Die neue Kriegsschulddebatte


BERLIN

Wenige Monate vor dem hundertsten Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs gewinnt in Deutschland eine neue Debatte um die deutsche Kriegsschuld an Fahrt. Wie sich in einschlägigen Publikationen zeige, etwa in dem Bestseller „The Sleepwalkers“ des Historikers Christopher Clark, habe sich in der Wissenschaft „ein Paradigmenwechsel vollzogen“, heißt es exemplarisch in einem aktuellen Medienbeitrag: „Das Deutsche Reich war nicht ’schuld‘ am Ersten Weltkrieg.“ Die Debatte richtet sich mit Macht gegen die Erkenntnis, dass Berlin zwar nicht die alleinige, aber doch die hauptsächliche Verantwortung für die blutige Eskalation der Julikrise 1914 trug; sie geht maßgeblich auf Analysen des Historikers Fritz Fischer aus den 1960er Jahren zurück, die nun massiv angefeindet werden. Geschichtswissenschaftler üben scharfe Kritik an Äußerungen etwa von Christopher Clark, der staatsnahen deutschen Wissenschafts-Institutionen eng verbunden ist und die deutsche Kriegsschuld bestreitet. So heißt es etwa, er bewerte „die Serben“ a priori als „die bösen Buben“ der Vorkriegszeit, während er offen seine Vorliebe für das österreichisch-ungarische Kaiserreich zur Schau trage. In einer Zeit des erneuten machtpolitischen Aufstiegs Berlins sei die Leugnung der deutschen Hauptverantwortung für den Krieg „Balsam auf die Seele selbstbewusster gewordener Bildungsbürger“.

Die Schlafwandler Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog

Das „defensive Ziel“ der Hegemonie

Als exemplarisch für die neue deutsche Debatte um die Schuld am Ersten Weltkrieg kann ein Textbeitrag gelten, der Anfang Januar von der Tageszeitung „Die Welt“ veröffentlicht worden ist. Unter Bezug auf einschlägige Publikationen von Christopher Clark („The Sleepwalkers“) und Herfried Münkler („Der Große Krieg“)Der Große Krieg Die Welt 1914 bis 1918 heißt es darin, in der Geschichtswissenschaft habe sich „längst … ein Paradigmenwechsel vollzogen“. Demnach werde vor allem die Außenpolitik des deutschen Kaiserreichs neu bewertet. „Getrieben von Abstiegsängsten und Einkreisungssorgen“ habe Berlin lediglich „das defensive Ziel“ verfolgt, eine „prekäre Situation einer begrenzten Hegemonie“ über Europa zu errichten, „weit entfernt davon, übermütig oder größenwahnsinnig nach der Weltmacht zu greifen“. Russland dagegen habe den Krieg „für eigene expansive Ziele in Osteuropa und am Bosporus“ geführt; auch Frankreich sei „durchaus selbst zu einem Waffengang bereit“ gewesen. Großbritannien gar sei nicht nur „weniger friedfertig und auf Ausgleich bedacht“ gewesen „als vielfach angenommen“: In letzter Konsequenz habe „erst der britische Kriegseintritt“ „aus dem Ursprungskonflikt ein globales Desaster“ gemacht. Ohnehin habe Berlin damals ein „ius ad bellum“ geltend machen können. Die Autoren folgern: „Das Deutsche Reich war nicht ’schuld‘ am Ersten Weltkrieg.“[1]

