch ein Ehrenmord?“

***

Bis zum Nachmittag hatten sie die Identität der Toten herausgefunden und auch einen Verdächtigen festgenommen. Es war offensichtlich, dass eine Verwechselung vorlag, dass die Tat einer ganz anderen Frau galt. Aber das machte die Sache auch nicht besser. Oberstaatsanwalt Matthäus schickte einen Beamten zu der Familie Dietmann. Dieser kam unerledigter Dinge zurück und sah sich genötigt, einen richtigen Telefonterror zu veranstalten, bis jemand bei den Dietmanns den Hörer abnahm. Die Eltern waren beide verreist, die Mutter in Bayern und der Vater geschäftlich in Thailand. Nachdem Erika endlich den Hörer abgenommen hatte, zitierte sie der Beamte noch für denselben Tag zum Präsidium. Sie kam bereitwillig und hatte auch einiges zu berichten.
Inzwischen hatte sie ihrer neuen Religion wieder den Rücken gekehrt. Sie reagierte überrascht und war erschrocken, ja fast panisch, als sie hörte, dass jemand sie ermorden wollte. Andererseits war auch etwas Gutes daran, dachte sie, als sie sich einigermaßen beruhigt hatte, denn jetzt hatte sie einen Grund, den Islam wieder zu verlassen und sie brauchte niemandem von dem Vorfall mit dem Dekan zu erzählen. Auch wenn der Mord an dieser Moslemfrau tragisch war und auch wenn er eigentlich ihr gegolten hatte, das war leichter hinzunehmen. Das waren Dinge, die man mit dem Verstand begreifen konnte. Dagegen hatte sie für das, was mit dem Dekan passiert war, keinerlei Erklärung und fürchtete deswegen um ihren Verstand.
Über die Tote konnte sie nichts sagen. Sie hatte sie nicht gekannt. Ob es vielleicht diese Frau war, die mit Hakan hinter der Tür zum Internat verschwunden war? Damit kam Hakan auch unter Verdacht. Man hatte ihn zum Verhör abgeholt und gleich festgenommen.
Inzwischen brodelte draußen auf der Straße die Gerüchteküche. Die Presse war nicht unschuldig dabei. Bei den muslimischen Bewohnern der Stadt, hieß es, dass es deutsche Rechtsextremisten waren. Manche flüsterten dagegen auch, dass es arabische Islamisten waren, weil sie damit die Stimmung zwischen den Türken und den Deutschen vergiften wollten. Wer dieses Gerücht in die Welt gesetzt hatte, konnte niemand mehr sagen. Die Medien hielten sich bei der Version mit den Rechtsextremisten und forderten gleich mehr Maßnahmen gegen Rechts. Manche mutmaßten, dass es sich möglicherweise auch um einen Ehrenmord handeln könnte, denn die Tote war die Ehefrau eines bedeutenden muslimischen Geschäftsmannes und sie soll eine Liebesbeziehung gehabt haben.
Auf den deutschen islamkritischen Internetseiten konnte man derweil auch lesen, dass möglicherweise eine Gruppe von muslimischen Männern eine deutsche Frau ermorden wollten, dass sie die Frauen verwechselt und so eine Libanesin statt der Deutschen ermordet hatten. Wie diese Angaben hinaus gesickert waren, wusste niemand. Aber die Gemüter kochten über. Es war regelrecht zu riechen, wie sich die Gruppen zusammenrotteten. Der Polizeipräsident machte seine Meldung in der Landeshauptstadt und bat sogleich um Verstärkung. Man beobachtete besorgt die Sozialnetzwerke und die Mobiltelefon-Netzwerke. Ja, es braute sich etwas zusammen.
Im Internet drohten sich die Deutschen und die Türken gegenseitig mit Kampfparolen und sprachen über Racheaktionen. Auf PI, das einen Artikel zu den Entwicklungen in S. am Rhein mit dem Hinweis, dass die Tat eigentlich einer jungen deutschen Frau galt, veröffentlicht hatte, hatten sich binnen zwei Stunden über 400 Kommentatoren geäußert. Bei Youtube erschien ein Video, das jemand gedreht hatte, während die Polizei die Leiche von der Laterne herunternahm. Das große Tuch, ein schwarzer iranischer Tschador, war gut zu sehen, denn man hatte es extra ausgebreitet und in die Kamera gehalten. Binnen kurzer Zeit hatte es über 50.000 Zugriffe darauf gegeben. Auch hier kamen unzählige Drohungen aller Art und aus allen Lagern, manche von ihnen gar so brutal, dass man sie strafrechtlich hätte verfolgen können, wäre die Staatsanwaltschaft nicht mit Wichtigerem ausgelastet gewesen. Und sie kamen in solchen Mengen, dass es unmöglich war, sie überhaupt noch durchzulesen. Ein neuer Damm war heruntergerissen und die Kommentatoren achteten nicht mehr darauf, ob ihre Äußerungen zu rechtlichen Schritten gegen sie führen könnten. Sie alle ließen einfach Dampf ab, wie die Kampfhähne vor einem brutalen Kampf.
Draußen im Industriegebiet fuhren zwölf Einsatzfahrzeuge der Polizei auf. Auch vor der Moschee wurden zwei Einsatzfahrzeuge postiert. Gegen ein Uhr in der Nacht atmete die Polizei langsam auf. Die Lage schien sich endlich ein wenig zu beruhigen, auch wenn man noch keine Entwarnung geben konnte.
Die Polizei blieb das ganze Wochenende in Alarmbereitschaft. Beim kleinsten Vorkommnis waren die Beamten sofort zur Stelle, bereit jeden Zwist radikal im Keim zu ersticken. Lediglich in der Innenstadt hatte es zwei kleinere Schlägereien gegeben. Die eine fand samstagnachts, kurz nach Mitternacht statt. Dabei wurden ein paar alkoholisierte Besucher einer beliebten Szenenkneipe auf dem Weg nach Hause von einer Gruppe Jugendlicher überfallen und zusammengeschlagen. Das war nichts Außergewöhnliches. Und am Sonntag kam es zu einer Schlägerei zwischen Türken und Italienern, den Inhabern von zwei benachbarten Gaststätten, die sich ständig rauften, weil der Türke seine Tische in der Fußgängerzone weit über seinen Bereich hinaus stellte, und dem Besitzer der italienischen Pizzeria den Platz wegnahm. Aber auch diese Schlägerei ging mit nur einer gebrochenen Nase und einer eingeschlagenen Schaufensterscheibe vorüber.

***

Endlich war der Grieche Alexios Elefteridis aus dem Koma aufgewacht. Goretzki erhielt am Dienstagvormittag einen Anruf aus dem Krankenhaus, dass der Mann einmal kurz die Augen geöffnete habe und danach hatte man beobachtet, dass er irgendetwas zu sagen versuchte. Aber auch wenn seine Worte irgendeine Bedeutung gehabt hätten, konnte man ihn nicht verstehen, denn er war kein Deutscher. Das Krankenhaus hatte für solche Ausländer einen Kommunikationsbeauftragten, der vom Integrationsministerium bezuschusst wurde, aber leider konnte Frau Güle Kilic ihn auch nicht verstehen, denn der Patient sprach wahrscheinlich griechisch.
„Woher soll ich jemand auftreiben, der griechisch spricht?“ fragte Goretzki seine Kollegen im Büro. „Endlich ist der Mann erwacht, und wir haben niemand, der mit ihm sprechen kann. Dabei könnte es lebenswichtig sein, was er uns zu sagen hat. Es sind bis jetzt schon genug Morde in Verbindung mit dieser Moschee passiert.“
Fischer, der gerade vom nächtlichen Einsatz herein kam, sagte müde:
„Nimm die Aushilfe vom Kindergarten, wo Dorina arbeitet. Die ist eine Griechin, sie wird mit ihm sprechen können.“ Er wischte über sein unrasiertes Gesicht und murmelte: „Mensch, ich würde mit dir kommen, aber ich kann kaum noch auf den Beinen stehen. Das war eine sehr lange Nacht.“ Er schüttelte den Kopf, als wollte er den Schlaf wegschütteln und sagte: Ich brauche erst mal einen Kaffee. Fahr du nur los und ich rufe im Kindergarten an, damit sie sich bereit hält.“
Er erledigte den Anruf, nahm seinen Kaffee und setzte sich, um seinen Bericht zu schreiben. Es graute ihm davor. Noch vor zwölf Jahren, als er den Polizeidienst anfing, erinnerte er sich mit Wehmut, schrieb man im Bericht genau das, was im Einsatz passiert war, auch wenn die Kollegen sich über das Beamtendeutsch ärgerten. Aber sie hatten sich daran gewöhnt und kamen klar damit. Inzwischen war es ganz anders geworden. Die Berichte mussten politisch korrekt formuliert werden und es durften darin gewisse Vorkommnisse nicht mehr erwähnt werden. Die ethnische oder die religiöse Herkunft der Täter war ein Tabu, wenn diese eine Rolle spielte. Und man war eifrig dabei, die Vorfälle bewusst so hinzustellen, um sie in einem rechtsextremistischen, ausländerfeindlichen Licht erscheinen zu lassen. Das waren schlicht und einfach die Regeln, die jeder Kollege befolgte, wenn er seine Pension im Dienst erreichen wollte.
Es hatten sich einige Vorfälle ereignet, wo ein unachtsamer Kollege in seinem Bericht manche Dinge benannte, die nach der Ethik, der neuen politischen Korrektheit tabu waren. Und es hatte jemand gegeben, der solche Berichte den Internetwebseiten wie Politcally Incorrect, Nürnberg2.0 oder in einem speziellen Fall sogar Jihad Watch zugespielt hatte. Da war vielleicht die Hölle los! Der Polizeipräsident, in dessen Zuständigkeit das passierte, ließ eine ganze Abteilung von Internetfachleuten wochenlang nach den Tätern ermitteln, die, wie er sagte, „die Beamtentreue verletzt und Internas verraten haben“. Man fand sie nicht, denn sie waren wie die Füchse der Nacht. So ging man dazu über, die Schreiber der Berichte zu bestrafen, um solche Vorkommnisse zu unterbinden.

***

Die diensthabende Schwester auf der Intensivstation ließ sich von der bärtigen Gestalt mit dem strengen Blick, der im Befehlston Einlass begehrte, nicht beeindrucken.
„Hören Sie, das hier ist ein Krankenhaus und keine Moschee. Sie können dort, in ihrem Verein befehlen. Aber hier gelten immer noch unsere Regeln. Und Sie können außerhalb der Besuchszeit nur mit der speziellen Genehmigung des behandelnden Arztes Ihren Sohn hier besuchen. Doktor Bohl ist es. Lassen Sie sich von ihm eine Genehmigung ausstellen und dann können Sie zu ihrem Sohn. Ansonsten lasse ich Sie nicht hinein.“
Goretzki hatte keine Geduld, diese Auseinandersetzung zu verfolgen, so zeigte er seine Dienstmarke und trat ein. Achaios Simonidis, sein griechischer Dolmetscher, hielt sich an seinen Fersen. Die Schwester richtete einen fragenden Blick auf ihn, und Goretzki erklärte kurz gebunden: „Er ist mit mir. Dienstlich.“
Der bärtige Mann motzte laut auf:
„Wieso dürfen die Griechen hinein und uns Muslime lassen Sie nicht rein? Das ist Diskriminierung und ich werde Anzeige machen! Bei der Polizei!“
Die Schwester zuckte nur die Schulter:
„Wenn Sie sich diskriminiert fühlen, dann können Sie sich bei der Krankenhausleitung beschweren. Die werden sich freuen.“
Kaum um die Ecke und außer Hörweite, beschleunigte Achaios Simonidis seine Schritte, um sich dem Polizisten anzuschließen und zupfte ihn am Ärmel. Als dieser ihn fragend ansah, sagte er flüsternd, fast wie ein Verschwörer:
„Ich glaube nicht, dass dieser Muslim hier seinen Sohn sehen wollte. Da stecken andere dunkle Sachen dahinter.“
Der Mann kam mit ihm anstatt der Kindergärtnerin, um zu dolmetschen. Fischers Freundin Dorina hatte Goretzki versichert, dass Simonidis ein Priester sei und dass er genau die passende Person wäre, die die Polizei bräuchte. Er ist mit der Familie der Kindergärtnerin befreundet, vielleicht sogar mit ihr verwandt. Irgendein Onkel oder so, erklärte Dorina, aber das konnte niemand so genau wissen. Er sprach aber sehr gut Deutsch, so dass es keine Probleme geben dürfte. Er sprach darüberhinaus sogar noch Englisch, Aramäisch, Französisch und Russisch, mehr als die Polizei brauchen konnte. Und er hatte Zeit mitzukommen, während seine Nichte im Kindergarten unabdingbar war. So hatte Goretzki ihn mitgenommen. Ob es in Griechenland viele Priester gäbe, wollte Goretzki wissen.
Nicht so viele. Es sei so, wie überall in Europa. Die Menschen sind heute nicht mehr so fromm. Außer in den ehemaligen Ostblockländern, die ja zwangsweise entchristianisiert wurden und deswegen die Lehre des Christentums schätzten, weil sie ihnen früher verboten war. Überall haben die christlichen Kirchen Probleme, Nachwuchs an Priester zu finden.
„Mit den Klöstern ist es noch schlimmer. Immer mehr historische Klostergemeinden schwinden und die Klöster werden verlassen, da die Alten sterben und die Jungen hören nicht mehr auf dem Ruf des Herrn.“
„So wie hier bei uns“, stellte Goretzki fest. Er empfand eine natürliche Scheu vor dem heiligen Mann, so dass er seinen atheistischen Sarkasmus aus diesem natürlichen Respekt heraus zügelte. „Aber diejenigen, die glauben, sind fest in der Tradition verankert, nicht wahr?“
„Wie meinen Sie das?“
„So wie Sie. Hier im Westen experimentieren die Religionsvertreter selber mit den unmöglichsten Religionsmischungen, so dass sie ihre gläubige Anhängerschaft viel eher verunsichern und viel öfters irreführen, anstatt ihnen Halt zu geben und sie auf einen geraden Weg zu führen, wie es einst die Aufgabe der Priester war. Man findet bereits innerhalb der Staatskirche die merkwürdigsten experimentellen Religionsformen, die kaum noch etwas mit dem Christentum zu tun haben.“
Achaios Simonidis sah ihn eindringlich aus seinen dunklen, eindrucksvollen Augen an:
„Wenn Sie es so sagen, dann gehöre ich zu genau dieser Sorte, von der Sie sprechen. Wie sagten Sie? Merkwürdige experimentelle Religionsformen? So kann man es auch nennen, wenn man nicht daran glaubt.“
„Ach, machen Sie auch solche Sachen? Gemeinsam mit anderen Religionen beten, den Gläubigen den Koran statt die Bibel predigen, oder Partys und Disco in der Kirche veranstalten?“ Goretzki konnte kaum seine Enttäuschung verbergen.
„Nein, das alles mache ich nicht. Denn als ich mich für einen neuen Weg entschloss, verließ ich erst die Kirche. Ich wollte meinen Weg nicht mit einer Unehrlichkeit anfangen.“
„Welche neue Religion ist es?“ Goretzki fragte mehr aus Höflichkeit.
„Eigentlich kann man sie gar nicht eine neue Religion nennen, denn es ist eine Uralte. Sie ist viel älter als das Christentum oder das Judentum. Ich glaube an unsere alte Götter.“
„Ach!“ staunte Goretzki. „Gibt es denn heute noch Menschen, die an die alten griechischen Göttern glauben?“
Die Idee war so faszinierend, so neu und erfrischend, dass er allein bei diesem Gedanken fröhlich gestimmt wurde. Mittlerweile waren sie am Krankenzimmer angelangt, so dass sie das Gespräch abbrechen mussten.
„Das müssen Sie mir später näher erzählen. Wenn Sie Zeit haben, würde ich Sie gern einmal besuchen, damit Sie mir alles in Ruhe erzählen. Geht es?“
Als sie zum Bett des Patienten traten, waren dessen Augen geschlossen. Aber sein Bettnachbar, ein Handwerker mit einem schweren Unfall an den Beinen sagte ihnen, dass er bei Bewusstsein war.
„Vorher hatte er wieder die Augen geöffnet. Und er spricht dauernd. Er sagt immer irgendwas wie memete, memete. Aber ich verstehe ihn nicht.“
Achaios Simonidis trat ans Bett heran und nahm die Hand des Kranken:
„Du wirst gesund, mein Sohn. Wer immer dir das angetan hat, die Götter werden ihn bestrafen.“
Der Kranke machte die Augen auf und blickte den Priester an:
„Danke, Heiliger Mann. Danke, dass Ihr gekommen seid.“
Er drückte die Hand des Priesters, dann ließ er sie los und wandte den Kopf leicht in die andere Richtung. Dabei murmelte er abwesend:
„Minin ide The… minin ide… the… Pilia…”
„Was sagt er?“ fragte Goretzki in einem dringlichen Flüsterton.
„Er rezitiert ein antikes Gedicht“, antwortete Achaios Simonidis. „Das ist die erste Zeile des Ilias – Singe oh, Göttin den Zorn des Peleaden Achileos… – so fängt es an.“
Der Grieche drehte sich wieder, besann sich seines Besuchers und bat den Heiligen Mann:
„Bringt für mich ein Opfer an die Göttin, Pater…“
Viel mehr konnten sie bei diesem ersten Besuch nicht aus ihm heraus bekommen.

***

Fischer räumte die Akten weg und nahm seine Jacke.
„Mit anderen Worten wir haben bisher gar nichts herausgefunden. Ein Opfer, das den Ilias rezitiert, ein türkisches Mädchen, das wegen einem Ehrenmord getötet wurde, wo sich im Nachhinein herausstellte, dass sie gar keine Muslimin, sondern eine nichtmuslimische Türkin war.
„Oder eine Jüdin, wie der Gerichtsmediziner behauptet“, ergänzte Goretzki.
„Ja, richtig. Vielleicht ist sie gar eine Jüdin. Und dann haben wir noch eine Muslimin, die mit ihrem eigenen Schleier erhängt wurde, angeblich von den Rechtsextremisten. Und bei der sich im Nachhinein heraus stellt, dass sie gar nicht von den Islamhassern, sondern von den Muslimen selber ermordet wurde, aber es dennoch kein Ehrenmord war.“ Er ließ einen tiefen Seufzer hören.
„Wir kommen einfach nicht weiter.“
Goretzki nickte ihm zu, ohne die Augen von den unendlich langen Listen auf dem Bildschirm seines Notebooks zu heben.
„So ist es. Aber wie sollen wir etwas rauskriegen, wenn wir nur noch von Lügen und Verklärungen umgeben sind?“
„ Die Stimmung ist kurz vor der Explosion und wir haben kaum etwas in der Hand. Und das Wenige, was wir herausgefunden haben, müssen wir auch noch verschweigen und vergessen! Zum Kotzen ist das! Hast du noch etwas über diesen Kerl gefunden, der bei der Moschee zusammengeschlagen wurde? Oder ist er gar nicht bei uns in den Akten?“
„Doch, er ist drin“, nickte Goretzki bedächtig. „Aber er ist passgeschützt.“
Fischer kam näher und warf einen Blick auf Goretzkis Schirm.
„Am Ende ist er noch ein V-Mann, oder sowas?“
„Ein V-Mann, ja. Aber in wessen Auftrag? Das macht keinen Sinn.“
„Egal. Ich gehe erst mal zum Mittagessen.“
„Warte, Roland, ich komme mit.“
Sie gingen gemeinsam zum Weißen Ochsen hinüber, obwohl Fischer einen kurzen Moment daran dachte, seinen Kollegen abzuschütteln, denn er wollte sich heute zum zweiten Mal mit Dorina treffen. Und er hatte diese kurze Zeit der Freude bitter nötig, nach all dem Stress, den sie derzeit bei der Arbeit hatten.

Willi der Ochsenwirt begrüßte sie herzlich, als ob sie seine Brüder wären. Er begrüßte übrigens jeden Gast so herzlich. Es reichte, dass man einmal in seinem Restaurant war und zum zweiten Mal wieder kam. Dorina kam gleichzeitig mit dem Tagesessen, das sie sich bestellt hatten.
„So etwas bekommt ihr in den Schickimicki Ausländerkneipen nicht!“
Der Wirt hielt ihnen die Teller mit der duftenden bayrischen Schweinshaxe vor die Nase, bevor er sie auf den Tisch stellte, und wandte sich gleich an Dorina:
„Komm, Mädchen, lass das Grünzeug für die Kaninchen und nimm lieber ein anständiges Stück Fleisch“.
Sie lachte, bestellte aber ihren gewohnten Salat.
„Kein Fleisch für mich heute“, sagte sie.
„Warum nicht?“
„Ich habe ein komisches Gefühl im Bauch. Eine Vorahnung“.
„Gefühle sind immer gut, vor allem bei schönen Frauen“, scherzte Goretzki. „Erlauben Sie mir, dass ich mich vorstelle: Markus Goretzki. Und ich teile ein Büro mit diesem Schlägertyp hier“ fügte er hinzu.
„Komm, du brauchst dich nicht so vorzudrängen. Ich hätte euch einander vorgestellt, sobald Dorina sich gesetzt hätte. Das hier ist Dorina“, fügte er zeremoniell hinzu, dann wandte er sich ihr zu: „Erzähl uns von deinen Gefühlen. Worum dreht es sich?“
Dorina hatte sich über das ganze Wochenende eingeredet, dass irgendetwas Bedrohliches auf sie lauerte. Was das war, hätte sie nicht sagen können. Es stand im Horoskop auf ihrem Internetportal, die Tarotkarten zeigten es ihr und sie hatte es auch in ihrem Traum gesehen. So war sie ganz sicher, dass ihr in der nächsten Zeit etwas Unangenehmes zustoßen würde. Was das sei? Sicher ein materieller Schaden, Geldverlust, oder eine Krankheit. Oder vielleicht eine Autopanne? Sie wüsste es nicht, lediglich dass es was Unangenehmes sein wird. Und es wird ihr persönlich geschehen, das war klar.
„Dann pass gut auf dich auf, Mädchen“, sagte Fischer zärtlich.
„Ich meine es ernst“, sagte sie, denn sie wusste, dass er ihr Interesse für esoterische Dinge nicht teilte.
„Doch, ich meine es sehr ernst“ sagte er nachdrücklich.
„Dazu braucht man keine hellseherische Fähigkeiten“, sagte auch Goretzki. „Heute kann jeder prophezeien, dass uns etwas Schlimmes bevorsteht.“
„Was meint ihr damit?“ Dorina blickte vom einen zum anderen mit fragender Miene.
„Wir sitzen auf einem Pulverfass, meine Liebe“. Fischer streichelte sie sanft über den Rücken. „Jeden Moment kann es losgehen.“
„Was soll losgehen?“
„Die Krawalle. Am Wochenende hatten wir mehrere Sondereinheiten zur Verstärkung hier. Aber wenn sie wieder abziehen, dann sieht es nicht rosig aus.“
„Ist es so schlimm?“ fragte Dorina. Sie hatte auch einiges von der gespannten Lage mitbekommen, auch wenn sie kein besonders großes Interesse an den sozialen Spannungen zeigte. Ihre eigenen Kinder, Sonka und Vaclav, wussten natürlich genau Bescheid von den Spannungen zwischen den Muslimen, Deutschen, Linksautonomen und Rechtsextremisten, denn die Jugendlichen waren schon längst auf solche verfeindeten Gruppen aufgespalten, die sich gegenseitig misstrauisch beäugten und sich gelegentlich auch in Schlägereien verwickelten.
Aber an Dorina selber waren diese Spannungen bis jetzt überwiegend unbemerkt vorbeigegangen. Hier und dort hatte sie mal ein Wort aufgeschnappt gehabt oder einen rassistischen Witz gehört, über den sie vielleicht gelacht hatte, aber mehr nicht. Jetzt auf einmal hatte sie durch die Art, wie die zwei Polizeibeamten in ihrer Gegenwart sprachen, den Eindruck von einer ganz anderen Dimension der Gefahr.
„Ist es so schlimm?“ Wiederholte sie die Frage.
„Es ist schlimmer als schlimm.“ Goretzki blickte ihr ernst in den Augen. „Die Frage ist nicht ob, sondern wann es passiert.“
„Das sind also die Prophezeiungen!“ nickte sie verständig. „Die Maja hatten es schon vor Jahrhunderten vorher gesagt. Und auch Nostradamus hat es prophezeit.“
„Was haben die Maja damit zu tun?“ wunderte sich Goretzki.
„Sie meint diese Vorhersagen für 2012“ klärte ihn Fischer auf. Er nahm Dorinas Hand in die seine und sagte ihr beruhigend, wie zu einem Kind:
„Mach dir keine Sorgen darüber. Diese Prophezeiungen haben nichts zu bedeuten. Die Leute denken sich immer solche Sachen aus, und nachher, wenn die Zeit vorbei ist, ohne dass was passiert, vergessen sie es einfach.“
„Ihr glaubt mir nicht. Aber warten wir das Ende des Jahres ab und dann sehen wir, wer Recht hatte.“

