Kultur: Kinderbücher: Ein Nachruf auf Otfried Preußler, dessen Geschichten alle Moden überdauern werden


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otfried preussler

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Geläuterter Räuber, sympathische Hexe

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Nein, zu sprechen war er für uns nicht mehr. Seit Wochen hatten wir uns um einen Gesprächstermin mit Otfried Preußler bemüht – vergebens. Sein Gesundheitszustand erlaube das nicht mehr, ließ uns seine Familie wissen. Vergangene Woche starb Otfried Preußler. Sämtliche Nachrufe – und es wurden viele Dutzend publiziert – würdigten Preußler als Stern am Himmel der Kinderliteratur. Zu recht!

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Nein, keiner wagte es nachträglich, Preußler einen Reaktionär oder gar Rassisten zu schimpfen. Der Großteil der Nachrufe ging nicht einmal ein auf die wenige Wochen alte Riesendebatte, die sich um die „sprachlichen Anpassungen“ in den Neuauflagen seiner Bücher, vor allem in der „Kleinen Hexe“ (1957) drehte. Nein, auch da hatte keiner die Person Preußler angegriffen – nur eben Teile seiner Sprache. Die sei aus heutiger Sicht rassistisch.

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Die Diskussion zeigte, daß man dies, gar aus der Warte der linksliberalen Zeit, auch anders sehen konnte. Einerlei: Die Entscheidung des Verlags – angestoßen vom Wutschreiben des gebürtigen Eritreers Mekonnen Mesghena, in der Heinrich-Böll-Stiftung das Referat Migration & Diversity leitend – für sprachliche Bereinigungen war unumstößlich. Herr Mesghena hatte als „deutscher Staatsbürger“ die Verwendung des „Negerlein“-Wortes für ausgrenzend gehalten und war damit auf offene Ohren des Thienemann-Verlegers Klaus Willberg gestoßen, der selbst eine dunkelhäutige Adoptivtochter hat.

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Seltsam, denn Preußler hatte sich zeitlebens gegen derartige Eingriffe in sein Werk gewehrt, vehement! Nun hieß es, „die Familie“ habe den Änderungswünschen zugestimmt. Wir können nicht wissen, wie Otfried Preußler selbst dazu stand, ob und wie ihn die mit harten Bandagen geführte Debatte über seine Bücher bewegte. Er lebte zuletzt in einem Altersheim in seiner zweiten Heimat Oberbayern; seine Geschäfte führte seine Tochter Susanne Preußler-Bitsch.

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Geboren wurde Otfried Preußler am 20. Oktober 1923 im nordböhmischen Reichenberg. Seine Eltern waren beide Lehrer, der Vater zudem Heimatforscher. Nach Kriegsteilnahme und fünfjähriger sowjetischer Gefangenschaft heiratete er seine Annelies, bekam mit ihr drei Töchter, ging in den Schuldienst und arbeitete nebenbei für den Kinderrundfunk. Sein erstes Kinderbuch, „Der kleine Wassermann“ erschien 1956. Seine 32 Bücher wurden in 55 Sprachen übersetzt und erschienen bislang in einer Gesamtauflage von mehr als 50 Millionen. Allein „Der Räuber Hotzenplotz“ wird noch heute jährlich rund 60.000mal verkauft.

Raeuber Hotzenplotz wird 50

Im Mai 1999 hatte Preußler der JUNGEN FREIHEIT ein umfängliches Interview gegeben, das die Humanität und zugleich die Widerborstigkeit des begnadeten Geschichtenerzählers vortrefflich aufzeigte. Er, Preußler, sei früh erwachsen geworden, habe „mit knapp einundzwanzig eine Kompanie im Feld geführt.“ Der kleine Junge, der er einmal gewesen ist, schaue ihm aber „beim Schreiben immer über die Schulter“, er habe „sehr gute Verbindungen“ zu seiner Kinderzeit: „Das mag auch daran liegen, daß man uns aus unserer deutsch-böhmischen Heimat vertrieben hat und ich mich schreibend dorthin zurück erinnere.“ Die Vertreibung der Deutschen, für Preußler „ein himmelschreiendes Unrecht“!

