Deutsch – „Esperanto“ der Weltliteratur


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Land der Dichter und Dolmetscher

„Die anderen Nationen werden bald
schon deshalb Deutsch lernen, weil
… sie sich damit das Lernen fast aller
andern Sprache gewissermaßen
ersparen können; denn von welcher
besitzen wir nicht die gediegensten
Werke in vortrefflichen deutschen
Übersetzungen?“ Anfang des 19.
Jahrhunderts hatte Goethe allen
Grund zu dieser Prophezeiung.
Auch wenn Deutsch heute nicht als
Weltsprache Nummer eins gilt, die
Lingua Franca der Literatur ist es
allemal: In keine andere Sprache
wurden mehr Werke der Weltliteratur
übersetzt.

Land der DichterHamlet war die
Paraderolle des
Schauspielers
Josef kainz
(1858 – 1910),
darum folgt sein
Denkmal der berühmten
Friedhofsszene,
die
den Dänenprinzen
beim Anblick
eines Schädels
wieder ganz
ins Grübeln fallen
lässt. „Der
Schädel hatte
einmal eine Zunge
und konnte
singen“, übersetzt
Schlegel.

Kann Deutsch demnach als globales
Poesie-Esperanto gelten? Vielleicht
ist eine Sprache schon allein
deshalb dazu bestimmt, eine Mittlerrolle
einzunehmen, wenn an ihrem
Anfang eine Übersetzung steht.
Den Übergang vom Mittelhochdeutschen
zum Neuhochdeutschen markiert
Luthers Übertragung der Bibel.
Wie er dabei vorgegangen ist, legt
er 1530 in seinem „Sendbrief vom
Dolmetschen“ dar: „Man muss nicht
die Buchstaben in der lateinischen
Sprache fragen, wie man soll
Deutsch reden, wie diese Esel tun,
sondern man muss die Mutter im
Hause, die Kinder auf der Gassen,
den gemeinen Mann auf dem Markt
drum fragen und denselbigen auf
das Maul sehen, wie sie reden, und
darnach dolmetschen; da verstehen
sie es denn und merken, dass man
Deutsch mit ihnen redet.“
Entenhausens
Deutschlehrerin
Weniger berühmt als Luther ist Dr.
Erika Fuchs (1906 – 2005) und doch
ist auch ihr Einfluss auf unsere Sprache
fast allgegenwärtig. Unzählige
SMS und E-Mails werden jeden Tag
mit einem „Erikativ“ ausgestattet.
Wenn glückliche Verfasser ihrer Nachricht ein *freu* hinzusetzen oder
Nachdenkliche auf ihre Gedanken
mit *grübel* hinweisen, steht die promovierte
Kunsthistorikerin Patin. Sie
war von 1951 bis 1988 als Übersetzerin
im Ehapa-Verlag als Stimme Entenhausens
tätig. Vor allem mit der
Verdeutschung von Carl Barks’ Bildergeschichten
um Donald Duck
machte sie vor, wie eine gelungene
Übersetzung funktioniert.
Onkel Dagobert (im Englischen
Scrooge McDuck), Tick, Trick und
Track (Huey, Dewey, Louie) und
Gundel Gaukeley (Magica de Spell)
lernten von ihr Deutsch und zwar so
gut, dass nicht nur der „Inflektiv“ ihr
zu Ehren den Beinamen „Erikativ“
erhielt, sondern manche Wendung
Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch
fand. Aus den Anfangszeilen
von Heinrich Seidels „Ingenieurlied“
macht Erika Fuchs, die mit
Dipl.-Ing. Günter Fuchs verheiratet
war, kurzerhand „Dem Ingeniör ist
nichts zu schwör“ und legt den Vers
Gyro Geareloose, den sie in Daniel
Düsentrieb umtauft, in den Mund.
Davon leben ihre Übersetzungen:
Sie entsprechen, wie schon die Namen
der Entenhausener, nicht zu 100
Prozent dem englischen Original,
auch wenn eine Wort-für-Wort-Übersetzung
möglich wäre, sondern kreieren
eine eigene treffende Stimmung.
Dazu (abgewandelte) Zitate
literarischer Klassiker, ironische und
sentimentale Wortspiele – voilà:
schon ist der Comic das Klischee der
„Verdummungsliteratur“ los.