Kapitel 7

Vicky traf sich mit Thomas und mit zwei anderen Freunden am späten Abend. Sie saßen im Hobbykeller von Thomas‘ Onkel in ihrem vertrauten Versteck. Hier wussten sie sich sicher, denn keiner wäre auf die Idee gekommen, gerade hier nach ihnen zu suchen.
Und auch wenn jemand hier in den Keller herunter gekommen wäre, hätte man sich höchstens im vorderen Teil umgeschaut. Das Haus wurde im Krieg von einer Bombe getroffen. Danach hat man eine Hälfte des Hauses abgetragen und nur noch die andere Hälfte wieder aufgebaut. Der Kellerteil unter der fehlenden Haushälfte wurde zum Geheimversteck der Jugendlichen. Es war ihr großes Geheimnis, seit der Zeit ihrer Kindheit. Zuerst war es nur der Ort ihrer kleinen Phantasieabenteuer, so wie es sich eine kleine Rasselbande von verwöhnten Kindern gerne ausdenkt. Aber inzwischen wurde aus dem Spiel ernst und aus dem Spielkeller ein sicheres Versteck.
„Was ist los, was wolltest du mit uns besprechen“, fragte Mike, als Vicky herein kam.
„Kennst du Erika Dietmann?“
Mike sah sie fragend an:
„Wer ist sie? Und was ist mit ihr los?“
„Sie war in derselben Klasse mit mir und Otti Dobrig, im Guttenberg-Gymnasium.“
„Keine Ahnung. Aber wenn sie eine Freundin von diesem Otti ist, dann habe ich meine Meinung über sie.“
„Nicht so schnell. Sie hat mit Otti nichts zu tun, außer dass wir alle in dieselbe Schule gingen. Übrigens waren gestern die Eltern von Otti bei uns zu Brunch. Hast du jetzt auch über mich deine Meinung?“ äffte Vicky ihn nach.
„Über dich habe ich schon lange meine Meinung“, lachte Mike, denn er hatte oft versucht, bei ihr zu landen. Sie hielt ihn für ihren „bester Freund“, der immer herhalten musste, wenn sie wieder mal Zoff mit ihrem Thomas hatte. Dann aber war Mike nach Frankfurt gezogen aber zwischen ihnen blieb die gegenseitige Freundschaft bestehen. Vielleicht war er immer noch in sie verliebt, aber er zeigte es nicht mehr so offensichtlich.
„Was ist jetzt mit dieser Erika“, fragte der andere Junge mit einem stark slawischen Akzent, der Andrej hieß.
Thomas nahm es auf sich, die Sachen mit Erika zu erzählen:
„Sie war in diesen Hakan verknallt, dem Bruder von Huberts Freundin.“
Sie alle wussten, dass Hubert mit einer Türkin zusammen wohnte und sie fanden das alles andere als gut. Und das sagten sie auch immer wieder, sobald das Gespräch auf Hubert kam. Vicky zog in solchen Fällen hilflos die Schulter hoch.
„Was soll ich tun? Ich kann Hubert nicht bevormunden, nur weil er mein Bruder ist. Eines Tages wird er schon merken, was es heißt, eine Türkin zur Freundin zu haben.“
Thomas erzählte also den anderen Zweien, dass Erika, weil sie in Hakan so verliebt war, zum Islam konvertiert ist.
„Das war jetzt am Freitag, in der türkischen Moschee in der Röntgenstraße. Sie hatte sich so ein schwarzes Tuch mitgenommen, einen Tschador. Sie hat uns erzählt, dass bei dieser Konvertierung noch ein Imam anwesend war, ein ganz radikaler. Das war ein Araber, ein Bekannter von diesem Edal, dessen Frau erhängt wurde. Und Erika meint, dass der Mord ihr galt. Sie sagte, dass man sie ermorden wollte.“
„Wie?“ fragte Mike. „Und warum hat man dann die Araberin erhängt?“
„Weil man sie verwechselt hatte. Die Araberin trug genau so ein Tuch wie die Erika, weil sie sich mit ihrem Lover treffen wollte. Der zufällig gerade Hakan ist.“
„Mann, das glaube ich nicht!“ stöhnte Mike. Er strich sich mit beiden Händen übers Gesicht. „Und warum wollten sie Erika ermorden?“
„Das weiß sie nicht.“
„Mensch, wie dumm muss man sein, um zum Islam zu konvertieren!“ wunderte sich Andrej.
„Sie hat das inzwischen auch erkannt. Deswegen hat sie mit Vicky gesprochen.“
Vicky bestätigte es. „Sie will nichts mehr mit dem Islam zu tun haben, aber sie hat Angst. Sie war eh nie gläubig, das war nur aus Liebe zu Hakan, denn im Grunde ist sie eine Atheistin. Vielleicht glaubt sie gerade mal so an Gott, aber sie hat sich nie was aus der Religion gemacht.“
„Und was will sie von uns?“
„Sie braucht Hilfe“, sagte Thomas.
„Sie muss aus der Stadt verschwinden und sie weiß nicht wohin“, setzte Vicky fort. „Sie möchte nicht nach Frankfurt, denn sie befürchtet, dass Hakan oder seine Freunde sie dort erkennen könnten. Und sie traut auch der Polizei nicht ganz. Sie glaubt, dass sie nichts für sie tun wollen, weil sie eine Konvertitin ist.“
„Wie? Ist sie jetzt eine Muslimin oder ist sie keine?“ wollte Andrej genau wissen.
„Sie war eine, aber sie ist es nicht mehr. Sie war gerade mal für eine halbe Stunde zum Islam konvertiert. Das hat ihr gereicht.“
„Mensch, ist das alles verzwickt. Am besten wäre es, wenn wir uns mit ihr treffen. Kann sie morgen Mittag zu der italienischen Pizzeria in der Unteren Frankfurter Straße kommen? So um 14 Uhr?“
Es war der Wille des Schicksals, dass sich gerade zu dieser Zeit noch jemand in derselben Pizzeria in der Unteren Frankfurter Straße verabredet hatte, und noch dazu fast genau zum selben Zeitpunkt.

***

Pfarrer Topfling hatte gerade Kommissar Goretzki angerufen, als dieser sich auf den Weg machen wollte, um sich mit dem ehemaligen griechischen Priester Simonidis zu treffen. Ja, er hätte am Dienstagnachmittag Zeit und er würde der Polizei jedenfalls behilflich sein wollen. Er hatte am Nachmittag nur noch einen Termin, mit Dekan Dobrig, so dass er nicht genau sagen konnte, wie viel Zeit er für den Kommissar erübrigen könne, aber es würde bestimmt passen.
Goretzki war sich nach den zwei Telefonaten sicher, dass er den Düsseldorfer Pfarrer nicht mochte. Selten wirkte ein Geistlicher derart negativ auf ihn. Topfling hatte kaum die Ausstrahlung eines Geistlichen. Eher das Gegenteil davon, so dass man fast vergessen konnte, mit welch himmlischer Botschaft er unterwegs war und man reihte ihn zu denjenigen ein, die ganz irdische, materialistische Ziele verfolgten. Er bietet einem seine Religion an, wie andere Menschen einem Kredite oder Zeitungsabonnements anbieten, bar jeglicher höherer geistlicher Gefühle. Wie viel anders wirkte der andere, der griechische Pfarrer! Obwohl er doch aus der Kirche ausgetreten war, blieb er durch und durch ein Mensch, in dessen Nähe man sich Gott auch dann näher wähnte, wenn man an ihn eigentlich gar nicht glaubte.

Goretzki war zwar kein eingefleischter Atheist, aber er zerbrach sich nie den Kopf über Gott und wenn einmal gelegentlich, sehr selten, das Gespräch darauf kam, neigte er meistens dazu, die Existenz irgendwelchen Gottes für eine Erfindung der Menschen zu halten. Sein Interesse an anderen esoterischen Sachen war eher Neugierde, wenn er mit einer Frau zusammen war, die sich mit solchen Sachen beschäftigte, oder wenn er an einem Fall arbeitete, der irgendwelche Berührungspunkte damit hatte.
So sagte er sich auch jetzt, dass er Achaios Simonidis aus rein beruflichen Gründen sprechen wollte und blendete damit die Tatsache aus, dass alles, was der ehemalige Priester ihm sagen konnte, logischerweise nichts mit seinem Fall zu tun hatte.
Wer immer Alexios Elefteridis zusammengeschlagen hatte, hatte mit Achaios Simonidis nichts zu tun. Er freute sich trotzdem auf das Gespräch. Der Grieche hatte, nachdem er aus der Kirche ausgetreten war, einen kleinen Antiquariat- und Trödelladen eingerichtet. Überwiegend handelte er mit alten Büchern, aber dazwischen hatte er auch einige Sachen wie Kunst, Kleinplastiken, Graphiken, Gegenstände aus Halbedelsteinen oder orientalische Handarbeiten – mit einem Wort hat er allen möglichen Krempel anzubieten.
Goretzki vermutete, dass ein, zwei Sachen dazwischen vielleicht ein paar Hundert Euro wert sein konnten, aber sicher nichts besonders Wertvolles, denn der Laden sah weder edel aus, noch war er gut gesichert. Ein Einbrecher hätte sicher keine große Mühe gehabt, herein zu kommen.
Der Grieche wohnte hinter dem Laden, in einem kleinen Schlafzimmer. Sein Wohnzimmer war bereits der innere Raum seines Ladens, wo er gelegentlich Stammkunden empfing und sie mit einem Kaffee oder einem griechischen Wein bewirtete – „aber immer erst, wenn man das Geschäft abgeschlossen und das Geld gezählt hatte. Man sollte während des Geschäfts keinen Alkohol trinken“, war sein Leitspruch.
Er hatte auch jetzt einen goldfarbenen Wein auf den Tisch gestellt, von den Hängen aus Thessaloniki, wie er sagte. Er schenkte ein, kostete selber genießerisch, dann legte er los:
„Sie wollen also etwas über unsere alten Götter hören?“
Goretzki nickte ihm ernsthaft zu. „Und von den Menschen, die heute wieder an sie glauben“. Wer sind sie? Und wie kamen Sie dazu, den Christlichen Glauben für Zeus auszutauschen?“
„Wer wir sind? Es gibt wahrscheinlich mehrere kleine Gruppen oder auch einzelne Menschen. Wer kennt sie alle? Möglicherweise hatten wir nie richtig aufgehört, an sie zu glauben, auch als wir alle zu Christen wurden. Wir behielten viele Bräuche und wir übertrugen viele Eigenschaften der Götter auf die Christlichen Heiligen.“
„Meinen Sie die dionysischen Züge bei Jesus?“
„Ja, das. Oder auch die Beschreibung des Teufels als Gott Pan. Oder den Kult der Diana. Aber Sie wollten über diejenigen hören, die das Christentum verlassen haben und sich ganz öffentlich zum alten Glauben bekennen. Es gibt eine Gemeinschaft namens ELINAIS , oder „die Heilige Gemeinschaft der Gläubigen der Antike“. Ich gehöre auch zu ihnen. Wenn ich in Athen bin, besuche ich sie immer. Ich habe viele Freunde unter ihnen. Sie haben sich zu einem Verein zusammen geschlossen, der inzwischen Tausende von Mitgliedern hat. Im Jahre 2005 hatte ein Richter in einem Gerichtsprozess den Verein offiziell als eine Religionsgemeinschaft anerkannt.“
„Wie üben Sie diesen Glauben aus, und wo? Lässt man sie in den Tempeln der Götter an den antiken Kultstätten praktizieren?“
„Wir haben einige Gebete und Praktiken erhalten, denn sie waren in den antiken Schriften niedergeschrieben. Und gelegentlich, recht selten, dürfen wir auch in den großen Tempeln die Götter anbeten und ihnen Opfer darbringen, obwohl es mit vielen Schwierigkeiten verbunden ist. Denn zum einen wollen die christlichen Behörden uns bekämpfen und sie haben in Griechenland immer noch viel Macht. Aber auch der Staat, versucht uns zu verhindern. Sie benutzen unsere Heiligtümer als Touristenattraktion und sehen es ungern, wenn wir dort religiöse Ansprüche stellen und solche Handlungen durchführen wollen“.
„Das verstehe ich nicht. Genau die Touristikbehörde müsste begeistert sein, denn ich stelle mir vor, dass Sie für viele Besucher eine Touristenattraktion darstellen.“
„Mag sein. Aber wir möchten auch nicht als Spektakel für zahlende Ausländer herhalten. Und es gibt viele Wissenschaftler, die meinen, dass sie die Weisheit gepachtet und ein Recht darauf haben, mit gottgleicher Macht über alles bestimmen zu können. Sie sind die Mitarbeiter des griechischen Kultusministeriums, sie sitzen in wichtigen Ämtern und wollen über alle archäologischen Stätten bestimmen, was dort geschehen darf und was nicht. Sie sind natürlich allesamt Atheisten, oder zumindest glauben sie nicht mehr an die alten Götter. Oft sogar sind es die ausländischen Archäologischen Institute,, die das Ministerium bedrängen, uns zu verbieten. Die ausländischen Professoren in Archäologie aus London, Berlin oder aus New York, die hier bei uns Ausgrabungen machen, glauben ein Recht über uns, unseren Glauben und unsere Vergangenheit zu haben. Griechenland braucht die Partnerschaft des Westens und der Westen nutzt es aus, um über uns zu bestimmen.“
Achaios Simonidis gab sich große Mühe, keine Bitterkeit in diesen Sätzen mitklingen zu lassen und betonte, dass man nicht gegen die Ausländer, sondern gegen die Archäologen und Geschichtsprofessoren verbittert sei, die das ganze Material an sich reißen, um es dann von der Seele, vom Geist zu entkernen und nur noch die materielle, tote wissenschaftliche Hülle zu bewahren.
„Und dann betreiben sie einen Kult mit dieser toten Hülle, der manchmal ritualisierter und fanatischer ist als der wahre Glaube an die beseelten Götter.“
„Was meinen Sie damit?“
„Die Menschen verehren unsere Götter, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst sind. Denn die Götter sind viel mächtiger und sie zwingen auch die Ungläubigsten dazu, ihnen die gebührende Verehrung zu erbringen. Ich habe das an einem warmen Septembernachmittag auf dem Parnassos begriffen, oberhalb der Ruinen des Apolloheiligtums von Delphi. Ich war dort mit Verwandten meiner verstorbenen Frau aus Amerika, die zu Besuch in Athen waren und sich die Orakelstätte ansehen wollten. Sie fotografierten überall, stellten sich überall hin, fassten jeden Stein, jede Säule an. Dabei sprachen sie über die banalsten Dinge der Welt, wie es die Touristen überall an solchen Stätten zu tun pflegen. Wir folgten dem Reiseleiter, der auf Englisch sprach. Andere Touristen folgten genau so ihren Reiseleitern, die ihnen dieselben Texte aufsagten, auf Französisch, auf Deutsch oder auf Griechisch, je nach dem, aus welchem Land sie kamen. Ich empfand es als unerträglich, denn ich war früher schon öfters dort gewesen, als dort weniger Touristen waren. Ich wünschte mir, dass all diese Menschen einfach nicht da wären, dass ich allein an dieser Stätte wäre, damit ich den Geist der Vergangenheit besser in mir aufnehmen könnte. Ich setzte mich ein wenig abseits auf einen Stein, aber es half nicht viel, denn überall wimmelte es von Menschen. Ich schloss meine Augen, um sie nicht mehr sehen zu müssen. Und da begriff ich es. Der Gott war da. Apoll, war anwesend, lebendig, genau wie vor zweitausend Jahren. Er berührte meine Augen mit seinen warmen Sonnenstrahlen, streichelte über mein Gesicht, über meinen Kopf, über meinen ganzen Körper. Und ich wusste, dass es ihm dort gefiel, wie es war. Denn es war genau so, wie vor zweitausend Jahren, belebt mit Menschen aus aller Herren Länder, die als Pilger oder Touristen nach Delphi kamen um ihn, den Gott zu huldigen. Sie gaben dafür viel Geld aus, nahmen viele Unannehmlichkeiten und Gefahren in Kauf und waren glücklich, die rituellen Handlungen durchzuführen zu können. Sie absolvierten jede Etappe des Rundgangs pflichtgemäß. Im Laufe der Zeit hat sich einiges geändert. Die Touristen waschen sich nicht mehr bei der Kastilischen Quelle, aber dafür gehen sie alle zu den Sanitäranlagen beim Eingang zum Heiligtum. Die Zeit bringt immer einige Änderungen mit sich, und zweitausend Jahre sind eine lange Zeit. Aber Gott war da, die Pilger waren da, das Ritual, und bei vielen auch der Glaube. Ich wusste es damals noch nicht, ich fühlte es aber mit meinem inneren Auge.
Seither habe ich viel mehr erfahren, so dass ich heute mit Gewissheit sagen kann: An den Heiligen Stätten der alten Götter ist viel mehr Glaube da, als viele ahnungslose Menschen meinen würden. Es sind meistens einzelne Geister, die dort irren, vielleicht als Touristen, vielleicht als Suchende. Viele von ihnen tragen den Glauben im Inneren, manche bewusst, andere ohne es zu wissen. Und in Westeuropa ist es nicht anders.“
Goretzki hatte wie verzaubert dem alten weisen Mann zugehört, wie er von fernen Stätten und Sagen erzählte. Jetzt wurde er gewahr, dass vielleicht solche Stätten in seiner Reichweite liegen könnten.
„Was meinen Sie? Welche unserer alten heidnischen Kultstätten kann man mit dem Heiligtum von Delphi vergleichen?“
„Vergleichen kann man sie nicht, denn alle diese Stätten sind einzigartig, genau so wie die Götter, denen man dort einst gehuldigt hat. Nehmen Sie die Steinzeithöhlen aus Südfrankreich oder Stonehenge und Avebury in England. Heute pilgern viel mehr Menschen dorthin als damals, als sie den Göttern und Geistern huldigten.“
Der alte Mann wandte den Blick nach unten, als ob er dort am Boden nach weiteren Stätten suchten würde.
„Ihre alten Kultstätten kenne ich leider nicht so gut, wie ich mir wünsche. Aber es gibt einige solche. Die Externsteine im Teutoburger Wald waren so eine Stätte. Und unweit von hier, im Odenwald, finden Sie eine ganze Reihe, wenn sie danach suchen.“
„Im Odenwald?“ Goretzki besann sich auf einige Male, als er im Laufe der Jahre beruflich oder aus anderen Gründen in der Gegend dort zu tun hatte. Aber es waren immer ganz nüchterne, pragmatische Gründe, die ihn dorthin geführt hatten. Um die Märchen der Vergangenheit hatte er sich nie gekümmert. Seltsam, dachte er, dass ein Fremder von einem ganz anderen Teil Europas kommen musste, um ihn daran zu erinnern, wie schön und reich an alten Mythen seine eigene Heimat war. Und noch dazu ein Fremder aus einem Land, dessen Mythen und Geschichten zu den edelsten in der ganzen Welt gehörten.
„Ja, sicher. Auf einer Fläche von einigen hundert Quadratkilometer finden Sie dort fast in jedem Ort Spuren und Geschichten, die Sie in eine Sagenwelt hinein führen. Nehmen Sie zum Beispiel die Geschichte der Nibelungen, mit ihrem wunderbaren Helden Siegfried, der ein Bruder unseres Achilles sein könnte. Oder der Kloster Eberbach, mit seiner sagenumwobenen Entstehungsgeschichte.“
„Ich sehe schon, dass ich an einem der kommenden Wochenenden einen Ausflug in den Odenwald machen muss“, lachte Goretzki.
„Das wäre sicher eine sehr sinnvolle Verwendung Ihrer Zeit“, stimmte der Grieche zu. „Aber wenn Sie Lust auf solche alten Kultstätten gewonnen haben, können Sie gleich dort bei der Moschee anfangen, wo unser Freund Alexis zusammengeschlagen wurde. Die Leute erzählen, dass sich dort einst auch so eine Stätte befunden hatte. Dort irgendwo hat sich ein Weg befunden, der Rotenbronnweg, der zu einem heiligen Brunnen geführt hatte.“

***

Es war reichlich spät geworden, als Goretzki den kleinen Antiquitätenladen verließ, und auch dann tat er es zögerlich. Seine Gedanken blieben bei dem Griechen und bei seinen Göttern hängen, während er die Straße hinunterlief, dorthin wo er seinen Wagen geparkt hatte. Er trug eine alte, zerknitterte Plastiktüte in der Hand, und darin nach Trödlerart in Zeitungspapier eingewickelt eine kleine Statue, die Göttin Demeter oder Hera, er wusste es nicht mehr so genau, welche. Er wusste ja nicht einmal mehr, wozu er dieses Ding gekauft hatte, denn es passte gar nicht zu seiner Wohnung.
Der Laden und sein Inhaber hatte eine magische Wirkung auf ihn ausgeübt und er konnte irgendwie nicht widerstehen.
Einen Moment lang fühlte er sich verleitet, eine große, bronzene Figur des Gottes Apollo zu kaufen, als Simonidis ihm seine Offenbarungserlebnisse im Heiligtum des Gottes erzählte. Aber sie kostete zu viel und darüber hinaus war sie zu sperrig, so dass er sich besann, wie viel Mühe es ihn zusätzlich kosten würde, sie bis zum Wagen zu tragen, und dann wieder in seine Wohnung. Er ließ die Finger von Apoll und nahm stattdessen dieses Weib mit, Demeter oder Hera, oder wer immer sie war.
Die Figur aus weißem Alabasterstein hatte zarte, klassische Gesichtszüge, die ein wenig plump gearbeitet waren, wahrscheinlich in einem dieser modernen Werkstätten, die Massenware für den Touristenmarkt anfertigten. Simonidis beteuerte jedoch, dass die Statue alt sei.
„Nicht zweitausend Jahre alt, aber auch nicht von heute.“
Goretzki dachte sich, dass dies der Verkaufsspruch des Griechen sei, den er jedem Interessenten wiederholte. Die kleine Göttin war etwa fünfundzwanzig Zentimeter hoch, mit einem zart drapierten Stoff um ihrem wohlproportionierten Körper, der ihre Busen und Schenkel zwischen den Falten des Kleides erkennen ließ, nach der Art der berühmten antiken Götterbilder. Auf ihrem Kopf stand ein Behälter, etwas wie eine Vase oder ein Eimer, den Simonidis einen Kalathos genannt hatte. Darin waren Spuren einer schwarzen Substanz zu erkennen. Simonidis konnte ihm jedoch nicht sagen, was das sein mochte.
„Vielleicht Weihrauch?“, mutmaßte er.
Goretzki glaubte, dass möglicherweise der Grieche selber Irgendwas hinein geschmiert hatte, um bei den etwaigen Käufern die Lust an Rätseln zu erwecken.
Er hatte noch ein paar hundert Meter zu laufen, denn er hatte seinen Wagen in der Nähe des Bahnhofs geparkt und war zu Fuß bis zur Altstadt gelaufen, wo es abends schwer war, einen Parkplatz zu finden. Gerade hatte er für einen Moment gedanklich die Erzählungen des Griechen beiseite gelegt und dachte, dass ihm der kleine Spaziergang in der frischen Nachtluft gut tat, als er eine Bewegung hinter sich wahrnahm. Bevor er sich besann, war er von drei jungen Männern umzingelt. Goretzki hatte keine Angst, denn er war gut trainiert und hatte darüber hinaus einige Spezialgriffe gelernt. Er war schon einige Male während seiner Laufbahn in heikle Situationen geraten. So hatte er auch diesmal als erstes gleich darauf geachtet, sich so zu drehen, dass man nicht so leicht hinter seinen Rücken gelangen konnte, bevor er fragte:
„Was wollt ihr?“
Der eine, der direkt vor ihm stand, ließ ein Messer in seiner Hand aufblitzen. Sein Gesicht war nicht zu sehen. Nur zwei Funken glitzerten gelegentlich auf, wo Goretzki seine Augen vermutete und die Zähne leuchteten weiß aus seinem schwarzen Bart, als er sprach:
„Gib dein Geldbeutel her! Und dein Handy!“
Goretzki machte eine Bewegung mit der rechten Hand, als ob er die geforderten Objekte aus seiner Tasche holen wollte. Blitzschnell aber schwang er in derselben Zeit die Linke mit der Tüte über den Arm seines Gegenübers, der das Messer hielt. Das Messer viel zu Boden, der Mann schrie auf und griff an seinen Arm. Aber im selben Moment bekam Goretzki einen Fausthieb auf seine rechte Schläfe, so dass er ins Wanken kam. Der dritte Mann, der eher klein wirkte, hing sich an seinen linken Arm, drehte ihn nach hinten und entriss ihm so die Tüte mit der Statue.
Er versuchte mit aller Kraft, sich frei zu kämpfen, aber er hatte kaum Möglichkeiten. Er hatte den Kleinen in das Schienbein gekickt, so dass dieser ein wenig von ihm abließ, aber die anderen Zwei schlugen kräftig auf ihn ein. Derjenige, der ihm den Hieb auf die Schläfe verpasst hatte, drückte jetzt seinen Kopf herunter, während der andere ihm mit irgendeinem Gegenstand ins Genick schlug. Goretzki hörte gerade noch die Sirene eines Einsatzfahrzeuges, der aber zu weit weg war, um seine Angreifer zu stören. Er fühlte, dass er so weit war, zu Boden zu gleiten und er wusste, dass er wenn kein Wunder geschah, erledigt war.
Gerade in diesem Moment, als er sich aufgeben wollte, kamen wie aus dem Nichts Schritte auf sie zu. Ein großer, blonder Mann, wie ein heidnischer Athlet aus einer alten, barbarischen Legende tauchte aus dem Eingang des Mehrfamilienhauses, vor dessen Tür sich die Schlägerei abspielte, auf. Der Mann hatte nichts gesagt. Er hatte lediglich die zwei Angreifer am Genick gepackt und ihre Köpfe gegeneinander geschlagen, so dass sie wie leblose Säcke zu Boden glitten. Der Dritte, der Kleine, der immer noch die Plastiktüte in der Hand hielt, sah den Riesen entsetzt an, ließ die Tüte fallen, dann drehte er sich um und rannte wie von Sinnen davon. Bevor Goretzki etwas sagen oder sich bedanken konnte, war der Riese genauso schnell verschwunden, wie er zuvor aufgetaucht war. Er war wie vom Erdboden verschluckt.
Goretzki wankte benommen zu seinem Wagen. Erst dort rief er seine Kollegen von der nächsten Wache an, damit sie sich um die Angreifer kümmerten.