Die Otto-von-Bismarck-Stiftung

Einen zentralen Stellenwert für die neue deutsche Kriegsschulddebatte besitzt der Band „The Sleepwalkers“, den der Historiker Christopher Clark 2012 veröffentlicht hat. Clark, dem oft eine angebliche Neutralität in Bezug auf Deutschland zugeschrieben wird, weil er als gebürtiger Australier an einer britischen Universität lehrt, ist tatsächlich staatsnahen deutschen Wissenschafts-Institutionen eng verbunden. So gehört er dem Academic Advisory Board des German Historical Institute London an, das von der Max Weber Stiftung getragen wird – einer bundeseigenen Stiftung im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung, in deren Stiftungsrat unter anderem das Auswärtige Amt vertreten ist. Clark ist auch Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der staatsfinanzierten Otto-von-Bismarck-Stiftung, deren Vorstand und Kuratorium vorwiegend von ehemaligen Bundestagsabgeordneten und Angehörigen der Familie Bismarck gestellt werden; ihr Vorsitzender Rüdiger Kass leitete noch vor wenigen Jahren die Abteilung Bundespolizei im Bundesinnenministerium. Im Jahr 2010 hat Clark aus den Händen des Bundespräsidenten den Preis des Historischen Kollegs erhalten. Dieses ist im Jahr 1980 unter maßgeblicher Mitwirkung der Deutschen Bank gegründet worden; heute wird es vom Freistaat Bayern kofinanziert.

Ein Deutschland-Fan

Clarks Schrift, die die Entwicklung hin zum Ersten Weltkrieg untersucht und eine herausragende Verantwortung des deutschen Kaiserreichs für den Beginn des Krieges rundweg abstreitet, wird unter Historikern durchaus kritisch bewertet. Dass Clark, den Kollegen als „Deutschland-Fan“ charakterisieren, das Deutsche Reich für die Zeit der Julikrise des Jahres 1914 als die „am wenigsten militarisierte Macht Europas“ einstufe, habe man „so noch nie gelesen“, äußert ironisch der Historiker Gerd Krumeich, ein Experte für die Geschichte des Ersten Weltkriegs. Krumeich, der auf gravierende Fehler in Clarks wissenschaftlicher Analyse hinweist, bestätigt, dass „The Sleepwalkers“ nur in Deutschland allgemein gepriesen, „im Ausland“ hingegen zwar „respektiert, aber kein bisschen gefeiert“ wird. Insbesondere sei zu bemängeln, dass Clark seine Vorliebe für das österreichisch-ungarische Kaiserreich ganz offen zur Schau trage und Serbien wie auch Russland unverhohlen negativ bewerte.[2] „Die Serben“ seien für ihn „die bösen Buben dieser Vorkriegszeit, und Österreich-Ungarn hatte alles Recht, sich gegen sie zu wehren“, bilanziert Krumeich; mit überparteilicher Wissenschaft habe das nicht mehr viel zu tun.[3]

Geplagte Arbeitgeber

Clarks imperialer Standpunkt tritt auch in seiner Einschätzung der inneren Situation im Deutschen Reich zutage. So erklärte er etwa in seinem Festvortrag bei der Verleihung des Preises des Historischen Kollegs im Jahr 2010, die berüchtigten ostelbischen Großgrundbesitzer erschienen „heute weniger als ‚Lokaltyrannen‘ denn als vielfach geplagte Arbeitgeber, die sich oft nur mit Mühe gegen eine selbstbewusste und einfallsreiche Bauernschaft durchsetzen konnten“. Die Frondienste, welche die Bauern zu leisten hatten, würden „heute nicht mehr als feudaler Zwang, sondern als Pachtleistung, quasi als Miete, angesehen“. Ohnehin sei es den preußischen Bauern auch wirtschaftlich „nicht so schlecht“ gegangen, „wie früher behauptet wurde“. Auch sei „der wilhelminische Militarismus“ lediglich „ein sozial gebrochenes Phänomen“ gewesen, „gesamtgesellschaftlich nicht so dominant“, wie viele meinten. Insgesamt müsse man, urteilte Clark, „das Fortschrittspotenzial im preußischen Staatsapparat“ betonen – „auch nach der konservativen Wende im Jahre 1819“.[4] 1819 begann mit den Karlsbader Beschlüssen eine Phase brutaler Repression gegen jegliche liberale Opposition.

