»Angst und Feigheit lassen sie schweigen«


.

Hans-Olaf Henkel über fehlenden Widerstand aus der Wirtschaft bei der Euro-Rettung und das Beispiel Finnland

.

medien, audio

.

Der ehemalige Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) erklärt im Interview mit der PAZ, warum er überzeugt ist, dass die heutigen Politiker ihren Euro-Kurs fortsetzen werden. Die Fragen stellte Rebecca Bellano.

PAZ: Sie kritisieren in Ihrem neuen Buch „Die Euro-Lügner. Unsinnige Rettungspakete, vertuschte Risiken. So werden wir getäuscht“ die etablierten Parteien und die Medien. Doch warum kritisieren Sie nicht die Wirtschaft? Speziell die Versicherer hätten aufgrund der mit der Euro-Rettung verbundenen Niedrigzins-Politik der EZB allen Grund, auf die Barrikaden zu gehen, schließlich gerät ihr Geschäftsmodell ins Wanken.

Henkel: Kritik an der Wirtschaft im Zusammenhang mit der EuroPolitik habe ich in diesem Buch wohl stärker geäußert als jeder Autor zuvor. Ich erinnere an meine Kritik des BDI, an Herrn Cromme und den Bankenverband. Sie haben Recht mit der Feststellung, dass es besonders auffällig ist, dass die Vertreter der Versicherungswirtschaft so zurückhaltend sind, denn die müssten ja schon längst im Interesse ihrer Kunden „mit der Faust auf den Tisch geschlagen“ haben. Schließlich unterminieren die für deutsche Sparer im Vergleich zur Inflation viel zu niedrigen Zinssätze den Wohlstand der Versicherten. Der Grund? Ich sehe folgende mögliche Gründe: 1. Man fürchtet das herbeigeredete angebliche Chaos auf den Finanzmärkten, wenn der Euro nicht weiter „gerettet“ wird. 2. Man fürchtet kurzfristig wirksame Abschreibungen von Investitionen in den Südländern (zum Beispiel der der Allianz in Italien), wenn die „Rettung“ ausbleibt. 3. Man glaubt möglicherweise an die von der Regierung proklamierte „Alternativlosigkeit“ und an den „Euro als Friedensprojekt“ 4. Man ist einfach zu „vornehm“, sprich, zu feige.

PAZ: Aber auch die Industrie verhält sich ruhig. Dabei erstickt die derzeitige Euro-Rettung eine wirkliche Erholung der südeuropäischen Märkte im Keim, was für die Unternehmen bedeutet, dass sie dorthin kaum etwas verkaufen können und somit weniger Gewinn machen. Warum auch hier nur Schweigen?

Henkel: Der Euro ist aus südlicher, einschließlich französischer, Sicht zu stark – also überbewertet – und aus deutscher Sicht unterbewertet. Das hilft den deutschen Exporteuren natürlich. Allerdings handelt es sich, wie in meinem Buch beschrieben, hier um eine faktische Subvention der deutschen Industrie, denn für die finanziellen Folgen im Süden der Euro-Zone müssen die deutschen Steuerzahler und deren Kinder aufkommen.

Das ist auch sehr kurzsichtig gedacht, denn in der Vergangenheit führten die Aufwertungen der D-Mark immer zu einem heilsamen Druck auf die deutsche Industrie. Sie musste schon deshalb immer produktiver, effizienter und kreativer als andere sein. Dieser Druck ist durch die Einheitswährung verschwunden.

PAZ: Denken Sie, dass unsere Politiker noch daran glauben, dass sie mit ihrer Politik wirklich den Euro retten können?

Henkel: Ja, und sie werden den Euro retten, „koste es“ (die Deutschen) „was es wolle“. Warum das alles langfristig nur zu Lasten der Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Euro-Zone geht, habe ich im Buch „Die Euro-Lügner“ beschrieben.

PAZ: Was treibt die Politiker zu dem Weiter-so an?

Henkel: Außer Herrn Professor Lucke von der AfD und mir habe ich noch niemanden gefunden, der früher mal für den Euro gewesen ist und heute zugibt, dass das ein Fehler war. Die heutige Politikerkaste wird diese Politik nicht ändern, denn das hieße einen Fehler zuzugeben, erst die nächste kann die Politik mit Hinweisen auf die vielen Versäumnisse der Vorgänger ändern.

PAZ: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Finnland sich Sicherheiten für seine Beteiligung an den Euro-Rettungsschirmen geben lässt. Ist das immer noch so und warum, meinen Sie, tut es Deutschland den Finnen nicht gleich?

Henkel: Finnland hat sich in der Tat sowohl beim letzten „Rettungspaket“ für Griechenland als auch dem für spanische Banken Pfänder von Athen und Madrid im Umfange der finnischen Garantien geben lassen. Das ist der eine Skandal. Der noch größere Skandal ist, dass die deutschen Medien dies nicht aufgreifen wollen. Der Grund kann darin liegen, dass die Wirtschaftsredakteure nicht begreifen wollen, dass damit auch der finnische Anteil des Risikos in Griechenland und Spanien auf Deutschland übertragen wurde. Er kann aber auch in der unverbrüchlichen Treue deutscher Chefredakteure zum Erhalt des Einheits-Euros liegen. Denn allein dieser von der deutschen Regierung tolerierten, wenn nicht sogar verursachten, Bevorzugung Finnlands zeigt die ganze Korruptheit des Euro-Systems. Zu Recht wird die sozialdemokratische Finanzministerin in Finnland für diesen Coup bei sich zu Hause gefeiert. Hätte sie ihn nicht gelandet, wäre die finnische Zustimmung zu den Rettungspaketen und damit der Euro selbst auf „der Kippe gestanden“. Wenn Berlin genau das gleiche wie Helsinki zugestanden worden wäre, hätte man den Euro gleich begraben müssen.

——————————————-

nachzulesen bei PAZ 33-13

deutsche reich fahne

//