Kapitel 8

Zur selben Zeit landete ein Flugzeug aus Karthum kommend auf dem Pariser Flughafen Orly, mit einem etwas ungewöhnlichen Artefakt im Frachtraum. Sorgfältig in einer Holzkiste verpackt und mit vielen kleinen, weißen Styroporkügelchen umgeben, lagerte eine etwa zwei Meter große steinerne Bestie, halb Tier, halb Mensch. Die Flughafenarbeiter, die mit der Frachtentladung beschäftigt waren, schoben die Kiste unachtsam hinaus und warfen sie auf die nächste Lore, um sie in die Abfertigungshalle zu fahren.
Es war die Zeit des Schichtwechsels und das war ihre letzte Fuhre. Der Algerier Ahmed hatte es gar eilig, denn er wollte sich an diesem Abend mit ein paar Landsleuten treffen, um mit ihnen über die politische Lage in seiner Heimat zu debattieren. Sie trafen sich jede Woche einmal, denn sie waren Sympathisanten der FIS und das war ein wichtigster Teil ihres Lebens. Die FIS galt als eine Terrororganisation sowohl in Algerien als auch in Frankreich und in den anderen maghrebinischen Staaten. Ahmed und seine Freunde waren Muslime und sie hielten sich für Freiheitskämpfer, die ihre Heimat von irgendwas oder irgendwem befreien wollten. Es fiel ihnen schwer zu sagen, wen sie für den Feind hielten, von wem sie ihre Heimat befreien wollten. Wenn man sie fragte, war es der böse Westen, der Einfluss der herrschsüchtigen ungläubigen Christen aus Europa und aus Amerika, also genau diejenigen, denen sie in allen kleinen Dingen des Lebens nacheiferten. Deswegen wanderten sie nach Europa oder nach Amerika aus, damit sie endlich so leben konnten, wie die gehassten Ungläubigen. Sie setzten alles daran, wenn es sein musste, auch ihr Leben, um in die verhassten Ländern zu gelangen, um dort Fuß zu fassen und einen Brocken, egal wie klein, vom deren Wohlstand für sich zu sichern. Sie brachten aber gleichzeitig auch den Hass und den Wunsch, diese Länder zu zerstören, in ihrem Gepäck mit sich.
So ging Ahmed früher weg und ließ Lumi, den Tunesier, allein die letzte Fracht wegfahren. Es handelte sich dabei nur um eine kurze Strecke von kaum mehr als einem Kilometer, vom Bauch der Boing 747 bis zur Frachthalle hinter dem Terminal 8. Aber die Lore kam nie dort an.
Erst zwei Stunden später fanden die Sicherheitsleute den leblosen Lumi neben der Lore liegen. Sein Genick wurde mit solcher Brutalität gebrochen, dass man sich gar nicht vorstellen konnte, dass Menschen zu solchen Taten fähig sind. Lumi war ein herzensguter Mensch, beteuerten seine Kollegen. Er tat nie jemand was Schlechtes an, er wollte nur in Frieden gelassen werden, nur arbeiten, um seine Familie und seine sieben Kinder zu ernähren. Seine Chefs waren sich ziemlich sicher, dass Lumi keine Kontakte zu den Islamisten oder anderen radikalen Organisationen hatte.
Auch Cranberaux, der stellvertretender Chef der Security vom Flughafen war sich ziemlich sicher, denn all die Ausländer, die dort beschäftigt waren, standen unter Beobachtung. Man wusste deswegen auch über Ahmed genau Bescheid, dass er einer verbotenen Organisation angehörte. Aber Lumi nicht. Und überhaupt deutete alles eher auf einen Antiquitätenraub hin, denn auf der Ladefläche der Lore stand eine Kiste offen, und die Styroporkügelchen lagen überall am Tatort verstreut herum.
Um was für eine Fracht es sich dabei handelte? Der Filialleiter studierte sorgfältig die Liste, um dem Chef der Security die erwünschte Antwort geben zu können.
„Es war eine alte Figur aus der Zeit des antiken Ägyptens. Irgend ein alter Gott, ein Mensch mit einem Löwenkopf. Hier steht auch sein Name: Apodomak, Gott des Krieges aus Soleb.“ Er sah noch einmal genau auf das Blatt, das scheinbar schwer zu entziffern war. „Nein. Apedemak heißt er“, korrigierte er sich selbst. „Wahrscheinlich lebten die Ägypter damals auch im Sudan, nicht nur in Ägypten. Denn diese Figur kam aus Khartum, aus dem Sudan.“
„Zu viel Kultur kann man diesem Flughafenbeamten nicht unterstellen“, dachte Cranberaux sarkastisch.
***

Die zwei Männer hatten den Auftrag erhalten, die Figur zu entwenden und sie in einem weißen Lieferwagen gen Osten zu fahren und sie taten wie ihnen geheißen. Sie wussten nicht, wer ihr Auftraggeber war oder was dahinter steckte. Die Zahlung war gut und sie brauchten das Geld. Alles andere kümmerte sie wenig. Sie fuhren im Dunkeln der Nacht mit Hundertachtzig auf der leeren Autobahn Richtung Osten, zur Grenze. Sie hatten Reims vor etwas mehr als einer Stunde passiert und sie befanden sich kurz vor Metz. Der Beifahrer bat um eine kurze Pause an der nächsten Raststätte, um sich die Beine zu vertreten und ein Bier zu kaufen.
„Nein, kein Bier“, sagte sein Freund. „Wir fahren zügig weiter, damit wir die Ware noch heute Nacht ausliefern können. Danach kannst du von mir aus alles haben, was du willst.“
„Aber eine Pinkelpause werden wir uns doch leisten können. Sonst mache ich mir in die Hose“, sagte der Beifahrer.
Am nächsten Parkplatz, einer einsamen, dunklen Stelle am Rande eines elsässischen Waldes, fuhren sie herunter von der Autobahn. Der Beifahrer sprang gleich raus, und verschwand in der Dunkelheit der Nacht, während der Fahrer sich eine Zigarette anzündete. Als er mit der Zigarette fertig war und sein Freund immer noch fern blieb, stieg auch er aus und rief nach ihm. Rings herum war alles still und dunkel, keine Antwort. Er machte ein paar Schritte in die Richtung des Waldes, aber dann bekam er Angst und kehrte um. Gerade in diesem Moment traf ihn ein Schlag im Genick und er verlor die Besinnung.
Er wachte erst am Morgen auf, mit höllischen Kopfschmerzen. Um ihn herum zwei Polizeifahrzeuge und ein Notarztwagen. Ein Sanitäter im weißroten Overall beugte sich über ihn. Hinter sich sah er, wie zwei andere eine Bahre in einen Wagen schoben, mit einem menschlichen Körper darauf. Er hatte eine fürchterliche Vorahnung.
Ein Polizeibeamter trat zu ihnen und nickte.
„Sie haben sehr viel Glück gehabt. Den da hat es schlimm erwischt. Waren Sie zusammen?“
Der Fahrer versuchte etwas zu sagen, aber er konnte seine Zunge kaum bewegen, darum nickte er nur.
„Haben Sie hier in der Nähe irgendetwas Ungewöhnliches gesehen oder gehört?“ fragte der Beamte. „Vielleicht das Gebrüll eines Wildtieres?“
Der Sanitäter war ein sehr junger Mann, noch ein Anfänger. Er blickte den Polizisten neugierig an.
„Warum fragen sie das? Glauben Sie etwa, dass das ein Wildtier war, das ihn angegriffen hat?“
„Es könnte gut sein. Die Leute meldeten in den letzten paar Wochen immer wieder, dass sie einen Puma oder einen Löwen hier in den Wäldern herumstreichen sahen. So was kommt in den letzten Jahren immer häufiger vor. Die Leute kaufen sich irgendwelche exotische Tiere und wenn sie mit ihnen nicht mehr fertig werden, lassen sie sie einfach frei. Dort drüben findet man eine Menge seltsamer Spuren, wie von einer übergroßen Katze. Und die Leiche war fürchterlich zerfleddert. So etwas macht kein Mensch.“
Der Sanitäter machte große Augen.
„Dinge gibt’s! Man kann es gar nicht glauben“, wunderte er sich.
Erst später, während der Fahrt zum Krankenhaus besann er sich und sagte zu seiner Kollegin:
„Weißt du was, Silvie? Ich glaube nicht, dass Löwen einen mit einem Stein oder einem Stab ins Genick niederschlagen.“ Er nickte in die Richtung des verletzten Fahrers, der auf dem Bett des Rettungswagens lag. „Das war kein Tier, das war ein Mensch.“

***

In derselben Nacht, während auf dem Pariser Flughafen diese seltsamen Dinge passierten, war Frau Efgenidis im Obergeschoß des ältlichen Einfamilienhauses in der Malwenstraße dabei, die frisch gebügelte Bettwäsche in den Schlafzimmerschrank zu räumen. Sie war davor zusammen mit ihrem Mann bei Alexios Elefteridis im Krankenhaus, der inzwischen außer Gefahr war, dem es aber immer noch sehr schlecht ging. Er hatte sehr viel Glück gehabt, sagten die Ärzte, denn neben seiner Kopfverletzung und mehreren Knochenbrüchen hatte er auch an inneren Organen einige schlimme Verletzungen erlitten. Gott sei Dank, sagte sich Frau Efgenidis, ging es mit dem Jungen bergauf. Aber die Ärzte hatten gesagt, dass er mindestens noch ein, zwei Wochen im Krankenhaus bleiben musste, der arme Junge.
Am schlimmsten war es ihr gefallen, mit Elefteridis‘ Mutter zu telefonieren und ihr zu erzählen, wie kritisch die Lage des Jungen gewesen war. Es war herzzerreißend, auch nur zuzuhören, wie Frau Elefteridis am Telefon geweint hatte.
Aber jetzt ging alles besser und die Dinge würden sich langsam wieder einrenken. Und sicher wird es dem Jungen noch besser gehen, wenn sein Vater heute ankommt und sich um ihn kümmert. Auch wenn es hier Deutschland ist und nicht wie in Griechenland, manche Dinge bleiben doch gleich. Wenn die Verwandten da sind und sich um einen zu kümmern, mit den Ärzten und den Schwestern sprechen, den Schwestern ein Päckchen Kaffee geben, ist das doch anders.
Langsam müsste sein Flugzeug in Frankfurt landen, rechnete sie sich aus. Georgios Efgenidis war gleich nach dem Krankenhausbesuch zum Flughafen nach Frankfurt gefahren, um Herrn Elefteridis abzuholen. Sie werden ihn in Alexios‘ Zimmer unterbringen. Da war Platz genug, so lange der Junge noch im Krankenhaus war, überlegte sie sich und drehte sich zur Gästezimmertür, die am schattigen Ende des kleinen Ganges lag.
Sie blieb mitten in der Bewegung versteinert stehen, ihr Gesicht starr vor Angst. Hinter dem halb durchsichtigen Glas der altmodischen Gästezimmertür sah sie eine Gestalt, die regungslos dastand und sie beobachtete. Die Glühbirne im Flur leuchtete nur ungenügend die Glastüre des Gästezimmers aus, aber sie war sicher, dass sie sich nicht irrte, dass dort jemand hinter der Tür stand und sie genau so anstarrte, wie sie ihn.
Einen kurzen Bruchteil einer Sekunde geschah nichts und man konnte die Stille mit der Hand greifen. Dann riss der Mann die Tür auf und stürzte auf sie zu. Was dann geschah, wusste Agatha Efgenidis nicht mehr, denn sie wachte nur Stunden später im Krankenhaus auf.

***

„Ja, sie haben alles durchwühlt“, bestätigte Herr Efgenidis auf Goretzkis Anfrage. „Aber wir haben keine Ahnung, was sie bei uns suchten, denn wir sind arme Menschen und haben nichts, wofür es sich lohnt bei uns einzubrechen.“
Der Kommissar gab sich Mühe, die langatmigen Erklärungen des Griechen geduldig anzuhören. Es waren einfache, freundliche Leute und sie hatten gerade einen schlimmen Schock erlitten, sagte er sich. Sie befanden sich in einem fremden Land, sie wurden überfallen, zusammengeschlagen und in ihrem eigenen Haus ausgeraubt. Es fehlte nur noch, dass die Polizei sie auch bedrängte, wie es manchmal seine Kollegen mit den Ausländern taten. Er selber hatte sich bis dahin keine Gedanken über die verschiedenen Ausländergruppen gemacht und gehörte zu den wenigen, die weder für noch gegen sie waren. Wenn er bei der Arbeit mit ihnen zu tun hatte, handelte er immer nach den Dienstvorschriften. In seiner Freizeit wiederum hatte er kaum Kontakt zu ihnen, außer beim Einkaufen oder in den Bars und Restaurants, wenn er sich manchmal abends mit Freunden traf.
Aber seit einigen Tagen wurde er von einem seltsamen Interesse für diese Griechen und ihrer uralte Kultur ergriffen, ohne dass er sich dessen bewusst wurde. Vielleicht lag es an Simonidis, dem alten Trödler und seinen Geschichten, vielleicht war es auch nur berufliches Interesse wegen dieses Falles, wer konnte das schon sagen?
Jedenfalls war im durchwühlten Haus der Familie Efgenidis nichts zu finden. Die Kollegen von der Spurensicherung blieben noch da, um die Fingerabdrücke zu sichern und Goretzki fuhr ins Krankenhaus, um noch einmal zu versuchen, mit Maria Efgenidis zu sprechen. Sie konnte ihm aber leider keine brauchbare Beschreibung des Menschen oder des Wesens geben, der sie überfallen hatte. Nach ihrer unverständlichen Beschreibung klang dieses Wesen gar nicht nach einem Menschen, sondern nach einer entsetzlichen Kreatur, die übergroß gewesen war und schwarzglühende Augen hatte.
Das konnte sich Goretzki nun wirklich nichts vorstellen. Die Frau erdichtete diese Dinge unter der Einwirkung ihrer grausamen Erlebnisse, sagte er sich, und verabschiedete sich, um endlich zurück nach Hause zu kommen und vielleicht vor seinem Dienstantritt noch zwei, drei Stunden Schlaf zu erhaschen.
Bevor er ging, wollte er nachsehen, ob Alexios Elefteridis vielleicht einige Fragen beantworten konnte. Er hatte Glück, denn der Junge war wach, weil er Schmerzen hatte. Man hatte ihn inzwischen von der Intensivstation auf die Chirurgie verlegt, wo er das Zimmer mit einem alten Mann teilte, der aber die meisten Zeit über schlief und von dem es hieß, dass er sterbenskrank sei. Goretzki wollte natürlich nichts von sterbenskranken Fremden hören, sondern mit dem Griechen sprechen und vielleicht das Tatmotiv herausfinden, warum man den Jungen und später auch seine Gastgeberin so brutal überfallen hatte.
Alexios hatte keine Ahnung. Er war nach Deutschland gekommen, um irgendwelche Filter für die Olivenpresse des väterlichen Betriebs abzuholen, die man eigentlich auch per Versand hätte bestellen können. Aber er war jung, abenteuerlustig und deswegen wollte er ein wenig ins Ausland reisen und ergriff diese Gelegenheit, um mit dem Auto nach Deutschland zu fahren und die bestellten Filter selber abzuholen. Und nein, er habe nichts nach Deutschland mitgebracht, dass müssen die Efgenidis falsch verstanden haben.
„Da wäre noch eine Frage“, sagte Goretzki zögerlich. „Wie haben Sie Sarah Olun kennengelernt?“
Zuerst machte Alexios ein Gesicht, als ob er die Frage nicht verstanden hätte:
„Wenn?“
„Die Frau, mit der Sie an dem Abend in der Disko waren, als man Sie zusammenschlug.“
„Ach, die! Der Vater eines Freundes hat mich gebeten, eine kleine steinerne Figur für sie mitzubringen. Es ist nichts von Bedeutung gewesen. “ Er überlegte einen Moment, dann fragte er verwundert: „Glauben Sie etwa, dass man uns wegen dieses Steines überfallen hat? Das kann gar nicht sein, denn er war nichts wert. Der Diakon Stavros wollte sich die Mühe sparen, ein Paket zu verschicken und deswegen bat er mich, die Figur nach Deutschland zu bringen und dieser Türkin zu geben oder wenn ich sie nicht finde, dann einem deutschen Pfarrer nach Düsseldorf zu schicken.“
Er schwieg und verzerrte sein Gesicht als Zeichen, dass er Schmerzen hatte.
„Also riefen Sie die Frau an, und verabredeten Sie sich mit ihr?“
„Ja. Sie war nett und wir haben schon am Telefon geflirtet. Wir haben uns am nächsten Tag in der Stadt getroffen, in einer Pizzeria in der Stadt. Und dann habe ich sie eingeladen, abends mit mir in die Disco zu gehen.“
Goretzki überlegte sich, dass der Steinsockel sich dann immer noch im Besitz der Ermordeten befinden musste. Vielleicht sollte er seinem Kollegen Fischer sagen, dass er sich noch mal in der Wohnung der Türkin umsehen sollte.
„Wann haben Sie der Ermordeten diese Steinfigur übergeben? Am Tag, an dem Sie sie in der Pizzeria trafen, oder erst am nächsten Tag, beim Discobesuch?“
„In der Pizzeria. Wir haben uns deswegen dort getroffen. Alles andere hat sich nur so ergeben.“
„Wie sah diese Figur denn aus?“ fragte Goretzki.
„Es war nur der Sockel von irgendwas, mit zwei kleinen, geschnitzten Löwen, die sich gegenüber standen, auf zwei entgegengesetzten Seiten eines Säulenfundamentes, auf dem zwei Fußspuren zu sehen waren und ein Loch. Früher einmal war dort sicher eine Statue befestigt, und diese kann vielleicht wertvoll gewesen sein, der Sockel allein war jedoch nichts wert. Das Ganze war vielleicht sieben oder acht Zentimeter hoch und so etwa zwölf, vierzehn Zentimeter breit.“
Dabei zeigte Alexios die Spanne zwischen seinem Daumen und Zeigefinger, um zu verdeutlichen, wie klein und bedeutungslos der Stein wirklich war.
Goretzki unterdrückte sich ein Gähnen. Dieses steinerne Ding klang ziemlich uninteressant. Jedenfalls war es nicht das, wofür man einen Menschen Töten würde. Es war gewiss nicht das Ding, in dem man was anderes, Heroin oder anderen Drogen verstecken konnte, denn dafür war es zu auffällig und jeder Zollbeamte würde es als erstes genauer kontrollieren.
„Also nichts mit Antiquitäten schmuggeln?“, sagte er nur so, weil ihm keine andere Frage einfiel.
„Nein. Garantiert nicht. Der Diakon hatte es seinem Freund zu seinem Geburtstag schicken wollen, einem deutschen Priester, mit dem er in demselben Verein ist. Aber dieser Mann wohnt nicht hier, er wohnt in Düsseldorf und kommt nur ab und zu nach S. am Rhein. Deswegen hat er mir gesagt, dass ich mich mit dieser Türkin treffen und ihr den Stein geben soll.“ Er schwieg eine Weile, dann fuhr er fort: „Wir haben uns in der der Pizzeria getroffen, und ich habe ich sie nachher zu einem Drink eingeladen. Sie hatte mir Hoffnungen gemacht, wissen Sie? Ich dachte, dass ich ihr auch ein wenig gefalle. Zu Hause in Griechenland kann ich nicht so leicht auf Abenteuertour gehen, weil ich verlobt bin.“
Goretzki hörte jetzt wieder aufmerksam zu. Inzwischen war ihm ein Verdacht gekommen, und so fragte er:
„Wissen Sie etwa den Namen des deutschen Priesters, oder des Vereins, in dem er und auch der Vater Ihres Freundes Mitglieder sind?“
Alexios gab langsam Zeichen der Ermüdung, denn es war ein ziemlich langes Gespräch geworden. Goretzki versprach ihm, gleich Ruhe zu geben, und half ihm, sich das Wasser vom Nachttisch zu holen um ein paar Schluck zu trinken.
„Den Verein weiß ich nicht mehr, obwohl er auf den Zettel stand, auf dem ich mir die Telefonnummer der Türkin notiert habe. Irgendwas mit Gott und Abraham oder so etwas.“
„Abrahams Gott und seine Kirche“, korrigierte ihn Goretzki. „Wir haben Ihren Zettel gefunden.“ „Und der Pfarrer?“
„Sein Name war Topfer oder Topfring oder irgendwas mit Topf“, sagte Alexios.
„Pfarrer Topfling?“
„Ja. So hieß er.“ Alexios bewegte seinen Kopf auf den Kopfkissen hin und her, als Zeichen der Bejahung.