Land der Dichter2Die Entsprechung zum „armen Poeten“, wie ihn die Deutschen sich
spätestens seit Spitzweg vorstellten, ist der französische „Poète maudit“,
der „verfluchte Poet“, als dessen moderner Prototyp Paul Verlaine
(1844 – 1896) galt. Zu seinem hier in der „Jugend“ illustrierten Herbstlied
schuf Stefan George eine Übersetzung: „Seufzer gleiten/ die Saiten/
des Herbsts entlang. / Treffen mein Herz / mit einem Schmerz/ dumpf
und bang./ (…) Im bösen Winde/ geh ich und finde/ keine Statt …/ Treibe
fort/ bald da bald dort –/ ein welkes Blatt.“

„Herz von Europa“
An die Mittlerrolle des Deutschen
glaubte auch der Philosoph Friedrich
Schleiermacher (1768 – 1834): „Eine
innere Notwendigkeit, in der sich ein
eigentümlicher Beruf unseres Volkes
deutlich genug ausspricht, hat uns
auf das Übersetzen in Masse getrieben wir können
nicht zurück und
müssen durch.“
Auch wegen seiner
„Achtung für
das Fremde“ sei
das deutsche Volk
bestimmt, „alle
Schätze fremder
Wissenschaft und
Kunst mit seinen
eigenen zugleich in seiner Sprache
gleichsam zu einem großen, geschichtlichen
Ganzen zu vereinigen,
das im Mittelpunkt und Herzen von
Europa verwahrt werde, damit nun
durch Hilfe unserer Sprache, was die
verschiedensten Zeiten Schönes gebracht
haben, jeder so rein und vollkommen
genießen könne, als es dem
Fremdling nur möglich ist.“
Entweder bewegt der Übersetzer
den Leser zum Autor und gewährt
ihm so einen Blick auf die Fremdsprache
oder man lässt den Autor
reden, „wie er als Deutscher zu Deutschen
würde geredet und geschrieben
haben“. Von diesem Weg ist
Schleiermacher aber nicht überzeugt.
Denn das wäre, „als ob du mir des
Mannes Bild gebracht hättest, wie er
aussehen würde, wenn seine Mutter
ihn mit einem anderen Vater erzeugt
hätte“. Der „eigentümliche Geist“
des Verfassers sei wie die Mutter des
Werkes, „seine vaterländische Sprache
der Vater dazu“. Schleiermacher
fordert darum eine „fremde Ähnlichkeit“
der Übersetzung, durch den die
Ausgangssprache noch so weit
durchscheint, dass sich die Muttersprache
an deren „ausländische und
unnatürliche Verrenkungen“ gewöhnen
kann.
Ähnlich sieht das Goethe. Option
1: Der Übersetzer bringt den
Autor einer „fremden Nation zu
uns herüber …, dass wir ihn als den
unsrigen ansehen können“. Die andere
Möglichkeit ist, „dass wir uns
zu dem Fremden hinüber begeben
und uns in seine Zustände, seine
Sprechweise, seine Eigenheiten finden
sollen“. Im Zusammenhang mit
seinem west-östlichen Diwan wird
deutlich, was er bevorzugt: Man soll
die „Originalität seiner Nation“ aufgeben,
indem man sich ganz, auch
in der Form, dem Original anschließt.
Ein poetischer Ehebrecher
Die Romantiker schließlich verkünden
die Erkenntnis: „Am Ende ist alle
Poesie Übersetzung“. Wenn nicht aus
einer fremden Sprache, dann der Forderung
nach einer Universalpoesie
folgend, die alle Bereiche des Lebens
poetisch macht, „vom größten wieder
mehrere Systeme in sich enthaltenden
Systeme der Kunst bis zu dem Seufzer,
dem Kuss, den das dichtende
Kind aushaucht in kunstlosem Gesang“.
So hatten es sich Novalis und Friedrich Schlegel vorgestellt.

Schlegels Bruder August Wilhelm
machte sich gemeinsam mit Ludwig
Tieck einen Namen als ShakespeareÜbersetzer.
Er hatte zugegeben, die
Dichtung der Nachbarnationen niemals
betrachten zu können, „ohne
ihrer zu begehren in meinem Herzen,
und ich bin also in einem beständigen
poetischen Ehebruch begriffen“. Wie
sehr traf das für Shakespeare zu, der
spätestens seit Goethes Rede zum
„Shäkespears-Tag“ 1771 als heimlicher
Deutscher galt (damit fand Englands
größter Dichter in Deutschland
die Anerkennung, auf die ihn seine
Heimat noch ein Jahrhundert warten
ließ; John Locke zum Beispiel übergeht
ihn bei der Zusammenstellung
einer Liste mit wertvoller Literatur
für seine „Gedanken über Erziehung“
ganz).
Auch Schlegel glaubte an die Bestimmung
der deutschen Sprache als
Mittlersprache, wodurch ihr die Stellung
als „kosmopolitischer Mittelpunkt
für den menschlichen Geist“
zukommt. Französische Übersetzungen
würden mit ihrer „schönen untreuen“
Übersetzung dem Original
nicht gerecht. Das wollte auch Herder
beobachtet haben: „Homer muss als
Besiegter nach Frankreich kommen,
sich nach ihrer Mode kleiden, um ihr
Auge nicht zu ärgern. Französische
Sitten soll er an sich nehmen, und wo
seine bäurische Hoheit noch hervorblickt,
da verlacht man ihn als einen
Barbaren. Wir armen Deutschen hingegen,
noch ohne Publikum beinahe
und ohne Verstand, noch ohne Tyrannen
eines Nationalgeschmacks,
wollen ihn sehen, wie er ist.“
Herder hatte, wie Egon Friedell in
seiner „Kulturgeschichte der Frühen
Neuzeit“ schreibt, „mit genialem Einfühlungsvermögen
die ‚Stimmen der
Völker’“ übersetzt und in seiner
1778/79 erschienenen Sammlung
„französische, italienische und spanische,
englische, schottische und dänische
Dichtungen, nordische Bardenlieder
und deutsche Volksweisen,
die selbstgewachsenen Naturpoesien
aller Nationen bis zu den Grönländern
und Lappen, Tataren und Wenden“
untergebracht. Er wusste also,
was eine Übersetzung ausmacht.
Einbürgerung Hamlets
Als Tieck 1797 an einer Abhandlung
über Shakespeare arbeitet, erhält er
von August Schlegel einen Brief: „Ich
hoffe, Sie werden in Ihrer Schrift unter
anderm beweisen, Shakespare sei