Die Funktion deutscher Mythen

Als staatsnah kann auch der Politikwissenschaftler Herfried Münkler gelten, dessen Schrift „Der Große Krieg“ ebenfalls in der aktuellen Kriegsschulddebatte eine prominente Rolle spielt. Münkler, der die deutsche Hauptschuld am Ersten Weltkrieg gleichermaßen relativiert, ist in Berichten als „Ein-Mann-Think-Tank“ bezeichnet worden. Er habe sich vom einfachen Politikprofessor an der Berliner Humboldt-Universität „in einen der meistgefragten Politikberater verwandelt“, hieß es schon 2003 über ihn; er wirke etwa als „Stichwortgeber für den Generalstab der Bundeswehr, den Planungsstab im Auswärtigen Amt und auch für humanitär engagierte NGOs“.[5] Münkler sei in Gerhard Schröders zweiter Amtszeit von Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier eingeladen worden, „mit dem Beraterstab zu diskutieren“, wie man die Maßnahmen der „Agenda 2010“ „so kommunizieren könnte, dass sie für die eigene Klientel akzeptierbar wären“, wird berichtet; da dies misslungen sei, habe Münkler ein Buch mit dem Titel „Die Deutschen und ihre Mythen“ publiziert. Münkler erläutert den Hintergrund: „Wir müssen eine große Erzählung finden. Wir müssen ein mosaisches Versprechen entwickeln: Ihr müsst in die Wüste rein, aber ihr werdet ins gelobte Land kommen.“[6] Münkler gehört bis heute dem Beirat der Bundesakademie für Sicherheitspolitik an, des bedeutendsten militärpolitischen Think-Tanks der Bundesregierung.

Balsam auf die deutsche Seele

Beobachter weisen darauf hin, dass die Publikationen von Münkler und insbesondere von Clark vor allem in der jüngeren Generation der Bundesrepublik mit Begeisterung aufgenommen werden. „In einer Zeit, in der die Bundesrepublik Deutschland wieder zu einer regionalen Großmacht geworden ist“, sei die Leugnung der deutschen Hauptverantwortung für den Ersten Weltkrieg „Balsam auf die Seele selbstbewusster gewordener Bildungsbürger“, urteilt etwa der Historiker Stig Förster.[6] Der Historiker Volker Ullrich ordnet insbesondere Clarks Schrift als „eine geschichtspolitische Weichenstellung“ ein. „Offenkundig spielen hier auch tief sitzende Entlastungsbedürfnisse eine Rolle“, urteilt Ullrich: „Wenn schon die deutsche Alleinschuld an der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs außer Zweifel steht, so will man doch wenigstens nicht am Ersten Weltkrieg schuld gewesen sein“. Dieser Wunsch scheine „umso übermächtiger zu werden, je mehr Deutschland aufgrund seiner ökonomischen Stärke eine führende Rolle in Europa spielt“. Ullrich weist auf eine Interview-Äußerung von Herfried Münkler hin: „Es lässt sich kaum eine verantwortliche Politik in Europa betreiben, wenn man die Vorstellung hat: Wir sind an allem schuld gewesen.“[7]
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[1] Dominik Geppert, Sönke Neitzel, Cora Stephan, Thomas Weber: Warum Deutschland nicht allein schuld ist. http://www.welt.de 04.01.2014.
[2] „Christopher Clark spricht die Deutschen von der Schuld am Ersten Weltkrieg frei“. http://www.lisa.gerda-henkel-stiftung.de 14.11.2013.
[3] Gerd Krumeich: Unter Schlafwandlern. http://www.zeit.de 30.11.2012.
[4] Festvortrag von Christopher Clark: Preußenbilder im Wandel. Dokumentation zur Verleihung des Preises des Historischen Kollegs an Professor Dr. Christopher Clark, 5. November 2010.
[5] Der Ein-Mann-Think-Tank. http://www.zeit.de 30.10.2003.
[6] Herfried Münkler. http://www.welt.de 29.01.2011.
[7] „Balsam auf die Seele selbstbewusster gewordener Bildungsbürger“. http://www.lisa.gerda-henkel-stiftung.de 17.12.2013.
[8] Volker Ullrich: Nun schlittern sie wieder. http://www.zeit.de 24.01.2014.
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http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58790
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