***

Endlich war es halb zwei geworden und Erika konnte sich langsam auf dem Weg zur Pizzeria machen. Sie hatte sich schon vor zwei Stunden fertig gemacht und sie war mehrmals so weit, aus der Wohnung zu gehen, hatte sogar ihre Jacke angezogen, aber dann zog sie sie wieder aus und entschied sich doch dazu, in der Wohnung die Zeit abzuwarten. Zu Hause wähnte sie sich einigermaßen in Sicherheit, obwohl sie sich dort auch fürchtete. Sie sah sich die Eingangstüre an und überlegte sich, wie lange jemand brauchen würde, sie aufzubrechen. Sie war zum ersten Mal glücklich darüber, dass sie in einem Mehrfamilien- und nicht in einem Einfamilienhaus lebte und dass diese Wohnung sich im Dachgeschoss befand. Ein Eindringling konnte also nur durch die Eingangstür hinein kommen, beruhigte sie sich. Sie zuckte aber jedes Mal zusammen, wenn sie ein Geräusch im Treppenhaus oder den Aufzug hochfahren hörte. Sie blickte immer wieder durch das Wohnzimmerfenster auf die Straße und beäugte jeden Menschen misstrauisch, der nicht schnell und gleichmäßig weiter ging.
Vor etwa einer halben Stunde hatte ihr Herz gestockt, als sie einen Mann gesehen hatte, der unten auf der Straße herum lungerte. Wie es sich herausstellte, wartete er nur auf ein Mädchen aus dem Nachbarhaus. Als sie heraus kam, küsste er sie und stieg mit ihr zusammen in ein Auto ein und fuhr davon. Puh, war das noch einmal gut gegangen! Dann klingelte es an der Eingangstür und ihr Blut fror wieder in den Adern. Aber es war nur ein Paket für die Nachbarin, wie sie sogleich feststellen konnte, denn der Lieferwagen der Post hielt gerade vor dem Haus.
Die ständige Angst nagte an ihr, obwohl sie nicht sagen konnte wovor, vor wem oder weswegen. Sie wusste lediglich, dass sie sich unversehens mitten in irgendwas drin befand und sie von allen Seiten mit Gefahr rechnen musste. Sie konnte nicht einmal begreifen, wie es dazu kam. Am Anfang stand nur diese dumme schwärmerische Kleinmädchen-Liebe zu Hakan. Obwohl die Ernüchterung erst vor ein paar Tagen eingesetzt hatte, fühlte sie sich Lichtjahre von dem dummen, naiven Mädchen entfernt, das damals den türkischen Liebhaber vergöttert hatte. Wie konnte sie nur so dumm gewesen sein?
Schwer war es nicht zu begreifen, wenn sich jemand Mühe gegeben hätte. In der Schule hatte man ihnen dauernd eingehämmert, was für eine großartige, vielseitige Kultur die türkischen Einwanderer mit sich brachten und wie sehr der Kontakt zu ihnen den Horizont der jungen Menschen erweitern würde. Man bombardierte sie ständig mit Beispielen, deren Auswertung sie zwingend in eine Richtung lenkte. Jene, die sich den Einwanderern – darunter waren immer nur die Türken zu verstehen – verschlossen oder sie gar ablehnten, waren schlechte, engherzige Rassisten, die von der ganzen Gesellschaft geächtet wurden. Es war einfach gut, weltoffen, moralisch und dazu noch ganz die letzte Mode, türkische Freunde zu haben.
Und da war auch noch Doris, die Deutschlehrerin. Sie war Erikas Vorbild, die sie bewunderte und nachgeahmt hatte. Als sie eines Tages entdeckte, dass Doris mit einem türkischen Mann zusammenlebte, war es für sie irgendwie beschlossene Sache, dass ihr „Erster“ unbedingt ein Türke sein musste. Ihre Oma, die Einzige, die sich bemühte, ihr gewisse Werte und Prinzipien zu vermitteln, hatte ihr immer gesagt, dass es sehr wichtig sei, wer ihr „Erster“ sein würde, dass sie sich nicht leichtfertig an jemand wegwerfen sollte, sondern sich vorher gut überlegen, ob er „der Richtige“ ist.

Es hat sich nicht gelohnt. Sie wusste jetzt, dass sie ihr Leben lang mit Reue an diese erste Liebe denken würde. Die Frage war nur, wie lange sie noch leben wird. Hakan hatte sie nie geliebt, wahrscheinlich auch nicht, als er ihr zum ersten Mal seine Liebesschwüre ins Ohr flüsterte. Sie war nur eine in seiner Sammlung und bestimmt nicht einmal eine die Wichtigste.
Erika hatte ihn dort in der Moschee gehört, wie er dieser Araberin dieselben Sachen zuflüsterte, bevor er mit ihr durch den Eingang zum Internat verschwand. Dieselben schmalzigen Liebesschwüre, wie noch vor einem Jahr zu ihr. Und dann fand man sie tot. Und die Polizei sagte, dass
dieser Mord höchstwahrscheinlich ihr, Erika, gegolten hatte.
Warum und vor allem wer sie ermorden sollte, das haben sie ihr nicht erklärt und sie konnte es sich auch nicht denken, obwohl sie mit allen Poren ihrer Haut fühlte, dass es stimmte. Und sie fürchtete sich. In den vielen Krimis, die sie gesehen hatte, wurden die bedrohten Opfer von der Polizei geschützt und sie konnten sich auf die Polizei verlassen, die am Ende die Täter fand und sie hinter Gitter brachte. Auch standen sie in den Krimis Tag und Nacht Wache vor dem Haus eines bedrohten Menschen. Aber das hier war kein Krimi, das war die bittere Realität. Sie standen vor der Moschee, vor dem Vorder- und Hintereingang. Und sie standen vor dem Rathaus, in der Fußgängerzone und vor dem Bahnhof. Woher hätten sie noch Leute nehmen sollen, um auch sie zu bewachen?
Zwischen den Zeilen hatten sie ihr das auch zu verstehen gegeben. Als sie ihre polizeiliche Aussage gemacht hatte, begleitete der freundliche Beamte sie hinaus und draußen, bevor er in seinen Wagen stieg, fragte er sie noch einmal betont, wo ihr Vater derzeit lebte. Der Beamte, sein Name war Fischer, wollte ihr sicher helfen, das fühlte sie. Er hatte ihr seine Karte gegeben und ihr gesagt, dass sie ihn Tag und Nacht anrufen könne. Wenn sie verreisen wollte, so ginge das auch in Ordnung. Sie sollte nur der Polizei mitteilen, wohin. Es war ein sehr vertrauliches Gespräch und sie hat ihm gleich alles über sich erzählt, auch über Hakan und über ihre idiotische Konvertierung. Nur die Sache mit dem Dekan Dobrig hatte sie ihm verschwiegen. Aber wie hätte sie das ihm oder sonst einem Menschen erklären können? Jeder hätte sie für verrückt gehalten und ihr gleich die Klapse empfohlen.
Als es endlich so weit war, machte sie sich auf dem Weg zu der Pizzeria in der Frankfurter Straße. Bei der Stadtbahnhaltestelle blickte sie verstohlen und ängstlich alle Wartenden von der Seite an und prüfte in Gedanken jeden, ob er sie verfolgen könnte. Auch in der Bahn blieb sie jede Sekunde wachsam. So erkannte sie beim Aussteigen den Jungen sofort an seinem Verhalten. Er hatte sich mit Kleinigkeiten verraten, obwohl sie gar nicht sagen konnte, womit. Er sah aus, wie einer von den Antifa-Freunden des Otti Dobrig.
Warum er sie gerade jetzt verfolgte, war ihr schleierhaft. Aber sie war sich sicher, weil er sie zweimal angesehen hatte und dann die Straßenseite wechselte. Er ging auf der anderen Seite weiter, im Gleichschritt mit ihr, während er mit jemand telefonierte. Sie ging in eine Passage hinein und sah aus dem Schaufenster zurück. Das war dumm, denn er entdeckte sie im Fenster und überquerte sofort die Straße, um sie nicht entwischen zu lassen. Sie ging schnell die Rolltreppen hoch, überquerte eine Passage im oberen Stockwerk und ging die Hintertreppe wieder hinunter. Dort sah sie ihn wieder, wie er nach ihr suchte. Er drückte fast die Nase platt an der Schaufensterscheibe, so intensiv hielt er nach ihr Ausschau.
Nicht weit von ihm stand aber noch jemand. Als sie die andere Gestalt erkannte, wurde sie kreidebleich und ihre Füße drohten unter ihr zusammen zu klappen. Es war die blonde Frau aus der Moschee. Die Frau, die den Dekan verschwinden ließ.
Die Frau stand zwischen ihr und ihrem Verfolger, so dass dieser keine Möglichkeit hatte, sie zu sehen. Sie aber hatte Erika gesehen, jedoch schien sie kein Interesse an ihr zu haben.
Erika riss sich zusammen und entfernte sich so unauffällig, wie sie nur konnte. Kaum außer Sichtweise, rief sie Vicky in der Pizzeria an und bat um Hilfe. Sie einigten sich, dass Andrej und Thomas ihr entgegen gingen um sie abzuholen.
„Du siehst aus, wie jemand der einen Geist gesehen hat“, rief Thomas aus, als er sie sah.
„Ich habe auch einen gesehen“, sagte sie mit klappernden Zähnen. „Oder vielleicht sogar zwei.“
„Wie zwei? Ich dachte, da war nur einer, der dich verfolgt hat.“
„Ja, einer. Ich weiß auch nicht. Komm, verschwinden wir von hier.“
Sie mussten Erika bis zu der Pizzeria fast tragen, denn sie war immer noch sehr mitgenommen. Als sie endlich da waren, boten sie ihr erst mal ein Glas Wein an, damit sie sich einigermaßen beruhigte, bevor sie das Gespräch auf das Ziel ihres Treffens lenken konnten.
Sie hatte sich mit keinem Wort gegen ihre Vorwürfe gewehrt. Als sie ihr Vorhaltungen wegen ihrer Liebesbeziehung machten und sie schlichtweg dumm nannten, nickte sie willig dazu und bekräftigte es sogar.
„Und was erwartest du jetzt von uns?“, fragte Mike, als sie mit den Vorwürfen fertig waren.
Sie sah ihn zuerst mit großen Augen an, denn sie kannte ihn nicht und wusste nicht, ob sie ihm vertrauen konnte. Den anderen Jungen kannte sie wenigstens ein wenige und wusste von ihm, dass er Vickys Freund war. Und auch Andrej hat sie ein paar Mal gesehen. Güzel hatte sogar einmal den Verdacht geäußert, dass Andrej möglicherweise der neue Freund von Vicky wäre, denn die deutschen Frauen wechseln oft ihre Geliebten, sagte sie. Aber Hubert hatte sie gleich beruhigt, dass seine Schwester nie einen anderen als diesen Thomas hatte. Und er hatte die Gelegenheit benutzt, um ihr einmal zu zeigen, dass seine Schwester keine Ausländerfeindin war.
„Du siehst doch, sie hat nichts gegen Ausländer, denn Andrej kommt auch aus der Ukraine.“ Dabei hatte er natürlich vor seiner Freundin verschwiegen, dass er von Thomas vermutete, der Junge hätte zu irgendwelchen rechtsextremistischen oder ausländerfeindlichen Gruppierungen Kontakte. Hubert hatte keine genauen Vorstellungen, aber er wusste, dass Thomas alle Muslime ablehnte, denn Thomas selber hatte einige Male geäußert, dass die Muslime nur deswegen hierher kommen, um Europa zu islamisieren. Von Thomas Freunden wusste Hubert nichts. Er hatte sich aus ein oder zwei Sätzen, die Vicky gelegentlich fallen gelassen hat, seine Meinung gebildet. Aus seiner Warte heraus waren so ziemlich alle Menschen Ausländerfeinde und Rechtsextremisten, die etwas gegen den Islam hatten, denn er liebte Güzel und er sah sie stellvertretend für alle Muslime an, als den wunderbarsten, liebenswertesten Menschen der Welt. Wie konnte jemand eine Kultur hassen, zu der Menschen wie Güzel gehörten?
Erika hatte ihrerseits diese Sichtweise geteilt, denn sie fand Hakan genau so einen wunderbaren, liebenswerten Menschen, wie Hubert Güzel. So hatte sich Erika zusammen mit Güzel entschieden, dass Vickys Freunde allesamt Rassisten und Ausländerfeinde sein mussten. Jetzt saß sie da mit ihnen an einem Tisch, und wusste nicht mehr, was sie von ihnen halten sollte. Sie hoffte nur mit der Überzeugung des Verzweifelten, der sich an den letzten rettenden Strohhalm klammert, dass sie ihr helfen konnten.
Sie sah Vicky mit ihren großen Augen fragend an, dann blickte sie wieder zu Mike:
„Ich weiß auch nicht. Aber ich brauche Hilfe und ich weiß nicht, wohin ich gehen soll.“
„Was sagt die Polizei?“ fragte Thomas. Wenn sie zu wissen scheinen, dass dieser Mord dir galt, dann müssten sie was für dich tun.“
„Sie können nicht viel tun. Der Kommissar, mit dem ich gesprochen habe empfahl mir, zu meinem Vater zu ziehen.“
„Und?“ wollte Vicky wissen, „Warum fährst du nicht zu ihm?“
Erika wollte sich beinahe in ihr Schneckenhäuschen zurück ziehen. Sie überlegte sich, was sie hier machte und ob diese Leute ihr wirklich helfen würden. Sie könnten es und sie waren auf der richtigen Seite, um es zu können und auch um es zu wollen. Nur leider waren sie nicht ihre Freunde und sie gaben es ihr zu fühlen. Sie hatte sie immer als irgendwelche moralisch schmutzige Menschen betrachtet, in dem Bewusstsein, dass sie zu den guten Menschen gehörte. Sie hatte sich immer für etwas Besseres gehalten als Vicky. Sie und ihre Freundinnen hatten sie für die verwöhnte Göre aus gutem Hause abgestempelt, die alles hatte und nichts schätzte, und deswegen keine andere Freunde hatte, als diese zwei drei andere Rassisten, wie Thomas oder Andrej hier.
Und jetzt saß sie hier und ihre Welt stand auf dem Kopf, ohne dass sie wusste warum, wie es dazu kam und was dahinter steckte. Sie brauchte ihre Hilfe, aber wie konnte sie sie darum bitten? Sie wusste wirklich nicht, was sie ihnen sagen und wie sie ihnen alles erklären sollte. Sie machte sich zu viele Gedanken und sie war sich ihrer Verklemmtheit peinlich bewusst, denn sie fühlte sich, als ob sie auf einmal nackt vor ihnen stehen würde. Aber zumindest einer der Männer beschäftigte sich gar nicht mit ihr. Mike beobachtete intensiv einen Tisch an der anderen Seite der Bar.
„Kennt ihr diesen Mann?“ fragte er.
„Welchen? Du meinst den großen Dunkelhaarigen oder den mit der Brille, der wie ein ausgekochter Versicherungsvertreter aussieht?“ fragte Vicky.
„Den Dunklen. Den anderen kenne ich auch.
„Der dunkle ist ein Polizist“, sagte Erika. Er war auch dort, als ich meine Aussage machte. Ich glaube, er heißt Goretzki oder so was.“
„Und der andere? Was ist mit ihm los?“, wollte Thomas wissen.
„Der ist eine elendige Ratte“, sagte Mike verächtlich. „Ich habe ihn einmal in Rotterdam getroffen. Unsere Freunde dort haben ihn mir gezeigt und gesagt, dass er sehr gefährlich ist. Er gehört zu einem Kirchenverein, der hier in Europa überall predigt, dass wir alle zum selben Gott beten und wir alle Brüder sind, aber einige Christen aus dem Irak haben ihn erkannt. Er hatte dort den Behörden die Menschen verraten, die insgeheim zum Christentum konvertiert waren. Diese gutmenschlichen, politisch korrekten abrahamitischen Theologen tun das. Sie predigen hier bei uns, dass wir alle zum selben Gott beten würden und so erschleichen sie das Vertrauen der Christen, die aus diesen Ländern zu uns flüchten. Und gleichzeitig verraten sie ihre Angehörigen dort an die Religionsbehörden, um sich niederträchtig politische Vorteile zu sichern. Sie begründen es sogar damit, dass sie die Gesetze und die Behörden der jeweiligen Staaten respektieren müssen, denn Jesus habe es mit dem Spruch gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, den Christen geboten, alle Gesetze des Staates, in dem sie leben, zu respektieren.“
Vicky sah in die Richtung der Zwei und machte dabei ein derart angewidertes Gesicht, dass Thomas sie warnen musste:
„Sieh ihn nichts so an! Er braucht nicht zu merken, dass wir ihn beobachten.“
Aber es war nicht möglich, sie zu beruhigen, so dass Thomas sich gezwungen sah, seinen Stuhl mit ihr zu tauschen, damit sie mit dem Rücken zu dem Polizisten und dem Pfarrer saß. Erst dann konnte sie sich allmählich beruhigen und normal antworten ohne hysterisch zu keiffen.
„Das ist so was von hinterhältig. Hier bei uns verlangen sie aber von den Muslimen nicht, dass sie sich unseren Gesetzen unterordnen, sondern unterstützen jede Forderung der Islamverbänden nach Sonderrechten.“
Thomas, der jetzt von seinem Platz die beiden gut im Blickfeld hatte, holte sein Handy heraus und legte es auf den Tisch vor sich hin, in die Richtung der Beiden, die er intensiv beobachtete.
„Wie heißt dieser Verein, von dem du sprichst“, fragte Andrej etwas laut. Er hatte sich angewöhnt, lauter zu sprechen, denn er fürchtete, dass man ihn sonst nicht so gut versteht, mit seinem starken slawischen Akzent.
„Pst! Nicht so laut“ zischte ihn Thomas an.
„Was tust du? Nimmst du sie etwa auf? Kann dein Handy so weit die Töne erfassen?“
„Ich weiß nicht. Aber einen Versuch ist es wert.“
„Pass nur auf, dass sie dich nicht bemerken“, lachte Mike. „Es könnte böse enden!“ Er wandte sich zu Vicky und schüttelte lachend den Kopf:
„Ich glaube das nicht! Der Mann will die Polizei abhören.“ Dann wieder zu Thomas: „Du hast Mut!“
Andrej wiederholte seine Frage:
„Wie heißt der Verein? Es ist wichtig, den genauen Namen zu wissen.“
„Ich kenne den Namen des Vereins nicht. Aber er bekommt deswegen viel Geld aus Saudi Arabien oder aus den Emiraten, ich weiß nicht mehr genau.“
„Das ist nicht zu fassen!“ stöhnte Vicky.
„Du kannst mir ruhig glauben“, beteuerte Mike. Ich habe mit einem Konvertiten gesprochen, der berichtete, dass man ihn ausspionierte, weil der Polizeichef in seiner Stadt seine Tochter heiraten wollte. Die Muslime nennen das Heiraten, wenn sie die Töchter der Christen rauben! Sie war sehr schön und er hat sich in sie verknallt, der alte Sack. So hat er diesen Konvertiten ins Gefängnis stecken lassen, die Tochter entführt und zum Islam gezwungen. Seitdem hat der Christ seine Tochter nie mehr gesehen. Und der Verräter war dieser Topfling oder euer Dekan Dobrig. Einer der beiden. Dieser Konvertit war sich hundertprozentig sicher, denn nur die zwei wussten, dass er und seine Familie zum Christentum übergetreten waren. Von wegen, wir beten alle zum selben Gott! Die beten zu ihrem politischen Teufel!“
„Ist er mit Dobrig bekannt?“ fragte Erika stotternd. Sie hatte bis dahin ziemlich still da gesessen und den anderen zugehört. Durch die Worte der Anderen öffneten sich ihr ganz neue Perspektiven, die sie sich noch bis vor Kurzem nicht einmal im Traum hätte vorstellen können. Sie kam sich vor, als ob sie in eine ganz neue, fremde Welt geraten wäre, wo nichts mehr so war, wie sie es von früher kannte, sondern alles auf den Kopf stand, wie in Platons Höhlengleichnis.
Mike antwortete ihr:
„Ja, sie gehören beide in diesen abrahamitischen Verein. Aber ich glaube, dass dieser Topfling der Chef ist, und Dobrig nur sein Untergebener.“
Andrej, der eine Weile geschwiegen hatte, um Thomas‘ Aufnahmen möglichst nicht zu stören, und der im Allgemeinen wenig sprach, zeigte jetzt mit seinem Kinn zum Fenster.
„Da scheint noch jemand an dem Herrn Pfarrer interessiert zu sein“.
Erika drehte sich zum Fenster und schrie unterdrückt auf: „Oh, Gott! Da ist wieder diese Frau!“
„Was für eine Frau?“ fragte Thomas dazwischen. Vicky drehte sich in die Richtung, in die Erika blickte und zog ihre Augenbrauen konzentriert zusammen:
„Mir kommt es auch vor, als ob ich sie irgendwo schon mal gesehen habe, aber ich weiß nicht, wo.“
„Wer ist sie“, fragte auch Andrej. Nur Mike sagte nichts.
„Sie war am Freitag in der Moschee“, fing Erika an. „Und auch vorher, als mich dieser Mann verfolgte, war sie da. Diese Frau hat sich irgendwie so hingestellt, dass der Mann mich nicht sehen konnte und so konnte ich verschwinden.“
„Und sie soll in der Moschee gewesen sein? Das glaube ich nie!“ sagte Vicky. „Eher glaube ich, dass der Papst in die Moschee geht als sie.“
„Warum?“ fragte Thomas.
„Ich weiß nicht. Sie sieht einfach nicht danach aus“, antwortete Vicky.
„Vielleicht ist sie auch eine Konvertitin?“ witzelte Andrej. „War sie vielleicht mit ihrem türkischen Lover dort um zum Islam zu konvertieren?“
Erika lief rot an, denn diese Worte zielten auf ihre missratene Liebesgeschichte.
„Nein, sie war dort ganz allein. Sie schien zu niemand zu gehören und ich glaube nicht, dass viele Leute sie dort bemerkt haben. Ich sprach gerade mit dem Dekan Dobrig, als sie wie aus dem Nichts neben uns auftauchte. Sie war sehr wütend auf Dobrig und sie sprach zu ihm sehr seltsam, als ob sie ihn verfluchte oder verhexte oder ich kann es auch nicht beschreiben.“
„Am Ende willst du behaupten, dass sie eine Hexe ist?“ fragte Andrej skeptisch. Für ihn existierten nur die nüchternen materiellen Dinge der Welt. Er war ein überzeugter Materialist und bereits ein Fantasy-Film erzeugte normalerweise bei ihm Irritationen. Unter seinen ketzerischen Fragen fiel es Erika schwer, über die Szene in der Moschee zu sprechen. Aber Vicky ließ nicht locker:
„Wenn sie zu Dobrig sprach, dann müssen die beiden sich gekannt haben.“
„Ich weiß nicht. Dobrig hat so was gesagt, dass wir alle zu einem einzigen Gott beten und es keine Unterschiede zwischen den Religionen gibt. Sie stand daneben und hörte zu. Und dann kam sie zu uns und verfluchte ihn wütend.“
„Und dann? Was sagte Dobrig dazu?“
„Nichts. Er ist einfach verschwunden.“
„Wie verschwunden? Ist er weggegangen?“
„Nein, er war einfach nicht mehr da.“
„Wie, nicht mehr da? Willst du sagen, dass er sich in der Luft aufgelöst hat?“
„Nein. Ich weiß nicht.“
„Sag mal, nimmst du gelegentlich Drogen?“
„Hast du an dem Tag was geraucht? Oder getrunken?“
„Du weißt doch, dass Muslime keinen Alkohol trinken dürfen“, wehrte sich Erika.
„Sie trinken trotzdem“, stellte Andrej lakonisch fest.
„Ja, aber ich wollte an diesem Tag zum Islam konvertieren. Ich hätte nicht mal eine Praline mit Alkohol angerührt.“
„Und auch nichts geraucht?“
„Ich habe in meinem ganzen Leben keinen einzigen Joint geraucht“ beteuerte Erika. Ich kann es mir auch nicht erklären. Es war alles so überirdisch. Zuerst hat Dobrig dort in der Moschee eine Rede gehalten-
Thomas unterbrach sie:
„Wie? Sie haben es zugelassen, dass er für sie predigt? Womöglich über das Christentum?“
„Nein, er hat eine Rede über das Miteinander der Religionen gehalten, und am Ende die Schahada aufgesagt.“
„Was ist das denn?“ fragte Vicky.
„Das Glaubensbekenntnis der Muslime“, klärte sie Mike auf, bevor Erika antworten konnte. „Wenn jemand die Schahada aufsagt, bekennt er sich damit zum Islam. Danach gilt er als Muslim.“
„Dann ist also Dobrig klammheimlich zum Islam konvertiert?“ rief Vicky empört aus.
„Geheim war es nicht, du hörst es“ antwortete Thomas. „Es war vor der ganzen Versammlung. Da konnte es jeder hören.“
„Dennoch! Er ist so ein Schwein! Aber so ein richtig großes, erbärmliches Schwein! Wenn du ihn nur gehört hättest, wie er bei uns geschleimt hat, vorigen Sonntag als er zu Brunch war. Er kroch regelrecht Tante Therese in den Hintern. Er hat sie fast angebettelt, dass sie ihn in ihrem Ritterverein aufnimmt. Er gab sich für den besten, engagiertesten Christen der Welt aus! Und jetzt das hier! Nicht mal eine Woche danach konvertiert er zum Islam! So ein verlogener Dreckskerl! Ich hoffe, dass diese Frau, diese Hexe oder was immer sie ist, ihn richtig verflucht hat. Möge sie ihn in eine kleine miese Ratte umwandeln, denn er ist nichts anderes und er verdient nichts Besseres!“
„Weißt du was? Ich glaube, dass sie genau das mit ihm gemacht hat: in eine Ratte verwandelt.“