kein Engländer gewesen.“ Ein
schwieriges Unterfangen, doch wenn
sich schon an der Nationalität des
Dichters nicht rütteln lässt, dachte
sich der poetische Ehebrecher Schlegel
vielleicht, dann doch wenigstens
an seinen Figuren. Wer würde sich
dazu besser eignen als der ewige
Zweifler und Melancholiker Hamlet?
Mit Sicherheit trug Schlegels Übersetzung
wesentlich dazu bei, dass
Ferdinand Freiligrath 1844 ausrief:
„Hamlet ist Deutschland!“
Obwohl die deutsche Sprache längere
Wörter und Satzkonstruktionen
braucht, bringt Schlegel, dem das
Versmaß beizubehalten oberste Priorität
war, eine Hamlet-Übersetzung
mit nur 63 Versen mehr als Shakespeares
Original zustande. Wäre der
Satz „Sein oder Nichtsein, das ist hier
die Frage?“ zum geflügelten Wort geworden,
hätte Schlegel auf das Füllwort
„hier“ verzichtet? „Der Rest ist
Schweigen“ lautet seine fast wörtliche
Verdeutschung von „The rest is
silence“, aus „Something is rotten in
the state of Denmark“ wird bei ihm
„Etwas ist faul im Staate Dänemark“,
wo Wieland noch übersetzt hatte „Es
ist vorbei“ und „Es muss ein verborgenes
Übel im Staat von Dänemark
liegen“.
Nebenbei entstehen in Schlegels
Dolmetscherstube noch Wortneuschöpfungen.
Wer hätte schon gedacht,
dass es vor seiner HamletÜbersetzung
das Wort „fragwürdig“
(für „questionable“) noch nicht gab?
Trotzdem war Schlegel überzeugt,
dass eine Wort-für-Wort-Übersetzung
nicht immer die beste Lösung
ist. Den Satz des sterbenden Hamlet:
„What wounded name, things standing
thus unknown, shall live behind
me!“ variiert er vielfach: „bleibt alles
unbenannt – so versteckt – so verhüllt
– bleibt geheim – bleibt dies so unbekannt
– erfährt man alles nicht –
bleibt alles so geheim – erfährt man
nichts hiervon“, bis er schließlich
übersetzt: „Welch ein verletzter
Name, Freund, bleibt alles so verhüllt,
wird nach mir leben.“
Wilhelm von Humboldt sah den
Geist eines Volkes untrennbar mit seiner
Sprache verbunden und schlussfolgerte:
„Den verschiedenen Sprachen
entsprechen verschiedene Weltanschauungen
und unterschiedliche
Wirklichkeiten.“ Auch den Übersetzungen?
Bei Schlegels Version von
Hamlet also konnte gar nichts anderes
als eine „deutsche Figur“ herauskommen,
schon allein, weil sie ganz
dem Geist der romantischen Epoche
unterworfen ist mit ihrem Hang zur
literarisch-philosophischen, nicht politischen
Revolution.
Hamlet hat bei Shakespeare übrigens
in Wittenberg studiert. Darf man
das als Hinweis werten auf die Affinität
des Dänenprinzen zum Düsteren,
zur Geisterwelt, die man „faustisch“
nennt? Nietzsche jedenfalls leitet
das typisch Deutsche aus diesem
Drang zum Rätselhaften ab: „Wie jeglich
Ding sein Gleichnis liebt, so liebt
der Deutsche die Wolken und alles,
was unklar, werdend, dämmernd,
feucht und verhängt ist. Das Ungewisse,
Unausgestaltete, Sich-Verschiebende,
Wachsende jeder Art
fühlt er als ‚tief’. Der Deutsche ist
nicht, er wird, er entwickelt sich. ‚Entwicklung’
ist deshalb der eigentliche
deutsche Fund und Wurf im großen
Reich philosophischer Formeln.“
Shakespeare griff übrigens für sein
Drama auch auf eine Übersetzung
zurück. Er entnahm den Stoff der
Hamletsage des dänischen Chronisten
Saxo Grammaticus (ca. 1140 –
1220), beziehungsweise der englischen
Übersetzung von Franoçois de
Belleforest „Histoires tragiques“.

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nachzulesen bei National-Zeitung 28-13

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