-otfried preussler - Das-kleine-Gespenst

Preußler war keineswegs immer beliebt, er beklagte einmal, „Opfer der politischen Meinungsführer nach ’68“ gewesen zu sein. Im Anschluß an 1968 geißelte die Kulturelite die „Verpreußlerung der Kinder“, die preußlersche „Kindertümelei“, die – siehe Hotzenplotz – „Kriminalität nicht als gesellschaftspolitisches Problem“ behandle. Christine Nöstlinger beschrieb erst jüngst die Zornausbrüche des Schriftstellers, wenn ihm die auf Autorentreffen vorherrschende Gesinnung als „allzu links“ erschien.

otfried preussler - winterzeit_tief_verschneit

„Man darf nicht meinen“, sagte Preußler 1999 der JF-Interviewerin Irmhild Boßdorf, „daß man Kinderbücher mit der linken Hand schreiben kann. Ein Kinderbuchautor muß mit Leib und Seele dabei sein, Lebenskraft darangeben. Das kann eigentlich nur jemand, der bedächtig schreibt. Ich bin glücklicherweise nicht gezwungen gewesen, viel zu produzieren, weil ich meinen Beruf als Schulmeister hatte. Da konnte ich es mir leisten, auch einmal gegen den Trend zu schreiben.“ Er gehöre „zu den wenigen, die nach ’68 diese ‘Kindsein ist mies’-Welle nicht mitgemacht haben.“ Es gäbe eine „‘Bitterkitsch’-Literatur, wo den Kindern zugemutet wird, die Probleme der Erwachsenen zu lösen, indem man diese auf sie überwälzt, ob das Ehekrisen sind oder die Frage des Atomkriegs. Ich halte es schlicht für infam, Kinder mit Problemen zu konfrontieren, die man als Erwachsener selbst nicht lösen kann.“

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Mit einer „rechtschaffenen Erziehung“ und der „Vermittlung grundlegender Tugenden“ – zuvörderst der „Herzensbildung“ – gäbe man Kindern mehr für die Zukunft mit als durch „die literarische Konfrontation mit gesellschaftspolitischen Schreckensszenarien“.

Preußlers Geschichten spielen großteils in heilen Welten, in Idyllen, ihre Poesie ist fröhlich, aber nicht bruchlos, es sind kleine Entwicklungsromane. Ihren Protagonisten stehen Mentoren zur Seite – der Rabe Abraxas als Stimme der Vernunft, der Karpfen Cyprinus, der weltweise Uhu Schuhu –, die den kindlichen Rebellen auf den rechten Pfad helfen. Daß Preußlers so grandioses wie unheilvolles (und beeindruckend verfilmtes) Jugendbuch „Krabat“ eine Parabel „auf Hitler“ sein soll, hat man ihm stets in den Mund legen wollen. Der Autor hingegen schrieb nicht als Volkserzieher, folgerichtig war ihm nie an Vermarktungsstrategien gelegen. Es gibt keine Hotzenplotz-Basecaps und keine Kleine-Hexen-Schlüpfer.

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Durch die weltanschauliche Brille betrachtet, saß Preußler zwischen den Stühlen. Als Schriftsteller fungierte er gleichsam als „konservativer Revolutionär“. Die Kinderbuchforschung goutiert, daß Preußler mit seinen phantastischen Büchern (der Doppelsinn trifft zu!) Bereiche eröffnet habe, die zum damaligen Zeitpunkt nicht als „kindheitskompatibel“ galten. Außerhalb der streng normierten Märchen- und Sagenwelt hatte es vorher weder Wasserwesen noch geläuterte Räuber gegeben, von einer sympathischen Hexe ganz zu schweigen.

So wird gerade „Die kleine Hexe“ (die ja erfolgreich an der Macht der verbohrten Vorgängergenerationen rüttelt!) aufgrund ihrer „radikal antiautoritären Entmachtungsphantasie“ gelobt. Vor zwanzig Jahren hatte es tatsächlich einen kleinen Skandal um Preußlers Hexe gegeben: Katholische Kreise in Franken hatten damals gefordert, das Buch aus der Kindergartenbibliothek zu entfernen. Lehrer und Pfarrer wetterten gegen die Darstellung einer Hexe als Identifikationsfigur.

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Von dergleichen Anfechtungen hat sich Preußler nicht beirren lassen. Im Jahr 2000 erhielt er für sein Lebenswerk den Konrad-Adenauer-Preis für Literatur der CDU-nahen Deutschland-Stiftung – zugleich mit dem Berliner Historiker und Geschichtsphilosophen Ernst Nolte, der mit dem Preis für Wissenschaft ausgezeichnet wurde. Fotos zeigen beide einträchtig nebeneinander, jeweils im Buch des anderen lesend.

Preußlers Titel verkaufen sich bis heute blendend, ihr Erfolg wird die saisonal angesagten, modisch gehorsamen Hits-für-Kinder überdauern.

Otfried Preußer ist tot, seine Bücher leben hoch!

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nachzulesen bei JF 10-2013

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Ein Kommentar

  1. Ich denke wir können die Entscheidung beruhigt den Kindern überlassen, welchen Wert O. Preußlers Bücher besitzen. Sie sind „Gott sei Dank “ noch nicht so „vernagelt“ wie unsere neuen Kulturfunktionäre. Vielleicht wird von diese Literaturvergewaltigern, den „Kulturbanausen“ bald ein Gesetz eingebracht, das Kindern das Lesen des „Kleinen Muck“ nur mit Turban erlaubt.

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