Kapitel 9

Pfarrer Topfling war innerlich in Alarmbereitschaft, aber er gab sich alle Mühe, es vor dem Polizisten zu verbergen. Er nutzte geschickt alle Möglichkeiten, die ihm seine Umgebung bot, um abzulenken und seine Gedanken zu sammeln. Er verlangte vom Kellner erst den Gewürzständer und kaum war dieser auf den Tisch, besann er sich, dass er doch lieber eine Pizza statt einem Salat bestellen wollte. Kaum hatte er seine Bestellung geändert, fiel ihm ein, dass er unbedingt Peperoni und Anchovis auf seiner Pizza wünschte. Er vermied dabei sorgfältig die abgenutzten Tricks, wie zur Toilette zu gehen oder sein Besteck fallen zu lassen, die den Verdacht des Polizisten wecken konnten.
Es waren nur ein paar kurze aber lebenswichtige Momente, in denen er sich überlegte, was die Polizei wusste. Viel konnte es nicht sein, auch wenn der Grieche bereits aus dem Koma erwacht war, denn dieser hatte keine Ahnung. Ihn hatte man nur als Kurier benutzt, ohne ihn über die Bedeutung des Steins aufzuklären. Die Türkin war tot, auch sie konnte nichts mehr ausplaudern.
Wegen der Frau hatte er nur eine einzige Sorge: Das Armband. Er hätte sich für diesen einen Fehler ohrfeigen können, aber als er es gemerkt hatte, war es bereits zu spät. Die paar jungen Muslime, die mit der Drecksarbeit beauftragt wurden, durften nichts darüber erfahren. Auch so hatten sie sehr viel gepatzt, zuerst beim Überfall auf die Türkin und dann bei dem anderen Überfall. Jetzt war das Armband bestimmt in den Händen der Polizei und man musste geduldig abwarten, bis die Polizei es den Angehörigen zurück gab. Es bedeutete eine Verzögerung, aber man durfte jetzt keine zusätzlichen Risiken eingehen.
Hoffentlich haben seine Leute den Stein des Griechen gefunden, und wir können damit weitermachen, tröstete er sich bei dem Gedanken an den kleinen, steinernen Sockel mit den zwei sitzenden Löwen. Vielleicht war die Figur, die auf den Sockel gehörte auch bereits in Deutschland, oder zumindest auf dem Weg dahin. Nach gründlicher Überlegung kam er zu dem Schluss, dass wer immer die Statue in seinen Besitz gebracht hat, alles daran setzen wird, sie nach Deutschland zu bringen. Deswegen antwortete er dem Polizisten, der ihn nach dem steinernen Sockel fragte, mit einer Miene, die viel Gelassenheit vortäuschte
„Es war nichts besonders, nur ein Imitat des frühen zwanzigsten Jahrhundert, irgendwo im Orient angefertigt, den der Großvater meines Freundes Stavros in irgendeinem Souvenirladen in Beirut für die Touristen erstanden hatte.“
„Und er wollte Ihnen den Stein schenken? Was war er in etwa Wert?“ fragte Goretzki. Er dachte dabei an die Statue, die er bei Achaios Simonidis erworben hatte. Der Grieche hatte ihm den Preis mit denselben Worten gesagt, wie jetzt Pfarrer Topfling: Es ist nichts Besonderes, nur eine Kopie aus dem späten neunzehnten Jahrhundert, für die Touristen.
„Das kann man nicht sagen, denn inzwischen gelten diese nachgemachten Kopien bei den Sammlern auch als Antiquität, weil sie immerhin um die hundert Jahre alt sind, je nachdem. Manchmal sind sie ein wenig jünger oder älter. Sie sind auf alle Fälle sehr dekorativ und deswegen bei dem unerfahrenen Antiquitätenkäufer beliebt. Sie wissen, solche Leute, die mal ein Geschenk für fünfzig oder hundert Euro suchen, um einem Verwandten eine Freude zu machen. Mein Freund hatte mich gesehen, als wir vor ein paar Monaten zusammen in Kairo waren, als ich dort auf dem Touristenbazar eine kleine Selket-Figur gekauft habe. Er sagte, dass er den passenden Sockel dazu hätte, mit zwei Löwen, die perfekt zu meiner kleinen Löwengöttin passten.“
Pfarrer Topfling hatte diese Erklärung für einen genialen Einfall gehalten. Er ahnte nicht, wie verdächtig er sich damit bald machen würde, denn er hatte keinen blassen Schimmer vom Vorfall auf dem Parkplatz bei Metz.
„Wie erklären Sie sich, dass man gestern bei der Familie, bei der dieser junge Grieche übernachtet, eingebrochen wurde?“ wollte Goretzki wissen. Entweder der Pfarrer, der vor ihm saß, oder der Junge hatte ihn belogen. Er tippte auf den Pfarrer, denn die Geschichte des Jungen wurde auch von dem Ehepaar bestätigt, bei dem er wohnte. Aber man kann ja nie wissen. Im Laufe seiner Karriere hatte er oft Verbrecher getroffen, die bis man ihnen den letzten unumstößlichen Beweis vorlegte und sie der Lüge überführt waren, einen sehr ehrlichen Eindruck gemacht hatten und die erfahrensten Kriminalbeamten täuschen konnten. Andererseits musste der Pfarrer Nerven aus Stahl haben, denn er ließ sich mit nichts aus der Fassung bringen. Er antwortete auch jetzt ganz gelassen:
„Es ist Ihre Aufgabe, diese Sachen aufzuklären, nicht die meine, lieber Herr Kommissar. Mir reicht es zu wissen, dass weder ich noch meine Organisation irgendetwas damit zu tun haben.“
Goretzki versuchte es von einer anderen Seite, den Pfarrer gesprächiger zu machen:
„Erzählen Sie mir bitte mehr über Ihre Organisation. Ich habe im Internet nur wenig darüber gefunden, um mir ein richtiges Bild über sie zu machen.“
Topfling ließ sich nicht so leicht aus der Fassung bringen. Er überhörte den Kommentar des Polizisten und sagte:
„Im Grunde steht alles, was man über uns wissen muss, bereits auf unserer Webseite.“
„Nun, das ist herrlich wenig“, gab Goretzki sarkastisch zurück. „Ich habe daraus nichts erfahren. Versuchen wir es mal mit ein paar konkreten Fragen: Was ist das Ziel des Vereins?“
„Unser Ziel ist einfach: Zwischen den verschiedenen Glaubensrichtungen Frieden zu stiften und uns gegenseitig zu helfen. Sehen Sie, in der Welt gibt es zu viel Elend und Armut und wir hier in den reichen Ländern, die wir viel Glück hatten, hier geboren zu werden, sind verpflichtet, unseren Mitmenschen, denen es nicht so gut geht, zu helfen. Um das zu tun, brauchen wir die Akzeptanz der dortigen Geistlichen, denn die Menschen in diesen Ländern hören auf ihren Imamen, Priester oder Mullahs viel mehr als hier im Westen. Wir können nicht einfach nach Nigeria oder in den Jemen gehen, um den Menschen dort gegen den Willen ihrer Imame zu helfen. Wenn wir das versuchten, würden die Hilfsbedürftigen selber unsere Hilfsangebote ablehnen. Deswegen ist eine friedliche Zusammenarbeit mit den lokalen Religionsvorstehern zwingend nötig.“
„Sie operieren aber auch hier in Europa, wenn ich es richtig verstanden habe?“ unterbrach ihn Goretzki, der erkannte, dass der Pfarrer, wenn man ihn nicht unterbricht, seinen vorgefertigten Werbetext aufsagt, denn er schon bestimmt -zigmal an den verschiedensten Stellen und vor den verschiedensten Zuhörern abgeleiert hatte.
„Ja, denn inzwischen ist der Bedarf an Wohltätigkeitsarbeit auch in Europa sehr groß geworden und wir müssen die Gemeinsamkeiten der Religionen hier in Europa ausarbeiten um den Menschen eine Basis für ein friedliches Zusammenleben zu geben. Viele muslimische Einwanderer trauen sich nicht, die sozialen Hilfsleistungen der christlichen Kirchen in Anspruch zu nehmen, weil sie fürchten, dass sie damit eine Sünde begehen. Deswegen müssen wir das Vertrauen der muslimischen Gemeindevorsteher gewinnen um durch sie an die Menschen heranzukommen.“
Er hatte sich schon wieder von seinen Wohltätigkeitstexten mitreißen lassen.
„Das alles klingt schön und gut“, unterbrach Goretzki wieder. „Ich nehme an, dass Sie dafür einen gemeinsamen Glaubensatz haben, mit dem sie sowohl die Christen, wie auch die Muslime ansprechen können?“
„Sicherlich haben wir das, Herr Kommissar. Sehen Sie, alle drei große monotheistischen Religionen haben gemeinsame Wurzeln, deswegen ist es sehr leicht, die Gemeinsamkeiten so auszuarbeiten, dass die Gläubigen sie erkennen und sie über die trennenden Elemente stellen, die früher zu so vielen Kriegen geführt hatten. Wenn wir nur die drei heiligen Bücher, die Bibel, den Talmud und den Koran miteinander vergleichen, finden wir auf Schritt und Tritt Parallelen, und gar gemeinsame Erzählungen. Die Sintflut mit der Geschichte Noah oder die Geschichte Abrahams sind nur zwei davon.“
„Ach ja, sie nennen Ihren Verein deswegen „Abrahams Gott und seine Kirche“?
„Ja. Mit diesem Namen haben wir bezweckt, sowohl die Christen wie auch die Muslime anzusprechen. Auf Arabisch sagen wir natürlich „Abrahams Gott und seine Moschee“.
„Ich verstehe“, nickte Goretzki. „Jedem nach seiner Zunge zu sprechen, ist ein geschickter Zug. Aber geht dabei die Wahrheit nicht verloren?“
„Nein, keinesfalls. Sehen Sie, Lessing hat es in „Nathan der Weise“ brillant ausgearbeitet: Wir sind alle Brüder und Schwestern, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen. So wie in Lessings Theaterstück die Jüdin Reha und der Templer Leu von Filneck Brüder und Schwester eines Muslimischen Vaters und einer Christlichen Mutter waren, so sind wir alle aneinander gebunden. Wir beten alle zu ein und demselben Gott, dem Gott Abrahams.“
„Vielleicht funktioniert es auf der theologischen und literarischen Ebene, Herr Pfarrer. Ich bin aber ein Kriminalbeamter und ich kann nur aus meinen alltäglichen Berufserfahrungen sprechen. Im Alltag stehen die Menschen verschiedener Konfessionen sehr weit entfernt von einem friedlichen Zusammenleben, so wie Sie es darstellen. Wir haben täglich Fälle aufzuklären, die nur deswegen verübt wurden, weil die Menschen verschiedener Glaubensrichtungen sich gegenseitig feindlich gesinnt sind.“
„Wollen Sie behaupten, dass dies unseren Gesetzen nicht konform ist, Herr Kommissar“
„Nein, nicht gesetzeskonform. Aber realitätskonform. Denn es ist die Realität, die wir da draußen auf der Straße sehen.“
Goretzki fühlte sich langsam vom politisch korrekten Getue des Pfarrers angewidert. Er hielt sich sonst immer als Polizist aus solchen politischen und ideologischen Fragen heraus und kümmerte sich lediglich um seinen Job. Nur selten fand er wie jetzt, dass die unehrlichen Allüren eines Politikers oder Soziologen zu überzogen wirkten und in ihm einen negativen Klang erweckten.
„Wenn ich mich recht erinnere – verzeihen Sie, aber meine Schulzeit liegt ein paar Jahre zurück und ich habe mich seither nicht mehr um die klassische Literatur bemüht – sagt die Ringparabel, dass nur einer von den drei Ringen echt war und nicht alle drei.“
„Wie meinen Sie das?“, fuhr Pfarrer Topfling auf. Er versuchte sofort, seine unkontrollierte Reaktion zu vertuschen, indem er eilig weitersprach, aber dem Kommissar entging es nicht. „Die Ringparabel“, erzählte Topfling in einem schnellen Wortschwall, „will uns dazu anhalten, uns für die Sichtweise der anderen zu öffnen und nicht automatisch davon auszugehen, dass wir allein die Wahrheit besitzen. Deswegen lautete die Empfehlung des Richters sinngemäß, dass jeder so handeln soll, als ob er im Besitz des richtigen Rings wäre, also wie es seine Religion gebietet

‚Es eifre jeder seiner unbestochenen,
von Vorurteilen freien Liebe nach!‘

„Was im Grunde nichts anderes bedeutet, als dass die Christen die christliche Nächstenliebe praktizieren, während die Muslim den befohlenen Jihad betreiben sollen“, platzte Goretzki heraus, bevor er sich versah. Er entschuldigte sich sofort und schalt sich innerlich für diesen unprofessionellen Patzer. Aber es kam in ihm eine wachsende Antipathie gegen den Pfarrer auf, die er kaum bezähmen konnte. Er war der Prototyp des pharisäischen Tempelpriesters, der seinen Gott und seine Religion als ein lukratives Geschäft vermarktete.
„Sehen Sie Herr Kommissar, “ erklärte dieser, „es ist wichtig, dass wir diese Menschen dazu bringen, sich für die Sichtweise des anderen zu öffnen. Noch vor zwanzig Jahren hatten sich alle Religionen als die einzig wahre Religion betrachtet und lehnten die anderen als „Heiden“ ab, als Menschen, die an einem Irrglauben festhielten. Heute sind wir so weit, dass wir gemeinsam beten können, Muslime Juden und Christen.“
„Das klingt sehr schön, Herr Pfarrer. Aber andererseits haben wir in unserem Alltag mit vielen muslimischen Mitbürgern zu tun, die die Christen beschimpfen und zum bewaffneten Kampf gegen die Mehrheitsgesellschaft aufrufen.“
„Das sind kleine Übel, die wir im Kauf nehmen müssen, wenn wir eine bessere, friedlichere Welt errichten wollen, eine Welt, in der Kriege zwischen den verschiedenen Glaubensrichtungen der Vergangenheit angehören werden.“
„Ihre edlen Ziele in allen Ehren, so lange Sie die Gesetze unseres Landes dabei nicht überschreiten.“
„Das kann nicht Ihr Ernst sein?“
„Hören Sie, Herr Pfarrer! Meine Aufgabe ist nicht, Ihre religiösen und politischen Träumereien zu unterstützen, sondern dem Rechtsstaat zu dienen. Ich habe hier einen Mord aufzuklären und das ist meine ganz konkrete Aufgabe. Sollten wir feststellen, dass Sie oder Ihr Verein irgendetwas damit zu tun haben, dann müssen Sie die juristischen Konsequenzen genauso tragen, wie jeder andere in diesem Land.“
Goretzki war innerlich überzeugt, dass der Pfarrer ihm etwas vormachte. Seine langjährige psychologische Schulung zeigte ihm deutlich die vielen kleinen unbewussten Gesten eines unehrlichen Menschen, die einem unerfahrenen Beobachter vielleicht nie aufgefallen wären, aber die ein Experte in der Körpersprache richtig zu deuten wusste.
Pfarrer Topfling war seinerseits über den Ausgang dieses Gesprächs unzufrieden, um nicht zu sagen besorgt. Normalerweise schaffte er es schnell, die Kontrolle über eine Situation oder ein Gespräch zu übernehmen. Seine Vorgesetzten hatten seine natürliche Begabung, Menschen schnell zu erkennen und zu manipulieren, durch regelmäßige Schulungen in kostspieligen ausländischen Seminaren gefördert und professionalisiert. Nach den Standards seiner Ausbildung im Bereich der Marketing- und Kommunikationspsychologie war es ihm unerklärlich, wieso das Gespräch mit dem Polizisten dermaßen schief ging. Er hatte sich die größte Mühe gegeben, gegenüber dem Polizisten so überzeugend und aufgeschlossen aufzutreten, wie seine Schulung ihm die Behandlung der Vertreter europäischer Menschen vorgab, mit besonderer Rücksicht auf die Eigenarten der deutschen Volks- seele. Aber der Polizist wich bei jedem zweiten Satz von jenen Verhaltensmustern ab, die man nach normalen Maßstäben von ihm hätte erwarten müssen. Ja, es war der Polizist, der ständig aus der Reihe tanzte, der die Regel des Normverhaltens missachtete. Er, Topfling hatte sich immer wieder bemüht, die Taktlosigkeit des Anderen auszubügeln und den Takt zwischen ihnen wieder herzustellen, nur damit der Polizist wieder eine neue Taktlosigkeit begehen konnte.
Goretzki war es bewusst, dass er sich gegenüber dem Pfarrer sehr unprofessionell verhalten hatte und war über sich selber verärgert. Er hatte vom ersten Telefonkontakt eine starke Abneigung gegenüber dem Pfarrer entwickelt, die er einfach nicht unterdrücken konnte. Je mehr er es mit seinem Verstand versuchte, umso stärker überwältigte diese Abneigung seine Gefühle. Es war so, als ob etwas Mächtiges über ihm die Kontrolle über sein sonst immer sachliches Urteilsvermögen ergriffen hätte, gegen das er machtlos war und dem er gehorchen musste. Er, der kontrollsüchtige, streng materialistische Atheist konnte dieses Gefühl später, als er es seinem Kollegen Fischer beschrieb, nur als etwas Schicksalhaftes, als Kismet beschreiben. Freilich ging er nicht so weit, deswegen das Gespräch für gescheitert zu erklären, wie sein Gegenüber. Ganz im Gegenteil, er fühlte sich im Nachhinein innerlich zufrieden, ohne zu wissen, dass diese Zufriedenheit aus etwas herrührte, was er schon lange nicht mehr praktiziert hatte: die Aufrichtigkeit zu sich selbst, zu seinem eigenen Inneren. Er hatte sich zu lange nur noch als Staatsbediensteter betrachtet, der immer anderen, höheren Interessen zur Verfügung stand, die er nie in Frage stellte und immer seltener begreifen konnte. Er diente der Überzeugung anderer und merkte dabei nicht, dass er seine eigene Überzeugung gänzlich verdrängt hatte.
Umso beunruhigter verabschiedete sich der Pfarrer. Nicht nur das Gespräch mit dem Polizisten ging daneben, nein. Er hatte noch beim Weggehen die fünf jungen Menschen an einem Tisch gesehen und er konnte den Verdacht nicht los werden, dass sie ihn beobachteten. Sie gaben sich zu viel Mühe, uninteressiert zu wirken, was seinen Verdacht nur noch stärker schürte. Nur kein Risiko eingehen, sagte er sich und rief, noch bevor er ein Taxi nahm, die Nummer der Security-Abteilung der Organisation an. Der Rest ging ihn nichts mehr an, sagte er sich in der weißen Manier der drei chinesischen Affen, die nichts hörten, nichts sahen und nichts sagten. Er war überzeugt, dass es für den Fall der Fälle besser war, über die Arbeitsweise der Security-Abteilung unwissend zu bleiben.

***

Lange blieben Erika und ihre neuen Freunde nicht in der Pizzeria sitzen, nachdem sich der Pfarrer und der Kriminalbeamte voneinander getrennt hatten. Mike wollte noch am selben Tag nach Frankfurt zurück und bot sich an, Erika mit zunehmen und ihr zu helfen, in Frankfurt einen Unterkunft zu finden. Vicky und Thomas versprachen, sie mit nach Hause zu begleiten, damit sie einige Sachen einpacken konnte.
Andrej wollte natürlich zurück zu seiner Arbeit, denn als Angestellter konnte er sich keine längere Abwesenheit erlauben. Er war als Programmierer in der Niederlassung eines großen globalen Unternehmens beschäftigt, wo er in einem kleinen Team für das hochsensible Gebiet der Internetspionageabwehr tätig war. Er gehörte zu den wenigen Experten, die sich mit den Methoden der Ostasiaten und der Russen auf dem Gebiet der Industriespionage auf höchster Ebene auskannte und aus diesem Grunde hatte er für seinen Arbeitgeber einen unerlässlichen Wert.
Genau so bedeutend waren seine Kenntnisse auf diesem Gebiet für seine Freunde im privaten Bereich, denn er verhalf ihnen zu manch wichtigen Information oder warnte sie vor Gefahren und Fallen in denen sie ohne seiner Wachsamkeit unweigerlich hineingestolpert wären. Ab und zu bat ihn Mike um eine kleine Gefälligkeit für seine Kölner Freunde, ein andermal für die Züricher oder für die Dänen und die Niederländer. Und Andrej lieferte meistens innerhalb von ein paar Stunden, manchmal auch innerhalb ein paar Tagen die gewünschte Information. Nur selten kam es vor, dass er zu manchen Personen oder Sachverhalten keinerlei Information liefern konnte, weil sie als streng geheim, oder auf Englisch als classified eingestuft waren. Gleichzeitig warnte Andrej immer: „Seid sehr vorsichtig, in allem, was ihr tut, was ihr am Telefon sagt oder als E-Mail schreibt. Denkt daran, dass unsere Gegner auch Leute haben, die dasselbe können wie wir. Sie haben ihre Leute, die viel besser ausgebildet sind als ich.“
„Besser als du geht doch nicht“, sagte Vicky, die selber kaum technische Fähigkeiten im EDV-Bereich hatte und deswegen Andrej einfach als den besten Programmierer anhimmelte.
„Aber sie sitzen an wichtigen Schlüsselstellen“, mahnte Andrej.
„Ja, sie haben uns vierzig Jahre voraus“, stöhnte Mike. „Wir haben noch so viel aufzuholen, dass es manchmal zum Verzweifeln ist. Sie haben ein sehr gutes Netzwerk und sie bestimmen über die meisten öffentlichen Ämter.“
Mike war derjenige unter ihnen, der die meisten Kontakte in Deutschland und auch im Ausland hatte und deswegen verließen sich alle auf ihn, um zu erfahren, was die Gruppen in den anderen Städten machten, oder um Nachrichten über sich selber und über die Lage in S. am Rhein den anderen zu schicken. Auf dieser Weise gelangten einige Informationen und Artikel auf die Webseite Politically Incorrect, zum großen Verdruss Margit Tennewills, die von allen Menschen gerade ihre eigene Tochter am wenigsten verdächtigt hätte, einen der beiden ominösen Artikel über ihren Auftritt bei der Talkshow geschrieben zu haben.

***

Erika war noch mit dem Packen beschäftigt, denn sie meinte, auf eine Menge Kleinigkeiten nicht verzichten zu können. Sie hatte keine Vorstellung, wo sie die nächsten Tage unterkommen konnte und wie ihr Leben weiter gehen sollte. Aber ohne ihr Nagelset, ihren Föhn oder ihr Kuschelkissen war das Leben nicht lebenswert. Ihr Handyladegerät, ihr Laptop, ihre Zeugnisse – sie fand immer noch etwas, was sie unbedingt mitnehmen musste, denn es dauerte noch Tage, bis ihre Eltern zurück waren, um ihr etwas nachzuschicken, falls sie etwas vergessen haben sollte. Ihr Vater war noch mindestens zwei Monate in Thailand und ihre Mutter würde frühestens in elf Tagen aus Murnau zurück kommen, wenn es der Oma, bei der Reha dort besser ging.
Erika war gerade dabei, ihren Laptop einzupacken, als Thomas sie aufhielt:
„Kann ich bei dir kurz online gehen?“ fragte er, nachdem er eine SMS auf seinem Handy gelesen hatte.
„Klar. Warte nur einen Moment. Es dauert ein wenig, bis er hochgefahren ist“ antwortet Erika und packte ihren Laptop wieder aus.
„Du solltest dir endlich einmal einen iPod kaufen“ nörgelte Vicky, die nicht zur Kenntnis nehmen wollte, dass ihr Freund nicht aus einer genau so finanzkräftigen Familie kam wie sie und dass er seinen Unterhalt während des Studiums mit kleinen Jobs finanzieren musste. Thomas beachtete sie wenig. Er öffnete die Mails, die Andrej ihm geschickt hatte und zeigte Erika die Fotos von mehreren jungen Männern.
„Welcher von ihnen hat dich vorher verfolgt. Sieh bitte genau hin, denn es ist sehr wichtig.“
Sie hatte sich kaum angenähert, um sich das erste Foto anzusehen, als ein Pop-up mit hell leuchtender Aufschrift nervös aufklappte:

VERSCHWINdeT SoFORT!
Ihr SEID IN GEFAHR!

Der Text blinkte schrill, so dass Erika sich ohne zu überlegen, instinktiv ihren Laptop zuklappte, obwohl Thomas zuerst noch sehen wollte, wer ihnen diese Botschaft geschickt hatte. Auch Vicky wunderte sich, während sie in Windeseile Erikas Reisetasche zumachte und sie über die Schulter warf.
„Kommt, verschwinden wir!“ rief Thomas.
Er schnappte sich einen Rucksack, der neben der Eingangstür bereit stand und fragte im Gehen:
„Ich möchte aber für mein Leben gern wissen, wie Andrej das gemacht hat.“
Niemand antwortete ihm. Erika, mit dem Laptop in der Hand, schloss die Eingangstür, während Vicky den Aufzugknopf drückte. Thomas wollte nichts vom Aufzug wissen.
„Wir nehmen lieber die Treppe. So kann man uns wenigstens nicht so leicht überraschen“, beschloss er und ging gleich als erstes, um den Frauen einigen Schutz zu bieten, denn inzwischen hatte sich auch bei Vicky einige Nervosität breit gemacht.
„Es ist auch besser für die Gesundheit.“
Sie waren problemlos die Treppen herunter gekommen, mit der einzigen Unannehmlichkeit, dass sie Erikas schweres Reisegepäck fünf Stockwerke aus der Dachgeschosswohnung herunter tragen mussten. Thomas öffnete vorsichtig die Türe zur Straße und blickte nach rechts und nach links, bevor er hinaustrat. Die Straße war menschenleer und so winkte er den zwei Frauen, ihm zu folgen. Aber kaum waren sie draußen und hinter ihnen der Tür zugefallen, als drei südländisch aussehende Gestalten wie aus dem Nichts vor ihnen auftauchten.
Sie fingen mit den üblichen Schimpfwörtern und Rempeleien an, die Thomas schon aus einigen früheren Zusammenstößen gut kannte. Nur dass er damals immer ein paar Freunde bei sich hatte, während er diesesmal nur zwei verängstigte Frauen auf seiner Seite wusste. Er versuchte sich im Kopf auszurechnen, ob sie es bis zum Wagen schaffen könnten, denn da wären sie in Sicherheit, aber er musste gleich einsehen, dass sie dazu keine Chancen hatten. So beschloss er, sich dem Unausweichlichen zu stellen und warf den Rucksack herunter, bevor er sich seinen Angreifern mit dem Ruf zuwandte:
„Was wollt ihr?“
„Gib deine Handy und dein Geld her!“ rief der eine zurück, der ihr Anführer zu sein schien.
„Komm und hol sie dir, wenn du dich traust!“ antwortete Thomas, und er wurde sich gleichzeitig bewusst, wie lächerlich das klang. Irgendwie waren die Angreifer bereits vier geworden, obwohl Thomas nicht sagen konnte, woher der Vierte aufgetaucht war. Er hatte Erikas Rucksack abgeworfen, um sich besser bewegen zu können und ging in leicht gebückte Kampfstellung.
Vicky hatte inzwischen ihr Pfefferspray aus der Tasche raus gekramt, aber bevor sie abdrücken konnte, wurde sie vom vierten Angreifer gepackt, der ihre Hand nach hinten drehte, so dass sie das Spray fallen ließ und vor Schmerz laut aufschrie. Der junge Muslim schien die Gewalt über sie zu genießen, denn er schlug sie genussvoll mit der Faust ins Gesicht, so dass sie taumelte.
Erika, die an die Wand angelehnt die Szene beobachtete und dabei vor Angst mit den Zähnen klapperte, sah mit vor Furcht wahnsinnigen Augen, wie einer der anderen Drei, die inzwischen Thomas zu Boden gezerrt hatten und jetzt auf ihn einschlugen, sich von ihnen trennte und mit aufgeklapptem Messer auf sie zukam. Im Gesicht hatte er ein fürchterliches Grinsen. Die Panik diktierte ihre Handlungen, als sie den Laptop, den sie in der Hand hielt, ihrem Angreifer mit voller Wucht ins Gesicht warf. Sie wäre am liebsten weggelaufen, wenn sie einen Fluchtweg vor sich gesehen hätte. So konnte sie nur stehen bleiben, mit dem Rücken zur Wand. Der Mann aber, der den Laptop ins Gesicht bekommen hatte, taumelte vom Schlag getroffen und stolperte über seinen Kumpel, der jetzt gerade mit seinem rechten Fuß ausholte, um Thomas in den Rücken zu kicken. Gleichzeitig fiel ihm auch das Messer aus der Hand.
Für Thomas war es ein glücklicher Moment, denn er hatte für ein paar kurze Sekunden nur einen einzigen Gegner, der voller blinder Aggression und bar jeder Überlegung handelte, wie unter einer Gewaltdroge. Gleichzeitig fiel ihm das Messer des Anderen fast in die Hand. Er erkannte sofort die Gelegenheit, ergriff das Messer und stieß es vor, in den Unterleib des Mannes, der über ihn gebeugt war. Er fühlte das Messer durch den Flanellstoff des schlabbrigen Kapuzenshirts des Mannes ins Fleisch hinein gleiten, wie in einen Laib Brot, dann zog er es mit einem Ruck nach oben, bevor er es wieder herauszog. Der Mann war so verblendet von seiner Angriffslust, dass er dass Messer gar nicht bemerkt hatte. Erst als er den stechenden Schmerz in seinem Bauch fühlte, heulte er auf wie ein verwundetes Tier.
Irgendwo in der Nähe heulte das Martinshorn eines Polizeiwagens auf.
Wie auf einen unsichtbaren Befehl sammelten sich die vier Angreifer und rannten weg. Binnen Sekunden waren sie von der Straße verschwunden, auch derjenige mit der Wunde im Bauch. Zwei der Anderen hatten ihn irgendwohin weggezerrt, aber keiner von den drei Opfern hätte sagen können, wohin.
Thomas gab seinerseits das Kommando:
„Komm, packt eure Sachen und verschwinden wir von hier!“
Damit nahm er wieder den Rucksack und sie liefen zu ihrem Wagen, warfen das Gepäck auf den Rücksitz, um keine Zeit mehr zu verschwenden. Dann sprangen sie hinein und fuhren sofort los.
Erst allmählich wurde ihnen bewusst, welcher Gefahr sie gerade ausgesetzt waren und wie viel Glück sie dabei hatten. Erika war in ihrem Inneren überzeugt, dass der Anschlag ihr gegolten hatte und dass man sie einfach umbringen wollte. Der Polizist hatte es ihr auch gesagt. Dass Unerträglichste daran war, dass sie keine Ahnung hatte, wer sie umbringen wollte und aus welchem Grund. Sie wollte nur noch aus dieser Stadt verschwinden, irgendwo weit weg sein, in einer Welt, wo diese unsichtbare Gefahr ihr nicht folgte.
Thomas aber, der einige schlimme Schläge einstecken musste, wollte unbedingt eine Wundsalbe und einiges Verbandzeug in der nächsten Drogerie kaufen. Und gleich als dies erledigt war beschloss er, noch einmal an der Stelle, wo die Schlägerei stattfand vorbei zu fahren.
„Um einen Blick darauf zu werfen, mindestens aus der Ferne“, wie er sagte. Aber da war gar nichts mehr zu sehen, weder Polizei noch Südländer oder irgendetwas, was die Spuren der Schlägerei vor noch nicht einmal zehn Minuten verraten hätte.
„Ohne meine Wunden würde ich gar nicht glauben, dass es passiert ist“, sagte er verwundert.
„Ja, aber die Blessuren sind garantiert echt“, antwortete Vicky und rieb sich ihr geschwollenes Kinn. „Ich glaube das Schwein hat mir das Kinn gebrochen“ stöhnte sie.

***

Was aber ist aus dem Promikonvertiten geworden, den Imam Dimriz für diesen denkwürdigen Freitag in der Moschee angekündigt hatte und bei dem er ganz sicher war, so bedeutende Medien wie ein Team des Regionalsenders S-TV für die Berichterstattung zu gewinnen.
Es war ein Prominenter, der bereits aus dem Fernsehen, dem ZDF und auch aus dem RTL bekannt ist. Manche seiner Fans behaupten sogar, dass er einen internationalen Bekanntheitsgrad hat, denn er hatte sogar schon einmal eine Nebenrolle in einem Hollywood-Film gehabt. Nun aber war es seit einiger Zeit still um ihn geworden. Und da solche Menschen zu einigen Opfern bereit sind, um nicht aus dem Rampenlicht abgedrängt zu werden, hatte unser alternder Star beschlossen, für seine Karriere zu kämpfen. Er hatte mit seinem PR-Berater einige Konzepte durchgekaut, so auch eine erneute Entziehungskur, eine kleine Haftstrafe und sogar die Rettung von irgendwelchen Kindern oder Walen.
„Es wird nicht funktionieren. Diese Masche ist bereits vor zehn Jahren aus der Mode geraten“, war jedes Mal der Refrain. Und beide, unser Star und auch sein PR-Berater schüttelten deprimiert den Kopf.
Unser Promi war schon dabei, sein Comeback aufzugeben und sich wieder seinem Lieblingshobby, dem Alkohol zu widmen, als eines Morgens sein PR-Berater mit drei Zeitschriften in sein miefiges, abgedunkeltes Schlafzimmer hineinplatze und die Jalousien aufriss.
„Das ist es!“ platze er heraus indem er die Zeitschriften auf das Bett war. Eine von ihnen traf die Nase unseres alternden maskulinen Schönlings, als er noch bei seinen schönsten Träumen weilte, so dass er sich von seinem Traum verabschieden musste und laut aufjaulte, wie ein Schoßhund, dem man auf den Schwanz getreten hatte.
„Was ist los? Sind deine Gläubiger hinter dir her? Oder brennt die Bude über unseren Köpfen?“ fragte er mürrisch.
„Weder, noch! Ich habe die Lösung gefunden!“ brüllte der PR-Berater wie auf Extasy. „Sieh hier!“
Damit schob er seinem Star, in den er bereits einige seiner Ersparnisse investiert hatte, eine Zeitschrift unter die Nase, auf der drei buschige marokkanische Pinselbärte an der Seite eines glattgeschniegelten Innenministers prangerten.
„Was ist das denn?“
„Das ist die jüngste Erfolgsband aus Frankreich! Eine junge muslimische Rapperband. Sie haben eine Aufnahme mit dem Innenminister gemacht, um zu zeigen, was Frankreich alles für die Integration tut. Das ist der Megahit, Mann!“ brüllte der PR-Berater begeistert. „Der Song ist erst vorgestern raus, aber bei Youtube hat man ihn bereits schon zwei Millionen Mal angeklickt.“
„Und was hat das mit mir zu tun?“ fragte dusselig der Star.
„Verstehst du denn nicht? Das ist die Lösung. Du musst zum Islam konvertieren! Dann kommst du auch wieder auf die Titelseite! Was sage ich? Dann kommst du erst richtig raus, so wie nie zuvor!“
Der Star starrte das Bild der drei Marokkaner auf der Zeitschrift an und überlegte eine lange Zeit. Dann erst winkte er ab.
„Nein, Jürgen, das mach‘ ich nicht. „Ich werde wie der letzte Depp dabei aussehen. So ein Bart steht mir gar nicht.“
„Du brauchst dir doch keinen Bart wachsen zu lassen, wenn du nicht willst. Aber wenn du mich fragst, ein hängendes Doppelkinn steht dir noch weniger. Ein Bart ist für einen Mann sogar eine Chance. Stell dir vor, was die Mädels dafür gäben, ihr Doppelkinnproblem mit einem Muslimbart lösen zu können. Stattdessen müssen sie gleich zu einem teuren plastischen Chirurgen gehen.“
Das hatte die Angelegenheit entschieden.
Unser Star fragte nur noch einmal, beim Frühstück:
„Du, Jürgen, habe ich wirklich einen Doppelkinn?“ Und als der PR-Berater es bejahte, schob er sein Schinkenbrötchen angeekelt von sich weg.
Jürgen, der PR-Berater übernahm nun den Rest. Er kümmerte sich um die Vorbereitungen, nahm Kontakt zu Imam Dimriz auf und arrangierte sogar schon einen Termin in einer kleinen, privaten Klinik für die Beschneidung.
Am Vorabend der Konvertierung saß nun unser berühmter Promipopsänger, dessen Name wir aus rechtlichen Gründen nicht verraten dürfen, an der Bar eines Fünfsternehotels und verwöhnte sich und seine Freunde zum Abschied von seinem christlichen Dasein mit ein paar auserwählten Cocktails.
Ob es die Cocktails oder die Vorhaut diejenigen wichtigen Teile seiner Kultur waren, von denen er auf einmal meinte, sich nicht mehr trennen zu wollen, kann man nicht mehr so genau sagen. Jedenfalls nahm er Reißaus und setzte sich noch am selben Abend in ein Flugzeug nach Brasilien ab, wo er sich wieder intensiver mit dem Christentum beschäftigte und zu einem begeisterter Anhänger der Pfingstkirche wurde.
Imam Dimriz musste also an seinem großen Tag diesen Verlust verschmerzen. Natürlich trauerte er seinem prominenten Konvertiten nach, aber noch mehr trauerte er dem Fernsehteam nach, der ebenfalls weggeblieben war.
Der Imam war sehr zäh in seinen Bemühungen gewesen. Er hatte sich nicht allein auf seine Nichte Güzel verlassen, nein. Er bemühte auch den christlichen Dekan Dobrig, von dem er wusste, dass er auch private Beziehungen zu der Familie des TV-Intendanten hatte. Und der Intendant blieb nicht untätig. Er hatte die notwendigen Anordnungen getroffen und im Arbeitsplan für die kommende Woche den Termin kurzfristig einfügen lassen. Leider waren alle Teams für Außenberichte bereits ausgebucht, da genau an diesem Tag ein Pokalspiel und auch noch eine internationale Messe auf dem Programm standen.
So beschloss der Intendant, den netten, strebsamen Italiener Sergio Domiani, den er für seinen jugendlichen Freund hielt, der aber eigentlich der jugendliche Freund seiner Frau war, testweise zum Produzenten zu avancieren und ihn mit dieser sensiblen Aufgabe zu belasten.
„Aber pass auf, Sergio, denn es ist eine sehr heikle Angelegenheit. Du kennst ja die politischen Auswirkungen, wenn wir etwas falsch machen.“
„Keine Sorge, Chef“, beruhigte ihn der Italiener. „Du kannst dich hundert Prozent auf mich verlassen, denn ich werde keine Fehler machen. Wir, Sizilianer kennen die Muslime sehr gut. Wir haben Jahrhunderte lang Tür an Tür mit ihnen gelebt. Wir kennen ihre Bräuche und ihre Denkweise besser als jede andere Kultur in Europa. Ja wir haben sogar einiges von ihnen übernommen.“
So beruhigt, machte sich Victor Tennewill wirklich keine Sorgen mehr.
Wie sich im Nachhinein herausstellte, hatte Sergio Domiani tatsächlich nichts Falsches gemacht, denn er hatte gar nichts gemacht.
Der Italiener hatte für diesen Tag von seinen Schicksalsgöttern nicht nur diese eine Chance, auf der Karriereleiter höher zu klettern, sondern auch noch einer anderen, in das Ehebett des Intendanten zu gelangen, die zwar nicht so hoch hinaus führte, aber nicht minder reizbar war. Man kann ja nie wissen. Es wäre nicht die erste bedeutende Karriere, die durch das Ehebett des Chefs seine Entwicklung begann. Diese zweite Chance war auch viel reizvoller, denn sie war in teurer La Perla Reizwäsche verpackt.
Man muss wirklich Verständnis dafür haben, dass der feurige Italiener Domiani beim Anblick der exquisiten italienischen, also heimatlichen Damenunterwäsche Feuer fing und sich so stürmisch für seine Kariere einsetzte, dass er nachher K.O. ausgestreckt auf der Matratze liegen blieb.
Und wer kann es ihm übel nehmen, wenn er dabei den Moschee-Termin einfach verschlief?
Als sich dann später herausstellte, dass der Star, der konvertieren sollte, Reißaus genommen hatte, kümmerte sich niemand mehr um den neuen Produzenten Domiani und um seinen Verbleib an diesem Tage.
Ja sogar der Imam Dimriz war glücklich, als er begriff, dass das Fernsehen sein Versagen nicht dokumentieren würde. Einige andere Medienleute waren dennoch gekommen. Ein Fotograf von einem Käseblatt und ein Journalist von der Dumontpresse, für den sich aber in islamkritischen Kreisen sicherlich niemand interessieren wird.

***

Otti Dobrig war mit einem Freund unterwegs nach Wiesbaden, um sich mit Daggy Palmer zu treffen. Er machte sich Gedanken über das Verschwinden seines Vaters und wusste nicht, mit wem er sonst darüber sprechen sollte. Er wollte keineswegs zur Polizei gehen, bevor er sich nicht mit jemand aus dem Netzwerk darüber beraten hatte. Er wusste nur wenig von den Tätigkeiten seines Vaters für den Verein und schon deswegen hielt er es nicht für besonders klug, gleich zur Polizei zu gehen. Seine Freunde und er standen überhaupt nicht auf freundschaftlichem Fuß mit der Polizei, um gleich mit einer solchen heiklen Frage dorthin zu gehen.
Es war viel besser, mit Daggy Palmer darüber zu sprechen und am besten nicht am Telefon, denn man konnte nie wissen, wer alles bei den Telefongesprächen mithörte. Sie hatten doch ebenfalls keine Bedenken andere Leute abzuhören, deswegen rechneten sie ständig damit, ihrerseits verfolgt, beobachtet oder abgehört zu werden.
Otti und sein Freund Nick hatten etwa die Hälfte der Strecke zurück gelegt, als sie den Anruf der Security-Abteilung bekamen. Man brauchte sie unbedingt im S. am Rhein, sagte Mario von der Security, denn die Türken hatten so ziemlich alles verpatzt, was sie nur verpatzen konnten.
„Sie waren so nahe dran und wieder haben sie sie laufen lassen“, schimpfte Mario. „Was nützt es uns, dass sie zu jeder Schlägerei bereit sind, letztendlich aber jede Schlägerei vermasseln! Sie sollten lediglich eine Frau aus dem Weg schaffen und nun haben sie sie schon zum zweiten Mal entkommen lassen. Jetzt ist diese Frau vorgewarnt und wird sich in Acht nehmen.“
Otti schnalzte mit der Zunge. Er konnte sich nicht vorstellen, was daran so kompliziert war, eine Frau wie die Erika loszuwerden.
„Wie, ist sie schon wieder entkommen? Dabei ist sie ziemlich einfallslos. Schon in der Schule war sie immer eine langweilige dumme Pute. Und diese Kanaken werden nicht mal mit so was wie der fertig? Aber sie geben ständig an, die besseren Kämpfer zu sein und wollen uns immer sagen, was wir zu tun haben.“
Mario hätte dem jungen Deutschen für das Wort Kanake am liebsten eine geschmiert. Seine Frau war eine Mulattin und er liebte sie sehr. Er lebte viel mehr in ihrer Kultur als in seiner, feierte mit ihren Freunden und in den Urlaub fuhren sie jedes Mal nach Brasilien. Mit seinen eigenen Eltern hatte er seit zehn Jahren keinen Kontakt mehr und wenn ihn jemand darauf ansprach, sagte er klipp und klar, dass er sie hasste, weil sie sich ständig nur um ihre eigene Karriere kümmerten. Ihre Kinder waren für sie wie Fremde. Er sprach das Wort Karriere immer mit besonderer Verachtung aus, als ob seine Eltern niemals etwas Nennenswertes zustande gebracht hätten. Dabei war sein Vater Musiklehrer und Gründer einer alternativen Musikschule. Seine Mutter hatte sich, nachdem sie sich scheiden ließ, um sich verwirklichen zu können, als Umweltaktivistin einen bescheidenen Namen gemacht. Die vier Kinder hatten sich immer nach einer heilen Familie gesehnt und jeder von ihnen versuchte auf seine Art eine zu finden. Mario hatte sich eine Frau ausgesucht, bei der Familie großgeschrieben wurde. Er war regelrecht neidisch auf ihre Kindheit und als er sie heiratete, tat er es vor allem, um ein Teil ihrer Familie zu werden.
„Was ist eine Beziehung?“ fragte er immer, wenn im Freundeskreis das Thema aufkam. „Es ist etwas ganz unverbindliches, aus dem sich jeder verabschiedet, wenn er keine Lust mehr hat. Eine Beziehung hat keinen Wert, egal was ihr mir erzählt. Nur in der Familie kann man sich aufeinander verlassen.“
Er hatte die Familie seiner Frau Camila adoptiert. Er mochte ihre Cousins und Onkels und kochte immer vor Wut, wenn jemand sie Kanaken, Bimbos oder etwas anderes abwertendes nannte. Und er war empfindlich, wenn jemand dumme rassistische Sprüche gegen andere Farbige benutzte. Eines Tages würde er es ihnen heimzahlen, sagte er sich. Aber seine Zeit war noch nicht da, deswegen ließ er sich nichts anmerken. Er hatte mit diesen linken deutschen Gruppen zu arbeiten, die behaupteten, den Rassismus und die Ausländerfeindlichkeit zu bekämpfen, aber selber viel rassistischer waren als ihre selbsternannten „Gegner“.
„Egal. Jetzt können wir eh nichts mehr daran ändern“, antwortete er in den Hörer. „Schade, dass ihr gerade jetzt nach Frankfurt fahrt. Sobald ihr zurück seid versucht ihr, sie zu beschatten und passt vor allem auf, denn jetzt hat sie sich den Leuten von Thomas angeschlossen.“
„Das ist halb so schlimm“, antwortete Otti. „Wir werden mit den Kerlen jederzeit fertig. Wir zermalmen sie mit dem kleinen Finger, wenn es darauf ankommt.“
„Nur seid lieber vorsichtig. Hochmut kommt vor dem Fall, wie man so schön sagt.“
Wenn Mario Otti nicht mochte, beruhte diese Abneigung auf Gegenseitigkeit. Ja, Otti fand den Mann von der Security-Abteilung womöglich noch viel widerlicher, obwohl er nicht genau sagen konnte, was ihn an dem Mann störte.
„Er ist so großkotzig, dass man es kaum noch ertragen kann!“ schnaubte er zu Nick Reißig, seinem Beifahrer. „Es würde mich nicht wundern, wenn ihm eines Tages jemand seine Fresse poliert.“
„Es würde ihm jedenfalls gut tun“, stimmte Nick zu.
„Wenn ich nicht so besorgt wegen meinem Vater wäre, würde ich es selber tun“. Otti sagte das vielmehr nur, um seine Frust abzubauen, denn er war zu schmächtig und unerfahren, verglichen mit dem gut durchtrainierten und kampferfahrenen Security-Mann. Der junge Deutsche hatte seine Kenntnisse in ein paar Rangeleien bei Linksautonomen Krawallen gesammelt, hielt sich daher für einen erprobten Kämpfer und hatte das hemmungslose Selbstvertrauen, das den jungen Männern seines Alters charakteristisch ist. Aber dennoch wäre er vor einem echten Kampf mit Mario zurückgeschreckt, denn dieser, so erklärte sich Otti seine Bedenken, kannte bestimmte Geheimkniffe, die man ihm damals beigebracht hatte, als er noch Mitarbeiter einer internationalen Sicherheitsfirma in Kenia war.
Nick war Ottis bester Freund, aber wie oft die besten Freunde sind, gab es eine gewisse Rivalität zwischen den Beiden, zumindest bei den kleinen Belanglosigkeiten des Alltags. Wenn es ernst wurde, dann hielten sie natürlich zueinander und verteidigten sich gegenseitig. Ottis Selbstüberschätzung gehörte aber zu der ersten Kategorie und Nick fühlte sich dazu verleitet, seinen Freund daran zu erinnern:
„Du bist einem wie Mario nicht gewachsen. Dazu bist du zu schwach. Was immer du über ihn sagen willst, was das Kämpfen angeht, hat der Kerl dir einiges voraus.“
„Meine Zeit wird schon noch kommen“, sagte Otti, nur um nicht gleich einknicken zu müssen.

Kapitel 10

 Nachdem Erika in Mikes Obhut sicher und unbeschadet auf dem Weg nach Frankfurt war, ging Thomas zu Vicky nach Hause, wo sie seine Wunden und Prellungen, die er bei der Schlägerei mit den jungen Südländern erlitten hatte, so gut sie konnte, versorgte. Er scheute sich zuerst, weil er ihre Familie nie besonders gut leiden konnte und das Letzte, was er sich in seiner derzeitigen Verfassung wünschen konnte war eine Begegnung mit Herrn oder Frau Tennewill. Vicky kannte seine Scheu vor ihren Eltern gut und beeilte sich, ihm zu versichern, dass niemand bei ihnen zu Hause war.
„Ich weiß, was für angepasste, grüne, gutmenschliche Spießer sie sind“, sagte sie ihm. „Aber was soll ich tun? Ich kann sie nun einmal nicht umtauschen. Wenn das Schicksal mich mit ihnen bestraft hat, muss ich sie einfach akzeptieren. Und ich gebe ehrlich zu, dass es auch Vorteile hat, reiche Eltern zu haben. Das Haus, das Taschengeld, mein Auto, das alles könnte ich nicht haben, wenn meine Eltern nicht das wären, was sie sind.“
„Ich weiß nicht, ob diese Vorteile ausreichen, um das alles wettzumachen, was sie uns allen, dem ganzen Volk, antun“, sagte Thomas verbittert, denn seine Prellungen schmerzten immer stärker. Als erstes nahm er, sobald sie in Vickys Zimmer waren, ein Aspirin. Dann erst ließ er zu, dass sie seine Prellungen einsalbte und die blutende Platzwunde an seiner Schläfe und an der Faust mit je einem Pflaster versorgte.
Nachdem all das erledigt war, machte er sich daran, seine Handyaufnahmen abzuhören. Leider waren die Aufnahmen von zu vielen Geräuschen begleitet und ihre eigenen Stimmen übertönten das Gespräch zwischen dem fremden Pfarrer und dem Kommissar.
„Siehst du, wenn mich etwas bei uns ärgert ist es das, dass wir nie den Mund halten können. Wir müssen erst lernen, uns diszipliniert zu verhalten. Den Linksautonomen würden solche Pannen nicht passieren. Sie geben sich so chaotisch und orientierungslos, aber dahinter steckt viel Disziplin. Wenn sie so eine Chance haben, dann kann man sicher sein, dass sie es nicht mit ihrem blödsinnigen Geschwätz verpatzen.“
Vicky dachte auch verbittert, dass sie noch sehr viel zu lernen hatten, denn sie waren nur klägliche Amateure, die durch die Notwendigkeit dazu gezwungen wurden, sich mit Dingen zu beschäftigen, die eigentlich die Aufgabe der Polizei und der Geheimdienste war. Aber wenn diese Organe ihre Aufgaben so kläglich vernachlässigten und die Gesellschaft schutzlos zugrunde gehen ließen, da musste man was dagegen tun, auch wenn man weder die Ausbildung noch die technische Ausstattung dafür hatte. Die Verantwortlichen ließen das Land den Bach hinunter gehen, der Feind breitet sich überall aus und saugte das Blut des Volkes, während die Befehlshaber, die das alles hätten verhindern müssen, sich nur noch darum kümmerten, ihre eigenen Taschen zu füllen, oder ihre Karrieren nicht zu gefährden. Ja, sie lebten in einer Welt, die gar nicht mehr sorglos und vergnüglich war, wie zu der Zeit ihrer Eltern.
Und was noch schlimmer war, sie waren auf sich allein gestellt, denn ihre Eltern taten nichts, sie stellten sich sogar blind, wenn sie von ihren Kindern darauf angesprochen wurden. Die Geschehnisse des Tages, mit der Schlägerei in Erikas Straße als krönender Höhepunkt, waren so ein Teil, zu der ihre Mutter nur ihre blödsinnige psychologischen Weisheiten abgeleiert hätte, dass sie allesamt nur unreife, pubertierende Kinder seien, und dass diese Entwicklungsphase in ihrem Leben eh bald vorüber sein werde. Ihr Vater hätte sie dagegen mit den vorgefertigten politischen Sprüchen seiner Partei traktiert, dass sie alle gleiche Menschen seien und gleiche Rechte hätten, egal welcher Herkunft sie auch sein mochten. Höchstwahrscheinlich hätte er ihnen sogar die Schuld an der Schlägerei gegeben, obwohl sie die Angegriffenen waren und wirklich nichts dafür konnten.
Während Vicky sich mit solchen Gedanken beschäftigte, hatte Thomas längst den Computer hochgefahren und versuchte seine Aufnahmen zu überspielen um sie dort qualitativ zu verbessern. Es waren immer noch zu viele störende Nebengeräusche zu hören, aber dazwischen waren jetzt einige Wortfetzen vom Gespräch des Polizisten mit dem Pfarrer deutlich zu hören.
„Vielleicht könnte Andrej etwas damit tun?“ fragte Vicky zögerlich.
Thomas aber war skeptisch.
„Ich glaube nicht. Andrej hat ein paar Mal gesagt, dass er mit Bilder und Videos nichts machen kann, da er sich mit den Graphikprogrammen gar nicht auskennt. Deswegen nehme ich an, dass er mit den Soundprogrammen noch weniger klarkommt. Was wir brauchen ist ein richtiger Tontechniker. Dein Vater hat sicher welche beim Sender, aber – „
Vicky unterbrach ihn auf einmal:
„Hör mal, was hat er gesagt?“
„Was?“
„Kannst du bitte zurückspulen?“
Aber Thomas hatte schon selber den Rücklauf betätigt. Er schnitt die fragliche Stelle mehrfach hintereinander zusammen. Man hörte zwischen den anderen Fetzen deutlich die Worte:
„Abrahams Gott und seine…“ sagte der eine. Und die andere Stimme: „…Ja… diesem… Abrahams Gott …“
Vicky war aufgesprungen und versuchte angestrengt, sich zu erinnern.
„Was ist los? Ich verstehe gar nichts von diesem Gebrabbel. Es gibt nichts, was irgendwelche Bedeutung haben könnte.“
„Halt‘ den Mund!“ fuhr ihn Vicky an und drehte ihm den Rücken zu, damit sie sich besser konzentrieren konnte.
Normalerweise hätte sich Thomas so eine Abfuhr von ihr nicht gefallen lassen, aber es war offensichtlich, dass sie irgendeine Spur im Kopf hatte. Vielleicht hatte sie einen Faden, den sie noch nicht am Ende packen konnte, um sich an den Rest erinnern zu können?
Sie drehte sich auf einmal um und platzte instinktiv heraus:
„Und seine Kirche! Ja, das ist es!“, rief sie, indem sie sich mit ihrer Handfläche auf die Stirn schlug: „Abrahams Gott und seine Kirche“.
„Was soll das sein?“, fragte Thomas, der immer noch nichts verstand.
„Ich weiß es auch nicht“, antwortete sie mit dem selbstverständlichsten Ton der Welt. Aber da ist etwas. Ich weiß nicht, wo ich das gelesen oder gehört habe, aber ich kenne diesen Spruch irgendwoher.“
Dann auf einmal erinnerte sie sich. Sie ging zu ihrem Kleiderschrank und warf alle Jeans auf den Boden, bis sie die eine fand, die sie am vergangenen Sonntag beim Brunch anhatte. Sie suchte alle Taschen mehrfach fieberhaft durch, bis sie den Zettel fand. Er war da, aber zuerst hatte sie ihn übersehen, denn er war in einer Ecke der Hosentasche verborgen.
„Hier ist er!“
Sie kam damit zum Thomas zurück, der sie aber gar nicht beachtete, denn er hatte inzwischen im Internet gesucht und dort einige interessante Angaben zum Verein „Abrahams Gott und seine Kirche e. V.“ selber gefunden.

Abraham‘s God and his Church
Abrahms Gott und seine Kirche e. V.

Sprachauswahl: English, Deutsch, Arabisch, Hebräisch

Thomas wählte die deutsche Sprache und gelangte hiernach auf der Startseite, mit dem leuchtenden Spruch:

„Der Gott Abrahams ist der einzige Gott“

Wir sind alle Enkelkinder des weißen Abrahams, ob Juden, Muslime oder Christen. Wir alle zusammen kennen nur einen Gott, der seine jüdischen, muslimischen und christlichen Kinder gleichermaßen liebt. Wir, die Kinder Nachfahren des Abrahams wollen unser Haus, die Erde, gemeinsam beherrschen.
Wir, Juden, Muslime und Christen feiern gemeinsam unsere Feste, ob das Passa-Fest, Ramadan oder Weihnachten. Die Versöhnung mit unseren Brüdern im Glauben ist ein Gebot eines gütigen, friedliebenden Gottes, in dessen Namen wir eine offene Religion anstreben.

Anschließend kam die Aufforderung zu Spenden, mit Kontoverbindung bei Unicredit, und auch durch Paypal.
Der Mutterverein war irgendwo in Südafrika eingetragen, mit mehreren Niederlassungen in Europa und auch in Israel. Auch in Deutschland waren einige Städte eingetragen, darunter Düsseldorf und auch Frankfurt, aber eine Adresse war zu keiner Niederlassung angegeben. Lediglich ein Postfach für Düsseldorf und eine E-Mailadresse waren alle Kontaktmöglichkeiten, die der Verein in Deutschland anbot.

***

Es war Mittwoch, ein herrlicher Tag. Einer jener Tage, von denen man bereits am Morgen erkennt, dass sie sich strahlend schön entfalten werden, ohne die kleinste Wolke am Himmel. Herr Gudweiß wusste sofort, als er die Augen öffnete, dass dies sein Glückstag war. Er hatte sich gleich nach seinem üblichen ersten Weg ins Badezimmer zu seiner Frau begeben, um mit ihr das große Ereignis zu besprechen, das auf ihn wartete, denn sie schliefen schon seit Jahren getrennt, seit jenem Tag, an dem Frau Gudweiß gedroht hatte, entweder ihn oder sich zu erschießen, wenn er nicht endlich was gegen sein unerträgliches Schnarchen unternahm.
Und da geschah gleich das erste Wunder. Sie hatten nach sechs Jahren Abstinenz wieder Geschlechtsverkehr miteinander, trotz der ärztlich attestierten Impotenz des Herrn Gudweiß. Anschließend schlief Herr Gudweiß von der Anstrengung wieder ein, und hörte nicht einmal das Telefon, als Therese Sommer-Widde mehrmals klingeln ließ, um sich zu erkundigen, ob Herr Gudweiß sich zu seinem Ritterschlag gebührend vorbereitet hätte und ihm eventuell die letzten notwendigen Instruktionen zu erteilen. Seine Frau nahm den Anruf entgegen und schlich leise aus dem Zimmer, um ihn nicht zu stören, denn es stand ihnen ein anstrengender Tag bevor und Herr Gudweiß hatte bereits eine außergewöhnliche Leistung hinter sich gebracht, sagte sie sich.
Er wachte erst kurz vor elf Uhr auf und nahm ein spätes Frühstück, während seine Frau seinen Anzug herauslegte und minutiös überprüfte, damit kein Fleck und kein Staubkörnchen, egal wie winzig klein, sich in irgendeine Falte verbergen konnte.
Währenddessen las Herr Gudweiß noch einmal seine Dankesrede in Pantoffeln und im neu angefertigten Ritterumhang, aber ohne der nach den historischen Vorbildern gemachten Kopfbedeckung, denn diese war etwas zu klein geraten und so hatte er sie dem Hutmacher zurückschicken müssen. Das war zwar ein ärgerliches Übel, aber keines dem man nicht abhelfen konnte. Frau Ritter Therese Sommer-Widde hatte versprochen, die Kopfbedeckung ihres verstorbenen Ehemannes mitzubringen, der sie ja eh nicht mehr brauchte.
Nachdem all diese Details vorbereitet und besprochen wurden und Herr Gudweiß seine Rede zweimal vor dem Spiegel wiederholt hatte, faltete er sie zusammen und das Ehepaar begab sich im 500er Mercedes nach Eberbach, wo in den Gemäuern des ehrwürdigen mittelalterlichen Klosters die Zeremonie stattfinden sollte.
Der Orden hatte für das Jahrestreffen der Gesandten das Laiendormitorium reserviert, das mit seinen romantischen Gewölben, obwohl erst im siebzehnten Jahrhundert erbaut, eine Stimmung aus der Blütezeit des Rittertums herauf beschwor. Neunundvierzig Ordensritter hatten ihre Teilnahme zugesagt, die meisten von ihnen in Begleitung ihrer Ehefrauen, um sich selber zu feiern und natürlich um die drei Neulinge in ihren Reihen aufzunehmen.
Der Raum streckte sich einladend in die Länge hin, mit den vielen Säulengewölben, die mit ihren Schattenspielen einen geheimnisvollen Weg von zwei Seiten einsäumten, der in eine vergangene Zeit hineinzuführen schienen, in der all das noch eine aktuelle, politische Bedeutung hatte, was heute die kleine Rittergemeinschaft in ihrer gespielt historischen Realityshow heraufbeschwor. Keiner von den Anwesenden empfand die Szene als eine Inszenierung, denn sie alle glaubten selber die wahrhaftigen Ritter eines echten Ritterordens zu sein. So lange sie beisammen waren, hielt der Zauber an und sie teilten alle ein gemeinsames Gefühl. Später, wenn sie sich verabschiedeten und durch die Tür gingen, gelangten sie ebenfalls wie durch einen Zauber wieder ins Heute, in ihr prosaisches Leben zurück, als Steuerberater, Anwalt, Apotheker oder Geschäftsmann, die kaum etwas aus ihrem jetzigen Gemeinschaftsgefühl in ihren von Arbeit und Verantwortung angefüllten Alltag mitnehmen konnten.
Am Ende des Ganges tauchten die drei Fahnenträger auf, mit einer blauseidenen, silberbestickten Flagge und stellten sich auf, um die Flagge hinein zu tragen. Ein Ritter am Tische des Großmeisters vorne stand daraufhin auf und schaltete einen CD-Player in der Ecke ein, aus dem eine schrille, bretonische, mittelalterliche Prozessionsmusik mit einer denkbar schlechten Akustik ertönte.
Genau so schrill und gekünstelt wie die Musik wirkte die ganze Veranstaltung, die sich über mehrere Stunden erstreckte und immer weinseliger wurde. Die eigentliche Zeremonie hatte nur etwas mehr als eine halbe Stunde in Anspruch genommen, denn zu viel gab es nicht zu berichten. Der Orden hatte ein Statut, das vorsah, überall in der Welt Gutes zu tun, Spenden zu sammeln um damit bedürftigen Menschen anderswo in der Welt zu helfen, aber das diente nur als Mittel zur Selbstbeweihräucherung, damit man sich über die gemeinsame Wohltätigkeitsarbeit freuen konnte. Nach dem Jahresbericht des Geschäftsführers und dem Kassenbericht des Schatzmeisters ließ der Großmeister, ein kleiner, von den Jahren nach vorn gebeugter ehemaliger Opernsänger die Novizen von ihren jeweiligen Patronen, die sie empfohlen hatten, vorstellen, natürlich mit den dazugehörigen Lobesreden. Diese waren so bombastisch, dass es im normalen Leben jemand schwerfallen musste, ohne rot zu werden solche Lobreden über sich selber anhören zu müssen. Der jeweilige Novize war der edelste Mensch, den man sich nur vorstellen konnte, der Tag und Nacht bemüht war, allerlei bedürftigen Menschen zu helfen.
Die größte Güte, die der Orden sich aber von den neuen Mitgliedern versprach, war ein einfacher, banaler Check, mit einem ansehnlichen Betrag darauf. Die Erwartungen waren besonders bei Herrn Gudweiß recht hoch, denn das Wichtigste, was man über ihn wissen musste, hatte Therese Sommer-Widde bereits in ihrer privaten Empfehlung an den Würdenträger mitgeteilt, nämlich dass die Gudweißes sehr reiche Geschäftsleute waren, die es kaum noch nötig hatten, das Geschäft zu betreiben und nur noch als Privatiers lebten.
Herr Gudweiß war sich vollkommen bewusst, was man von ihm erwartete, und er war auch bereit, es zu geben. Das ganze Leben war nach seiner Auffassung ein Geben und Nehmen. Wenn er das bekam, was er sich wünschte, war er auch bereit, dafür zu bezahlen.
Er wollte Bedeutung und Anerkennung innerhalb des Ordens, er wollte schnellstmöglich über den Rang des einfachen Ritter hinaus wachsen, denn wenn er etwas hasste, dann war es die langweilige Mittelmäßigkeit. Da er sein Anliegen schon im Vorfeld angedeutet und jetzt mit einem Check in vierstelliger Höhe untermauert hatte, beeilte man sich, ihn zufrieden zu stellen. Man erschuf zu diesem Zweck eigens ihm zu Liebe die Würde des Schwertträgers.
Bis dahin hatte der Orden eigentlich nur ein Schwertimitat benutzt, das der Großmeister vor vierzehn Jahren bei einem österreichischen Schmied anfertigen ließ. Aber Herr Gudweiß hatte in Anbetracht der Würde, die auf ihn in Eberbach wartete, ein echtes Schwert aufgetrieben. Es war vielmehr ein glücklicher Zufall, der ihn zu seinem Schwert brachte, als er ein paar antike Münzen bei dem griechischen Antiquitätenhändler ansehen wollte, den ihm ein alter Freund und Sammlerkollege empfohlen hatte. Aber als Achaios Simonidis ihn in sein Hinterzimmer führte, blieb sein Blick sofort auf dem Schwert haften, das wie ein verheißungsvolles Kreuz auf dem Tisch lag.
Der Griff, der aus einem mit dünnen Silbereinlagen verzierten Stahl bestand, zeigte einige interessanten Gravuren, und etwas in einer alten Schrift, die er nicht richtig lesen konnte. Manche dieser Zeichen erinnerten an bekanntem Symbole der Freimaurer, aber sie waren doch ein wenig anders, so dass man beim genaueren Hinsehen den Unterschied erkennen musste. Dicht an dem Faustschutz waren drei Steine in archaischer Goldschmiedefassung eingelassen, zwei tropfenförmige Bergkristalle, und zwischen ihnen ein blauer Stein, etwa so groß, wie der Daumennagel eines Mannes. Die Klinge selber zeigte starke Abnutzungsspuren und hier und dort waren hässliche Rostflecken zu sehen.
Der Antiquitätenhändler hatte das Schwert von einem alten Freund aus Kreta, der ihn gebeten hatte, es in Kommission zu verkaufen. Und der Preis war sehr günstig, nur sechshundert Euro. Herr Gudweiß feilschte gar nicht, sondern bezahlte den gewünschten Preis und nahm das Schwert sofort mit.
Die Ordensmitglieder, denen Herr Gudweiß das Schwert als zusätzliche Gabe bei der Gelegenheit seiner Ritterschlagung darbot, bewunderten es erwartungsgemäß, mit höflicher Begeisterung. Aber weiter weg, im ältesten Gebäudeteil des alten Klosters gab es jemand, der das heimkehrende Schwert mit viel größerer Zustimmung begrüßte. In der Gruft der ersten Ordensgründer bewegte sich eine steinerne Ritterfigur kaum merklich auf seinem, von lateinischen Buchstaben umrandeten Sockel, als Zeichen der Zufriedenheit, dass sein Schwert nach so vielen Jahrhunderten endlich zu ihm zurück gekehrt war. Das Schwert, das er auf dem Steinrelief über seinen Grab in den Händen hielt, fing an zu glühen und bekam die stählerne alte Klinge des Urbildes, mit den silbernen Drahtfäden um den Griff herum. Dicht am Faustschutz, dort, wo vorher drei kleine Steinwölbungen zu sehen waren, glühten jetzt drei Steine: zwei aus weißem Bergkristall und einer im dunklen Blau wie der Nachthimmel.

Kapitel 11

 Im kleinen Studio fand gerade eine Jubiläumsveranstaltung zur Ehre eines Frauenvereins statt, die dank ihres mutigen Einsatzes gegen Kinderehen in Afrika und Asien bekannt war. Die Veranstaltung plätscherte langweilig gutmenschlich vor sich hin.
Die Sendung wurde auf das Betreiben von Margit Tennewill initiiert, die auf dieser Art ihre Dankbarkeit für die außerordentliche Leistung von Sergio Domiani zeigte. Er hatte sich eine zweite Chance nach dem versäumten Bericht aus der Moschee erhofft und das hier war die beste Gelegenheit, ihm eine neue Aufgabe als Produzent zu verschaffen.
Die Sterne standen günstig, denn Margit war die Geschäftsführerin des Frauenvereins und als solche hatte sie, neben ihre Eigenschaft als Ehegattin des Chefintendanten noch einige zusätzliche Möglichkeiten, für die erste Produktionsaufgabe ihres südländischen Liebhabers die optimalen Bedingungen zu erschaffen.
Auf dem Podium befanden sich neben dem Landesparteivorsitzenden der Linken auch einige Podiumsgäste: Margit Tennewill, in ihrer Eigenschaft als Landesgeschäftsführerin des Vereins, zwei Feministinnen, eine evangelische Pfarrerin, eine Ärztin von „Ärzte ohne Grenzen“ und ein Fotograf waren anwesend. Der Fotograf, die Ärztin und die Pfarrerin hatten sechs Monate in Afghanistan Wohltätigkeitsarbeit geleistet. Während dieser Zeit hatten sie einige Vorfälle dokumentiert, die sie jetzt äußerst politisch korrekt, durch das Prisma des linksideologischen Multikulturalismus vor den Kameras des Senders vortrugen. Es waren nicht wenige Grausamkeiten darunter, dramatisch verpackt, um den Zuschauern die Notwendigkeit ihrer Arbeit zu vermitteln und dementsprechend einige Sponsoren zu gewinnen, ohne jedoch die politischen Befindlichkeiten ihrer Schirmherren zu reizen.
Die Filmpräsentation zeigte deswegen viele geschundene Frauen und kleine Mädchen, die von den Taliban entführt und zwangsverheiratet wurden, Frauen die ein Leben lang ihr Haus nicht verlassen durften. Der Film widmete einige Minute auch den grausamen Säureanschlägen, wenn die Frauen sich von ihren Männern trennen wollten. Und natürlich betonte man jedes Mal, dass mit nur sehr wenig Geld diese Grausamkeiten verhindert werden könnten.
Die Islamisten hatten sogar ganze Schulklassen mit Säure angegriffen, weil Mädchen dort in die Schule gingen. Eine der Höhepunkte der Grausamkeiten war eine Szene, in der ein junges Mädchen auf landestypische Art vergewaltigt wurde, weil ihr Schwager ein Polizist war, der bei der Festnahme eines Talibs mitgewirkt hatte. Die Männer filmten die Vergewaltigung mit ihren Handys und lachten dabei. Sie starb langsam und qualvoll, ohne dass man den genauen Todespunkt erkennen konnte. Als sie sich nicht mehr bewegte, übergossen die Männer ihre Leiche mit Benzin und zündeten sie an.
Eine der Feministinnen, die ältere der Beiden, konnte sich nicht mehr dazu überwinden, den Film weiter anzusehen.
„Es ist entsetzlich das auch nur anzusehen!“ entfuhr es ihr. „Wie können Menschen nur so grausam sein? Das sind keine Menschen, das sind Bestien! Männliche Bestien! Was für eine Psyche haben sie, um so was einer Frau anzutun?“
„Das passiert dort immer wieder“, sagte der Fotograf. „Das, was sie hier sehen, ist dort fast schon der Alltag.“
„Aber es ist Krieg dort!“ Margit Tennewill hatte nur ihre wissenschaftliche Erklärung zu der Frage der Feministin geben wollen, die sich wie ein Aufschrei in ihren Ohren festgefangen hatte. Die Feministin fand aber ihren Weg nicht mehr zurück zu der politischen Kompromissbereitschaft und Verständnis über die Beweggründe der Täter, wie es vor der Sendung vereinbart wurde. Sie setzte in ihrer Empörung fort:
„Wie können Sie solche Taten als normal ansehen? Und wie können Sie, Frau Tennewill, diese Grausamkeiten relativieren? Was wir hier sehen ist ein Verstoß gegen die Menschenrechte und gegen die Genfer Konvention. Man darf es einfach nicht hinnehmen, egal unter welchen Voraussetzungen es geschieht!“
Der Sender hatte die Zahl der Zuschauer genau berechnet, um einen ansehnlich vollen Saal zu haben, die das politische Thema optimal unterstreichen konnte. Sie waren eingeladene Gäste, die man ihrer Berufe wegen, oder wegen ihrer politischen Aktivitäten ausgesucht hatte. Eigentlich gehörten sie zu multikulturalistischen, pro-islamischen Gruppierungen, die sich während ihrer gesamten Karriere sehr entgegenkommend, ja verständnisvoll zeigten. Die Leiterin des Asylantenheims, zum Beispiel, die in der zweiten Reihe saß, war selber mit einem aus dem Irak stammenden Muslim verheiratet. Sie freute sich schon auf das Buffet mit dem Sektempfang nach der Übertragung. Sie hatte sich sogar ein neues Kleid für diesen Abend gekauft. Die Vorführung interessierte sie weniger, denn es gab nichts, was sie nicht schon hunderte Male gehört hätte. Die Frauen in ihrem Heim hatten immer wieder berichtet, was sie alles von ihren Männern, Vätern und Brüdern zu erleiden hatten, wie viele sogar deswegen nach Deutschland flüchteten, weil sie zu Hause in ihren Ländern von diesen Männern verfolgt, bedroht und misshandelt wurden. Aber es war halt eine andere Welt. Die Frauen selber wollten das so. Oft gaben sie die Misshandlungen als Asylgrund an und nach ein paar Monaten tauchte dann der Ehemann, vor dem sie geflüchtet waren, in Deutschland auf. Die Frauen zogen dann auch bald zu ihren Familien zurück, die ihnen viel mehr bedeutete, als alle Menschenrechte, Frauenrechte oder Integrationsprogramme, die man ihnen hier zur Verfügung stellte. Sie brachen ihren Sprachkurs oder ihre psychologische Therapien ab und zogen zu ihren Männern. Sie liebten ihre Männer und sie verziehen ihnen bereitwillig jede Art von Misshandlung. Und die Männer wussten, dass ihre Frauen ihnen alles durchgehen ließen, dass sie sie trotz allem liebten und sie als ihre Herren akzeptierten.
Dieses ganze Getue um Frauenrechte galt nur für die Öffentlichkeit in Deutschland, es war nur eine Show, die man veranstaltete, um bei Bedarf immer wieder die notwendigen Argumente zu den Menschenrechten und Verfolgungen hervorholen zu können. Und natürlich um das Budget zu rechtfertigen, das man überall brauchte.
Aber so schlimm war im Grunde alles nicht, das wussten die meisten Gäste in dem Saal. Und überhaupt, so wichtig war es nicht. Man lebte in einer Welt, in der man sich multikulturalistisch zu geben hatte. Man beschäftigte sich politisch korrekt mit solchen Fragen wie, die Integration oder die Förderung der türkischen Vereine wenn man Karriere machen wollte. Echte Kritiker des Islam waren sie nicht, nein! Kein einziger unter ihnen. Die Frauen in Afghanistan oder in der Türkei lebten weiter in ihrer islamischen Tradition, wie seit Jahrhunderten. Sie wussten nicht, was die deutschen Feministinnen und Journalistinnen über sie sagten. Und wenn die eine oder andere aufgeweckte Muslimin etwas mitbekam, dann betrachtete sie es als ein lustiges Kuriosum der abendländischen Ungläubigen.

***

Der Korridor von der Männertoilette zum Requisitenraum war nur etwa 20 Meter lang. Auf halber Strecke befand sich der Treppenaufgang des Lieferanteneinganges. Denic und Ali hatten bis achtzehn Uhr in der Männertoilette zu warten. Das war vielleicht der schwerste Teil ihrer Mission, denn sie mussten zusammen in einem engen Schrank still und unbeweglich sitzen. Vor allem, wenn jemand herein kam, trauten sie sich nicht einmal richtig zu atmen. Um achtzehn Uhr schlichen sie schließlich aus der Toilette heraus und gingen zum Lieferanteneingang hinunter, die Kapuzen ihres dunkelgrauen T-Shirts über das Gesicht gezogen. Der VW-Minibus bog gerade um die Ecke ein, fuhr lautlos vor und hielt ein paar Schritte vor dem Eingang.
Der Fahrer, ein südländischer Typ mit einem Palästinensertuch um den Hals, stieg aus, wechselte einen Gruß mit ihnen, dann ging er um den Wagen herum, machte die hintere Türe auf und holte einen länglichen Karton heraus, den er ihnen übergab. Dann stieg er ein und fuhr gleich wieder weg. Die ganze Aktion dauerte nicht länger als 30 Sekunden.
Die Zwei gingen mit dem Karton in den Requisitenraum. Denic blieb dort und wartete, während Ali wieder hinunter ging und die Türe einen Spalt aufmachte. Unachtsame Passanten hätten nichts verdächtiges bemerkt, nicht einmal fünf Minuten später, als vier dunkle, unauffällig vermummte Gestalten sich durch die Straße hinauf, zu der Lieferantentür bewegten uns schnell wie ein Wiesel hinein huschten.
Bis sie zum Requisitenraum kamen, hatte Denic bereits den Karton ausgepackt, die Patronenbehälter alle geladen und die Waffen aufgesetzt. Sie nahmen jeder eine Waffe in die Hand, außer Ali, der seine Waffe von Denic tragen lies, denn er hatte keine Hand frei. In seiner Rechte hielt er ein Jagdmesser und in der Linken eine Pistole.
So bewaffnet gingen sie zu den vier Eingängen des kleineren Veranstaltungssaals des TV-Senders S-TV und rissen die Türen auf. Die Türsteher ließen sich erschrocken überrumpeln. Ali setzte dem Mann, einem Bulgaren, den er beim Eingang fand, gleich das Messer an die Kehle und zog es mit einer kurzen Handbewegung von links nach rechts. Das Blut spritzte meterweit in den Raum hinein. Als er seine Hand wegzog, brach der Mann zusammen. Dann machte er einige Schritte nach vorne. Das Blut tröpfelte von seiner Hand und von seinem Messer auf das Boden. Die Zuschauer, die am Gang saßen, zogen sich entsetzt zurück, als ob er irgendwelche gefürchtete Giftstrahlen um sich verbreiten würde und sie fürchteten, von diesen Strahlen erfasst und vergiftet zu werden.
Die anderen Drei hatten unterdessen die geplanten Stellungen bezogen und kontrollierten mit ihren Kalaschnikows den Raum vollkommen. Es waren insgesamt etwa sechzig bis achtzig Leute im Studio anwesend, die Kameraleute mit eingerechnet.

***

Ali kam langsam und gemächlich vor, bis er die Empore erreichte und ins volle Licht der Kameras trat. Der technische Manager hatte ganz unauffällig die Werbung eingeschaltet, so dass die Zuschauer vor den Fernsehgeräten nur die ersten Sekunden mitbekommen hatten. Viele rätselten, ob dieser Terroranschlag echt oder nur eine von den vielen verrückten Realityshows war. Omar, einer der anderen Männer ging zur Glaswand, hinter der sich die Techniker befanden und zitterten. Er schoss eine Salve in die Glastür, einfach so aus Spaß oder vielleicht, weil er sich Respekt verschaffen wollte, bevor er eintrat, dann ging er zum Tisch des Produzenten.
Sergio Domiani wurde bei jedem Schritt, den Omar auf ihn zu tat, blasser und blasser. Seine empfindliche Blase hatte nachgegeben. Auf seiner hellen Khakihose breitete sich ein dunkler Fleck aus, dann lief das Wasser langsam am Rande des Stuhls herunter und tröpfelte geräuschlos auf den dunkelgrauen, industriellen Teppichboden, mit dem die Kabine ausgelegt war. Omar sah mit großer Genugtuung, wie sich der dunkle Urinfleck auf dem Boden ausbreitete. Er genoss seine unendliche Macht über diese kleine ungläubige Ratte, die so viel Furcht vor ihm hatte. Wenn er wollte, konnte er ihn mit einer Bewegung seines Fingers auspusten und der Mann wusste es. Aber er ließ sich noch Zeit damit.
Er spulte die Aufnahme zurück und auf dem großen Bildschirm, wie auch auf den kleinen Monitoren erschienen die letzten Minuten, die sowohl live übertragen, wie auch aufgezeichnet wurden. Es war seltsam, surrealistisch, wie die Anwesenden mucksmäuschenstill, um ihr Leben zitternd diese Bilder jetzt ansahen und die Worte hörten, die die Talkgäste vor nicht einmal zehn Minuten so unbesorgt in die Kamera hinein sagten.
Margit Tennewill, jetzt grün vor Angst, sah der anderen, selbstbewussten Margit Tennewill auf dem Bildschirm zu, wie sie gutgestylt, jugendlich sexy, sagte:
„Aber es ist Krieg dort!“
Die Worte klangen jetzt hohl und lächerlich. Die Wiederholung unter diesen radikal anderen Umständen führte die ganze Kleingeistigkeit und Weltfremdheit vor, die vorher im Saal geherrscht hatte. Denn der Krieg war jetzt bei ihnen angekommen und sie mussten ihn genau so ertragen, wie sie es zuvor den anderen Opfern, den fremden Gesichtern im Bericht zugemutet hatten.
Ob die Welt da draußen ihre Furcht und ihr Leid mitfühlen wird? Oder werden die Zuschauer es genau so abtun, wie zuvor sie selber? Die Experten werden sich wahrscheinlich sofort zur Wort melden und den Zuschauern verdeutlichen, dass es sich um einen sehr bedauerlichen, entsetzlichen Einzelfall handelte, der sicherlich so, in dieser Form nie wieder geschehen könnte. Und es war nur die Tat von ein paar fehlgeleiteten radikalen Islamisten, die man nicht verallgemeinern dürfe.
Einer dieser Islamisten, der das Kommando zu haben schien war inzwischen, bis zu den Talkgästen vorgedrungen. Es war Ali, der immer noch mit Pistole und Jagdmesser bewaffnet, sich den zitternden Gästen auf der Bühne näherte.
Margit Tennewill erkannte in dem Mann, der sich wie eine haarige Bestie mit dem von Blut triefenden Messer näherte, den Mann von damals an der Tankstelle. Nicht am Gesicht, nein. Das war gar nicht möglich, denn er war genauso wie die anderen fünf mit einer schwarzen Skimütze und einem Palästinensertuch maskiert. Es war das Messer und die Hand, die das Messer hielt. Es war dieser seltsame eiserne Ring und ein kleiner, etwa zwei Zentimeter großer Teil einer Tattoos, das aus dem Ärmel seines Kapuzenshirts herausragte, wenn sein Daumen sich über das Messer spannte.
Er hatte, wie der ganze Saal, diese Szene auch beobachtet und er stellte sich jetzt vor sie hin:
„Ja, richtig Schätzchen: Es ist Krieg und du kannst ihn erleben. Jetzt gleich“, sagte er, während er seine Hose aufmachte.
„Du wirst es genießen.“
Dabei verzog er die zweite Silbe des Wortes „genießen“ in die Länge und in die Höhe. Gleichzeitig gingen auch seine Mundwinkel in die Höhe, während die Lippen immer schmaler und länger wurden. Der Mann beugte sich über sie und das grinsende Gesicht, mit der Maske über den Augen kam immer näher. Sie versuchte instinktiv nach hinten auszuweichen, bis sie auf dem Couch fast zu liegen kam. Aber je weiter sie sich zurückzog, umso überwältigender breitete sich der Körper des Südländers über sie, mit den vielen kleineren und größeren blauschwarzen Haarbüscheln auf seinem Leib, wo er seine Hose heruntergelassen hatte.
„Halte die Kamera darauf, damit wir alle ein wenig Spaß haben“, brüllte Omar lachend aus der Kabine der Technik. Dabei besann er sich und prüfte, ob man auf Sendung war. Als er sah, dass der rote Knopf abgeschaltet und stattdessen die Werbung grün leuchtete, packte ihn die Wut.
„Du kleine Ratte!“ zischte er Domiani an. Gleichzeitig sauste der Kolben seines Gewehrs auf das Kinn des Produzenten herunter, während er mit der anderen Hand bereits die Schaltung betätigte. Dann verkündete er laut:
„Jetzt sind wir auf Sendung. Allahu Akbar! Ihr Ungläubigen da draußen, in der ganzen Welt! Ihr müsst unsere Forderungen hören! Ihr habt den Islam beleidigt und das Wort des Propheten, Friede sei mit Ihm, verspottet. Ihr habt gegen uns, Muslimen den Kampf geführt und unsere Länder verwüstet. Wir wissen, was ihr Ungläubigen Christen uns angetan habt und wir werden es euch vergelten. So wie dieser Frau hier, so wird es allen euren Töchtern und Frauen ergehen, wenn ihr euch nicht zum Islam bekehrt. Wir werden so lange gegen euch Kämpfen, bis die ganze Welt sich dem Willen Allahs dem Allmächtigen unterwirft und bis alle nach der Scharia leben. Allahu Akbar!“
Seine Freunde im Saal riefen im als Antwort zu:
„Allahu Akbar!“
„Jetzt kannst du loslegen!“ rief er anschließend auf Arabisch seinem Freund Ali zu. Die Kamera hat dich voll im Bild.“
Draußen in vielen kleinen aufgeräumten Wohnzimmern, mit gehäkelten weißen Spitzendecken auf dem Beistelltisch und dem buntgemusterten orientalischen Teppich darunter, sahen die Bürger zu und murmelten ihr „Allahu Akbar“ automatisch als die obligate Antwort. Auch die Frauen unter ihnen.

***

In einer Frankfurter Wohnung saßen drei Männer zusammen und taten besonders konspirativ. Sie hatten sich bis dahin nie verstecken müssen, denn sie waren sich jedweder Unterstützung seitens der Behörden sicher, auch wenn diese Tatsache geheim gehalten wurde. Sie hatten nicht selten dem einen oder anderen Politiker mit ein wenig Krawallkundgebungen geholfen, seine Linie durchzusetzen, wenn die Bürger oder die politischen Konkurrenten anders nicht zu überzeugen waren.
Das Spiel war bis dahin immer so einfach und überschaubar gewesen! Sie hatten es immer selber angeführt und hatten sich daran gewöhnt, immer die Fäden unter Kontrolle zu halten! Wenn mal irgendetwas dumm gelaufen war, dann hatten sie diese bestimmte grüne Nummer angerufen und im Handumdrehen waren die legalen Helfer da, wichtige Politiker, zusammen mit dem Pressefotograf und dem Journalisten der nächsten Zeitung. Oder bei Bedarf eben die Anwälte und die Ärzte, die dafür sorgten, dass die Polizei keine Chance hatte, sie festzunehmen.
Auf diese Art stellte man sicher, dass man im ganzen Land nur nach der eigenen Auslegung über einen Vorfall berichtete. Und wenn es nötig war, war ein Rechtsbeistand und ein Arzt sofort an der Stelle, der attestieren konnte, dass die Polizei „besonders brutal“ vorging und der „unschuldige Demonstrant“ „schlimmste Verletzungen“ erlitten hatte.
Aber all diese Tricks und Maschen halfen bei dieser jetzigen Klemme nichts, denn es fehlte Otti die Übersicht. Der Dekan Dobrig war nicht auf einer Aktion gegen die Rechtspopulisten verschwunden. Nein. Was immer ihm zugestoßen ist, es war auf dem sichersten Boden, sozusagen bei einem Heimspiel, Mitten in der Moschee, unter den Augen eines Journalisten und eines Pressefotografen verschwunden!
Und seitdem blieb er wie vom Erdboden verschluckt. Die ganze Sache war unheimlich. Noch schlimmer machte es, dass ein guter alter Freund seines Vaters, der Onkel Lipschitz, der seinerzeit in der DDR gelebt und die damalige Welt noch kannte, mit ihm ein langes Telefonat geführt und sie mit ähnlichen Geschichten traktiert hatte, aus der Zeit des Genossen Mielke, wie er sagte.
„Manchmal verschwanden auch Mitglieder der Partei auf Nimmerwiedersehen, wenn sie jemandem im Weg waren. Ja, mein Junge“, nickte Onkel Lipschitz, um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen, „nicht nur Dissidenten wurden nach Bautzen gebracht. Da war auch noch mancher, der nichts dafür konnte.“
Ursula weinte sich die ersten Tage ihre kleinen Taubenaugen rot und klammerte sich an jede Hoffnung. Nach und nach fand sie sich mit der Situation ab und arrangierte sich in ihrer kleinen Welt, zwischen ihrem Haus, ihren Freundinnen und ihrem Hund.
Sie glaubte nicht an ein politisches Verbrechen, denn das überstieg ihre Vorstellungsmöglichkeit. Sie lebte in einer heilen Welt und ihr Mann hatte immer nur Gutes getan, immer nur Gott gedient. Warum sollte ihn jemand aus dem Weg räumen wollen? Nein, so etwas passierte in den Krimis oder in den fernen Ländern, aber nicht in der Bundesrepublik, nicht in der Gesellschaft, in der sie lebte. Wenn ihr Mann verschwunden war, dann musste es gute Gründe dafür geben. Vielleicht musste er auf diese Weise jemand helfen? Wer weiß. Gottes Wege sind unerklärlich, tröstete sie sich. Er wird in ein paar Tagen wieder auftauchen, dessen war sie sicher.
Sie weinte immer noch, denn sie schämte sich auch vor ihren Freundinnen und auch vor den Mitgliedern der Gemeinde, dass sie jetzt allein war, ohne ihren Mann. Was werden die Leute über sie denken? Die Menschen in ihrer Umgebung sahen sie mitleidig an und glaubten, dass ihr Mann mit einer anderen Frau weggelaufen war. Die Menschen sind manchmal richtig böse, sagte sie sich. Wäre nicht der Hund gewesen, hätte sie am liebsten gar nicht mehr das Haus verlassen. Aber zum Glück gab es den guten alten Hektor, einen grauen Terrier. Und so war sie gezwungen, jeden Tag mit Hektor Gassi zu gehen. Sie ging jeden Morgen mit geröteten Augen und ihrem Hund die Straße entlang, bis zum Rhein hinunter, dann über die Brücke, bis zum Einkaufsgelände und zurück bei der Moschee, um Abends wieder genau dieselbe Strecke umgekehrt zu laufen.
Sie bildete schnell ein neues Alltagsleben, das noch grauer, noch bedeutungsloser war, als ihr vergangenes Leben, als Hausfrau an der Seite ihres Mannes.
Otti dagegen musste immer wieder an die Worte des Onkel Lipschitz denken und die Furcht nagte an ihm. Er gab sich die größte Mühe, seine Befürchtungen zu verdrängen, aber sie kamen auf heimtückische Weise zurück und zwar dann, wenn er am wenigsten mit ihnen rechnete.
„Andererseits kann es aber auch sein, dass dein Vater in etwas verwickelt war, von dem du keine Ahnung hast“, meinte Daggy. „Guck mal, ich habe in meinem Blog diesen Aufruf gemacht, wie du mich gebeten hast. Da waren einige Leute an diesem Tag dort in der Moschee. Unter ihnen auch dieser Fotograf von eurer Lokalzeitung. Er hat uns eine Mail geschickt, in der er schreibt, dass er deinen Vater zuletzt mit Erika gesehen hat und mit dieser blonden Frau. Es ist dasselbe, was uns auch Rabbi Yoda gesagt hat.“
Otti überlegte sich diesen Aspekt, aber es wollte für ihn gar nicht zusammen passen.
„Ganz ehrlich, mein Vater ist zu feige, um sich in etwas verwickeln zu lassen. Er ist nicht die Sorte, die den Helden spielt und zu seiner Überzeugung steht, wenn er sich bedroht fühlt“.
Daggy Palmer ließ ein sarkastisches „Ähm!“ hören. Ottis Beschreibung passte vollkommen zum Dekan Dobrig, da gab es keinen Zweifel.
„Du gibst dich keinen großen Illusionen hin, was deinen edlen Erzeuger angeht! Aber es könnte sein, dass du dich irrst. Manchmal kommt es vor, dass solche übervorsichtige Menschen wie er, sich verschätzen und in etwas hinein geraten, was ein mutigerer, erfahrenerer Genosse vorsichtig vermieden hätte. Wenn sie unversehens in irgendwelcher Schwierigkeit stecken, verlieren sie plötzlich den Kopf und finden nicht mehr heraus. Und die Chefs, schlau wie sie sind, lassen solche kleine Hasen ohne Warnung zu Bauernopfer werden wenn es ihnen Vorteile bringt.“
Nick, der ja nicht zu den Schnelldenkern gehörte, wollte noch einmal mit ihnen durchgehen, was der Rabbi Yodda, ihr wichtigster Augenzeugte, von dem ominösen Freitag in der Moschee berichtet hatte.
„Was hat eigentlich der Rabbi über deinen Vater und Erika gesagt?
Er sah zu Otti hinüber, von dem er eine Antwort erwartete, aber statt ihm übernahm es Daggy, der ja erst einen Tag zuvor mit dem Rabbi gesprochen hatte.
„Er sagte, dass der Dekan während der Zeremonie in der Moschee die Schahada aufgesagt hat.“ Dabei nickte er, um seinen Worten noch größere Bedeutung zu geben. „Das hört sich gar nicht gut an, Otti, wenn du mich fragst.“
„Warum ist das nicht gut?“ wollte Nick wissen.
„Weil es das islamische Glaubensbekenntnis ist und wenn es jemand aufsagt, bedeutet es, dass derjenige zum Islam konvertiert ist. Genau so, wie bei den Christen die Taufe: Wenn jemand sich taufen lässt, ist er dadurch zum Christ geworden. Es ist eine offizielle Handlung, wie zum Beispiel das Ehegelübde, oder eine Zeugenaussage vor Gericht oder so was ähnliches.“
„Und warum soll das schlecht sein?“
„Na, hör mal!“ rief Otti aus. „Mein Vater ist doch ein evangelischer Pfarrer. Kapiert? Er bekommt sein Gehalt von der evangelischen Kirche dafür, dass er ein Christ ist und das Christentum predigt, nicht den Islam.“
„Na und? Kann er nicht gleichzeitig Christ und Muslim sein? Ich sehe nicht ein, warum man nicht beides sein kann, wenn wir sowieso alle nur einen Gott haben.“
„Ich habe gar keinen“, wehrte Daggy ab, denn er war ein überzeugter Atheist. „Aber ich finde die Sache mit Erika viel schlimmer. Der Rabbi sagt, dass die Türken irgendwas gegen sie haben. Sie steht bei ihnen auf der schwarzen Liste, sagte er.“
„Warum? Das verstehe ich selber nicht“, sagte Otti. „Sie hat alles getan, um ihnen zu gefallen. Sie hängt nur noch mit den Türken ab. Ihre beste Freundin ist diese Türkin, sie ist voll verliebt in Hakan, sie ging zu ihnen in die Moschee und ihm zuliebe ist sogar zum Islam konvertiert. Sie hat alles Erdenkliche getan, um ihnen zu gefallen. Und all das soll nicht reichen? Was wollen sie noch mehr von ihr?“
„Der Rabbi wusste das auch nicht“, sagte Daggy.
„Oder er sollte es nicht wissen!“
„Oder er wollte nicht!“, bekräftigte Daggy Ottis Zweifel. Sie trauten beide dem Rabbi genau so wenig, wie dieser ihnen. Sie wussten, dass ihre Interessen manchmal miteinander verflochten waren, denn der Rabbi vertritt die Interessen des Zentralrates der Juden und dieser stand im Interessenbund mit den politischen Kräften, von denen Daggy und seine Freunde ihre Weisungen erhielten. Aber andererseits konnten sie nie vergessen, dass der Rabbi ein Jude war, dass er mit anderen Gruppen verbunden war, wie der Finanzwelt in New York oder den Unterstützern Israels, den Zionisten. Das Herz der drei Freunde schlug natürlich immer für die Palästinenser. Auf diesem Gebiet konnten sie nie vergessen, dass die Juden zu den Erzfeinden der Linken zählten.
Deswegen unterstützten sie sich gegenseitig mit dem Rabbi, aber gleichzeitig hielten sie immer einen gewissen Abstand und prüften jedes Mal vorsichtig, wenn er ihnen half, ob nicht etwa irgendwelche verborgenen jüdischen Interesse dahinter standen.
„Je